Analyse

ABB und Facebook schaffen den Sprung in die Qualitätsauswahl

The Market macht sich regelmässig auf die Suche nach vernünftig bewerteten Qualitätsunternehmen. Die Schweizer Selektion wird noch industrielastiger.

Gregor Mast
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An den Börsen kehrt die Feierlaune zurück. Trotz des Krieges in der Ukraine, der geldpolitischen Kehrtwende der US-Notenbank Fed und anziehender Rohstoffpreise erholen sich die Aktienindizes weltweit. Dem S&P 500 fehlen noch 6% bis zum Allzeithoch von Anfang Januar.

Dennoch haben die jüngsten Ereignisse an den Börsen ihre Spuren hinterlassen, was sich auch in der Qualitätsauswahl von The Market zeigt. Besonders ausgeprägt waren die Bewegungen in Europa, wo die in London kotierten Papiere des russischen Stahlschmelzers Evraz, dessen grösster Aktionär der sanktionierte Roman Abramowitsch ist, um fast 80% eingebrochen sind. Im Gegenzug sind die Valoren des norwegischen Aluminiumproduzenten Norsk Hydro um 60% avanciert.

Insgesamt hat die europäische Auswahl seit der letzten Bestandesaufnahme im Dezember 4,1% verloren (vgl. Grafik). Damit schneidet sie etwas schlechter ab als der Stoxx Europe 600, der 3,1% nachgegeben hat. Den Index schlagen konnten die beiden US-Selektionen. Sowohl die zwanzig günstigsten Valoren als auch die zwanzig Titel mit der höchsten Ausschüttungsrendite haben den S&P 500 übertroffen. Am schlechtesten hat die Schweizer Auswahl abgeschnitten, die 5,4% eingebüsst hat. Hierzulande belastete der hohe Anteil an Industriewerten.

Zur Erinnerung: Seit der Lancierung im April 2019 macht sich The Market an den Börsen der Schweiz, Europas und der USA regelmässig auf die Suche nach vernünftig bewerteten Qualitätsunternehmen.

Die Kriterien

Was Qualität ausmacht, ist nicht einheitlich definiert. The Market versteht darunter Aktien von Gesellschaften, die eine höhere Kapitalrendite erzielen, eine robustere Bilanz aufweisen und günstiger bewertet sind als das Durchschnittsunternehmen im Vergleichsindex.

Als Kriterien werden die Rendite auf das eingesetzte Kapital (Return on Invested Capital, ROIC), das Verhältnis aus Nettoschulden zum Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sowie der Unternehmenswert (Enterprise Value, EV) in Relation zum Ebit verwendet.

In jeder Region wird je nach Aussagekraft ein viertes Kriterium eingesetzt. In der Schweiz ist es das Wachstum des Buchwerts je Titel über fünf Jahre, in den USA die totale Ausschüttungsrendite – definiert als Dividenden und Nettoaktienrückkäufe im Verhältnis zum Unternehmenswert – und in Europa das Momentum der Gewinnprognosen.

Roche scheidet aus

In der Schweiz erfüllen derzeit vierzehn Unternehmen alle Kriterien – nach sechzehn im Dezember. Erstmals dabei sind ABB und SFS. Den Wiedereintritt schaffen Georg Fischer und Calida. Ausgeschieden sind mit Roche, Forbo, Gurit, Schweiter, IVF Hartmann und Plazza gleich sechs Namen.

Beim Pharmakonzern Roche, der seit Beginn der Erhebung im Frühjahr 2019 stets in der Auswahl vertreten war, ist das Verhältnis aus Nettoschulden zum Ebitda auf 0,9 und damit über den Median aller im SPI vertretenen Unternehmen von 0,6 gestiegen. Trotz des Ausscheidens sind die Basler aber immer noch hervorragend finanziert. In Europa oder den USA, wo der durchschnittliche Verschuldungsgrad höher liegt, hätten sie es problemlos in die Auswahl geschafft.

Bei dem Spezialisten für Bodenbeläge Forbo, dem Industrieunternehmen Schweiter und der Immobiliengesellschaft Plazza ist das Wachstum des Buchwerts unter den Median gesunken. Der Hersteller von Spezialkunststoff Gurit und der Spezialist für Medizinalbedarf IVF Hartmann scheitern nach Vorlage der Jahreszahlen gleich an mehreren Kriterien.

ABB profitiert von hohem Auftragsbestand

Der Technologie- und Industriekonzern ABB dürfte 2022 vom hohen Auftragsbestand profitieren und schneller wachsen als die 3 bis 5%, die er über den Zyklus erreichen will. Den Kurs beleben könnten gemäss Vontobel-Analyst Mark Diethelm ein neues Aktienrückkaufprogramm sowie der Börsengang der E-Mobilität-Sparte und der Einheit Turbocharging, die Turbolader für Diesel- und Gasmotoren produziert.

SFS stellt Miniaturschrauben, Stanz- und Drehteile für Alltagsgegenstände wie Smartphones, die Bauindustrie oder Industrieanwendungen wie Autobremsen her. Drei der fünf von The Market regelmässig befragten Fondsmanager setzen auf die Papiere des Industriezulieferers.

Georg Fischer führt im Bereich ESG

Beim Industrieunternehmen Georg Fischer schätzt Stifel-Analyst Tobias Fahrenholz den Fokus auf die weniger konjunkturabhängige Sparte Piping Systems, die Rohrleitungssysteme für die Wasser- und die Gasversorgung anbietet. Unterstützen sollten ferner der Ende April anstehende Aktiensplit von eins zu zwanzig, der die Titel liquider macht, sowie mögliche Übernahmen im Zuge der Fokussierung. Zudem seien die Schaffhauser eine der führenden Gesellschaften im Bereich Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (kurz: ESG) in der Schweizer Industrie.

Calida hat sich während der Pandemie fit getrimmt. Das Geschäft wurde mit mehreren Verkäufen insbesondere im Outdoor-Bereich fokussiert und die Onlinestrategie gestärkt. Dadurch ist zwar der Umsatz gesunken, dafür steigen Bruttomarge und Cashflow. Letzterer kann gemäss ZKB-Analyst Gian Marco Werro, der die Titel jüngst auf «Übergewichten» hochgestuft hat, zusammen mit dem Cash-Bestand für Akquisitionen verwendet werden. Jüngst hat Calida die deutsche Erlich übernommen, die nachhaltig produzierte Unterwäsche über digitale Kanäle verkauft.

Viele neue Rohstoffwerte in Europa

In Europa erfüllen 64 Namen sämtliche Kriterien. Im Dezember waren es nur 42. Erstmals unter den zwanzig günstigsten Valoren erscheinen der deutsche Düngemittelhersteller K+S, der italienische Ölwert Eni und der schwedische Stahlhersteller SSAB. Dazu kommen der britische Lagerhausbetreiber Segro, der vom boomenden Onlinehandel profitiert, und der in Hamburg domizilierte, weltgrösste Kupfer-Recycler Aurubis.

Die Papiere des Kalidüngerproduzenten K+S erleben seit Kriegsbeginn ein Kursfeuerwerk. Dieses hat sie in der vierteljährlichen Momentumübersicht von The Market an die Spitze der stärksten Unternehmen der Welt gehievt.

Die Sanktionen gegen Russland und Belarus haben gemäss Markus Meyer, Analyst bei der Baader Bank, eine Verknappung auf dem Markt für Kalidünger in Westeuropa und teils auch in Nord- und Südamerika zur Folge. Weil die Kalipreise hoch bleiben dürften, hat er das Kursziel für K+S von 20 auf 30 € erhöht. Gegenwärtig notieren die Titel bei 28.49 €.

Eni konnte mehrere Gasfelder in Betrieb nehmen

Auch das Energieunternehmen Eni notiert unter den stärksten Aktien der Welt. Gemäss den Analysten von JPMorgan reagieren die Titel besonders stark auf Schwankungen des Öl- und Gaspreises. Will Hares von Bloomberg Intelligence ist überzeugt, dass die guten Resultate in der Förderung (Upstream) den Margendruck in der Raffinierung (Downstream) mehr als kompensieren.

Neben den höheren Preisen sorgen mehrere Gasfelder, die Eni in Betrieb nehmen konnte, für zusätzlichen Umsatz. Gleichzeitig investieren die Italiener in erneuerbare Energien, und die anstehende Kotierung eines Minderheitsanteils des Bereichs Plenitude & Power, der die erneuerbaren Energien bündelt, sei ein weiterer Kurstreiber.

Auch in den USA gibt es viele Neueintritte

In den USA erfüllen 86 Namen alle Kriterien, nach 69 im Dezember. Unter den zwanzig nach dem EV-Ebit-Verhältnis günstigsten Werten tauchen erstmals der Chemiekonzern Dow, der Spediteur Expeditors International, der Laborbetreiber Laboratory Corporation of America sowie Bath & Body Works, die Körperpflegeprodukte vertreibt. Dazu kommt der als Real Estate Investment Trust (kurz: REIT) strukturierte Forstbetrieb Weyerhaeuser.

Bath & Body Works schafft es auch unter die zwanzig Werte mit der höchsten Ausschüttungsrendite, wo mit Ulta Beauty ein weiterer Körperpflegespezialist seinen Einstand gibt. Dazu kommen der Papier- und Verpackungsriese International Paper und Meta Platforms, die Muttergesellschaft von Facebook.

Die Valoren von Meta sind Anfang Februar nach enttäuschenden Quartalszahlen um fast 23% eingebrochen – an einem einzigen Tag. Grund für die harsche Reaktion waren rückläufige Nutzerzahlen bei Facebook sowie ein verhaltener Ausblick.

Meta spürt die Konkurrenz vor allem der auf Kurzvideos fokussierten Plattform TikTok. Zudem ändert sich das Nutzerverhalten. So werden auf Facebook vermehrt Videos konsumiert, die weniger Werbeeinnahmen einbringen als herkömmliche Inhalte wie persönliche Fotostorys. Besonders hart treffen den US-Konzern ferner neue App-Tracking-Einstellungen von Apple, die personalisierte Anzeigen erschweren.

Facebook bleibt gut positioniert

Mit Blick auf den strukturellen Trend zu digitaler Werbung bleibt Facebook jedoch gut positioniert. Dass sich das Wachstum der Facebook-Plattform abschwächt, ist nicht neu. Instagram bleibt derweil auf Expansionskurs, und das Umsatzpotenzial von WhatsApp liegt noch weitgehend brach.

Auch stehen die Chancen gut, dass das Unternehmen sukzessive neue Wege findet, den negativen Effekt der App-Tracking-Einstellung von Apple zu minimieren. Gut möglich ist, dass die geschätzte Umsatzeinbusse von 10 Mrd. $ absichtlich etwas zu hoch angesetzt wurde, um den regulatorischen Druck zu mildern. Im Rennen um künftige Plattformen zur sozialen Interaktion im Bereich Virtual und Augmented Reality mischt Facebook zudem an vorderster Front mit.

Der Kurstaucher erscheint deshalb übertrieben. Die Papiere notieren mehr als 40% unter ihrem am 1. September erreichten Höchst. Sie sind mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18,3 für 2022 attraktiv bewertet. Der S&P 500 handelt zu einem KGV von 20,1, für den Nasdaq 100 beträgt es 26,2.