Analyse

Als Richard Nixon die Welt schockierte

Vor fünfzig Jahren erschütterte US-Präsident Richard Nixon die Welt: Er hob die Bindung des Dollars zum Goldpreis auf. Der «Nixon-Schock» besiegelte das Ende des Gold-Devisen-Standards.

Sandro Rosa
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Es war ein Donnerschlag, der rund um den Globus zu hören war. Mit exakt 42 Wörtern beendete US-Präsident Richard Milhous Nixon am Sonntagabend, dem 15. August 1971, die herrschende Währungsordnung.

«Ich habe Finanzminister Connally angewiesen, die Konvertierbarkeit des Dollars in Gold oder andere Währungsreserven vorübergehend auszusetzen, es sei denn, dies geschieht in einem Umfang und zu Bedingungen, die im Interesse der Währungsstabilität und im besten Interesse der Vereinigten Staaten von Amerika liegen», verkündete Nixon in einer Fernsehansprache, die zur besten Sendezeit unmittelbar vor der beliebten Serie «Bonanza» ausgestrahlt wurde.

Ohne Vorwarnung und ohne Absprache mit den internationalen Handelspartnern und den Ländern, die ebenfalls Teil des seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs herrschenden Währungssystems waren, hoben die Vereinigten Staaten an jenem Tag die Konvertibilität des Dollars in Gold auf. Trotz anderslautender Aussage war die Massnahme keineswegs bloss vorübergehend. Das Ereignis ging als «Nixon-Schock» in die Geschichte ein und beendete auf einen Schlag das Bretton-Woods-System.

Bretton Woods nach 26 Jahren am Ende

Mount Washington Hotel in Bretton Woods, New Hampshire.

Mount Washington Hotel in Bretton Woods, New Hampshire.

Dieses wurde 1944 in einer dreiwöchigen Konferenz von Delegierten aus 44 Ländern im Mount Washington Hotel in der Ortschaft Bretton Woods im amerikanischen Gliedstaat New Hampshire ins Leben gerufen.

Kern des Systems war der Dollar, der als einzige Währung direkt an Gold gekoppelt war, und zwar zu einem Preis von 35 $ pro Feinunze. Alle übrigen Valuten – diejenigen Westeuropas, Kanadas, Japans und Australiens – waren ihrerseits an den Greenback und somit indirekt ebenfalls an das Edelmetall gebunden.

Die fixen, aber anpassungsfähigen Wechselkurse sollten eine verlässliche und stabile Geldpolitik garantieren sowie den globalen Handel begünstigen. Damit sollten Zahlungsbilanzkrisen, Importrestriktionen und insbesondere ein neuerlicher Abwertungswettlauf wie in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen verhindert werden. Dieses System erhielt die Bezeichnung Gold-Devisen-Standard.

Teil des Abkommens von Bretton Woods war die Gründung der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (heute Weltbank) und des Internationalen Währungsfonds (IWF), die die Vereinbarung durchzusetzen und zu überwachen hatten. Alle Mitgliedsländer verpflichteten sich, ihre Währungen durch Zentralbankinterventionen innerhalb einer Bandbreite von 1% zum vereinbarten Wechselkurs zum Dollar zu halten.

Nur bei substanziellen Zahlungsbilanzungleichgewichten waren Anpassungen des Wechselkurses möglich – Änderungen um mehr als 10% mussten vom IWF genehmigt werden. Das war beispielsweise 1949 der Fall, als sich in Westeuropa diverse Währungen gegenüber dem Dollar abwerten mussten.

Warum das System auseinanderbrach

Trotz solcher Ereignisse funktionierte das Währungssystem während rund zwanzig Jahren erstaunlich gut. So lange nämlich, als sich die USA einer verantwortungsvollen Geld- und Fiskalpolitik verpflichtet fühlten. Denn als einziges Land im Bretton-Woods-System mussten die Vereinigten Staaten, als Herausgeber der Ankerwährung, ihre Geldpolitik nicht der Stabilisierung des Wechselkurses unterordnen, sondern konnten binnenwirtschaftliche Ziele verfolgen.

In den Sechzigerjahren begann nun aber die US-Notenbank (Fed), eine zusehends inflationäre Geldpolitik zu verfolgen, während die Regierung unter Präsident Lyndon B. Johnson gleichzeitig auf eine expansive Fiskalpolitik einschwenkte. Wachstums- und Beschäftigungsziele rückten auf Kosten der Finanzstabilität in den Vordergrund.

Johnsons «Kanonen und Butter»-Politik liess die Staatsausgaben in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts in die Höhe schnellen. Das Haushaltsdefizit, das in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre weitgehend ausgeglichen war, schwoll auf 4% des Bruttoinlandprodukts an. Lyndon B. Johnson focht zwei Kriege: einen in den USA, mit sozialen Programmen unter dem Banner der «Great Society» gegen Armut, Ungleichheit und Rassismus und einen in Vietnam.

Steigende Fiskalausgaben und Inflation

Ähnlich wie heute war die Finanzpolitik Mitte der Sechzigerjahre aussergewöhnlich akkommodierend. Die Eskalation des Vietnamkriegs führte zu einem sprunghaften Anstieg der Militärausgaben. Die Sozialausgaben stiegen mit der Einführung von Johnsons «Great Society»-Programmen spürbar an. Die Krankenversicherungssysteme Medicare und Medicaid traten im Juli 1966 in Kraft, was zu deutlich höheren Staatsausgaben führte.

Gleichzeitig herrschte nahezu Vollbeschäftigung: Die Arbeitslosenquote fiel 1968 auf 3,4%. In der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre nahm indes die Teuerung stetig zu und kletterte bis zum Ende der Dekade auf über 6%, nachdem sie in den Jahren von 1960 bis und mit 1965 durchschnittlich bloss 1,4% betragen hatte.

Auswirkungen auf die Schweiz

Mit dem anhaltenden Kaufkraftverlust und dem wachsenden Budgetdefizit war das Vertrauen in die Stabilität des Dollars zunehmend infrage gestellt. Es floss immer mehr Kapital in Länder wie Deutschland oder die Schweiz, die sich der inflationären Geldpolitik der USA entziehen wollten, was dort zu Problemen führte. Um den Dollar-Franken-Kurs zu halten, musste etwa die Schweizerische Nationalbank regelmässig Dollar kaufen. Die Konsequenz: eine Erhöhung der hiesigen Geldmenge und ein zunehmender (importierter) Inflationsdruck.

Um diese geschaffene Liquidität zu neutralisieren und den Zustrom an Kapital aus dem Ausland einzudämmen, ergriffen die Schweizer Behörden einen Strauss an administrativen Massnahmen. Dazu gehörten etwa Verzinsungsverbote und Negativzinsen (Adminstrativgebühren) für ausländisches Kapital, Abmachungen über Kreditbegrenzungen sowie Instrumente zur Preisüberwachung, die mittels dringlicher Bundesbeschlüsse und Gentlemen's Agreements mit den Banken eingeführt wurden. Den Massnahmen war indes kein allzu grosser Erfolg beschieden, die Inflation stieg zu Beginn der Siebzigerjahre in der Schweiz auf über 6%, Ende 1973 erreichte sie fast unvorstellbare 12%.

Die Deutsche Bundesbank musste ebenfalls kräftig am Devisenmarkt intervenieren. Der Druck nahm stetig zu, sodass sie sich im April und Anfang Mai 1971 gezwungen sah, für 22 Mrd. D-Mark Dollar zu erwerben, da sich dieser immer wieder ans untere Ende der vereinbarten Handelsspanne bewegte. Während die Bundesbank aus politischen Überlegungen darauf verzichtete, ihre Dollarforderungen gegenüber dem Fed in Gold zu konvertieren, waren andere Länder weniger zurückhaltend.

Schwindende Goldreserven

Im Gegensatz zu den US-Bürgern, denen es seit Mai 1933 untersagt war, Gold zu besitzen, konnten ausländische Regierungen ihre Dollars uneingeschränkt zu 35 $ pro Unze in Gold tauschen. Und das taten sie in immer grösserem Umfang. Die Versuche der USA, diese Länder davon zu überzeugen, ihren Dollarbestand nicht einzutauschen, scheiterten.

In der Folge nahmen die amerikanischen Goldreserven massiv ab: Gemäss Daten des World Gold Council beliefen sich die Reserven der USA im Jahr 1957 auf über 20’000 Tonnen – das entsprach rund 60% der globalen Goldreserven. In den darauffolgenden Jahren sanken sie jedoch kontinuierlich und erreichten 1971 nur noch knapp über 9000 Tonnen (etwas unter 25% der globalen Reserven), wodurch die Golddeckung des Dollar-Papiergelds nicht mehr ausreichend war.

Die Nixon-Regierung machte sich zunehmend Sorgen, dass sie schon bald nicht mehr in der Lage sein würde, die Goldforderungen aus dem Ausland zu erfüllen. Der damit verbundene Bruch der Verpflichtung, jederzeit Gold gegen Dollar zu tauschen, wäre eine gewaltige Demütigung für das Land gewesen. Es wurde immer offensichtlicher, dass die USA eine schwächere Währung brauchten. Wegen der Goldbindung war eine Abwertung innerhalb des geltenden Währungssystems allerdings nicht möglich.

Am 15. August 1971 wagte Nixon deshalb den Befreiungsschlag und schloss das Goldfenster.

Nixon-Schock und Smithsonian Agreement

In den darauffolgenden Wochen schwankten die Devisenkurse, bis sich die Bretton-Woods-Nationen im Dezember 1971 auf das sogenannte Smithsonian Agreement einigten. Darin wurde der Dollar gegenüber den meisten anderen Valuten abgewertet – um insgesamt rund 8% –, und die Bandbreite der Währungsschwankungen zum Greenback wurde von 1 auf 2,5% angehoben.

Diese Massnahme verschaffte zwar eine temporäre Linderung, änderte aber nichts am Grundproblem: Die US-Geldpolitik blieb für viele Länder zu expansiv. Und nachdem der Dollar bereits einmal abgewertet wurde, war eine weitere Abwertung durchaus möglich, was dem Vertrauen in die amerikanische Währung abträglich war. Schon bald nahm die Flucht aus dem Dollar daher erneut Fahrt auf. Obwohl von Nixon als die «bedeutendste Währungsvereinbarung in der Geschichte» bezeichnet, war dem Smithsonian Agreement bloss ein kurzes Leben beschieden.

Als erstes Land scherte die Schweiz im Januar 1973 ganz aus dem System aus und überliess den Franken den Marktkräften. Deutschland und andere europäische Länder folgten im März. Nach fünfzehn Monaten war das Smithsonian Agreement Geschichte, das Bretton-Woods-Währungssystem war definitiv zu Ende.

Seit der Loslösung vom Gold basiert das globale Währungssystem einzig auf dem Vertrauen in ein Stück Papier.

Ähnlichkeiten zu den Sechzigern

Aktuell lassen sich einige Parallelen zu den Sechzigerjahren erkennen: Wie damals ist die Fiskalpolitik in den USA überaus expansiv. Wie im «Great Society»-Programm von Lyndon B. Johnson stehen heute Investitionsprogramme hoch im Kurs, die soziale Missstände wie Ungleichheit, Diskriminierung und Rassismus beseitigen (und die Wirtschaft «grün» machen) sollen.

Trotz fallender Arbeitslosigkeit werden umfangreiche Fiskalstimuli verabschiedet, der Einfluss des Staats auf die Wirtschaft nimmt zu. Soeben hat der US-Senat ein Infrastrukturpaket im Umfang von 1 Bio. $ verabschiedet.

So wie unter Richard Nixon der zermürbende und teure Krieg in Vietnam beendet wurde, wurde unter dem jetzigen Präsidenten Joe Biden der ebenfalls lange und kostspielige Einsatz in Afghanistan beendet. Damals wie heute ist die US-Gesellschaft gespalten.

Die Notenbanken rund um den Globus verfolgen eine Politik der Niedrigstzinsen, obwohl die Teuerung anzieht und sich die Konjunktur belebt. In den Sechzigerjahren sass dem Fed immer noch die Angst vor einer Deflationsspirale analog zur Grossen Depression im Nacken, und auch heute steht die «Reflation» der Wirtschaft im Vordergrund. Eine hohe Beschäftigung scheint der US-Notenbank wichtiger als die Geldwertstabilität, das Risiko einer zunehmenden Inflation wird beiseite gewischt.

Wird am Ende wiederum ein Inflationsschub zu einem neuerlichen Währungsschock führen? Wird die Hegemonie des Dollars in der nächsten Krise gebrochen – durch den Euro, den Renminbi oder durch digitale Währungen? Wer weiss. Die rasant steigenden Preise für Sachwerte wie Immobilien, Aktien, Rohstoffe aber auch Sammlerobjekte können jedenfalls durchaus als Misstrauensvotum gegenüber der aktuellen, expansiven Geldpolitik gedeutet werden.