Analyse

Aryzta weckt das Interesse neuer Investoren

Die Hoffnung auf einen Turnaround des Backwarenkonzerns wächst. Auch die Jacobs Holding glaubt an Aryzta und ist mit einem Anteil von knapp unter 3% eingestiegen.

Andreas Kälin
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Der Backwarenhersteller Aryzta wird am nächsten Dienstag über den Gang in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2021 orientieren – und der neue Konzernchef Urs Jordi wird Gutes mitzuteilen haben.

Immer noch steckt Aryzta in der Misere, wie der Aktienkurs anzeigt: Die Titel notieren mehr als 95% unter dem im Juli 2014 erreichten Höchst. Verantwortlich für diese Wertvernichtung ist ein langjähriges Führungsversagen.

Im vergangenen Jahr kam es aber endlich zu den Veränderungen, die es erlaubt haben, die Perspektiven für den Hersteller von Tiefkühlbackwaren neu einzuschätzen. Revoltierende Aktionäre zwangen erst den irischen VR-Präsidenten Gary McGann zum ruhmlosen Abgang durch die Hintertür, etwas später musste Kevin Toland als CEO gehen. Bei ihrem jeweiligen Amtsantritt war die Lage schon verfahren gewesen – die beiden hatten dem Niedergang aber auch nichts entgegenzusetzen und sahen den letzten Ausweg darin, Aryzta zum Tiefpreis von einer Private-Equity-Gesellschaft übernehmen zu lassen.

Der nötige Führungswechsel

Hoffnungsträger Urs Jordi

Hoffnungsträger Urs Jordi

Bild: ZVG

Stattdessen wurde nun der Verwaltungsrat in zwei Schritten weitgehend erneuert und professionalisiert. Jordi, in früheren Jahren bereits einmal Europa- und Asien-Pazifik-Chef von Aryzta, hat an einer ausserordentlichen Generalversammlung im letzten September als Verwaltungsratspräsident das Kommando im Konzern übernommen, im November hat er dazu auf interimistischer Basis das Amt als CEO angetreten.

Der neue Konzernchef hat umgehend auch unbequeme Massnahmen in die Wege geleitet, so ist der komfortabel entlohnte Europachef Gregory Sklikas im Dezember per sofort zurückgetreten.

Zudem nennt Jordi die Dinge beim Namen. Dies bezeugt seine Aussage an der Baader Helvea Swiss Equities Conference von Mitte Januar: Am virtuell durchgeführten Investorenanlass hat er abermals auf die «übermässige Verschuldung» von Aryzta hingewiesen und unterstrichen, dass sie reduziert werden müsse.

Ein Umdenken im Konzern

Per Ende des Geschäftsjahres 2020, das im Juli schloss, sass der Backwarenkonzern auf Nettoschulden von 1 Mrd. € oder dem 3,7-Fachen des Betriebsgewinns auf Stufe Ebitda. Darin sind die Hybridanleihen, die inklusive aufgelaufener Zinsen zuletzt 926 Mio. € ausmachten, nicht einmal inbegriffen.

Ein zentrales Mittel zur Schuldenreduktion soll der Verkauf von Unternehmensteilen bilden. Im Vordergrund steht die Veräusserung des Nordamerikageschäfts, das noch 42% zum Gruppenumsatz beiträgt, sowie des Brasiliengeschäfts – damit macht die neue Führung unter Jordi einen Schritt, den das alte Management stets abgelehnt hatte.

Aus den Veräusserungen will Jordi erklärtermassen 600 bis 800 Mio. € lösen – was vielen Marktteilnehmern gerade mit Blick auf das obere Ende der Spanne zu optimistisch erscheint. Am Investorenanlass von Baader Helvea hat Aryztas Chef allerdings einmal mehr betont, es gebe ein «hohes Interesse» an den zum Verkauf stehenden Teilen.

Rund achtzig Anfragen

Damit wird er nicht übertrieben haben. Nach Informationen von The Market hat der Backwarenkonzern schon vor der Ausschreibung des Nord- und des Lateinamerikageschäfts von rund zwanzig Parteien Interessenbekundungen für einzelne Unternehmensteile erhalten. Seit im November die Investmentbanken Houlihan Lokey und Alantra als Finanzberater ernannt worden sind und der Verkaufsprozess gestartet ist, sollen etwa achtzig Rückmeldungen oder Anfragen eingegangen sein, von industriellen Interessenten und Finanzgesellschaften.

Jordi will erklärtermassen bis zum Ende des Geschäftsjahres 2021, also bis Juli, bekanntgeben können, an wen das Nordamerikageschäft veräussert wird; aus seiner Sicht wäre es ideal, wenn der Unternehmensteil mit insgesamt neunzehn Produktionsstandorten in den USA und Kanada von einem einzigen Käufer übernommen würde. Für das Lateinamerika- resp. Brasiliengeschäft dürfte der Verkaufsprozess länger dauern.

Zu hören ist notabene, dass das Nordamerikageschäft – das in der Vergangenheit mit kostspieligen Übernahmen stark ausgebaut worden war, aber lange an Schwindsucht litt – sich in den letzten Monaten des vergangenen Jahres zügiger als erwartet erholt hat.

Langer Umsatzschwund in Nordamerika

Umsatz Nordamerika in Mio. €
Übriger Konzernumsatz in Mio. €

Dank diesen Faktoren – dem grossen Interesse an den zu veräussernden Unternehmensteilen sowie der kolportierten Verbesserung in Nordamerika – sollte sich der angestrebte Verkaufserlös tatsächlich erreichen lassen.

Vorher und nachher

Die neue Aryzta-Crew hat zudem umgehend nach Antritt ein erhebliches Sparpotenzial geortet. So will Jordi die Gemeinkosten (Overhead) um 25% reduzieren. Das bedeutet, dass relativ schnell Kosten bis zu 30 Mio. € eingespart werden sollen – auch da zeigt sich der Unterschied zwischen alter und neuer Führung: Während sich das vorherige Topmanagement auf eine mehrschichtige, umständliche Führungsstruktur abstützte, vertraut das neue auf eine schlanke Organisation und kurze Entscheidungswege.

Für das Unternehmen markiert der Wechsel von der zuvor stark irisch geprägten Führungscrew zur neuen um VR-Präsident und CEO Jordi eine Gezeitenwende. Nach den Umstrukturierungen wird Aryzta ein auf Europa und einige Standorte in Asien-Pazifik konzentrierter Hersteller von Tiefkühlbackwaren sein, schlank und dezentral geführt.

Neues Investoreninteresse

Aufseiten der Investoren scheint man zusehends zu merken, dass sich die Vorzeichen für die Anlagebeurteilung von Aryzta geändert haben.

So hat der 3V Invest Swiss Small & Mid Cap Fund im Dezember und Januar eine Position in Aryzta aufgebaut. Fondsmanager Martin Lehmann hat im Interview mit The Market ausgeführt, man habe ein längeres Gespräch mit Jordi geführt, und der neue Aryzta-Chef habe gut aufzeigen können, «wie sich relativ einfach viele überflüssige Kosten aus dem Konzern herausnehmen lassen». Zudem glaubt Lehmann, dass es gelingen sollte, das Nordamerikageschäft «bald zu einem vergleichsweise guten Preis zu verkaufen».

Dagegen hat die aktivistische Beteiligungsgesellschaft Veraison ihren Anteil an Aryzta abgestossen. Sie hat mit dem Grossaktionär Cobas eine zentrale Rolle gespielt beim Führungswechsel und Urs Jordi als neuen VR-Präsidenten portiert, gegen Gary McGann, der dem Druck weichen musste. Zwar hat Veraison in der kurzen Zeit ihres Engagements – sie war erst im März 2020 eingestiegen und hatte ihren Anteil in der Folge auf knapp 10% erhöht – einen Anlageerfolg von über 100% erzielt, dies gemäss eigenen Angaben. Warum sie dann so rasch ausgestiegen ist, bleibt aber schleierhaft.

Am 5. Januar hat die Beteiligungsgesellschaft bekanntgegeben, sie habe in den letzten Dezembertagen 2020 rund 4% an Aryzta in zwei unterschiedlichen Blocktrades an zwei Schweizer Family Offices verkauft.

Jacobs Holding kauft

The Market hat nun den Namen eines der Family Offices erfahren: Wie zuverlässige Quellen bestätigen, hat Veraison einen Teil ihres Aryzta-Aktienpakets im Dezember an die Jacobs Holding verkauft. Die von Klaus J. Jacobs gegründete Beteiligungsgesellschaft, die unter anderem für die Jacobs Stiftung gut 40% am Kakao- und Schokoladeproduzenten Barry Callebaut hält, investiert vor allem in marktführende und nicht zyklische Unternehmen. Sie bevorzugt nach eigenen Angaben «cashgenerative Geschäftsmodelle» – das sollte Aryzta nach der Umstrukturierung und der Sanierung wieder bieten können.

Dem Vernehmen nach hält die Jacobs Holding an Aryzta zurzeit 2,9% – was knapp unter der meldepflichtigen 3%-Schwelle liegt. Die Beteiligungsgesellschaft soll interessiert sein, ihren Anteil am Backwarenhersteller kräftig auszubauen.

The Market hält die Aktien von Aryzta aufgrund des Führungswechsels ebenfalls für kaufenswert. Solche Turnaroundsituationen sind zwar mit höheren Risiken behaftet, aber bieten den Investoren jeweils grosses Aufholpotenzial.