Analyse

Was die neuen Machtverhältnisse in Washington für Big Pharma bedeuten

Unter Präsident Biden könnten die Demokraten die hohen US-Medikamentenpreise ins Visier nehmen. The Market analysiert, ob es zu Reformen kommt und wie sie sich auf die Pharmabranche auswirken.

Michael Griesdorf
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In zwei Tagen wird Joe Biden offiziell als 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Auf den 78-Jährigen warten wegen der Coronakrise diverse Probleme. Immerhin kann er sich aber auf einen demokratisch kontrollierten Kongress verlassen. Im Allgemeinen freut das die Investoren. Fiskalprogramme zur Stützung der Konjunktur sind nun leichter durch die Legislative zu bringen als mit einem geteilten Parlament.

Ein weniger gutes Gefühl haben Besitzer von Pharmaaktien. Sie müssen einmal mehr um die vorteilhaften Marktbedingungen fürchten, die Arzneimittelhersteller in den USA vorfinden.

An der Börse wurden nach der Stichwahl im Gliedstaat Georgia vom 5. Januar Warnungen geäussert, dass in den USA einschneidende Gesetzesänderungen in Richtung tieferer Medikamentenpreise drohen. Obwohl sich Demokraten und Republikaner im Prinzip einig sind, dass die Gesundheitskosten in den USA im Vergleich zu Europa zu hoch sind, haben sie für eine echte Preisreform bisher nie einen Kompromiss gefunden.

Doch welche Gesetzesänderungen stehen jetzt im Raum? Wie gefährlich sind sie für die Margen der Pharmaindustrie? Und vor allem: Wie wahrscheinlich sind grössere Reformen im Arzneimittelsektor überhaupt?

Sieben Vorschläge sorgen für Wallungen bei Big Pharma

Um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, lohnt es sich, einen Blick auf die Wahlversprechen von Joe Biden zu werfen. Sie stimmen grösstenteils mit der Stossrichtung der Demokraten im Parlament überein.

Konkret schlägt der neue US-Präsident Folgendes vor:

  1. Die staatliche Krankenkasse Medicare für Senioren soll direkt mit den Pharmaunternehmen über Preise verhandeln können. Derzeit muss sie  Preise akzeptieren, die mit privaten Versicherungen ausgehandelt werden.
  2. Für Amerikaner, die sich nicht für Medicare qualifizieren oder mit ihrem privaten Anbieter nicht zufrieden sind, soll eine zusätzliche staatliche Krankenkasse als Ergänzung geschaffen werden.
  3. Die Preise neuer Medikamente ohne Konkurrenzprodukte in den USA sollen von einem Beratungsgremium festgesetzt werden. Es orientiert sich an Preisen aus anderen Regionen wie Europa (externer Referenzpreis). Die so ausgehandelten Preise sollen für Medicare sowie für die unter Punkt 2 vorgeschlagene öffentliche Krankenkasse gelten. Donald Trump hatte Ende August per Sonderverordnung einen ähnlichen Vorstoss lanciert, der gegenwärtig jedoch durch diverse Klagen blockiert wird.
  4. Für Medicare und die unter Punkt 2 vorgeschlagene öffentliche Krankenkasse dürfen Pharmaunternehmen die jährlich neu festgesetzten Preise nicht stärker erhöhen, als die Inflation zunimmt.
  5. Medikamente dürfen aus anderen Ländern importiert werden, beispielsweise aus Kanada.
  6. Pharmaunternehmen dürfen Werbeausgaben für rezeptpflichtige Medikamente nicht mehr von den Steuern abziehen.
  7. Die Markteintrittsbarrieren für Generika sollen gesenkt werden. Konkret geht es darum, dass Pharmaunternehmen den Generikaherstellern Musterproben ihrer Medikamente nicht mehr verweigern können.

Gefährlich, aber wenig wahrscheinlich

Für Samuel Stursberg, Pharmaexperte und Portfoliomanager des Fonds BB Adamant Healthcare Strategy von Bellevue Asset Management, «könnten vor allem der externe Referenzpreis und die Zulassung von Parallelimporten aus anderen Staaten gravierende Konsequenzen für die Pharmaindustrie haben», wie er im Gespräch mit The Market sagt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Vorstösse – die Stursberg als «wirklich bedrohlich» bezeichnet – tatsächlich umgesetzt würden, sei jedoch gering: «Die Mehrheit der Demokraten in den beiden Parlamentskammern ist nicht besonders komfortabel, und bei besonders progressiven Vorstössen werden wohl nicht immer alle demokratischen Kongressmitglieder entlang der Parteilinie votieren.»

«Für grundlegende Reformen könnte es wegen der knappen Mehrheitsverhältnisse im US-Kongress schwierig werden», ist auch Thomas Heimann, Analyst bei der auf Healthcare spezialisierten Beteiligungsgesellschaft HBM, überzeugt.

Die Mehrheit der Demokraten ist sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat hauchdünn. Im Repräsentantenhaus beträgt sie nur 51%. Im Senat sind beide Parteien de facto gleichauf. Da in Pattsituationen Vizepräsidentin Kamala Harris den Stichentscheid fällt, haben die Demokraten aber auch in der kleinen Kammer die Entscheidungsmacht – sofern sie geschlossen abstimmen:

Weiter stellen die drei US-Bundesstaaten, in denen ein Grossteil der Pharma- und Biotech-Industrie angesiedelt ist (New Jersey, Massachusetts und Kalifornien), zusammen sechs demokratische Senatoren und etliche Abgeordnete im Repräsentantenhaus. Wegen der hohen Steuergelder und der vielen Arbeitsplätze, für die die Branche in den drei Gliedstaaten verantwortlich ist, dürften diese Parlamentarier versuchen, extreme Reformen zu verhindern.

Biden ist kein radikaler Gegner der Pharmaindustrie

Heimann von HBM bringt zudem einen weiteren Punkt ins Spiel: «Auch wenn Reformen nie ausgeschlossen sind, hat die Covid-19-Pandemie den Stellenwert der Biopharmaindustrie dank rasch verfügbaren Impfstoffen und diversen Ansätzen zur Behandlung der Krankheit einmal mehr deutlich gemacht.»

Stursberg von Bellevue Asset Management ergänzt: «Biden ist sich der Vorteile einer Pharmaindustrie mit grosser Innovationskraft durchaus bewusst. So war er als US-Vizepräsident unter Barack Obama massgeblich am Cancer Moonshot Project beteiligt, das unter anderem die raschere Entwicklung hoch wirksamer Krebsmedikamente zum Ziel hatte und dessen indirekter Nachfolger die Biden Cancer Initiative ist.» Die Pharmaindustrie dürfte bei Biden trotz seinem Reformwillen demnach auf ein gewisses Wohlwollen stossen.

Im Kern warnt die Branche, dass innovative Medikamente bei deutlich tieferen Preisen in den USA oder weltweit gar nicht mehr auf den Markt kommen könnten. Das, weil die Kosten und das Risiko in der Forschung und Entwicklung nicht mehr marktgerecht entschädigt würden.

Aus Sicht von Big Pharma ist deshalb an dem teilweise zu hohen Selbstbehalt bei der Krankenversicherung anzusetzen, und Rabatte sollten an die Patienten weitergegeben werden. Auch sollten neue Bezahlmodelle für Kombinationstherapien geschaffen werden.

Dennoch scheint die Branche dem öffentlichen Druck bis zu einem gewissen Grad nachzugeben. Der Pharmadatendienstleister IQVIA beispielsweise schätzte im März 2020, dass die Preise nach Rabatten in den nächsten Jahren noch maximal 2% jährlich steigen werden.

Die Schätzungen von IQVIA passen zu den Aussagen, die Roche und Novartis zum amerikanischen Markt machen. «Roche ist und war bereits in der Vergangenheit bereit, ihren Beitrag zur Senkung der Kosten zu leisten. Neulancierungen kamen in den letzten Jahren zum gleichen oder meist gar zu einem tieferen Preis als das bisherige Standardmedikament», sagt Roche-Mediensprecher Nicolas Dunant.

«In diesem Jahr rechnen wir damit, dass die durchschnittlichen Nettopreise in den USA für die Medikamente von Novartis um deutlich weniger als 5% steigen werden. Ausserdem haben wir in den letzten fünf Jahren 300'000 Patienten mit niedrigem Einkommen oder eingeschränkter bzw. fehlender Versicherungsleistung Medikamente gratis zur Verfügung gestellt», sagt Satoshi J. Sugimoto, Mediensprecher von Novartis.

Aktien sind attraktiv bewertet

Unter dem Strich lässt sich festhalten, dass die Gefahr von grösseren Preisreformen in den USA zwar nicht auszuschliessen ist, für die Branche aber eine geringe Bedrohung darstellt.

Wer in Big Pharma investieren will, kann somit die gegenwärtig günstigen Bewertungen an der Börse nutzen. «Die grossen Pharmakonzerne haben gegenüber dem breiten Markt letztes Jahr deutlich schlechter abgeschnitten, und das, obwohl ihr Geschäftsgang in der Summe ziemlich solid war», sagt Stursberg von Bellevue Asset Management.

Eine spannende Ausgangslage bietet sich derzeit bei Sanofi und AstraZeneca. Beiden Aktien trauen Analysten viel Aufwärtspotenzial zu. Zudem dürfte sich der Kurs stabiler als bei anderen Titeln verhalten, falls es in den USA doch zu einer deutlichen Senkung der Medikamentenpreise kommt. Gemäss einer Auswertung von Berenberg erwirtschaften beide Unternehmen einen vergleichsweise geringen Anteil des Umsatzes in den USA.

Ebenso gehören Sanofi und AstraZeneca zu den Gesellschaften, die relativ geringe Einnahmen mit Medicare erzielen. Das könnte ihnen zum Vorteil gereichen, denn ein Teil der Reformvorschläge, wie der externe Referenzpreis, zielt explizit auf die staatliche Krankenkasse für Senioren ab:

Ebenfalls attraktiv sind die Valoren des US-Konzerns Merck und die Genussscheine von Roche. Beide Unternehmen sind jedoch etwas mehr exponiert, wenn die Medikamentenpreise in den USA verstärkt unter Druck kommen sollten.