Analyse

Bis zur Preisblase ist es beim Nasdaq 100 noch ein weiter Weg

Vergleiche mit der Technologieblase zur Jahrtausendwende haben derzeit Hochkonjunktur. Bis zu den damaligen Bewertungsexzessen müsste sich der Nasdaq 100 allerdings fast verdoppeln. Das ist angesichts der Geldschwemme gar nicht so unrealistisch.

Gregor Mast
Drucken
Teilen

Der Nasdaq 100 schwächelt. Das Technologiebarometer 📈 hat seit Anfang September etwas mehr als 10% verloren. Bereits fragen sich viele Anleger, ob der jahrelange Höhenflug von IT-Werten damit beendet ist.

Wie geht es jetzt also weiter? Vergleiche mit der Technologieblase zur Jahrtausendwende haben derzeit Hochkonjunktur, und in der Tat bestehen viele Parallelen. Doch es gibt auch gute Gründe, warum sich die Blasenbildung fortsetzen wird.

Gewiss, das Spekulationsfieber vieler Kleinanleger erinnert an die letzte Phase der damaligen Hausse. Online-Broker werden von Neukunden überrannt, und die teils absurden Kursbewegungen lassen auf eine rege Handelsaktivität der Neulinge schliessen.

Dazu zählt der Kurssprung um 900% des konkursiten Autovermieters Hertz, der dank der Unterstützung der Kleinanleger sogar eine Kapitalerhöhung über 500 Mio. $ durchführen wollte. Bemerkenswert ist auch der Kurssprung von Tesla und Apple, die nach einem Aktiensplit in die Höhe schossen, obwohl sich an der fundamentalen Lage der beiden Unternehmen nichts verändert hat.

Bewertungsschere so weit offen wie nie seit der TMT-Blase

An die Jahrtausendwende erinnert ferner die Dominanz der Grosskonzerne. Die zehn grössten Technologietitel machen derzeit fast 30% des US-Leitbarometers S&P 500 aus. Der Zufluss in passive Vehikel, die einen Index replizieren, verleiht diesen Namen zusätzlichen Auftrieb und vergrössert den Abstand zu den vielen Valoren, die kaum vom Fleck kommen oder gar weit unter ihrem Höchst notieren. Dadurch hat sich die Bewertungsschere so weit geöffnet wie nie seit der Technologieblase.

Besonders im Fokus stehen Bewertungsexzesse wie bei Tesla. Der Elektroautobauer erzielt kaum Gewinn und weist deshalb ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von fast 950 auf. Doch ausgerechnet bei der Bewertung gibt es wichtige Unterschiede zur Jahrtausendwende. Obwohl viele Technologietitel derzeit teuer sind, besteht im Vergleich zu 2000 noch viel Luft nach oben.

Das zeigt schon der Vergleich zwischen den KGV der zehn grössten Titel im Nasdaq Composite (vgl. Tabelle). Im März 2000 war der Halbleiterriese Intel mit einem KGV von 56 der günstigste Wert. Nur drei Papiere – Intel, Microsoft und Dell – handelten zu weniger als dem hundertfachen Gewinn. Das durchschnittliche KGV der zehn Aktien betrug 227, der nicht durch Ausreisser wie Yahoo verzerrte Median lag bei knapp 155.

Heute liegt das KGV «nur» bei Amazon und Tesla über 100. Apple, Alphabet, Facebook, Intel und Microsoft handeln zu weit vernünftigeren Relationen. Für den iPhone-Hersteller Apple, der in den letzten Jahren kaum mehr gewachsen ist, mag ein KGV von über 30 fragwürdig sein. Microsoft, Google und Facebook haben aber ein etabliertes Geschäftsmodell, das kräftiges Gewinnwachstum ermöglicht, was das hohe KGV relativiert.

«Wenn es bei den grössten Technologiewerten eine Blase gibt, dann in ihren Gewinnen», schreibt denn auch John Authers von Bloomberg. Dank der monopolartigen Stellung wirtschaften diese Konzerne hoch profitabel, und wegen der zunehmenden Digitalisierung, die durch Corona beschleunigt wurde, ist kein Ende des Wachstums in Sicht. Das ist kein Vergleich zu 2000, als viele Unternehmen kaum Gewinn schrieben und allein wegen der Hoffnung auf fern in der Zukunft anfallende Profite hochgejubelt wurden.

KGV des Nasdaq 100 halb so hoch wie im März 2000

Was sich bei den Einzeltiteln andeutet, wird durch den Blick auf den Index bestätigt. Das vorwärtsgerichtete KGV des Nasdaq 100 liegt heute bei knapp 32. Das ist zwar der höchste Wert seit 2003. Auf dem Höhepunkt der Blase handelte der Nasdaq 100 aber zu einem KGV von 65 (vgl. Grafik). Die Bewertung steht höheren Kursen also nicht im Weg.

Der wichtigste Unterschied zur Jahrtausendwende besteht in der Geldpolitik. Bullenmärkte enden, wenn die Notenbanken die monetären Zügel anziehen, lautet die gängige Meinung. In der Tat ging den grössten Blasen der letzten Jahrzehnte die Luft erst aus, wenn die Zentralbanken restriktiver wurden. So hatte das Federal Reserve den Leitzins zwischen Juni 1999 und Mai 2000 von 4,75 auf 6,5% angehoben. Auch der Immobilienblase in den Nullerjahren gingen höhere Zinsen voraus.

Heute aber ist von steigenden Leitzinsen keine Spur ersichtlich. Die jüngste Ankündigung des Fed, ein symmetrisches Inflationsziel von 2% zu verfolgen, zementiert die lockere Geldpolitik für Jahre. Zu den Nullzinsen kommen Anleihen- und Aktienkaufprogramme, die die Bilanzen der wichtigsten Notenbanken anschwellen lassen. Die so geschaffene Geldflut fliesst an die Finanzmärkte, weil sie von der schwächelnden Realwirtschaft nicht absorbiert werden kann.

Notenbanken schaffen Moral Hazard

Mit der Angewohnheit, auf jeden noch so geringen Rücksetzer an den Börsen mit neuen Stimuli zu reagieren, drängen die Notenbanken Anleger förmlich in riskantere Vermögenswerte. «Wenn die Zentralbank eine Art Kapitalschutz garantiert, indem sie an den Börsen keine Rückschläge von mehr als 10% zulässt, dann müssen Anleger weniger Bargeld halten», sagt Wirtschaftshistoriker Edward Chancellor im Gespräch mit The Market. Weitere Umschichtungen in Aktien würden vor dem Hintergrund der massiv angeschwollenen Geldmengen und des dadurch verschärften Anlagenotstands nicht erstaunen. Im März 2000 rentierten zehnjährige US-Staatsanleihen 6,5%. Heute sind es 0,7%.

Für eine Fortsetzung der Hausse spricht auch, dass die Stimmung – von den Kleinanlegern abgesehen – alles andere als euphorisch ist. So verharrt das Risk Barometer von The Market unter dem langjährigen Mittel. Auch die von der US-Anlegervereinigung AAII erhobenen Daten sowie das von State Street gemessene Investorenvertrauen, das auf den Transaktionen Tausender institutioneller Kunden wie Anlagefonds und Pensionskassen basiert, sprechen für Zurückhaltung (vgl. Grafik). Grossanleger wenden sich vom Nasdaq 100 ab, wie die Positionierungsdaten der Futures-Börse CME zeigen.

Gegen eine massive Übertreibung spricht ferner der Abstand des Nasdaq 100 zum gleitenden Durchschnitt von 200 Tagen. Zur Jahrtausendwende handelte das Barometer 60% über dieser von Investoren häufig betrachteten Trendlinie. Auf dem letzten Höchst von Anfang September waren es 33%.

Ein ähnlicher Exzess wäre erst bei einem Indexstand von rund 15'000 erreicht. Das entspricht einem Kursplus von 36% in kurzer Zeit, weil sich der gleitende Durchschnitt weiter erhöht, solange sich der Index über der Linie halten kann, womit die kritische Grenze stetig steigt.

Wie weit der Weg bis zum irrationalen Überschwang ist, zeigt auch die Bewertung nach KGV, die eine Verdoppelung des Nasdaq 100 zulässt.

Hausse wird von mehreren Sektoren getragen

Gefährlich wird es gemäss dem langjährigen Markttechniker Alfons Cortés, wenn sich der Trend bei hohem Handelsvolumen immer stärker beschleunigt und die Hausse nur noch von wenigen Titeln und Sektoren getragen wird. «Das ist derzeit nicht der Fall», sagt Cortés. Es seien nicht nur Technologievaloren, die für steigende Kurse sorgten, sondern auch zyklische Konsum- und Rohstoffwerte.

Ein weiteres Warnsignal wäre, wenn sich der Nasdaq 100 nach der laufenden Konsolidierung nur zögerlich erholte und positive Meldungen ihre Wirkung verlieren würden, negative Nachrichten aber Rückschläge zur Folge hätten.

Anleger, die auf eine weitere Aufblähung der Blase setzen wollen, sind mit börsengehandelten Fonds (ETF) auf den Nasdaq 100 trotz oder gerade wegen des hohen Gewichts der Tech-Giganten gut bedient. Als Ergänzung eignen sich Titel mit hoher relativer Stärke und Nifty-Fifty-Kandidaten, die als defensive Wachstumswerte gesucht sind.