Analyse

Burckhardt Compression profitiert vom Ruf nach neuen Energiequellen

Das Industrieunternehmen ist mit Erdgas und Wasserstoff in gleich zwei interessanten Bereichen tätig. Kurzfristig ist die Euphorie vielleicht etwas übertrieben, auf die lange Sicht stimmt die Stossrichtung aber.

Gabriella Hunter
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Der Krieg in der Ukraine könnte zum Umdenken in der europäischen Energiepolitik führen – allen voran in der deutschen. Bundeskanzler Olaf Scholz hat als Reaktion auf die derzeit schmerzlich spürbare Abhängigkeit von russischem Erdgas den Bau von zwei Terminals für Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) in Deutschland angekündigt.

Bisher sind das Lippenbekenntnisse, die auch im gegenwärtigen Kontext der möglichst harten Sanktionen gegen Russland gesehen werden müssen. Zudem lässt sich der Bau solcher Terminals nicht von heute auf morgen realisieren, selbst wenn mit Brunsbüttel und Wilhelmshaven bereits zwei Standorte diskutiert werden.

Aber die Stossrichtung ist seit längerem klar: Verflüssigtes Erdgas, transportiert mit Lastwagen und Schiffen, boomt. Das ist zwar teurer als der herkömmliche Transport über eine Pipeline, doch damit lässt sich die Energie aus verschiedenen Quellen beziehen und über flexiblere Routen transportieren. Gegenüber anderen fossilen Brennstoffen geniesst Gas zudem den Vorteil, dass beim Verbrennen weniger Schadstoffe in die Atmosphäre gelangen.

An der Börse sorgte die Nachricht in den Tagen nach Scholz' Rede vor dem Bundestag für Zuspruch bei Aktien aus dem Bereich der nachhaltigen Energie, aber auch bei LNG-Spezialisten. Darunter befand sich auch ein Name aus der Schweiz: Burckhardt Compression.

Es ist nicht der erste Trend aus dem Bereich nachhaltiger Energie, der die Titel erfasst. Bereits seit Ende 2020 ist Fantasie in Burckhardt Compression, weil das Unternehmen den Wasserstoffbereich ausbaut.

Sind die Avancen gerechtfertigt, oder ist die jüngste Euphorie übertrieben? The Market geht der Frage nach, wie sehr das Industrieunternehmen aus Winterthur wirklich vom Boom profitiert und ob sich ein Einstieg jetzt noch lohnt.

Weltweiter Marktführer für Kolbenkompressoren

Burckhardt Compression stellt – wie der Name schon sagt – Kompressoren her. Das aus einer Abspaltung von Sulzer hervorgegangene und seit 2006 eigenständig kotierte Unternehmen ist laut der Zürcher Kantonalbank weltweiter Marktführer für hochwertige und langlebige Kolbenkompressoren. Dabei zahlt sich die langjährige Erfahrung aus: Den ersten solchen Kompressor hatte die Gesellschaft – damals mit Sitz in Basel – bereits 1883 verkauft.

Durch Kompression zur Volumenreduktion lassen sich zum einen Gase einfacher und effizienter transportieren und lagern. Zum anderen erzeugt Kompression chemische Reaktionen, die in der Petrochemie Anwendung finden.

Nicht immer war Burckhardt Compression damit erfolgreich: Zwischen 2014 und Anfang 2020 lief das Geschäft harzig und unterlag grossen Schwankungen, was sich bis heute in der Profitabilität niederschlägt und bis vor kurzem auch auf dem Aktienkurs lastete.

Doch nun locken gleich mehrere Trends. Das Unternehmen fokussiert auf fünf Zielmärkte: Gas Gathering & Processing (Upstream), Refining (Downstream), Petrochemical & Chemical Industry sowie Gas Transport & Storage und Industrial Gas. Von Interesse sind gegenwärtig letztere zwei, aber auch in der Petrochemie lockt ein neues Geschäftsfeld.

Um Erdgas zu verdichten, muss laut ZKB-Analyst Philipp Gamper «entweder der Druck sehr hoch und/oder die Temperatur sehr tief sein». Das stelle hohe Anforderungen an das für den Kompressor verwendete Material sowie die Fertigung. «Das macht es für mögliche Marktneulinge und selbst für etablierte Kolbenkompressorenhersteller schwierig, einen zuverlässigen Laby-Kompressor nachzubauen.» Auf solche haben sich die Schweizer früh spezialisiert.

Sehr starke Marktposition

Entsprechend stark ist die Marktposition von Burckhardt Compression. Im Bereich Gastransport und -lagerung ist sie mit einem Anteil von mehr als 50% weltweit Marktführerin und erwirtschaftet damit laut Gamper etwa 25 bis 30% des Umsatzes von schätzungsweise gut 660 Mio. Fr. im Geschäftsjahr 2021/22.

Das Marktumfeld ist bereits seit längerem erfreulich: Um weniger von einzelnen Energieproduzenten – wie etwa Russland – abhängig zu sein und die Emissionen von schädlichen Klimagasen zu senken, werden Transport- und Lagerkapazitäten für Erdgas ausgebaut werden. «Vor allem der nicht pipelinegebundene Gastransport mit LNG-Tankern erfährt starken Auftrieb», ergänzt der ZKB-Analyst.

Und das unabhängig von den Plänen von Bundeskanzler Scholz. Seit zwei Jahren bewege sich die Zahl der bei den grossen Werften bestellten LNG-Tankschiffe mit rund achtzig pro Jahr auf deutlich höherem Niveau als zuvor. Pro Tanker kommen ein bis zwei Laby-GI-Kompressoren zum Einsatz, jede Einheit kostet 3 bis 5 Mio. Fr. – für Burckhardt ein gutes Geschäft.

Zudem liefern die Schweizer Kompressoren für Import-Terminals, sprich für die Infrastruktur in den Ankunftsländern zur Wiederverdampfung des Gases und zur Befüllung der Pipelines. Davon gebe es einige in Europa, der Markt werde aber seit einiger Zeit von China dominiert, sagt Arben Hasanaj, Aktienanalyst von Vontobel. «Daran partizipiert auch Burckhardt Compression.»

Und der Bereich der LNG-Kompression wachse auch andernorts: Verflüssigtes Erdgas soll künftig auch als sauberere Treibstoffalternative für Fähren und Kreuzfahrtschiffe eingesetzt werden. Laut Hasanaj könnte das gesamte Geschäftsfeld – Tanker und andere Schiffstypen – dereinst einen Umsatz von 100 Mio. Fr. im Jahr generieren.

Die Entwicklung spiegelt sich in den im November veröffentlichten Halbjahreszahlen. Die Nachfrage nach Neuinstallationen – Division Systems – im Bereich Gastransport und -lagerung liegt wieder über dem Stand von vor der Pandemie. Insbesondere die Aufträge im Bereich Transport von Flüssiggas sind stark gestiegen. Der Umsatz hinkt dem noch etwas hinterher, auch wegen herausfordernder Lieferketten.

Kein Game Changer

Mittelfristig geht die ZKB davon aus, dass das Neugeschäft mit Gastransport und -lagerung im Bereich des Gesamtmarktes mit 2 bis 3% jährlich wachsen wird. Sollte in den kommenden Jahren infolge der jetzigen Situation in der Ukraine die Nachfrage nach LNG-Tankern und -Infrastruktur steigen, könnte sich das Wachstum noch etwas beschleunigen.

Aber nur schon bis die Investitionen greifen, würde es Jahre dauern. «Ein Game Changer ist die Neuigkeit nicht», glaubt Hasanaj. Zumal auch die Infrastruktur und die Kapazität in den Produktionsländern hochgefahren werden müssten. Die USA werden noch dieses Jahr zum grössten Exporteur von LNG aufsteigen, vor Australien und Katar. Unklar ist auch, ob künftig vermehrt russisches Gas nach China fliessen wird, wodurch Tankerkapazitäten für Lieferungen nach Europa frei würden.

Tatsächlich immer wichtiger werden ausserdem Anwendungen mit Wasserstoff. Hier kommen die Kompressoren bei der Beladung von Tanklastwagen zum Einsatz. Aber auch für die Raffinierung von Erdöl und Biobrennstoffen (Biofuels), wo Wasserstoff eine wichtige Rolle spielt, liefert Burckhardt Compression Maschinen. Letzteres ermöglicht sauberere Energie.

Noch ist der Umsatzbeitrag von Industrial Gas und H2-Mobility & Energy mit circa 10% klein, der Zielmarkt verspricht aber auch dank der guten Marktposition überproportionales Wachstumspotenzial, schätzt Gamper von der ZKB.

Spannend ist laut Hasanaj auch eine Anwendung im Bereich Petrochemie: Hier werden die Hyper-Kompressoren von Burckhardt Compression bei der Herstellung des Kunststoffs Ethylenvinylacetat, kurz EVA, eingesetzt. Mit EVA-Folien werden unter anderem Solarpanels beschichtet, um sie vor Feuchtigkeit und anderen äusseren Einflüssen zu schützen. «Die Schweizer sind in diesem Markt mit Abstand die Nummer eins weltweit.»

Entscheidend ist der Service

Aus Sicht der Profitabilität sind Neuanlagen wenig attraktiv, erst der wiederkehrende Ertrag aus den dazu verkauften Dienstleistungen rechnet sich. Burckhardt Compression teilt das Geschäft in zwei Divisionen auf: Systems mit neu zu installierenden Kompressoren und Services mit Unterhalts-, Instandhaltungs- und Modernisierungsarbeiten. Wobei Letztere mit einer Betriebsgewinnmarge von rund 20 bis 25% auf Stufe Ebit markant profitabler ist als das Neuanlagengeschäft, das ein Margenziel von 0 bis 5% hat.

Gegenwärtig erwirtschaftet das Unternehmen 40% des Umsatzes mit Services, der Bereich wächst mit circa 9% im Jahr aber deutlich schneller als der Rest. Dies auch dank der Übernahme der Wartung der installierten Kompressorenbasis von Japan Steel Works (JSW). Im laufenden Jahr leidet das Neuinstallationsgeschäft allerdings unter der sehr hohen Vergleichsbasis.

Kurzfristig, aber auch in den kommenden Jahren dürfte sich der Margenmix jedoch stetig verbessern. Das einstige Niveau dürfte Burckhardt Compression so bald allerdings nicht wieder erreichen.

Profiteur der Transformation

Burckhardt Compression profitiert in vielen Bereichen von der Transformation weg von fossilen und hin zu nachhaltigen und saubereren Energieträgern. Die Diversifikation des Geschäfts und die sehr gute Marktstellung zahlen sich aus und haben das Unternehmen auf eine solide Basis gestellt. Das verspricht profitables Wachstum über 2022 hinaus.

Anleger können mit einem Engagement an den verschiedenen Trends partizipieren, auf eine Revolution zu hoffen, wäre aber verfehlt. Das Geschäft bleibt zyklisch, nicht zuletzt die grossen Auftragsvolumen machen es schwankungsanfällig.

Diese Einschätzung spiegelt sich im moderaten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 für das kommende Geschäftsjahr. In den vergangenen fünf Jahren waren die Aktien mit 22 im Schnitt etwas höher bewertet. Doch nach dem zuletzt steilen Kursanstieg nimmt die Fallhöhe zu. Investoren sollten sich dessen bewusst sein, können aber mit überdurchschnittlicher Risikofähigkeit mittelfristig profitieren.