Analyse

Clariant-Grossaktionär Sabic sucht das Gespräch mit weiteren Investoren

Der Schweizer Chemiekonzern schrumpft und spart. Nun wird Grossaktionär Sabic aktiv und baut direkte Kontakte zu Clariant-Investoren auf. In der Kritik steht VRP Hariolf Kottmann. Was die Saudis genau im Schilde führen, ist allerdings offen.

Ruedi Keller
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Es ist eine ungewöhnliche Aktion: Mitte November ist der Grossaktionär von Clariant 📈, die zum saudischen Aramco-Konzern gehörende Sabic, auf Roadshow gegangen. In mehreren Meetings, zuerst in Genf und dann in Zürich, haben Exponenten von Sabic andere Investoren des Schweizer Chemiekonzerns zu vertraulichen Gesprächen getroffen. Dies berichten mehrere involvierte Parteien gegenüber The Market.

Um die Brisanz dieser Gespräche unter Aktionären einzuordnen, braucht es einige Blicke in die Vergangenheit und die Beziehung von Clariant zu ihrem 31,5%-Aktionär Sabic.

Angeführt hat die Delegation Ernesto Occhiello, der bei Sabic die Position des Executive Vice President, Specialties, bekleidet.

Occhiello ist hierzulande kein Unbekannter: Vor gut zwei Jahren hatte er von «Mr. Clariant» Hariolf Kottmann das CEO-Amt übernommen. Gleichzeitig wurde Kottmann im Rahmen einer Governance-Vereinbarung mit Sabic zum Präsidenten gewählt, während der Grossaktionär vier eigene Verwaltungsratsmitglieder stellen durfte.

Auch Occhiello selbst kam von Sabic, wo er damals dieselbe Position innehatte, die er auch heute wieder ausfüllt. Sein Intermezzo als CEO von Clariant hatte lediglich neun Monate gedauert und war über Nacht beendet worden. Seither ist Kottmann zurück an den operativen Hebeln und leitet seit eineinhalb Jahren als geschäftsführender Präsident ad interim wieder das Tagesgeschäft – mit äusserst durchzogenem Erfolg.

Statt zu wachsen und in die selbst angestrebte Grössenordnung von 10 Mrd. Fr. Umsatz vorzustossen, schrumpft der Chemiekonzern seither. Von fünf Teilbereichen werden zwei abgestossen – Masterbatches ist bereits verkauft, nächstes Jahr steht die Veräusserung des Pigmentgeschäfts an. Clariant verliert so rund ein Drittel ihrer ursprünglichen Grösse.

Ausdruck des Schrumpfprozesses ist die gestrige Bekanntgabe eines neuen Sparprogramms: Bei Clariant sollen jetzt zusätzlich zu den bereits zu Jahresbeginn angekündigten 600 Entlassungen weitere 1000 Stellen gestrichen werden. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass kein neuer Deal in Aussicht steht, in den ein solcher Schritt ansonsten integriert würde.

Zerrüttetes Verhältnis

Mehrere Quellen berichten übereinstimmend, dass das Verhältnis zwischen Kottmann und seinem Grossaktionär Sabic, das seit längerem spannungsgeladen ist, definitiv zerrüttet ist. Alle vier Vertreter von Sabic würden im Verwaltungsrat regelmässig gegen den Präsidenten stimmen – angesichts acht weiterer Verwaltungsratsmitglieder jedoch erfolglos, sagt ein Beobachter.

Für besondere Spannung hatte letztes Jahr gesorgt, dass der ursprüngliche Plan zwischen Kottmann und Sabic gescheitert war, das Geschäft mit Masterbatches von Sabic mit demjenigen von Clariant zusammenzulegen. Es hätte mit einem Umsatz von rund 3 Mrd. Fr. das grösste und wachstumsstärkste Standbein von Clariant werden sollen. Stattdessen hat Clariant diesen Bereich im Juli dieses Jahres an Avient (ehemals PolyOne) verkauft.

Sabic prüft Optionen für das eigene Spezialchemiegeschäft

Nun prüft Sabic offenbar selbst die Ausgliederung ihres Spezialchemiegeschäfts. Es enthält die Teile, die die Saudis ursprünglich mit Clariant hatten fusionieren wollen. Im Raum steht gemäss der Nachrichtenagentur Bloomberg ein separater Börsengang – in welcher Form eine Transaktion stattfinden könnte, sei allerdings noch offen.

Auf der anderen Seite prescht ein weiterer Opponent von Kottmann vor: 40 North, der Investmentarm des privaten US-Baumaterialunternehmens Standard Industries, hat Anfang November eine rund 4 Mrd. $ schwere Übernahmeofferte für W. R. Grace lanciert. Die US-Chemiegesellschaft ist im Bereich Katalysatoren aktiv und galt zuvor als eines der passendsten Übernahmeobjekte für Clariant.

Auch 40 North hat eine Vergangenheit mit Clariant: 2017 hatte sie gemeinsam mit dem aktivistischen Aktionär Corvex eine Gruppe namens White Tale gebildet und die von Kottmann geplante Fusion von Clariant mit dem US-Konkurrenten Huntsman verhindert. Darauf hat White Tale Anfang 2018 ihren Clariant-Anteil von gut 25% an Sabic verkauft – zu einem Preis von 34 Fr. je Aktie. Dieses Niveau haben die Clariant-Titel an der Börse nie erreicht, und der neue Anteilseigner hat in der Folge mehrere Wertberichtigungen auf die Position vornehmen müssen.

Occhiello beklagt die zentralistische Struktur von Clariant

An den verschiedenen Gesprächen, die Sabic Mitte November mit den Aktionären von Clariant geführt hat, kamen all diese Punkte zwar zur Sprache – vorerst jedoch mit wenig greifbaren Aussagen. Gemäss den Anwesenden am deutlichsten zum Ausdruck kam die Unzufriedenheit von Occhiello mit der schlechten Performance von Clariant, die er auf eine zentralistische Struktur und eine ineffiziente Organisation zurückführe.

Sabic habe aber zu verstehen gegeben, dass man an der aktuellen Beteiligung an Clariant von 31,5% festhalten wolle. Occhiello habe weder Interesse an einem Anteilsaufbau noch an einem Abbau bekundet, sondern Argumente für organisatorische Veränderungen vorgebracht.

Irritiert war ein Teilnehmer dennoch über die detaillierte Präsentation des eigenen Spezialchemiegeschäfts von Sabic, in dem Occhiello weiterhin Synergien mit dem Kundenstamm von Clariant sehe.

Bezüglich der geplanten Übernahme von W. R. Grace durch 40 North habe sich Occhiello entspannt gezeigt. Dies mit dem Argument, dass ein reiner Eigentümerwechsel die kompetitive Landschaft nicht verändere.

Hat 40 North weiterhin ein Auge auf Clariant?

Aus Bankenkreisen ist allerdings zu vernehmen, dass 40 North auch nach dem Verkauf ihres Clariant-Anteils an Sabic weiterhin genau beobachte, wohin sich der Schweizer Chemiekonzern entwickle.

Ob dies in einem Zusammenhang mit dem Übernahmeangebot für W. R. Grace steht, ist offen: Investmentbanker zweifeln daran, dass 40 North die Finanzkraft aufbringen könnte, sowohl Clariant als auch W. R. Grace zu übernehmen. Ob die US-Investitionsgesellschaft und Sabic in einem direkten Kontakt zueinander stehen, konnten die Teilnehmer an der Roadshow von Sabic zudem nicht eruieren.

Die Zweifel an Kottmann mehren sich

Aufgefallen ist mehreren Gesprächsteilnehmern grosse Zufriedenheit der Sabic-Vertreter mit Stephan Lynen, der seit 1. April bei Clariant als neuer Finanzchef amtiert. Unausgesprochen seien derweil grosse Vorbehalte gegen den geschäftsführenden Präsidenten Kottmann zum Ausdruck gekommen, sagen sie übereinstimmend.

Clariant ist seit dem Abgang von Occhiello vor eineinhalb Jahren noch immer auf der Suche nach einem definitiven Nachfolger: «Der Selektionsprozess für einen neuen CEO ist fortgeschritten», schreibt ein Sprecher auf Anfrage. Clariant ziele darauf ab, Anfang 2021 einen Nachfolger an Bord zu haben.

Fondsmanager zweifeln jedoch, dass Kottmann überhaupt noch in der Lage sei, eigenständig einen neuen CEO einzusetzen. Ein Investmentbanker sieht das gleiche Problem bei Übernahmen und Fusionen: «Mit Kottmann gibt es keinen grossen Deal mehr für Clariant.»

Analysten und Grossinvestoren beobachten derweil, dass der geschäftsführende Präsident in letzter Zeit an keinen Investorengesprächen mehr aufgetaucht sei – etwas, was er sich früher nicht habe nehmen lassen. Sowohl an Videokonferenzen wie an Veranstaltungen zeige nun Lynen Präsenz, berichten sie.

«Mr. Clariant» hat seine Glaubwürdigkeit verloren, lautet ihr Verdikt: «Wenn Kottmann geht, steigt der Kurs sofort 10 bis 20%», sagt einer von ihnen.

Vor diesem Hintergrund wird jetzt Sabic aktiv: «Es läuft etwas», resümiert einer der Clariant-Investoren nach dem Gespräch mit dem saudischen Grossaktionär: «Sie rufen jetzt schon mal alle Leute zusammen, sondieren die Lage, sagen aber noch nicht, was sie vorhaben.» Das einzige Versprechen, das Occhiello an der Roadshow abgegeben habe, sei: «Sie werden demnächst wieder von uns hören.»