Analyse

Clariant: Versandete Fusionsbemühungen lösen Handlungsbedarf aus

Statt über eine Fusion die angestrebte Grösse zu erreichen, wird der Chemiekonzern mit dem Verkauf des Pigmentgeschäfts kleiner. Das ist nicht im Sinn der Konzernführung.

Andreas Kälin
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Während der Sommermonate sind die Wellen hochgeschlagen: In den Medien und im Markt wurde darüber gewerweisst, ob der Spezialchemiekonzern Clariant 📈 mit einem Wettbewerber fusionieren werde. Inzwischen sind die Diskussionen verebbt, aus gutem Grund. Wie The Market aus zuverlässiger Quelle hört, haben sich die Fusionsgespräche zwischen Clariant und möglichen Partnern nicht weiter entwickelt.

Klar war immer, dass Hariolf Kottmann, Verwaltungsratspräsident und CEO von Clariant, einen Zusammenschluss anstrebt. Aus seiner Sicht ist sein Konzern mit 4,4 Mrd. Fr. Umsatz aus fortgeführten Geschäften zu klein. Ende Juni hatte der «Tages-Anzeiger» Konzernkreise zitiert, laut denen «kein Einziger im Management» das Ziel aufgegeben habe, über eine Fusion eine Grössenordnung von 10 bis 12 Mrd. Fr. Umsatz zu erreichen; Verhandlungen dazu seien «schon weit fortgeschritten».

Kottmanns Alternativen

Es ist tatsächlich immer unklar geblieben, wie weit die Bemühungen um eine Fusion gediehen sind und wie einseitig sie letztlich waren.

Die These von The Market ist, dass Kottmann sich unter Druck fühlte und hauptsächlich zwei Alternativen sah: Eine selbstinitiierte Fusion mit einem starken Wettbewerber oder eine fremdinitiierte und unerwünschte Übernahme durch einen Dritten.

Die dritte Option, selbst gross zuzukaufen und so näher an die kritische Grösse zu kommen, gilt als teuer und problematisch. Dennoch hat Kottmann in Gesprächen und Interviews stets auch die Möglichkeit einer grösseren Akquisition ins Feld geführt.

Nicht interessiert an LSI

Im Bereich Spezialchemie gibt es aktuell durchaus Bewegung. Am Investorentag in der vergangenen Woche hat Lonza bestätigt, Anfang Monat den Verkaufsprozess für die Sparte Specialty Ingredients offiziell gestartet zu haben. Von Agenturseite wurde auch Clariant als potenzieller Interessent dafür genannt, was nicht plausibel ist.

Zu Lonza Specialty Ingredients (LSI) gehört neben Specialty Chemical Services auch der Bereich Microbial Control Solutions. LSI umfasst damit Anwendungen, die nicht zu Clariant passen. Wie Kottmann aber stets betont hat, ist es eine Bedingung für eine Grossübernahme, dass sich das zugekaufte Produktportfolio sehr gut ergänzt mit dem eigenen Kerngeschäft.

Gemäss Informationen von The Market ist der deutsche Spezialchemiekonzern Lanxess in den Verhandlungen zum Verkauf von Lonza Specialty Ingredients in der Poleposition. Die beiden Parteien sollen schon vor rund zwei Jahren und erneut Anfang 2020 über solch eine Transaktion miteinander gesprochen haben.

Pigmentgeschäft bald weg

Statt zu expandieren, wird Clariant bald noch kleiner: Der Basler Konzern hat letzte Woche bestätigt, den wegen Covid-19 temporär auf Eis gelegten Verkaufsprozess für sein Pigmentgeschäft reaktiviert zu haben.

Reuters zufolge haben Unternehmensbeobachter vor der zwischenzeitlichen Einstellung der Verkaufsbestrebungen den Wert des Pigmentgeschäfts, das Farbstoffe etwa für die Autoindustrie herstellt, auf bis zu 900 Mio. Fr. geschätzt. Es ist davon auszugehen, dass Clariant am kommenden Donnerstag, anlässlich der Präsentation der Drittquartalszahlen, erstmals separate Zahlen für das Pigmentgeschäft zeigen wird, um eine Einschätzung seines aktuellen Werts zu ermöglichen. In der Zwischenzeit hat man diesen Konzernteil nämlich auf Vordermann gebracht und die Kosten reduziert.

Dem Vernehmen nach rechnet Clariant damit, den Verkauf des Pigmentgeschäfts im ersten Halbjahr 2021 abschliessen zu können.

CEO-Frage lösen

Der Umstand, dass die Fusionsbemühungen versandet sind, und der anstehende Verkauf des Pigmentgeschäfts haben für Clariant nun Handlungsbedarf zur Folge.

Das betrifft erstens die Besetzung des CEO-Amtes. Kottman hat es nur auf interimistischer Basis nochmals übernommen, nachdem Ernesto Occhiello im Juli 2019 per sofort davon zurückgetreten war. Wie nach und nach ersichtlich geworden ist, hing sein Abgang mit dem sich verschlechternden Verhältnis zu Clariants Grossaktionär Sabic zusammen. Occhiello übte vor seiner nur neunmonatigen Amtszeit als Clariant-CEO die Funktion des Executive Vice President Specialties bei Sabic aus und hat sie heute wieder inne.

Die Suche nach einem neuen CEO für Clariant hat sich derweil hingezogen – de facto dürfte der Suchprozess längere Zeit «on hold» gewesen sein, als Folge der Fusionsbemühungen: Die Besetzung der Führungspositionen ist jeweils Teil eines Fusionsdeals. Es darf angenommen werden, dass Kottmanns Vorstellung darin bestand, selbst das VR-Präsidium des Fusionsgebildes zu übernehmen, während das Partnerunternehmen den CEO gestellt hätte – womit sich dieses Problem für Clariant von selbst erledigt hätte. Die Fusionsspekulationen in den Medien werden auf der anderen Seite auch mögliche Kandidaten für den CEO-Job bei Clariant verunsichert und abgeschreckt haben.

Nachdem die Fusionsgespräche verebbt sind, lässt sich die Lösung der CEO-Frage nicht mehr länger hinausschieben.

Das Thema Kosten

Akuter Handlungsbedarf besteht nun auch betreffend der Kostenbasis. Sie ist auf eine grössere Konzernstruktur ausgelegt als aktuell gegeben. Doch Clariant wird nicht grösser, sondern mit dem Verkauf des Pigmentgeschäfts kleiner. Ohne Fusion könnten, wie aus internen Quellen schon im Sommer durchgesickert ist, bis zu 1000 Stellen im Verwaltungsbereich resp. in den Serviceeinheiten wie IT, Beschaffungs- oder Personalwesen abgebaut werden. Die Umsetzung dieses Personalabbaus liesse sich ab nächstem Jahr an die Hand nehmen.

Es darf erwartet werden, dass sich Clariants Führung anlässlich der Präsentation der Drittquartalszahlen am nächsten Donnerstag zu den Themen Personalabbau und Kostenreduktion äussern wird.

Attraktives Übernahmeziel

Fürchten wird die Konzernführung vor allem eine Konsequenz, die sich durch das Ausbleiben einer Fusion und die weitere Verkleinerung des Unternehmens ergibt: Mit dem Verkauf des Pigmentgeschäfts wird Clariant die Bilanz stärken und sich weiter fokussieren, womit der Spezialchemiekonzern als Übernahmeobjekt noch attraktiver wird. Vertreter einer Private-Equity-Gesellschaft sollen Kottmann schon im Sommer getroffen haben, um die Möglichkeiten einer Übernahme von Clariant auszuloten.

Dabei muss sich Kottmann damit abfinden, dass er die Zügel nur noch in eingeschränktem Masse in den Händen hat. Eine zentrale Rolle spielt der Grossaktionär Sabic, der 31,5% an Clariant hält und mit dem sich Kottmann überworfen hat. Anfang Juli, nachdem die Fusionsgerüchte hochgekocht waren, griff Sabic-CEO Yousef Al-Benyan in einem Interview mit Bloomberg TV denn auch ein und unterstrich, Clariant sei nicht in Fusionsgesprächen, die zu einer Reduktion von Sabics Beteiligung führen könnten.

Abhängig von Sabic

Die Frage ist, was Sabic denn will: Der Chemie- und Metallkonzern wurde im Juni mehrheitlich vom weltgrössten Ölförderer Saudi Aramco übernommen. Am 23. August kündigte Aramco dann die Schaffung einer integrierten Organisation für Unternehmensentwicklung an. Deren Zweck ist es, das Unternehmensportfolio zu optimieren. Es wird also geprüft, was abgestossen werden soll.

Die Verbindung von Aramco und Sabic hat einen Giganten im Chemiesektor entstehen lassen. Unter der Annahme, dass dieser sich auf den Bereich Basischemie konzentriert, wäre die Beteiligung am Spezialchemiehersteller Clariant ein peripheres Investment, das irgendwann zur Disposition stehen wird.

The Market macht die Prognose, dass Clariant im nächsten Jahr grundlegende Veränderungen erfahren wird. Wer auf diese Veränderungen setzen will, hat nun eine Gelegenheit zum Einsteigen.