Analyse

Continental schaltet einen Gang höher

Der Autozulieferer positioniert sich für eine Zukunft mit Elektroantrieben und autonomen Fahrzeugen. In den günstig bewerteten Aktien des Dax-Konzerns steckt damit viel Aufholpotenzial. Das IPO der Sparte Vitesco sorgt für zusätzliche Kursfantasie.

Tim Schäfer
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Die Autoindustrie steuert auf eine spannende Zukunft zu. Branchenriesen wie Volkswagen, Toyota und General Motors forcieren die Transformation zur Elektromobilität. Mit der zunehmenden Bedeutung von Software und 5G-Übertragungstechnologien werden Autos immer mehr zu fahrenden Computern.

Für Continental eröffnen sich dadurch neue Chancen. Gemessen an der Marktkapitalisierung von gut 25 Mrd. € ist der 1871 gegründete Dax-Konzern aus Hannover mit weltweit 235’000 Mitarbeitenden der drittgrösste Autozulieferer nach Denso aus Japan und Aptiv mit Sitz in Irland. Aus dem gemächlichen Reifenhersteller soll künftig ein modernes Hightech- und Softwarehaus werden, das Investoren robustes Wachstum und ansprechende Gewinnmargen offeriert.

Global führende Autozulieferer

Börsenwert, in Mrd. €

Nachdem die Pandemie letztes Jahr Kräfte absorbiert hat, beschleunigt Continental nun die strategische Neuausrichtung. Ein wichtiger Schritt dazu ist die Abspaltung der Antriebssparte Vitesco Technologies, die im September als eigenständige Gesellschaft an die Börse verkauft wird. Der Spin-off ist schon seit längerer Zeit in Planung, Ende April haben ihm die Aktionäre offiziell zugestimmt.

Continental: Umsatzaufteilung nach Sparten

in %
Rubber Technologies
Automotive Technologies
Vehicle Networking & Information
Autonomous Mobility & Safety
Vitesco Technologies

CEO Nikolai Setzer, der seit 1997 für Continental tätig ist und im letzten Dezember das Steuer übernommen hat, baut gleichzeitig die Konzernstruktur um. Die Segmente Autonomous Mobility (computergesteuerte Fahrerassistenz und autonomes Fahren) sowie Safety (Bremstechnologie), die bislang zusammen in einer Division mit rund 9,5 Mrd. € Jahresumsatz geführt worden sind, werden ab Anfang 2022 als separate Sparten auftreten.

«Damit schaffen wir Klarheit und mehr Freiraum für das Ausgestalten der jeweiligen unterschiedlichen strategischen Ausrichtungen», meinte Setzer bei der Präsentation der Zahlen zum ersten Quartal Anfang Mai. Während für die Sparte Safety als reiferes Geschäft die Profitabilität im Vordergrund steht, soll sich der Bereich Autonomous Mobility auf Wachstum mit Zukunftstechnologien konzentrieren.

Das Management von Continental rechnet damit, dass sich der Markt für assistiertes und autonomes Fahren in den nächsten drei Jahren mehr als verdoppeln wird. Continental ist in diesem Bereich bereits attraktiv aufgestellt und hat allein in den Jahren 2018 bis 2020 Kundenaufträge im Wert von mehr als 9 Mrd. € gewonnen. Um das Tempo zu forcieren, will der Konzern in diesem Bereich dieses Jahr 200 bis 250 Mio. € zusätzlich in die Forschung investieren. Auch schaut er sich aktiv nach neuen Technologiepartnern und Start-up-Firmen um.

Fokus richtet sich auf 2022

Operativ ist das Unternehmen trotz einem schwierigen Marktumfeld solid ins Jahr gestartet. Im Vergleich zum von der Pandemie stark betroffenen Vorjahresquartal entwickelte sich das Geschäft während den ersten drei Monaten vor allem in China erfreulich.

Gut unterwegs war die Sparte Rubber Technologies, die einen robusten, zuverlässigen Cashflow erwirtschaftet und überaus profitabel arbeitet. Sie umfasst das klassische Reifengeschäft, in dem Continental zusammen mit Bridgestone und Michelin weltweit zu den drei gössten Herstellern zählt. Im Geschäftsfeld ContiTech mit intelligenten Lösungen aus Kunststoff und Kautschuk gehört Continental ebenfalls zu den weltweit führenden Spezialisten.

Konzernweit wuchs der Umsatz organisch 8,6% auf 10,3 Mrd. €. Der bereinigte Ebit verdoppelte sich auf 834 Mio. €. Der Gewinn legte von rund 290 auf 450 Mio. € zu. Der freie Cashflow belief sich auf 380 Mio. €, wobei Continental saisonalitätsbedingt jeweils gegen Ende Jahr weitaus am meisten freie Mittel erwirtschaftet. Im Schlussquartal 2018 zum Beispiel waren es über 1,6 Mrd. €.

Für das Gesamtjahr 2021 budgetiert CEO Setzer konservativ. Speziell der wichtige europäische Automarkt, der üblicherweise für rund die Hälfte der Einnahmen aufkommt, bewegt sich noch deutlich unter dem Rekordniveau von 2017. Auch das Niveau von 2019 sei noch nicht wieder erreicht, heisst es im Quartalsbericht.

Für die fortgeführten Aktivitäten (ohne Vitesco) erwartet Continental dieses Jahr einen Umsatz von 32,5 bis 34,5 Mrd. €. Die bereinigte Ebit-Marge soll sich zwischen 6 und 7% bewegen.

Auf der Kostenseite hat der Markteinbruch im letzten Jahr – weltweit sind im Autosektor 16% weniger Fahrzeuge von den Bändern gerollt – das Management zu weiteren Sparmassnahmen veranlasst. Im September hat Continental den Abbau von zusätzlich 10’000 Stellen angekündigt.

Ziel ist es, ab 2023 brutto mehr als 1 Mrd. € pro Jahr einzusparen. Besonders in älteren Anwendungen wie Mechanik und Hydraulik fallen zahlreiche Jobs wegen des Strukturwandels in der Autobranche weg. Dauerhaft defizitäre Geschäfte stehen zum Verkauf. Die Aktivitäten mit Komponenten für Verbrennungsmotoren sollen sukzessive zurückgefahren werden.

Die grössten Herausforderungen bringen derzeit höhere Rohstoffpreise und die angespannte Versorgungslage bei Halbleitern mit sich – Probleme, mit denen die gesamte Autobranche weltweit kämpft. «Die Engpässe im Chipsektor erhöhen die Einkaufs- und Logistikkosten», meint dazu Horst Schneider, Analyst in Diensten von Bank of America.

Seinen Schätzungen nach kauft Continental jährlich Elektronik in Höhe von rund 5 Mrd. € ein, einschliesslich Komponenten aus dem Halbleitersektor. Wenn das Unternehmen 5% mehr für Chips bezahlen müsse, dann könne dies für das laufende Jahr folglich eine zusätzliche Belastung von 250 Mio. € bedeuten, rechnet Schneider vor. Immerhin könnten diese Mehrkosten aber wohl teilweise an die Kunden weitergegeben werden.

Umgekehrt dürften sich auch positive Auswirkungen auf den Produktemix ergeben. Wegen der Knappheit an Halbleitern müssen Autohersteller gegenwärtig gewisse Modellreihen priorisieren. «Grössere und profitablere Fahrzeuge dürften bei der Produktion deshalb bevorzugt werden. Das könnte wiederum Continental zugutekommen», denkt Aktienanalyst Schneider, der Continental zum Kauf empfiehlt.

Aktien sind attraktiv bewertet

Die Valoren von «Conti» sind damit eine Wette darauf, dass der Konzern nächstes Jahr wieder richtig Fahrt aufnehmen und die Krise weitgehend hinter sich lassen kann. Auf Basis der Konsensschätzung der Analysten soll sich der Umsatz für 2022 (inklusive Vitesco) auf rund 45,3 Mrd. € verbessern und damit den bisherigen Spitzenwert von 44,5 Mrd. € aus dem Jahr 2019 übertreffen.

Für 2023 wird eine weitere Steigerung der Einnahmen um 5,5% auf 47,6 Mrd. € erwartet:

Continental: operative Geschäftsentwicklung

in Mrd. €
Umsatz
Ebit
Prognose (ab 2021)

Noch offen ist, welchen Preis Continental für den Verkauf von Vitesco Technologies lösen kann. Eine entscheidende Frage ist hier, wie viel Cash der Mutterkonzern in die Division einfliessen lassen wird bzw. muss. Bereits fest steht, dass Aktionäre für fünf Continental-Titel eine Vitesco-Aktie erhalten werden.

Als die Abspaltung 2019 erstmals zur Debatte stand, war an der Börse von einer Bewertung für Vitesco von bis zu 5 Mrd. € die Rede. Analysten messen dem Bereich ein Umsatz-Multiple von knapp 0,6 zu, womit sich auf Grundlage der Schätzungen für 2022 ein Unternehmenswert von etwa 4,9 Mrd. € ergeben würde. Geht man beim Ebit aufgrund gängiger Annahmen von einem Faktor 10 aus, sind es gut 3,7 Mrd. €.

Alles in allem bergen die Aktien von Continental, an denen die Familie Schaeffler einen Anteil von 46% hält, damit reichlich Aufholpotenzial. Gemäss einer quantitativen Analyse von The Market zählen sie denn auch zu den deutschen Valoren mit dem besten Risiko-Rendite-Profil.

Der Kurs notiert seit Anfang Jahr 8% im Plus. Der Dax hat knapp 13% gut gemacht. Obschon sich die Aktien seit dem Einbruch vom letzten Frühjahr mittlerweile erholt haben, bewegen sie sich noch immer fast 50% unter dem Allzeithoch, das sie Anfang 2018 mit 251.30 € markiert hatten:

Aktien von Continental bergen viel Aufholpotenzial

Kursperformance über letzte fünf Jahre, in %
Continental
Aptiv
Denso
Michelin
S&P Global 1200 Auto Parts & Equipment

Entsprechend günstig ist die Bewertung: Gemäss den Analystenschätzungen für 2022 handeln die Titel zum Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 11, was unter dem Durchschnitt der Branche liegt. Zum Vergleich: Bei Denso sind es fast 14, bei Michelin knapp 12 und bei Aptiv sogar nahezu 30. Auch das Umsatzmultiple ist mit 0,7 wenig anspruchsvoll.

Was die Qualität der Bilanz betrifft, braucht Continental den Vergleich zur Konkurrenz nicht zu scheuen. Per Ende März belief sich der Verschuldungsgrad (Nettoschulden/Ebitda) gemäss dem Datendienst S&P Global auf 0,9. Eine aktuelle Studie des Kreditprüfers Moody’s ergibt, dass Continental zu den wenigen europäischen Autozulieferern zählt, bei denen der Verschuldungsgrad in den Vorkrisenjahren 2017 bis 2019 jeweils mehr oder minder im Rahmen dessen blieb, was für ein Investment-Grade-Rating gefordert ist.

Unter diesen Voraussetzungen dürfte sich dieses Jahr auch wieder etwas mehr Spielraum bei der Ausschüttungspolitik ergeben. Nachdem der Verwaltungsrat die Dividende für 2020 ausgesetzt hat, würde es nicht überraschen, wenn Continental dieses Jahr die Zahlungen wieder aufnimmt. An der Börse wird aktuell mit knapp 2.45 € pro Aktie gerechnet, was eine Rendite von 1,9% ergibt. Für 2022 wird eine Ausweitung der Dividende auf rund 3.40 € erwartet, womit 2,7% resultieren würden.

Preisbewussten Anlegern mit etwas Geduld und überdurchschnittlicher Risikofähigkeit bieten die Valoren von Continental damit ein attraktives Gesamtpaket. Das sieht offenbar auch der amerikanische Value-Investor David Herro von Harris Associates so. Sein international aktiver Fonds hat Mitte Mai eine Beteiligung von über 5% gemeldet.

Kennzahlen

Land Börsenwert Umsatz 2021 Ebitda-Marge Nettoschulden/Ebitda KGV 2021 KGV 2022 Umsatz-Multiple 2022 KBV Rendite
Denso Japan 53,9 50,1 9,9 - 18,1 13,8 1 1,5 1,8
Aptiv Irland 41,3 15,7 13 0,8 40,8 29,5 2,4 5,1 0
Continental Deutschland 30,4 50 9,7 0,9 15,9 10,8 0,7 1,9 0
Michelin Frankreich 28,6 26,8 16,6 1 14,4 11,8 1,2 1,9 1,7
Magna Kanada 28 41 10,1 0,6 12,3 10,1 0,7 2,3 1,9
BorgWarner USA 11,6 15,2 15,1 1,2 11,6 9,7 0,8 1,8 1,4
Aisin Japan 11,5 35,6 9,4 1 7,6 8,7 0,5 0,8 2,5
Valeo Frankreich 7,7 22,1 5,2 3,4 19,3 9,9 0,5 2 1,1
Hella Deutschland 7,5 7,9 7,2 - 19,7 16,2 0,9 2,7 0
Pirelli Italien 6 5,8 13,8 5,8 13,6 10,3 1,8 1,1 1,6