Analyse

Das sind die besten Unternehmen am deutschen Aktienmarkt

Deutschland ist eine Wirtschaftsmacht. Dennoch sind im Ausland vor allem Unternehmen aus wenig innovativen Branchen bekannt. The Market macht sich deshalb auf die Suche nach den wahren Champions.

Michael Griesdorf
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Deutschland ist die grösste Volkswirtschaft Europas. Mit einem Bruttoinlandprodukt von 3,4 Bio. € ist sie rund sechsmal so gross wie die der Schweiz. In Europa weist das Land nominal den grössten Leistungsbilanzüberschuss aus und gehört damit zu den kompetitivsten Staaten auf dem Alten Kontinent.

Für Investoren müsste Deutschland folglich ein Eldorado sein. Wird ein Ausländer nach bekannten deutschen Unternehmen gefragt, dürften als Erstes jedoch Vertreter aus dem Automobil-, Industrie- und Finanzsektor genannt werden – alles nicht wirklich dynamische Branchen, die wenig Lust auf mehr machen.

Also doch lieber Finger weg von Investments im Land von schnellen Autos, Würsten und Bier? «Nein», sagt Olgerd Eichler, Portfoliomanager beim deutschen Finanzdienstleister MainFirst. «Auf dem deutschen Aktienmarkt dominieren zwar zyklische Werte. Darunter sind jedoch viele hervorragend aufgestellte und innovative Unternehmen mit einer einzigartigen Marktstellung. Deutschland bleibt deshalb langfristig ein attraktives Umfeld für Aktieninvestoren», ist Eichler überzeugt.

The Market wollte es genauer wissen und hat die neunzig Unternehmen aus dem Dax und dem MDax, der die mittelgrossen Namen enthält, nach qualitativ einwandfreien Unternehmen abgeklopft. Berücksichtigt wurden nur jene Gesellschaften, bei welchen die Datenlage über den Konjunkturzyklus zurückreicht und bei denen die Rendite auf das investierte Kapital (ROIC) zuletzt klar über dem Marktschnitt lag. Letztes gilt als Beweis für eine überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit.

Folgende Kriterien standen bei den übrig gebliebenen Firmen im Mittelpunkt:

1. Eine über den Konjunkturzyklus mindestens gleichbleibende ROIC, als Indiz für eine unverändert starke Marktstellung

2. Eine über den Konjunkturzyklus steigende Dividende je Aktie in Kombination mit einem mindestens gleich bleibenden Buchwert je Aktie, ebenfalls als Merkmal für eine gleich bleibend starke Position im Markt

3. Eine niedrige Verschuldung, gemessen am Verhältnis aus Nettoschulden zum operativen Gewinn vor Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda), als Zeichen für eine gesunde Bilanzsituation

4. Eine überdurchschnittlich hohe Eigenkapitalquote, ebenso als Hinweis für eine starke Bilanz

5. Eine möglichst tiefe Volatilität als Anhaltspunkt für das Vertrauen der Anleger ins Management und in die Zukunft des Unternehmens

Gewinner sind vor allem Gesellschaften aus dem MDax

18 von 90 Gesellschaften bzw. rund ein Fünftel aller Unternehmen im Dax und im MDax haben den Test bestanden. Sie haben sowohl die Ausschlusskriterien (lückenlose Datenlage und überdurchschnittlicher ROIC) überwunden, als auch gleichzeitig alle, oder zumindest eine Mehrheit der restlichen genannten Kriterien erfüllt.

Die folgende Tabelle zeigt die 18 Unternehmen, die im Raster hängen geblieben sind. Die genaue Methodik wie auch die Daten zur Auswertung finden sich am Schluss des Artikels.

Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass nur sieben Dax-Unternehmen vertreten sind. Gesellschaften wie der Konsumgüterkonzern Henkel (5 von 5 möglichen Kriterien erfüllt), der Softwareriese SAP (4 von 5) oder der Sportartikelproduzent Adidas (4 von 5) müssen den Ruf der dreissig grössten deutschen Firmen retten.

Etwa die Hälfte der Unternehmen aus dem deutschen Leitindex scheiterte an einer zu geringen Rendite auf das investierte Kapital. Zu dieser Gruppe gehören grosse Namen wie der Automationsspezialist Siemens, der Autobauer Volkswagen, die Deutsche Telekom, der Chemiekonzern Bayer oder das Gesundheits- und Chemieunternehmen Merck KGaA. Beim Rest spielten verschiedene andere Faktoren eine Rolle.

Die Kleineren dominieren die Auswahl

Deutschland zählt also vor allem dank der kleineren, agileren Unternehmen zu den Champions unter Europas Volkswirtschaften. Neben den zuvor erwähnten, international bekannten Konzernen wie Henkel, SAP und Adidas finden sich in der Auswahl viele Namen wie Bechtle oder Nemetschek, die ausländischen Investoren möglicherweise weniger geläufig sind.

Bechtle ist ein führendes IT-Systemhaus. Die Firma steht in Konkurrenz zu SoftwareOne, die im Oktober 2018 via Publikumsöffnung an die Schweizer Börse gelangt ist. Bechtle verkauft nicht nur IT-Produkte, sondern bietet auch Beratungs-, Integrations- und Unterhaltsleistungen für ganze IT-Landschaften bei Geschäftskunden an.

Die Gesellschaft erfüllt gleich vier der fünf Kriterien. Einziger Wermutstropfen ist die relativ niedrige Eigenkapitalquote von 42%. Jene befindet sich jedoch immer noch im Durchschnitt aller im Dax und MDax gelisteten Unternehmen.

Nemetschek beackert eine interessante Nische

Nemetschek ist ein Anbieter von Software, mit der Architekten, Ingenieure, Bauunternehmen und Gebäudemanager planen, Informationen austauschen und enger zusammenarbeiten können. Mit ihren Produkten deckt die Firma als weltweit einziges Unternehmen den kompletten Arbeitsablauf im Lebenszyklus eines Bau- oder Infrastrukturprojekts ab.

Nemetschek erfüllt zwar «nur» drei der fünf Kriterien. Dennoch zählt auch sie mit einer über den Konjunkturzyklus steigenden Kapitalrendite, Buchwert und Dividende je Aktie und einer niedrigen Verschuldung zur Top-Liga der deutschen Unternehmen – zumindest nach quantitativen Kriterien auf Basis historischer Daten. Keinen Anhaltspunkt bietet die Tabelle über das Potenzial der aufgeführten Gesellschaften.

The Market wird einzelne Unternehmen in den kommenden Monaten deshalb einer vertieften Analyse unterziehen. Dabei stehen neben dem historischen Leistungsausweis, weitere Fragen zur Marktstellung und zur künftigen Entwicklung im Fokus. Eine wichtige Rolle wird dabei auch die Bewertung spielen.

Methodik zur Auswertung

- The Market hat sich für die obige Analyse auf Informationen des Datendienstleisters Bloomberg gestützt. Berücksichtigt wurden nur Unternehmen, bei denen die Daten fünfzehn Jahre und damit über den letzten Konjunkturzyklus zurückreichen. Ausgeschlossen wurden Finanzwerte, weil sich deren Qualität zum Teil nicht nach den von uns aufgestellten Kriterien messen lässt. Ausserdem kamen nur Gesellschaften in die Ränge, deren Rendite auf das investierte Kapital (ROIC) mindestens 10% beträgt. Die angesetzte Messlatte liegt damit zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt aller Firmen aus dem Dax und dem MDax.

- Bei den drei Kriterien mindestens gleich bleibender ROIC und Buchwert je Aktie, sowie steigende Dividende je Aktie wurde der Mittelwert der Jahre 2017 bis 2019 ins Verhältnis zum Mittelwert der Jahre 2005 bis 2007 gesetzt, um Einmaleffekte auszuschliessen. Die Kennziffern Buchwert und Dividende je Aktie sind nur in Kombination aussagekräftig. So kann ein Unternehmen die Dividende auch durch Entnahme finanzieller Mittel aus der Bilanz steigern. Das würde jedoch den Buchwert schmälern. Damit ein Unternehmen einen Punkt erhält, muss somit ein Wachstum bei der Dividende je Aktie, als auch ein mindestens gleich bleibender Buchwert je Aktie ersichtlich sein. Die Dividende je Aktie ist im Übrigen dem Gewinn je Aktie überlegen, weil so auch Investitionen berücksichtigt werden, die für das Wachstum allenfalls nötig werden. Der Buchwert je Aktie lässt sich zudem durch Aktienrückkäufe nicht so leicht positiv beeinflussen.

- Eine Faustregel besagt, dass Unternehmen mit einem Verhältnis von Nettoschulden zu Ebitda von höchstens 3 noch eine tolerierbare Verschuldung aufweisen. In unserer Auswertung haben jedoch nur Gesellschaften einen Punkt erhalten, deren Ratio bei maximal 2,5 liegt. Damit geht The Market konservativ vor. Eine Ausnahme bilden Immobiliengesellschaften, deren Verschuldung wegen der Natur ihres Geschäfts höher ist. Deshalb wird in diesem Segment ein Verhältnis aus Nettoschulden zu Ebitda von maximal 10 akzeptiert. Das entspricht ungefähr dem Durchschnitt aller im Dax und im MDax enthaltenen Immobiliengesellschaften.

- Ein Punkt geht an Unternehmen, deren Eigenkapitalquote mindestens 50% beträgt. Auch hier liess The Market Vorsicht walten. Der Durchschnitt aller im Dax und im MDax enthaltenen Unternehmen liegt bei rund 37%.

- Die Volatilität über das letzte Halbjahr (auf annualisierter Basis) dient als Indikator für Unwägbarkeiten. Hohe Kursschwankungen können ein Misstrauensvotum der Investoren gegenüber dem Management und der Zukunft des Unternehmens sein. Einen Punkt erhalten Gesellschaften, die in der Volatilitäts-Rangliste aller im Dax und im MDax vertretenen Namen auf oder unter dem Median (fünftes Dezil) liegen.

- Um als Qualitätsunternehmen zu gelten, müssen mindestens drei von fünf Punkte erzielt werden.