Analyse

Der Kampf gegen die Pandemie

Die Suche nach Wirkstoffen gegen das neue Coronavirus läuft auf Hochtouren. Vorne dabei sind Gilead Sciences, Sanofi und Roche. Die Aktien dieser drei Pharmakonzerne sind auch sonst attraktiv.

Michael Griesdorf
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Der Sars-CoV-2-Erreger versetzt die Finanzmärkte in Panik. Täglich treffen neue Hiobsbotschaften zur Pandemie ein. Die Anzahl der neu infizierten Personen ausserhalb von China steigt rapid. Weltweit ergreifen Staaten Extremmassnahmen, um die Ausbreitung zu verlangsamen.

Gefordert ist nun die Pharmaindustrie. Ihr Know-how hat in den letzten zwanzig Jahren dank der Entschlüsselung des Genoms rasch zugenommen. Personen mit HIV beispielsweise führen mittlerweile ein nahezu normales Leben. Hepatitis-C-Patienten können sogar geheilt werden, und viele Krebspatienten haben wesentlich bessere Aussichten.

An der Börse wurde der Sektor zuletzt allerdings vernachlässigt. Pharma- und Biotech-Aktien hinkten 2019 hinterher, haben sich während der Verwerfungen der vergangenen Wochen aber stabiler verhalten als der Gesamtmarkt. Gemessen am Stand von Anfang 2019 schneiden sie damit ungefähr gleich ab wie der US-Leitindex S&P 500:

Performance seit Anfang 2019

in %
Pharmaceutical Index
Nasdaq Biotechnology Index
S&P 500

Zu den grösseren Pharmaunternehmen mit Covid-19-Projekten zählen Gilead Sciences, Johnson & Johnson, AbbVie, Pfizer, Regeneron, Sanofi und Roche. Kleinere Gesellschaften, die an der Entwicklung eines Wirkstoffs gegen das Virus forschen, sind unter anderem Moderna Therapeutics, Inovio Pharmaceuticals und Vir Biotechnology.

Gilead testet Heilmittel

Grosse Hoffnungen ruhen auf Gilead. Der Biotech-Konzern ist mit der Entwicklung des Medikaments Remdesivir im Kampf gegen das Virus am weitesten fortgeschritten. Der potenzielle Wirkstoff gegen Covid-19 wird bereits in China und den USA bei schwer erkrankten Patienten eingesetzt.

Allerdings muss die Wirksamkeit von Remdesivir in gross angelegten Studien erst noch überprüft werden. Mit Spannung warten die Börsen auf erste Resultate, die im April veröffentlicht werden sollen.

Gilead zählt zu den Pionieren bei Wirkstoffen gegen Viren. Sie gehört zu den Pharmaherstellern, die massgeblich daran beteiligt sind, dass HIV-Patienten heute eine normale Lebenserwartung haben. Zudem hat der Konzern als Erster ein Präparat auf den Markt gebracht, das Hepatitis-C-Patienten heilen kann. Ebenso stammt das bereits gegen die Schweine- und die Vogelgrippe verabreichte Grippemittel Tamiflu (von Roche einlizenziert) aus Gileads Küche.

Ein Erfolg im Kampf gegen das Coronavirus wäre ein zusätzlicher Pluspunkt für die Aktien. Wegen der Konkurrenz durch Generika bei drei älteren Wirkstoffen wird Gilead den Umsatz 2020 nicht erhöhen können. Auch steigt die Gefahr zunehmender Konkurrenz im Bereich HIV in den nächsten Jahren.

Der neue CEO Daniel O’Day – bis Anfang 2019 Pharmachef bei Roche – richtet Gilead deshalb mit strategischen Partnerschaften Schritt für Schritt auf neue Krankheitsgebiete abseits von HIV (Umsatzanteil 2019 rund 75%) aus. Unter anderem kooperiert der Konzern dafür mit dem belgischen Unternehmen Galapagos, das über eine reichhaltige Forschungspipeline auf dem Gebiet Autoimmunkrankheiten verfügt.

Gilead verdient das Gros des Umsatzes mit HIV-Medikamenten

Umsatzanteil Divisionen, in % (Geschäftsjahr 2019, Total: 22,1 Mrd. $)
HIV
Übrige

Weitere Partnerschaften in diesem Stil oder auch Zukäufe könnten dank dem hohen Barmittelbestand von rund 24 Mrd. $ folgen. Vor diesem Hintergrund sind die Aktien günstig bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis des geschätzten Gewinns für 2020 beträgt gegenwärtig 11.

Gilead Sciences

Gilead Sciences
Nasdaq Biotechnology Index (angeglichen)
S&P 500 (angeglichen)

Chance für die Pharmaindustrie

Generell sollten Anleger jedoch nicht vorbehaltlos Valoren von Pharmaunternehmen kaufen, die derzeit an der Entwicklung eines Mittels gegen Covid-19 arbeiten. Es ist noch längst nicht klar, ob sie bei der Entwicklung ihrer Präparate erfolgreich sein werden.

«Die Visibilität zum Markteintritt und zur Effektivität eines allfälligen Wirkstoffs ist derzeit noch sehr beschränkt», merkt dazu Credit-Suisse-Analyst Evan Seigerman an.

Je kleiner das Unternehmen, desto mehr wird ein Misserfolg ins Gewicht fallen. Vorsicht ist daher besonders bei Gesellschaften wie Moderna Therapeutics und Inovio Pharmaceuticals angebracht. Zu gross ist ihre Abhängigkeit von einzelnen Wirkstoffen.

In den meisten Fällen ist die Marktzulassung eines Covid-19-Präparats überdies noch Jahre entfernt. Speziell bei Impfstoffen gestaltet sich nicht nur der Entwicklungsprozess langwierig. Auch die Produktion selbst ist wegen der verschärften Sicherheitsvorschriften – Impfstoffe werden im Gegensatz zu den meisten Medikamenten gesunden Erwachsenen und vor allem Kleinkindern verabreicht – zeitintensiv und kann gut zehn bis 26 Monate dauern.

In diesem Kontext lässt sich der finanzielle Erfolg schwer abschätzen. Arzneimittelhersteller, die an Wirk- oder Impfstoffen gegen das neue Coronavirus forschen, machen das deshalb in erster Linie wegen der Reputation.

«Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Arzneimittel gegen das Coronavirus kein sehr profitables Geschäft sind», sagt Ronny Gal, Healthcare-Analyst bei Alliance Bernstein, im Gespräch mit The Market.

Gelingt ein Durchbruch, werden erfolgreiche Firmen (und wohl die gesamte Pharmaindustrie) dafür aber in der Bevölkerung, der Politik und bei den Zulassungsbehörden an Ansehen gewinnen – eine Chance für die Branche, ihr Image zu rehabilitieren, steht sie doch seit Jahren in der öffentlichen Kritik wegen ausufernder Preise.

Weil solche Faktoren ähnlich schwierig zu quantifizieren sind wie die Wahrscheinlichkeit eines Forschungserfolgs mit einem Covid-19-Wirkstoff, sollten Aktienengagements deshalb primär auf den fundamentalen Stärken einer Gesellschaft basieren.

Sanofi forscht an Impfstoff

Zu den Pharmaunternehmen mit einem potenziellen Coronaviruspräparat, bei denen sich ein Investment unabhängig davon lohnt, gehört Sanofi.

Der Konzern aus Frankreich ist zwar noch weit von der Marktzulassung eines Covid-19-Präparats entfernt. Als einer der führenden Impfstoffhersteller verfügt er jedoch über die kritische Grösse wie auch über das Know-how.

In präklinischen Studien versucht Sanofi derzeit, die DNA des Sars-CoV-2-Erregers mit genetischem Material von harmlosen Viren zu klonen. Der Klon soll dann im Körper eine Immunreaktion hervorrufen, ohne den Patienten krank zu machen.

Unter der Ägide des ehemaligen CEO Olivier Brandicourt agierte Sanofi lange Zeit ohne klare Richtung. Das Unternehmen tanzte auf zu vielen Hochzeiten, die Entwicklungspipeline war entsprechend mager, und auch operativ haperte es. So sank die Ebit-Marge zwischen 2012 und 2018 stetig von 32 auf 26%. Letztes Jahr lag sie bei 27%.

Sanofi kämpft mit rückläufiger Profitabilität

Um Sondereffekte adjustierte Ebit-Marge in %

Der neue CEO Paul Hudson – ehemals Pharmachef bei Novartis – steuert Sanofi jedoch in eine neue Richtung. Analog zum Umbau, den Novartis vor ein paar Jahren vorgenommen hat, konzentrieren sich die Franzosen heute nur noch auf das, worin sie wirklich gut sind. Medikamente gegen Diabetes und Herzleiden beispielsweise gehören nicht mehr zur Kernstrategie.

Begleitend zur Fokussierung wurde ein Kostensenkungsprogramm lanciert, das bis 2022 Einsparungen von jährlich rund 2 Mrd. € einbringen soll. Bis zu diesem Zeitpunkt soll sich die operative Marge auf rund 30% verbessern. Die Aktien handeln derzeit ebenfalls zu einem relativ günstigen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12.

Sanofi

Sanofi
Euro Stoxx 50
Pharmaceutical Index (angeglichen)

Roche punktet in der Diagnostik

Ins Portfolio von Anlegern, die auf der Suche nach interessanten Pharmatiteln sind, gehört ebenso Roche.

Der Pharmariese aus Basel engagiert sich im Kampf gegen die Pandemie an zwei Fronten. Erstens verfügt er über Tests, mit denen eine Covid-19-Infektion festgestellt werden kann. Seit Ende letzter Woche können diese Tests nun auch in Geräten für grosse Diagnostiklabore eingesetzt werden.

Zweitens liefert Roche das Medikament Actemra zu Forschungszwecken gratis an Researchzentren in China und den USA. Bei manchen Patienten mit einer Coronavirusinfektion kann es dazu kommen, dass das Immunsystem überreagiert. Gegen ähnliche Überreaktionen infolge von Gentherapien ist Actemra bereits seit 2017 zugelassen. Sollten die laufenden Tests erfolgreich sein, könnte das Mittel deshalb auch bei der Behandlung von Coronaviruspatienten hilfreich sein.

Grundsätzlich hat Roche das Medikamentenportfolio in den letzten Jahren erfolgreich erneuert. Die Patentklippe, die wegen des Markteintritts von Nachahmermedikamenten Umsatzeinbussen befürchten liess, hat sie dank neuer Wirkstoffe gemeistert.

Mit einer weltweit führenden Diagnostiksparte (Umsatzanteil 2019 rund 21%) verfügt Roche zudem über ein relativ risikoarmes, aber dennoch strukturell wachsendes Geschäft:

Diagnostiksparte von Roche wächst stetig

Umsatzwachstum zu konstanten Wechselkursen in %

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien beträgt 14. Damit sind sie nicht überteuert.

Roche GS

Roche GS
Novartis N (angeglichen)
SMI Index (angeglichen)