Analyse

Der Kampf um das beste falsche Fleisch beginnt

Der Markt für pflanzliche Fleischimitate wächst rasant. Neben den Pionieren mischen auch Konzerne wie Nestlé mit. Trotz guter Aussichten werden nicht alle überleben.

Gabriella Hunter
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40% der weltweit nutzbaren Landfläche werden zur Tierhaltung genutzt – entweder direkt oder als Anbauflächen für Futtermittel wie Soja und Mais. Um tausend Kalorien Rindfleisch zu produzieren, was je nach Stück circa vierhundert Gramm entspricht, braucht es die Fläche einer geräumigen Vierzimmerwohnung. Zum Vergleich: Für tausend Kalorien in Form von Tofu reicht der Abstellschrank.

Ähnlich schlecht sieht die Emissionsbilanz aus. Von der Weide bis zum Teller stossen tausend Kalorien Rindfleisch rund 36 Kilogramm CO2-Äquivalente aus – so viel wie ein durchschnittliches Benzinauto auf 200 Kilometern. Wobei der grösste Teil in Form von Methangas das Tier schon bei der Haltung verlässt.

Ebenfalls schädlich ist die Nutzung des Bodens: Durch die Rodung von Bäumen und Büschen wird weniger Treibhausgas absorbiert. Verarbeitung und Transport machen dagegen nur einen kleinen Teil aus. Und wieder: Pflanzliche Optionen wie vegetarische Burger sind harmlos dagegen.

CO2-Äquivalente

CO2-Äquivalente beziffern die Klimaschädlichkeit der Treibhausgase. Der Wert gibt an, welchen Beitrag ein Produkt zum Treibhauseffekt hat. Als Vergleichswert dient Kohlendioxid (CO2).

Erfolg mit Würsten aus gelben Erbsen

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung gemäss Schätzungen der Uno auf rund 10 Mrd. steigen. Damit alle Menschen ernährt werden können, muss sich die Ernährung drastisch ändern. Der Weg dazu – so zumindest zeichnet es sich gegenwärtig ab – führt über pflanzliche Proteine. Gerade Hülsenfrüchte benötigen beim Anbau deutlich weniger Platz pro Kalorie, ihre Produktion ist verhältnismässig emissionsarm. Sie sind gesund – und vielseitig einsetzbar.

Jungunternehmen haben erkannt: Fleischersatz ist nicht mehr länger gleichbedeutend mit bleichem Tofu. Es gibt Burger-Pattys aus Linsen, Würste aus gelben Erbsen und Hackfleisch aus Sojabohnen. Im Geschmack und in der Konsistenz sollen sie echtem Fleisch möglichst ähnlich sein. Mit ihrem neuen Ansatz haben kleine Start-ups eine lahme Industrie aufgeschreckt, aber dazu später mehr.

Ab 2009 tüftelten Wissenschaftler von Beyond Meat an einem Ersatz für Rind- und Schweinefleisch sowie Poulet. Ihre Idee: Fleisch lässt sich mit pflanzlichem Eiweiss, Fett und Wasser nachbauen – ohne Tier. Drei Jahre später kamen Beyond Chicken Strips in die Läden. Heute verkauft das Unternehmen aus Los Angeles seine Produkte in achtzig Ländern. 2019 ging es an die Technologiebörse Nasdaq. In kurzer Zeit stieg die Marktkapitalisierung von 1,5 auf knapp 14 Mrd. $.

Das war vor Covid. Die Pandemie belastete das Geschäftsmodell. Durch die Schliessung vieler Restaurants fiel ein wichtiger Verkaufskanal weg. Obwohl sich mit dem Rückgang der Coronafälle in den USA und in Europa auch die Gastronomie erholt, bleiben Analysten skeptisch. Die Gewinnschwelle ist auch infolge hoher Investitionen noch weit weg.

Mit Impossible Foods steht laut einem Reuters-Bericht ein weiterer bekannter Name vor dem Sprung an die Börse. 2011 gegründet, soll das US-Unternehmen zuletzt einen Umsatz von 231 Mio. $ im Jahr erwirtschaftet haben. Das IPO (Initial Public Offering) sei für 2022 geplant, schrieb die Nachrichtenagentur im April. Seither ist es ruhig geworden.

Vor einem Jahr über eine Special Purpose Acquisition Company (Spac) an die Börse gekommen ist Tattooed Chef. Mit einem Umsatz von rund 150 Mio. $ und einem Marktwert von 1,5 Mrd. $ ist das US-Unternehmen kleiner als Impossible Foods. Es bietet zwar nur pflanzliche Produkte an, das meiste davon sind aber herkömmliche Nahrungsmittel und kein Fleischersatz.

Kotiert sind auch kleinere Gesellschaften wie die kanadischen Modern Meat und The Very Good Food Company sowie Field Roast Grain (heute Maple Leaf Foods). Sie alle bespielen aber eine Nische, oder ihre Produkte sind nur regional erhältlich. Keine Börsenpläne hegt Amy's Kitchen. Das Familienunternehmen macht mit biologischen und vegetarischen Gerichten einen Umsatz von rund 500 Mio. $.

Und bereits zeichnet sich ab, dass die Pioniere nicht unbedingt die Gewinner sein werden.

Ein 74-Mrd.-$-Markt mit falschem Fleisch

Im Jahr 2020 machten pflanzliche Ersatzprodukte mit einem Umsatz von 4 bis 5 Mrd. $ lediglich einen Bruchteil des 1,4 Bio. $ schweren globalen Fleischmarktes aus. Während der Konsum pro Kopf in entwickelten Ländern stagniert bis rückläufig ist, sorgt das Bevölkerungs- und Einkommenswachstum weltweit dafür, dass immer mehr Fleischprodukte und Alternativen dazu nachgefragt werden. Die Wachstumsprognosen gehen zwar weit auseinander, das Potenzial dürfte aber enorm sein.

Gemäss einer Analyse der Bank Vontobel basierend auf Bloomberg-Daten soll sich der weltweite Umsatz mit pflanzlichem und im Labor gezüchtetem Fleisch bis 2030 auf 74 Mrd. $ vervielfachen. Das entspräche einem jährlichen Marktwachstum von mehr als 30%. Das Geschäft mit «echtem» Fleisch wächst derweil lediglich 1% pro Jahr.

Diese Aussicht rief verspätet auch die grossen Nahrungsmittelkonzerne auf den Plan. Die Verzögerung hatte einen Grund: In den Nullerjahren sind Nestlé und Co. satt und träge geworden. Organisches Wachstum und Marge stimmten. Pflanzliche Proteine waren eine Randerscheinung. Wie in anderen Bereichen mussten kleinere, agilere Unternehmen erst zeigen, wohin der Trend führt.

Dabei reicht die Geschichte von vegetarischen Fleischalternativen zurück in die Siebzigerjahre. Eine Pionierin ist Morningstar Farms. Seit 1999 ist die Marke Teil des Kellogg-Konzerns, des US-Herstellers der gleichnamigen Cornflakes. Mit vegetarischen und veganen Alternativen erwirtschaftete die Gesellschaft aus Michigan im vergangenen Jahr rund 400 Mio. $ Umsatz.

Noch vor kurzem Marktführerin, wurde Morningstar Farms mittlerweile von Beyond Meat überholt. Während das Jungunternehmen zuletzt 30 Mio. $ pro Jahr in die Entwicklung neuer Produkte investierte – Tendenz steigend –, betrugen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bei Kellogg's 2020 zwar das Vierfache, nur ein kleiner Teil davon aber floss in pflanzliche Produkte.

Aufholjagd mit veganem Ei

Andere setzen nun aber einiges daran, den Neuen nicht das Feld zu überlassen: 10% des Budgets für Forschung und Entwicklung von 1,8 Mrd. $ steckt Nestlé jedes Jahr in pflanzliche Proteine – in absoluten Zahlen ist das fünfmal mehr als Beyond Meat. Damit mache der Schweizer Konzern seine Ambitionen in diesem Bereich klar, schreiben die Analysten von Barclays.

Angesichts der verfügbaren finanziellen Mittel wenig überraschend, holte der weltgrösste Nahrungsmittelhersteller den Rückstand auf kleine Anbieter binnen kurzer Zeit auf. Für die Entwicklung des ersten fleischlosen Burgers brauchte er weniger als ein Jahr. Dieser kam 2019 auf den Markt. Vor kurzem hat Nestlé unter ihrer Marke Garden Gourmet auch vegane Eier und Shrimps lanciert.

Noch ist der Anteil solcher Fleischimitate mit 200 Mio. Fr. im Verhältnis zum Gesamtumsatz von rund 84 Mrd. Fr. verschwindend klein. Doch Nestlé sieht laut Laurent Freixe, CEO der Region Americas, keinen Grund, dass das Wachstum im zweistelligen Prozentbereich in den kommenden Jahren sich verlangsamt.

Wachsen dank Pizza mit fischlosem Thon

«Wenn man sich anschaut, wo wir diese Zutaten verwenden können, um attraktivere Angebote zu machen, wie Tiefkühlpizza mit pflanzlichen Belägen, dann ist das eine viel grössere Chance», sagte CEO Mark Schneider anlässlich der Präsentation der Jahreszahlen. So betrachtet mache Nestlé bereits einen Umsatz von 700 Mio. Fr. mit Produkten, in denen Fleischersatz zum Einsatz komme. Und das Potenzial ist gross: Nestlés Produktkategorie Fertiggerichte ist 12 Mrd. Fr. schwer.

Ein ähnliches Vorgehen verfolgt der in Europa wenig bekannte US-Lebensmittelhersteller Conagra. 2018 kaufte er die Marke Gardein mit Produkten wie fleischlosem Chick'n and Turk'y. Vergangenes Jahr erwirtschaftete er damit 170 Mio. $. Daneben kommen pflanzliche Proteine aber auch in Tiefkühllasagne und in Pasteten zum Einsatz. Den Hauptteil des Gesamtumsatzes von zuletzt 11,2 Mrd. $ macht Conagra mit herkömmlichen Fertigprodukten.

Und Conagra droht mittelfristig den Anschluss zu verlieren: Gegenwärtig sei die Pipeline zwar noch gut mit neuen Produkten gefüllt, schreiben die Analysten der Deutschen Bank. Sie kritisieren aber, dass die Investitionen im laufenden Geschäftsjahr (per Ende Mai) deutlich niedriger sind, was sich bereits ab 2023 in einem langsameren Wachstum niederschlagen könnte.

Der Erbsen-Rindfleisch-Burger-Flop

Noch später auf den Trend aufgesprungen sind amerikanische Fleischspezialisten wie Tyson Foods. Der grösste US-Produzent brachte im Sommer 2019 einen Mix aus Erbsen- und Rindfleischburger auf den Markt. Er floppte. Nun versucht es der 43-Mrd.-$-Konzern nochmals mit einem rein pflanzlichen Produkt. Der Abstand zur Konkurrenz ist aber schon beträchtlich.

Just wenige Monate vor Tyson Foods hatte in der Schweiz die umsatzmässig zehnmal kleinere Bell Food Group einen Burger aus pflanzlichen Proteinen lanciert. Dank der Übernahme von Hilcona verkauft die Fleischherstellerin, die seither auch Convenience-Spezialistin ist, bereits seit 2017 fleischlose Alternativen. Gegenwärtig mache der Umsatzanteil vegetarischer Produkte rund ein Fünftel aus.

Den Anteil der Fleischimitate weist das Unternehmen nicht separat aus. Noch sei er relativ klein, aber auch Bell Food Group verzeichnet laut einem Sprecher in dem Bereich ein jährliches Wachstum im zweistelligen Prozentbereich. Gleichzeitig werde das Sortiment laufend ausgebaut, jüngst ist ein veganes Wiener Schnitzel dazugekommen.

Bereits 2018 war Bell Food Group bei Mosa Meat eingestiegen. Ursprünglich wollte das niederländische Start-up im laufenden Jahr Laborfleisch zur Marktreife bringen. Doch unter anderem die Pandemie hat das Vorhaben verzögert. «Anfang 2022 wollen wir nun den Zulassungsantrag für Europa einreichen», sagt der Sprecher. Das Verfahren der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit nimmt in der Regel bis zu achtzehn Monate in Anspruch.

Ein Durchbruch mit Labor-Poulet

Zu Verzögerungen bei der Entwicklung hat auch der Kampf um finanzielle Mittel geführt. Weltweit forschen mittlerweile mehr als achtzig Jungunternehmen daran, wie man aus tierischen Zellen Fleisch züchten kann. Keines davon ist kotiert.

2020 wurden laut der Non-Profit-Organisation Good Food Institute, die sich für die Förderung von pflanzlicher Ernährung einsetzt, mehr als 3 Mrd. $ in das Unterfangen investiert. Am nächsten dran am Erfolg ist die Gesellschaft Eat Just: Seit Ende 2020 ist ihr Labor-Poulet in Singapur zugelassen. Wobei nur rund 70% davon wirklich aus dem Labor stammen, der Rest sind pflanzliche Proteine.

Ein Knackpunkt dürfte zumindest zu Beginn der Preis werden. Gemäss einer Studie des Beratungsunternehmens McKinsey nähert sich der Preis für ein Pfund kultiviertes Fleisch 10 $. Dabei zeigt der Trend steil nach unten. Noch vor zwei Jahren hätte dasselbe Stück Rindfleischimitat noch 200 $ gekostet. Zum Vergleich: In den USA gibt es das herkömmliche Produkt ab 4 $ je Pfund.

Dass kultiviertes Fleisch dereinst wettbewerbsfähig sein kann, zeigt auch die Erfahrung mit pflanzlichen Alternativen. Mit dem grösseren Angebot sinkt der Preis. Auch infolge der zuletzt gestiegenen Inflation in den USA, die unterschiedlich stark auf die Herstellungskosten durchschlägt, sind Erbsen- und Sojaburger mittlerweile im Schnitt günstiger als das Original aus Rindfleisch.

Verdrängungskampf am Fleischregal

Die Fleischrevolution geht in die heisse Phase: Mit jedem Produkt wächst der Verdrängungskampf in den Läden. Künftig müssen sich die Anbieter entweder über den Preis oder über die Qualität auszeichnen. Die Schweizer Akteure Nestlé und Bell Food Group wollen den zweiten Weg beschreiten.

Langfristig am meisten von der Fleischrevolution profitieren können wohl breit aufgestellte Nahrungsmittelkonzerne – sofern sie genügend Ressourcen in F&E und ins Marketing investieren. Zudem profitieren sie von ihrer bestehenden Reichweite, dem Distributionsnetz und der Markterfahrung. Nestlé ist dabei weiter als die amerikanischen Konkurrenten. Die Schweizer können sich Ausgaben im dreistelligen Millionenbereich problemlos leisten. Es ist aber eine Wette darauf, dass sich das Potenzial entfaltet.

Um da mithalten zu können, müssen auch die spezialisierten Unternehmen wie Beyond Meat und Impossible Foods weiter stark investieren und ihre Produktpalette erweitern. Das dämpft ihre Gewinnerwartungen auch für die kommenden Jahre. Für Investoren birgt das Risiken, zumal es angesichts der vielen Player mittelfristig zu einer Marktkonsolidierung kommen dürfte.

Hafermilch und Algen für die Diversifikation

Wer das Risiko diversifizieren und in den Sektor als Ganzes investieren will, kann dies über einen kotierten Fonds (Exchange Traded Fund, ETF) tun. Es lohnt sich aber, genau hinzuschauen. Zwei Themen-ETF umfassen Unternehmen aus der gesamten Lieferkette:

Im Rize Sustainable Future of Food UCITS ETF sind die genannten Pioniere Beyond Meat und Tattooed Chef enthalten. Daneben finden sich Verpackungsspezialisten wie die Schweizer SIG Combibloc oder die amerikanische O-I Glass, zudem Hersteller von Geschmacks- und Zusatzstoffen sowie auch ein japanischer Algenzüchter. Der Fokus liegt auf mittelgrossen Unternehmen aus der ganzen Welt.

Spannend ist der Global X AgTech & Food Innovation ETF. Neben Beyond Meat und dem Hafermilchhersteller Oatly tauchen auch die Agrarunternehmen Nutrien und Corteva auf. Beide verfolgen neue Ansätze in den Bereichen Düngemittel und Saatgut. Daneben kommt man hier um die Aktien so mancher Grosskonzerne wie Unilever nicht herum. Der Vorteil: Das macht das Produkt weniger volatil.

Die Daten zum Landverbrauch und zu den Treibhausgasemissionen basieren auf der bisher grössten Meta-Analyse von Studien zu den Auswirkungen von Lebensmitteln von Joseph Poore (Universität Oxford) und Thomas Nemecek (Agroscope) aus dem Jahr 2018.