Analyse

Die Aufholjagd des Swiss Market Index

Nach einer Durststrecke hat das Schweizer Leitbarometer in den vergangenen Wochen Schub entwickelt und erstmals über 12’000 Punkten geschlossen. Handelt es sich um mehr als ein Strohfeuer?

Sandro Rosa
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Defensive Aktien aus den Sektoren Gesundheit (Novartis, Roche) und Nahrungsmittel (Nestlé) sind plötzlich wieder gefragt. Trotz reger Diskussion über Stimulusmassnahmen, Impffortschritte und zunehmende Inflation, was eigentlich alles für zyklische Valoren spricht, macht der Swiss Market Index (SMI) seit einigen Wochen still und heimlich Terrain gut.

Noch im Mai lag der SMI im internationalen Vergleich abgeschlagen zurück: Während der europäische Leitindex Euro Stoxx 50 und das US-Barometer S&P 500 rund 12% im Plus notierten, war der SMI bloss 2% vorgerückt. Tempi passati. Nach einer eindrücklichen Aufholjagd hat sich das Schweizer Barometer dem Spitzenduo angenähert, der Vorsprung des S&P 500 ist von zehn auf knapp über einen Prozentpunkt geschrumpft. Sowohl den japanischen Nikkei 225 als auch den MSCI Emerging Markets hat der SMI mittlerweile hinter sich gelassen.

Der SMI notiert inzwischen bei 12’000 Punkten auf einem Rekordhoch. Manchem Anleger dürfte es angesichts des Aufwärtstempos bereits wieder mulmig werden. Dabei geht gerne vergessen, dass die Hausse bei hiesigen Aktien im Vergleich zu den USA deutlich später Fahrt aufgenommen hat. Der S&P 500 hat bereits vor sieben Jahren die alten Höchst hinter sich gelassen und ist auf einen deutlichen Aufwärtstrend eingeschwenkt. Seit 2015 hat er sich verdoppelt.

Ganz anders sieht es beim SMI aus. Das Höchst, das er am Vorabend der Finanzkrise im Jahr 2007 erklommen hatte, stellte sich nämlich wiederholt als unbezwingbarer Widerstand heraus. 2015, 2018, 2019 und auch 2020 schaffte es der Swiss Market Index nicht, die Hürde nachhaltig zu überwinden. Nun aber scheint der Ausbruch nach oben geglückt.

Dieser Ausbruch nach jahrelanger Seitwärtsbewegung stimmt auch Christian Gattiker-Ericsson, Chefstratege bei der Privatbank Julius Bär, zuversichtlich: «Ob SMI oder Kurs-Dax: Rund zwanzig Jahre gedeckelt, wird hier die Hausse erst angepfiffen.»

In der Tat scheint der Wind langsam zu drehen, und europäische Aktien gelangen nach jahrelanger Vernachlässigung wieder in den Fokus der Anleger. «Es scheint, als ob sich in den kommenden Jahren vermehrt Kapital wieder ins gute alte Europa verirren wird respektive nicht mehr abwandert. Es ist höchste Zeit nach der jahrzehntelangen Durststrecke», schreibt Gattiker-Ericsson.

Wenig beliebter Swiss Market Index

Sorgen über eine allzu grosse Beliebtheit der Schweizer Börse muss man sich jedenfalls noch keine machen. Diesen Schluss legt jedenfalls der Blick auf die Resultate der von Bank of America durchgeführten Fondsmanagerumfrage nahe. Einmal im Monat befragt das Team um den Chefstrategen Michael Hartnett in der Fund Manager Survey rund 200 Anlagespezialisten, die etwa 600 Mrd. $ an Geldern verwalten, nach ihren Investmentpräferenzen.

Innerhalb der europäischen Märkte ist die Rangordnung klar: Die zyklischen Börsen Italiens und Deutschlands stehen bei den Anlageprofis hoch im Kurs, während die Schweiz ausgesprochen unbeliebt ist. Trotz der jüngsten Aufwärtsbewegung beim SMI hat sich der Pessimismus der Fondsmanager sogar noch akzentuiert: Ihre Nettopositionierung (also die Differenz zwischen solchen, die «long», und solchen, die «short» sind relativ zur Benchmark) ist im Juni im Vergleich zum Vormonat weiter gesunken, und zwar von –39 auf –51%.

Das ist aus Contrarian-Sicht ein positives Signal. Hält die Stärke der Schweizer Börse nämlich an, dürften die Fondsmanager schon bald Druck verspüren, vermehrt umzuschichten – was dem SMI wiederum zusätzlichen Rückenwind verleihen könnte.

Neue Phase im Konjunkturzyklus

Der SMI dürfte auch von der neuen Phase im Konjunkturzyklus profitieren. Wirtschaft und Unternehmensgewinne werden in den kommenden Monaten zwar weiterhin wachsen, aber mit weniger Schwung. Denn der Basiseffekt, der zu überaus vorteilhaften Vergleichswerten führte, weil praktisch alle Daten ab März und April vor einem Jahr auf extrem niedrige Werte gefallen waren, spielt bald nicht mehr. Auch das Wachstum der Stimulusmassnahmen kann nicht im selben Tempo aufrechterhalten werden.

In diesem Abschnitt des Zyklus müssen die Unternehmen beweisen, dass sie die hohen Gewinnerwartungen der Anleger auch erfüllen können. Die Bewertungsprämie, die zuvor aufgebaut wurde – die Aktienkurse steigen jeweils stark, sobald sich erste Signale einer Erholung abzeichnen –, muss jetzt abgetragen werden.

Wenn sich das Wachstum normalisiert, schmilzt auch der Vorsprung zyklischer Unternehmen. Defensive Valoren, die im Schweizer Leitbarometer mit einem Anteil von mehr als 60% prominent vertreten sind, werden dann wieder stärker gesucht – zumal die restriktive Geldpolitik in China und die zuletzt wieder gesunkenen langfristigen Zinsen Zweifel am Reflationsszenario, also an der Kombination aus starkem Wachstum und höherer Inflation, aufkommen lassen.

Quelle: BlackRock, themarket.ch

«Man sollte überlegen, Unternehmen mit defensiveren Charakteristika wieder vermehrt ins Portfolio aufzunehmen, auch als Absicherungsmassnahme. Denn ich glaube, in der nächsten Quartalsberichtssaison wird es wieder vermehrt Gesellschaften geben, die enttäuschen», meinte auch Martin Schlatter, Leiter Aktien von Swiss Rock Asset Management, kürzlich gegenüber The Market.

Bewertung hat sich normalisiert

Ein Blick auf die relative Bewertung zeigt, dass sich die hiesigen Valoren im europäischen Mittelfeld bewegen. Typischerweise handelt der SMI mit einem Aufschlag gegenüber seinen europäischen Vergleichsindizes. Denn Anleger sind oft bereit, für stabile Unternehmen mit solider Bilanz mehr zu bezahlen als für stark konjunkturabhängige Gesellschaften.

Aktuell bewegt sich die Bewertungsprämie für Schweizer Aktien nur leicht über dem langjährigen Durchschnitt, wie die Analysten von Morgan Stanley ermittelt haben. Es ist noch nicht so lange her, da gehörten Schweizer Titel mit Abstand zu den teuersten. Die Bewertung sollte demnach kein Hindernis für weitere Avancen darstellen.

Zumal sich auch die Gewinnrevisionen im europäischen Vergleich durchaus sehen lassen können. Sie werden ermittelt als Differenz zwischen positiven und negativen Veränderungen der Gewinnschätzungen für die einzelnen Unternehmen in einem Index. Diese wird anschliessend ins Verhältnis zu allen Schätzungen gesetzt. Je positiver diese Revisionen, desto breiter ist das erwartete Gewinnwachstum. Mit einem Wert von +14% schneidet die Schweiz diesbezüglich besser ab als das Gros der Konkurrenz.

SMI mag keine steigenden Zinsen

Gegenwind könnte dem SMI erwachsen, wenn sich das Wirtschaftswachstum nochmals beschleunigt und die langfristigen Zinsen wieder kräftig anziehen, wie das etwa im Frühling der Fall war. Wie eine Auswertung der Bank Julius Bär zeigt, reagiert die Schweizer Börse nämlich negativ auf höhere Renditen.

Insgesamt aber hat sich das Umfeld für qualitativ hochstehende Schweizer Aktien merklich aufgehellt, und die Aufholjagd hat durchaus noch weiteres Potenzial.