Analyse

Die Langfrist-Auswirkungen von Covid-19 auf Schweizer Unternehmen

Die Coronaviruspandemie wird unser Denken verändern. Dadurch werden neue Trends entstehen, die etliche Chancen und Risiken für Unternehmen bringen. The Market gibt einen Überblick.

Michael Griesdorf
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Das Coronavirus mag vorbeigehen. Unser Leben dürfte es jedoch nachhaltig verändern. Psychologen, Soziologen und Philosophen sind sich einig, dass die neuen Hygieneregeln und Social Distancing sich langfristig in unseren Köpfen niederschlagen werden. Auch die Beziehung zwischen einzelnen Staaten dürfte sich laut Experten verändern.

Doch welche langfristigen neuen Trends zeichnen sich wegen Covid-19 für die Wirtschaft ab, und welche Schweizer Unternehmen sind davon betroffen? The Market hat sich mithilfe einer Studie der Bank Vontobel auf die Suche gemacht.

Home Office wird alltagstauglich

Home Office ist klar eines der Mega-Themen der Coronaviruskrise. Zahlreiche Staaten haben im In- und Ausland Reiserestriktionen verhängt. Gearbeitet wird vielerorts von zu Hause aus.

Die Erfahrungen, die Tausende von Mitarbeitern und Unternehmen derzeit mit Home Office sammeln, könnten dessen Akzeptanz in so mancher Firma erhöhen.

Die Voraussetzung ist jedoch eine mobile und vor allem schnelle Internet-Verbindung. Die Analysten von Vontobel glauben deshalb, dass die Nachfrage der Wirtschaft nach 5G und Glasfaserleitungen in den kommenden Jahren deutlich zunehmen wird. Profitieren würden davon in erster Linie die Telecomgesellschaften Swisscom und Sunrise. Doch auch einzelne Sparten des Telecomausrüsters Huber+Suhner und des Elektroinstallateurs Burkhalter wären Gewinner dieses Trends.

Gewinner des Trends zu Home Office

Performance über ein Jahr in %
Swisscom
Sunrise
Huber+Suhner
Burkhalter

Videokonferenzen nehmen zu…

Eng mit Home Office resp. der eingeschränkten Reisetätigkeit verknüpft ist die Nutzung von Videokonferenzlösungen. Laut dem IT-Peripheriegeräte-Anbieter Logitech sind derzeit erst 3 bis 5% aller Arbeitsplätze in Büros mit entsprechender Technologie ausgerüstet. Es erstaunt deshalb nicht, dass vor allem Logitech zu den Langfristgewinnern von Covid-19 zählen könnte.

Gemäss dem Analysehaus Synergy Research ist die Hardware von Logitech in rund 42% aller Videokonferenzräume von Unternehmen vertreten. Die Gesellschaft ist strategischer Hardwarepartner von Microsoft, einem der weltweit grössten Anbieter von Software für Videokonferenzen. Mit Google und Zoom arbeitet sie im gleichen Stil zusammen. Ausserdem bietet sie ergonomische Tastaturen an, die derzeit von den Home-Office-Mitarbeitern ebenfalls vermehrt nachgefragt werden dürften.

Ein weiterer Profiteur der zunehmenden Nachfrage nach Videokonferenz- wie auch Home-Office-Lösungen dürfte zudem Also sein. Das Unternehmen aus dem Kanton Luzern ist Logistiker für Verkäufer von Business-IT-Lösungen.

Gewinner des Trends zu Videokonferenzen

Performance über ein Jahr in %
Logitech
Also

…dafür wird weniger gereist

Weniger vorteilhaft präsentiert sich die Situation künftig möglicherweise für den Reisedetailhändler Dufry, der 88% seines Umsatzes in Flughäfen erzielt, wie auch für den Flughafen Zürich. Dank der breiteren Akzeptanz von Videokonferenzen könnten internationale Geschäftsreisen an Relevanz verlieren. Mit weniger Reisetätigkeit würden viele Unternehmen überdies gewissen ESG-Kriterien besser Rechnung tragen. Gleichzeitig liesse sich so das Budget schonen.

Verlierer des Trends zu geringerer Reisetätigkeit

Performance über ein Jahr in %
Dufry
Flughafen Zürich

Die globalen Lieferketten werden aufgespaltet

Das Coronavirus fördert jedoch nicht nur die heute verfügbaren digitalen Kommunikationsmöglichkeiten. Es stellt auch die Globalisierung in Frage. «Die globale Lieferkette hat sich als sehr fragil herausgestellt und ist zu stark von einem einzelnen Land wie China abhängig», schreibt Vontobel.

Vor allem im Pharmasektor kommen die meisten generischen Wirkstoffe aus China oder Indien – eine Abhängigkeit, die in Krisenzeiten zu einem Problem für andere Staaten werden kann. So hat Indien beschlossen, den Export des Malaria-Arzneistoffs Hydroxychloroquin – er kann potenziell zur Behandlung von Coronaviruspatienten genutzt werden – zu verbieten. Covid-19 könnte deshalb die mit dem Handelskonflikt zwischen den USA und China bereits angelaufene Deglobalisierung beschleunigen.

Die Neuausrichtung der Lieferketten bedeutet, dass viele Unternehmen in neue Fabriken, Warenhäuser und Distributionszentren in Ländern mit höheren Mieten und Löhnen investieren müssen. Unter dem Strich hat das eine niedrigere Rendite auf das investierte Kapital zur Folge.

Als Gegenmassnahme bieten sich Automatisierungslösungen und ein höherer Standardisierungsgrad an. Letzteres ist vor allem dann wichtig, wenn sich ein Unternehmen für die Dual-Sourcing-Strategie entschliesst, bei der das gleiche Gut gleichzeitig von zwei Werken aus unterschiedlichen Standorten bezogen wird.

In der Schweiz bieten beispielsweise Kardex oder Interroll Automatisierungslösungen bzw. Teile für Warenhäuser und Distributionszentren an. Beide haben in den vergangenen Jahren bereits vom Trend zur Dezentralisierung im Online-Handel profitiert und verfügen deshalb über viel Know-how auf diesem Gebiet.

Zudem könnte Kardex und Interroll ein weiterer Aufschwung im E-Commerce-Geschäft zugutekommen. Unternehmen in diesem Bereich wie die Versandapotheke Zur Rose werden derzeit regelrecht mit Neuanmeldungen überrannt. Das Management spricht von einer Verdoppelung der Nachfrage seit Ausbruch von Covid-19 in der Schweiz und Deutschland. Haben sich Kunden erst einmal angemeldet, ist ihre Treue in der Regel relativ ausgeprägt.

Im Pharmasektor könnten die Zulieferer Lonza, Siegfried und Bachem profitieren. Sie produzieren für die Arzneimittelhersteller Wirkstoffe in vielen Ländern ausserhalb von China.

Gewinner des Trends zur Deglobalisierung

Performance über ein Jahr in %
Kardex
Interroll
Lonza
Siegfried
Bachem
Zur Rose

Diagnostik erhält einen höheren Stellenwert

Gezeigt hat die Coronaviruskrise auch, dass genügend Diagnostikressourcen während Pandemien wichtig sind. Länder, die viel testen, wie Südkorea oder Singapur, haben das Virus deutlich besser im Griff. Mittlerweile stocken Staaten rund um die Welt ihre Testkapazitäten auf.

Einer der führenden Anbieter von Tests wie auch von Geräten zur Diagnose von Covid-19 ist Roche. Sie kann ihre Coronavirustests seit neustem auf Maschinen mit hohem Durchsatz laufen lassen.

Ebenfalls im Bereich Diagnostik aktiv ist Tecan. Das Unternehmen aus Männedorf am Zürichsee stellt für Konzerne wie Abbott aus den USA wie auch für viele lokale asiatische Anbieter Diagnostikgeräte her, die auch für den Nachweis von Covid-19 eingesetzt werden können. Ferner lassen sich gewisse Reagenzien und Verbrauchsmaterialien von Tecan zum Testen verwenden.

Gewinner des Trends zur Diagnostik

Performance über ein Jahr in %
Roche GS
Tecan

Fokus auf Gesundheit

Letztlich wird mit Covid-19 ersichtlich, wie verwundbar die Wirtschaft gegenüber Pandemien ist. Auch wenn das Coronavirus eher in den Bereich der Extremereignisse fällt, könnte das Bewusstsein für vorbeugende Massnahmen gegen Viren künftig stärker in den Vordergrund treten, glauben die Analysten von Vontobel.

Davon profitieren würden nicht nur Anbieter von Desinfektionsmitteln wie IVF Hartmann aus dem Kanton Schaffhausen. Auch Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnikern wie Belimo oder Zehnder könnte dieser Trend zugutekommen, denn das Raumklima und die Lüftungstechnik sind unter anderem für die Verbreitungsgeschwindigkeit von Viren in geschlossenen Räumen entscheidend. Sensirion liefert Sensoren zur Messung von Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur. Auch Sensoren, die in Beatmungsgeräten zum Einsatz kommen, gehören zu ihrem Repertoire.

Gewinner des Trends zum Fokus auf Gesundheit

Performance über ein Jahr in %
IVF Hartmann
Belimo
Zehnder
Sensirion