Analyse

Diese Pharmaaktien gehören ins Portfolio

Aktien von Arzneimittelherstellern liegen derzeit im Trend. The Market verrät, welche Unternehmen besonders gut arbeiten und gleichzeitig günstig sind.

Michael Griesdorf
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Die Pharmaindustrie hat es nicht leicht. Von links bis rechts wettern Politiker seit Jahren über zu teure Medikamente. Die Coronapandemie ruft zwar in Erinnerung, wie wichtig eine funktionierende Arzneimittelbranche für die Gesellschaft ist. Dem Entwickler eines Impfstoffs dürfte dennoch kein allzu grosser Profit winken. Bereits bezeichnen Staatschefs wie der französische Präsident Emmanuel Macron ein allfälliges Vakzin als Gemeingut der Gesellschaft.

Dessen ungeachtet geniessen Aktien von Arzneimittelherstellern bei Investoren derzeit viel Goodwill. Sie gehören zu den wenigen Unternehmen, die nur am Rande von der Coronakrise betroffen sind. Nicht alle arbeiten aber gleich gut. Auf welche Titel sollen Anleger also setzen?

Fokus auf die grossen Pharmakonzerne zahlt sich aus

Für Privatinvestoren lohnt sich aus Sicht von The Market der Fokus auf die Grossen der Branche. Nur sie verfügen über ein breit diversifiziertes Portfolio an zugelassenen sowie in der Entwicklung befindlichen Arzneimitteln. Im Unterschied zu Aktien von kleinen Biotech-Firmen bieten sie somit genügend Schutz vor allzu starken Kursschwankungen. Aus diesem Grund rät The Market auch von einem Engagement in die derzeit viel beachtete, aber sehr kleine Coronaimpfstoffentwicklerin Moderna ab.

In einem zweiten Schritt sollten Anleger den Blick auf das Umsatzwachstum richten. Darin spiegelt sich, ob die Pharmagesellschaft derzeit auf der Erfolgswelle surft oder sich wegen des Ablaufs von Patenten bzw. erhöhter Konkurrenz bei alten Medikamenten in einer Transformationsphase befindet.

Hohes Wachstum trauen die Analysten momentan dem schwedisch-britischen Unternehmen AstraZeneca oder der dänischen Novo Nordisk zu, wie eine Auswertung von The Market unter den fünfzehn grössten Arzneimittelherstellern zeigt. Langsam wachsen oder gar schrumpfen werden dagegen AbbVie, Gilead oder Pfizer.

Auch die operative Marge der Pharmaabteilung (inkl. allfälliger Impfstoffe) sagt viel über den Zustand eines Arzneimittelherstellers aus. Sie ist bei den Pharmakonzernen in der Regel hoch. Die durchschnittliche Marge aller von The Market analysierten Unternehmen lag 2019 bei rund 37%.

Die Zahl ist mangels verfügbarer Daten um Sondereffekte wie Restrukturierungskosten sowie um Abschreibungen auf immateriellen Vermögenswerten bereinigt. In Tat und Wahrheit dürfte die Profitabilität deshalb etwas tiefer liegen. Für einen Vergleich innerhalb der Branche taugt die Kennzahl dennoch.

Eine besonders hohe Marge weisen Amgen, Gilead und AbbVie auf. Am unteren Ende agieren Takeda, AstraZeneca und Eli Lilly.

Allzu hohe Margen sollten kritisch gesehen werden

Eine sehr hohe Marge darf jedoch nicht vorbehaltlos positiv gewertet werden. Sie kann auch auf mangelnde Investitionsbereitschaft hindeuten. Die drei genannten Unternehmen mit der höchsten Profitabilität weisen relativ zu ihrer Grösse (gemessen am Umsatz der Pharmasparte) beispielsweise allesamt eine eher tiefe Zahl an Wirkstoffentwicklungsprojekten auf.

The Market hat mithilfe von Daten aus den Geschäftsberichten und aus einer Studie des Pharmadatendienstleisters PharmaIntelligence, die im März veröffentlicht wurde, den Test gemacht. Die Auswertung zeigt, dass die Anzahl Medikamente in der Pipeline negativ mit der Marge korreliert. Je mehr Produkte eine Firma in der Entwicklung hat, desto tiefer ist tendenziell die Profitabilität, und umgekehrt.

Aus Sicht von The Market sind weder eine zu hohe noch eine zu niedrige Zahl an Wirkstoffen in der Pipeline wünschenswert. Am besten positioniert sind diejenigen Firmen, die sich in der Grafik weiter oben an die Regressionslinie schmiegen. Sie weisen im Schnitt eine branchenübliche Profitabilität auf und investieren dennoch genug in die Zukunft.

Gut gerüstet sind beispielsweise Merck aus den USA oder Roche. Etwas gar viele Projekte am Laufen haben dagegen Novartis, die japanische Takeda oder die amerikanische Bristol-Myers Squibb.

Fokussierte Unternehmen sind zu bevorzugen

Nicht zu vernachlässigen ist auch der Blick auf die strategische Positionierung. Gemäss einer Studie von Deloitte ist die Rendite der Forschungs- und Entwicklungsprojekte der Pharmakonzerne miserabel. Während sie 2010 noch bei 10,1% lag, betrug sie Ende 2019 nur noch 1,8%. Die Zahl ist vielen Annahmen unterworfen, weshalb sie mit Vorsicht zu geniessen ist. Dennoch zeigt der Trend, dass die Pharmaindustrie bei der Rentabilität Nachholbedarf hat.

Umso wichtiger ist der Fokus aufs Wesentliche. Viele Gesellschaften haben in den letzten zwanzig Jahren Geschäftseinheiten aufgebaut oder akquiriert, die entweder zu klein sind oder nur wenige Synergien mit dem Pharmageschäft aufweisen. In der Pharmabranche gilt heute deshalb das Credo, dass diejenigen Unternehmen im Vorteil sind, die sich möglichst exklusiv auf das Arzneimittelgeschäft konzentrieren.

Keinen Vorteil bringt aus Sicht vieler Branchenakteure beispielsweise der Verbund zwischen Medizinaltechnikgeschäft und einer Pharmasparte. Auch die Kombination mit rezeptfreien Medikamenten oder Tierarznei wird mittlerweile kritisch betrachtet.

Unternehmen wie Novartis, GlaxoSmithKline, Sanofi oder Eli Lilly haben sich deshalb in jüngster Zeit von solchen Divisionen getrennt oder bereiten eine Abspaltung zumindest vor.

Reine Arzneimittelfirmen – sogenannte Pure Plays – sind heute unter anderem Eli Lilly, Bristol-Myers Squibb, AstraZeneca und Novo Nordisk. Konglomeratscharakter weist dagegen Johnson & Johnson auf. Die Amerikaner unterhalten sowohl eine Medizinaltechniksparte als auch ein Konsumgütergeschäft.

Weiterhin sinnvoll ist aus Sicht von The Market der Verbund einer Diagnostik- oder Generikasparte mit einer Pharmadivision, wie Roche und Novartis es vormachen. Eine Diagnostiksparte bietet zusätzliches Wissen im Bereich Forschung und Entwicklung. Das Geschäft mit Generika sorgt für Synergien in der Produktion.

Bristol-Myers, Merck und Amgen bieten günstige Qualität

Zusammengefasst sollten Anleger auf ein überdurchschnittliches Wachstum, eine hohe Marge, eine austarierte Pipeline und eine möglichst schlanke Organisation achten. Nicht alle Kriterien müssen erfüllt sein. Je mehr Attribute ein Unternehmen jedoch aufweist, desto besser.

Von den untersuchten Gesellschaften erfüllen Bristol-Myers Squibb, Merck & Co, Amgen, Roche und Novo Nordisk die meisten Kriterien. Roche und Novo Nordisk sind derzeit allerdings nicht günstig. Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis des Gewinns für 2020 notieren beide über dem Branchenschnitt von 15. Der Kauf empfiehlt sich deshalb während Schwächephasen.

Gut positioniert und gleichzeitig günstig sind dagegen Bristol-Myers Squibb, Merck & Co sowie Amgen.

Bristol-Myers Squibb ist dank der Akquisition von Celgene Ende November heute der grösste Anbieter von Krebsmedikamenten. Die Gesellschaft ist ausschliesslich im Bereich Pharma aktiv und weist eine hohe Marge sowie ein überdurchschnittliches Wachstum auf. Sie verfügt derzeit zwar über eine etwas gar volle Pipeline. Allerdings ist dies auf die Übernahme von Celgene zurückzuführen. Mit einer gewissen Konsolidierung in den kommenden Monaten ist deshalb zu rechnen.

Merck & Co ist unter anderem auf Krebsmittel, Impfstoffe, Tierarznei und Medikamente für Frauen spezialisiert. Letztere sollen voraussichtlich 2021 abgespalten werden. Die Tierarznei bietet zwar nur wenig Synergien, das geschätzte Umsatzwachstum des Konzerns ist jedoch überdurchschnittlich, und die Marge liegt im Branchenschnitt. Überdies verfügt Merck & Co über eine gut tarierte Pipeline.

Amgen – spezialisiert auf Medikamente gegen Autoimmunkrankheiten sowie Krebs- und Knochenleiden, die Hämatologie und neu auch die Neurologie – punktet mit überdurchschnittlichem Wachstum und einer hohen Profitabilität. Zudem konzentriert sie sich vollständig auf das Arzneimittelgeschäft. Der einzige Haken: Die Pipeline könnte etwas üppiger sein.