Analyse

Diese Schweizer Unternehmen trotzen der Inflation

Anleger sorgen sich zunehmend um Inflation. Bleibt sie hoch, könnte es sich lohnen, das Aktienportfolio stärker auf Gesellschaften mit Preismacht auszurichten. The Market sagt, welche Schweizer Namen sich qualifizieren.

Michael Griesdorf
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Rund um den Globus steigen die Inputkosten für die Unternehmen rasant. Zu sehen ist das beispielsweise an den Preisen von Industriemetallen oder Agrarrohstoffen, die derzeit klar über dem Niveau von vor der Pandemie liegen. Das weckt das Schreckgespenst Inflation.

Müssen sich Aktienanleger also vor einer bleibenden Inflation fürchten? Im Prinzip nicht, weil Gesellschaften die höheren Preise an ihre Kunden weiterreichen und so ihre Margen verteidigen können. So zumindest lautet die Theorie.

Allerdings sind nicht alle Unternehmen gleich gut aufgestellt, um die höheren Inputpreise vollständig an die Kunden weiterzugeben. Das gelingt in der Regel nur Gesellschaften mit Preismacht. Angesichts des gegenwärtigen Inflationsrisikos rät Howard Marks, Co-Chairman von Oaktree Capital, in seinem letzten Memo denn auch zu Investitionen in Titel von Unternehmen mit einer hohen Markt- und damit auch Preismacht.

«Qualitätsaktien mit Preissetzungsmacht sind für die Zukunft besser geeignet als zyklische Unternehmen in wettbewerbsintensiven Branchen», sagt auch Stefan Rehder, Gründer des Münchner Value-Managers Value Intelligence Advisors, im Interview mit The Market.

Realitätscheck bestätigt Qualitätsthese

Empirische Untersuchungen über die Aktienmärkte untermauern die Ansicht von Marks und Rehder. Finanzprofessor Campbell R. Harvey von der amerikanischen Duke University und seine Kollegen weisen in einer jüngst im «Journal of Portfolio Management» erschienenen Studie darauf hin, dass US-Aktien in den acht Inflationsphasen der vergangenen 95 Jahre im Schnitt insgesamt real eine negative Rendite von 7% verzeichnet haben und den Kaufkraftverlust somit nicht parieren konnten.

Unter der Oberfläche gibt es allerdings Unterschiede. So haben Anleger mit Fokus auf Qualitätstitel in den letzten fünf inflationären Phasen (weiter zurück reichen die Daten von Harvey diesbezüglich nicht) trotz im Schnitt rückläufigem Aktienmarkt im Mittel eine positive Rendite von 3% erzielt. Damit haben sie unter inflationären Bedingungen zusammen mit Momentuminvestoren am besten abgeschnitten.

Angesichts der zunehmenden Inflationsgefahr könnte es sich derzeit also lohnen, das Aktienportfolio stärker auf Unternehmen mit Qualität und damit Preismacht auszurichten. Da solche Gesellschaften generell gut positioniert sind, dürften Anleger auf lange Sicht zudem auch dann Freude an ihren Titeln haben, wenn die Inflation tatsächlich nur temporär und nicht dauerhaft ist.

Musterbeispiel Geberit

Fündig werden Investoren in der Schweiz diesbezüglich unter anderem bei Geberit. Der Hersteller von WC-Spülkästen, Badezimmerkeramik und Rohrleitungen ist in Europa Marktführer und baut seine Position dort laufend aus. Zu sehen ist das unter anderem am organischen Wachstum, das fast immer höher ausfällt als das des europäischen Marktes für Hochbauten.

Geberit verfügt damit über eine sehr grosse Preismacht, die bereits in der Vergangenheit regelmässige Preiserhöhungen von 1 bis 1,5% pro Jahr erlaubte. In diesem Jahr hat sie aufgrund der hohen Rohstoffpreise zudem einen ausserordentlichen Preisanstieg von zusätzlichen 3,5% durchgesetzt. Hinzu kamen Preissteigerungen, um negative Währungseffekte auszugleichen.

Dass Geberit nicht den vollen Anstieg der Inputpreise weitergegeben hat, liegt einzig am langfristigen Denken des Managements, was ebenfalls ein Zeichen von Qualität ist: «Entscheidungen über Preiserhöhungen müssen immer auch mit Blick auf die Kundenbeziehung gefällt werden», sagte CEO Christian Buhl diese Woche im Interview mit The Market.

Gemeinsamkeiten bei Givaudan und Dätwyler

Auch der Aromenspezialist Givaudan zählt zu den Schweizer Unternehmen mit hoher Markt- und Preismacht. Seine Geschmacks- und Riechstoffe machen jeweils nur 0,5 bis 6% der Kosten der Endprodukte aus, zu denen Parfums, Shampoos oder Getränke zählen, haben aber einen grossen Einfluss auf deren Einzigartigkeit. Innovation und Qualität gewichten Kunden deshalb meist stärker als den Preis. Hinzu kommen hohe Kosten beim Wechsel zu einem anderen Anbieter. Die Klientel ist so eng an Givaudan gebunden, Preissteigerung hin oder her.

Givaudan Na. in Fr.

Ähnliche Merkmale weist auch Dätwyler auf. Sie stellt unter anderem Stopfen für Fläschchen her, in die Medikamente abgefüllt werden. Ausserdem produziert sie Dichtungsringe und Kapseln für Nespresso sowie Einzelteile für die Autoindustrie.

Wie die von Givaudan sind auch die Produkte von Dätwyler meist nur für einen kleinen Teil der Kosten der Endprodukte verantwortlich, sind aber äusserst relevant für deren Zuverlässigkeit. Ein Medikament im Wert von mehreren tausend Franken darf nicht wegen eines undichten Stopfens verderben.

Damit verfügt auch Dätwyler über eine hohe Preismacht. «In den meisten Verträgen mit unseren Kunden haben wir Rohmaterialpreisklauseln drin. Das heisst, wir können die Preise zum grossen Teil an die Kunden weitergeben», sagte CEO Dirk Lambrecht Ende März im Interview mit The Market.

Nischenplayer SFS

SFS ist ein weiteres Qualitätsunternehmen mit einer starken Verhandlungsposition. Wie CEO Jens Breu Ende Juni in einem Interview mit «Finanz und Wirtschaft» sagte, werden auch hier die gegenwärtig höheren Rohstoffpreise auf die Kunden überwälzt.

SFS fertigt Präzisionsformteile und Sonderschrauben und ist in vielen zwar kleinen, aber hoch attraktiven Nischen tätig, in denen sie meist auch eine marktführende Stellung einnimmt.

SFS Na. in Fr.

Über starke Alleinstellungsmerkmale verfügt überdies Ems-Chemie. So tragen ihre Hochleistungspolymere dazu bei, dass immer mehr Autoteile aus Plastik hergestellt werden können. Das führt zu einer Reduktion von Gewicht, CO2-Emissionen und Kosten, weil weniger Metall gebraucht wird. Hinzu kommt eine operative Exzellenz, die Lieferzuverlässigkeit garantiert.

Ems-Chemie kann so die Marktposition stetig ausbauen, und es erstaunt daher nicht, dass auch sie höhere Preise in der Regel weiterreicht. «Die Knappheit der Rohstoffe und die damit einhergehenden kontinuierlich steigenden Preise zwingen Ems-Chemie laufend zu Preiserhöhungen», schreibt sie im jüngsten Halbjahresbericht.

VAT dominiert Markt für Vakuumventile

Gut positioniert sind Anleger überdies bei VAT. Das Unternehmen stellt Vakuumventile für Maschinen zur Produktion von Halbleitern her und ist in diesem Bereich mit einem stetig steigenden Marktanteil von zuletzt 70% mittlerweile fast schon übermächtig.

Hinzu kommt, dass es wegen der regen Nachfrage nach Computerchips der neusten Generation unter sieben Nanometern infolge zusätzlicher Möglichkeiten im Bereich künstliche Intelligenz oder 5G immer mehr Ventile von VAT braucht. Sie sind ein kritisches Element in der Produktion von Wafern. Zum Halbjahr blieb die Bruttomarge von VAT trotz gestiegener Rohstoffkosten konstant. Und es ist es schwer vorstellbar, warum die Gesellschaft höhere Inputpreise künftig nicht an ihre Kunden weitergeben können sollte.

Ähnlich dominant wie VAT ist zudem der Anbieter von Aussenwerbung APG. In der Schweiz, wo er mehr als 90% des Umsatzes erzielt, beträgt sein Marktanteil rund 65%. An gewissen Lokalitäten, wie im Hauptbahnhof Zürich, kommen Werbende um APG gar nicht herum. Auch Fondsmanager Rehder setzt deshalb auf die Gesellschaft.

Ausserdem sind die Konzessionen, die APG mit den Vermietern der Werbeflächen aushandelt und die den Löwenanteil der Kosten ausmachen, über eine längere Laufzeit fixiert. Kommt es zu Inflation, werden die Konzessionen vorerst im Maximum nur so stark erhöht, wie APG die Preise selbst anhebt.

APG Na. in Fr.

Preismächtig sind in der Regel auch Hersteller von Nahrungsmitteln. Sie stehen naturgemäss einer unelastischen Nachfrage gegenüber. Ein gutes Beispiel hierfür ist Nestlé. Der Nahrungsmittelmulti ist nicht nur gut geführt. Er ist in vielen Bereichen auch die Nummer eins oder zwei. So hat er es geschafft, in den letzten zehn Jahren die Preise jedes Jahr zu erhöhen. Gemäss Aussagen des Managements an der Halbjahrespräsentation reicht er auch den jüngsten Preisanstieg bei den Rohstoffen an die Kunden weiter.

Zumindest in Teilbereichen verfügt auch Bucher über eine hohe Preismacht. Sie gehört mit Kuhn zu den führenden Herstellern von Landmaschinen. Insgesamt erzielt sie in diesem Segment rund 45% des Umsatzes. Auch Bucher ist es gemäss Halbjahresbericht bei Kuhn gelungen, die höheren Inputkosten an die Kunden weiterzugeben.

Geberit, Givaudan, APG, Dätwyler, VAT, Nestlé, SFS, Ems-Chemie und Bucher: Die im Artikel erwähnten Beispiele zeigen, dass Anleger hierzulande auf eine Vielzahl von gut geführten Unternehmen mit hoher Preismacht zurückgreifen können.

Leider sind die Aktien solcher Qualitätsgesellschaften aber meist hoch bewertet. Besonders deutlich zeigt sich das gegenwärtig an dem für 2022 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis für VAT und Givaudan. Bei beiden fällt es mehr als doppelt so hoch aus wie im Schnitt der SPI-Unternehmen.

Beim Kauf der Valoren dieser Unternehmen dürfte es sich in den meisten Fällen deshalb lohnen, gestaffelt einzusteigen oder Kursrückschläge zu nutzen. Immer noch vergleichsweise günstig bewertet sind jedoch APG, SFS und Bucher.