Analyse

Easy Riders unter Strom

Elektromobilität hat auch die Zweiradbranche erfasst. Gestandene Motorradhersteller wie Harley-Davidson und Pierer Mobility springen auf den Trend auf. Mit ihren starken globalen Marken sind sie gegenüber Neulingen im Vorteil.

Giorgio Müller
Drucken

Elektromobilität ist ein Megatrend. Allein die Autohersteller wollen bis 2025 mehr als 300 Mrd. $ dafür investieren. Hand in Hand mit ihnen stellen auch die Hersteller von Motorrädern von fossil auf elektrisch betriebene Aggregate um. Nicht weil die derzeitigen Verkaufszahlen für hubraumstarke Töffs schwächeln würden – im Gegenteil. BMW verkaufte im vergangenen Jahr fast 15% mehr Zweiräder als im Vorjahr, KTM 17% mehr, und selbst die in einer Restrukturierung steckende Harley-Davidson setzte 8% mehr Maschinen ab. Nur der stückzahlmässig rund zehnmal grössere Marktführer Honda schwächelte: Die Stückzahlen gingen um rund 15% zurück.

Verspätet auf den Trend aufgesprungen

Diese traditionellen Hersteller hubraumstarker Motorräder sind erst verspätet auf den Elektrotrend aufgesprungen. Im Vergleich zu Autos und Fahrrädern sind die Stückzahlen bei den Motorrädern viel kleiner, entsprechend geringer die Grössenvorteile in der Entwicklung und der Produktion. Doch immer strengere Lärm- und Abgasvorschriften, umweltbewusstere Konsumenten und eine überalterte Stammkundschaft setzen die Motorradhersteller mittlerweile so stark unter Druck, dass auch sie sich der Elektromobilität nicht mehr entziehen können.

Bei dieser Neuausrichtung kommen sie jedoch den Fahrradherstellern ins Gehege, die ihre Velos schon seit Jahren mit Elektromotoren ausstatten. Das hat zur Folge, dass sich bei der Elektromobilität die einstigen Grenzen zwischen Motor- und Fahrrädern auflösen. Rein technisch ist ein Elektrofahrrad auch ein Elektrotöff.

Während agile Neulinge wie Zero Motorcycles aus Kalifornien, deren Aggregate in Deutschland hergestellt werden, schon seit über zehn Jahren brauchbare Elektromotorräder auf dem Markt haben, sind die bekannten Motorradmarken erst vor wenigen Jahren mit konkreten Angeboten in dieses Segment eingestiegen. Die strategischen Entscheide haben sie zwar schon vor Jahren getroffen, doch die tatsächlichen Erfolge sind noch spärlich.

Noch eine Nische

Bei den meisten Motorradfirmen fristet das E-Motorrad-Geschäft ein Nischendasein. Im vergangenen Jahr waren beim amerikanischen Hersteller Harley-Davidson erst 387 der insgesamt 29'100 verkauften Motorräder mit einem Elektromotor ausgerüstet. Die rund 30'000 $ teure, LiveWire One genannte E-Harley haben die Amerikaner bereits 2018 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Verkaufserfolg blieb aus, nicht zuletzt wegen der technischen Limiten des Zweirads. Nach nur 158 km muss das mit einer 15,4 Kilowattstunden starken Batterie ausgerüstete Motorrad bereits an die Steckdose. Das macht die Fahrt auf der Route 66 zu einer Zitterpartie.

Der europäische Marktführer Pierer Mobility, der mit seinen Marken KTM, Husqvarna und Gasgas gut 11% des Motorradmarktes belegt, führt schon seit 2014 ein E-Motorrad im Sortiment. Auch dieses hat zurzeit einen begrenzten Einsatzzweck. Laut einem Bericht des ADAC muss die KTM-Enduro-Maschine schon nach neunzig Minuten im Gelände wieder geladen werden.

Die bisher ernüchternden Resultate im Elektrobereich halten die Motorradhersteller nicht davon ab, strategisch Vollgas zu geben. Unter dem charismatischen Chef Stefan Pierer soll Pierer Mobility nicht weniger als der globale Marktführer bei den Elektrozweirädern werden.

Bei den Elektrovelos kann die Gruppe Erfolge vorweisen. Im vergangenen Jahr haben Husqvarna, Gasgas und R Raymon Elektrovelos für 157 Mio. € oder fast 50% mehr als im Vorjahr verkauft. 2025 soll aus diesem Bereich ein Umsatz von 500 Mio. € kommen und die Stückzahl auf 250'000 vervierfacht werden, lautet das Budget.

Die Pläne sind mit konkreten Investitionen verbunden. In Österreich wird für 25 Mio. € eine neue Fabrik errichtet, in der bis zu 400 Mitarbeiter Elektroantriebe entwickeln werden. Die grossen Stückzahlen dürften indes in gut einem Jahr aus Bulgarien kommen. Jüngst ist Pierer mit Maxom ein Joint Venture eingegangen, das jährlich bis zu 350'000 Elektrofahrräder produzieren soll, wofür die Österreicher 40 Mio. € ausgeben.

Nun auch schwere Elektromotorräder

Noch in den Kinderschuhen steckt jedoch auch bei Pierer das Segment der leistungsstarken Elektromotorräder mit 1 Kilowattstunde Leistung und mehr. Hier sind 2021 erst 24 Mio. € Umsatz erzielt worden; das sind weniger als 0,5% der Gesamteinnahmen. Doch bald wird auch Pierer mit den ersten grossen Elektromaschinen (E-Pilen, E-Duke, Freeride E LV) auf den Markt kommen.

Für die Batterien im Bereich 250 Watt bis 20 Kilowatt Spitzenleistung ist Pierer vor Jahresfrist mit dem deutschen Batterienhersteller Varta, der zum Einflussbereich des österreichischen Unternehmers Michael Tojner (Montana Tech Components, Aluflexpack, Montana Aerospace) gehört, eine strategische Partnerschaft eingegangen.

Harley bringt E-Geschäft an die Börse

Das amerikanische Traditionsunternehmen Harley-Davidson hat den Elektrotrend bei den schweren Motorrädern eigentlich schon sehr früh erfasst. Es ist schon mehr als zehn Jahre her, dass sich die Firma eine Elektrostrategie gegeben hatte. Den ersten Elektro-Töff (Hacker EV) lancierte sie 2010. Der Durchbruch blieb jedoch aus.

Doch nun scheint für Harley-Davidson die Zeit reif zu sein. Sie sieht das Zeitalter der Elektromotorräder gekommen: Innerhalb von zehn Jahren will sie den Anteil der Elektroantriebe verfünffachen. 2030 werde weltweit jedes vierte Motorrad elektrisch betrieben sein, lautet Harley-Davidsons optimistische Prognose.

Wachstumsmarkt Elektromotorräder

Schätzungen weltweit (in Prozent)

Mit ihren Schätzungen steht das Unternehmen nicht allein. Auch Marktexperten wie Next Move Strategy Consulting teilen den Optimismus, dass die Zukunft im Zweiradmarkt elektrisch ist. In diesen Zahlen, die eine Umsatzverdoppelung innerhalb einer Dekade voraussagen, sind jedoch auch Elektrovelos und Elektroscooter enthalten, ein Segment, in dem die grossen Hersteller aus China und Indien den Ton angeben.

Marktverdoppelung in zehn Jahren

Umsatz elektrische Motorräder (in Mrd. $)
Prognose (ab 2021)

Fossil und elektrisch getrennt

Nach zehn Jahren Frust im Elektrogeschäft versucht es Harley-Davidson mit einer neuen Strategie. Ende 2021 hat sie die Elektroaktivitäten mit einer Mantelgesellschaft (Spac) von AEA-Bridges Impact zusammenlegt. Die als LiveWire eigenständig auftretende Firma soll noch vor Mitte Jahr in New York an die Börse gebracht werden (Börsenkürzel LVW). Harley-Davidson wird 74% kontrollieren und mit ihrem Konzernchef Jochen Zeitz während mindestens zwei Jahren auch den Konzernchef und VR-Präsidenten des Jungunternehmens stellen. Der japanische Zweiradhersteller Kymco, der wie Harley-Davidson 100 Mio. $ einschiesst, wird eine Beteiligung von 4,3% halten.

Das Umdenken bei Harley-Davidson in Sachen Elektromobilität hängt eng mit der Nominierung des 58-jährigen Deutschen Jochen Zeitz vor zwei Jahren zum Konzernchef zusammen. Das Unternehmen wusste, worauf es sich damit einlässt. Während achtzehn Jahren führte Zeitz den deutschen Sportartikelhersteller Puma, der nun zur französischen Luxusgruppe Kering (PPR) gehört. Auch bei seiner neuen Aufgabe musste er zuerst als Sanierer auftreten. Vor Jahresfrist hat er eine Fünfjahresstrategie präsentiert, mit der sich das Unternehmen auf seine Stärken zurückbesinnt und die Organisation gestrafft wird.

Doch Zeitz' wahre Leidenschaft gilt der Nachhaltigkeit. Kein Wunder spielt die Elektromobilität in der Neuausrichtung des Traditionsunternehmens eine entscheidende Rolle. In den ersten Jahren wird LiveWire noch Verlust schreiben. Erst ab 2026, wenn sie die Produktion auf jährlich 100'000 Stück hochgefahren und den budgetierten Umsatz von gut 1,8 Mrd. $ erreicht hat, sollen schwarze Zahlen resultieren. Als Produktionsstätte der Elektromotorräder wurde Harleys bestehende Fabrik in York (Pennsylvania) als Auftragsfertiger gewählt, wo derzeit knapp 1500 Mitarbeiter jährlich über 150'000 Harleys fertigen.

Das soll jedoch erst ein Anfang sein. In den Emissionsunterlagen werden für 2030 ein Umsatz von 3 Mrd. $ und eine Ebitda-Marge im Bereich von 15 bis 20% angepeilt. Von solchen Margen kann die «alte» Harley-Davidson nur träumen.

Mit LiveWire bricht das Unternehmen mit seinen ursprünglichen Charakteristika: schweren und teuren Motorrädern. Die auf einer neuen Produktionsplattform (Arrow) basierenden Nachfolgemodelle der LiveWire One werden leichter und günstiger sein. Der Akku wird nicht mehr im Rahmen eingebaut, sondern ist selbst ein tragendes Bauteil des Gefährts. Das Modell Del Mar dürfte wohl in wenigen Wochen lanciert werden und Werbung für den Börsengang von LiveWire machen. Und die nächste Modellreihe ist ebenfalls schon in der Entwicklung. In Zusammenarbeit mit Kymco werden auf der Arrow-Plattform noch schlankere und günstigere Motorräder gebaut.

Getrennt oder zusammen?

Pierer und Harley-Davidson gehen die Elektromobilität also strategisch unterschiedlich an. Pierer integriert sie in der bestehenden Gruppe. In einigen Jahren will sie all ihre Produkte über dann 5000 Motorrad- und 5000 Fahrradhändler vertreiben, wobei 2000 das gesamte Sortiment im Angebot haben sollen.

Im Gegensatz dazu separiert Harley-Davidson die Elektromobilität. Für das Vorgehen der Amerikaner sprechen die unterschiedlichen Kundengruppen. Hartgesottene Harley-Fans werden sich kaum für die grossen Elektro-Harleys begeistern lassen. Deshalb ist es wohl besser, wenn die jüngere, urbane (und kaufkräftige) Klientel gänzlich anders angesprochen wird. Mit Elektromotorrädern vergrössert sich der potenzielle Kundenkreis.

Mit einer sauberen Trennung der beiden Bereiche verhindert Harley-Davidson, ihre konservative Stammkundschaft zu vergraulen, für die Motorenlärm Musik und Vibrationen eine Wohltat bedeuten.

Auf die Börsenbewertung der Motorradhersteller haben die Elektropläne bisher kaum Auswirkungen gehabt. Die künftige Entwicklung hingegen wird stark davon abhängen, wie erfolgreich sie damit sind.

Pierer Mobility höher im Kurs

Mit Pierer Mobility sind die Investoren besser gefahren. Obwohl die Valoren seit Jahresbeginn rund 12% eingebüsst haben, liegt die Kursperformance im Jahresvergleich nach wie vor im zweistelligen Plusbereich. Das erfreuliche Jahresergebnis veranlasst den Verwaltungsrat, den Aktionären eine Verdoppelung der Dividende auf 1 € pro Titel vorzuschlagen. Die detaillierten Jahreszahlen wird das Unternehmen am 29. März vorlegen.

Im Gegensatz dazu tendiert der Kurs von Harley-Davidson seit Jahren weitgehend seitwärts. Das spiegelt sich auch in der tiefen Bewertung. Auf Basis der Konsensschätzungen der Analysten verkehren sie derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 9 (2022) bzw. 8 (2023).

Für die nach Börsenkapitalisierung fast nur halb so grosse Pierer Mobility sind die Anleger bereit, rund das Doppelte zu zahlen. Derzeit verkehrt sie mit KGV von 18 (2022) bzw. 17 (2023). Bei vielen Brokerhäusern (Vontobel, Stifel, Helvetische Bank) befindet sie sich auf der Kaufliste. Ein Handicap ist die eingeschränkte Handelsliquidität, denn Patron Pierer kontrolliert über 78% des Unternehmens.

Turnaround-Kandidat

Bei Harley-Davidson setzt man auf eine Trendwende des Stammgeschäfts und einen erfolgreichen Börsengang des Elektrobereichs. Pierers Bewertung basiert darauf, dass in Europa den japanischen Herstellern weiter Marktanteile abgenommen werden. Nur wegen der Dividendenrendite wird man keine der beiden Aktien erwerben (Pierer: 1,2%, Harley-Davidson: 1,5%). Zu mehr als einer Depotbeimischung eignen sie sich wohl nicht.