Analyse

Elf Aktientipps für 2022

Das kommende Jahr wird an der Börse herausfordernder. Doch mit der richtigen Aktienauswahl lässt sich auch im Umfeld erhöhter Teuerung und steigender Zinsen eine Überperformance erzielen. Die Redaktion von The Market präsentiert ihre Favoriten.

Redaktion von The Market
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Das Umfeld wird anspruchsvoller, 2022 steht an der Börse ein Regimewechsel an, so die Einschätzung von The Market für das kommende Jahr, die Sie hier schon in verschiedenen Artikeln lesen konnten. In unserem jüngsten «The Big Picture» haben wir aufgezeichnet, welche drei Entwicklungen die Finanzmärkte im kommenden Jahr prägen könnten.

Ein wichtiger Einflussfaktor wird die Teuerung sein. Manche Beobachter, wie der Marktstratege Larry McDonald, erwarten, dass sie zur entscheidenden Komponente für eine Umschichtung an der Börse wird. Klar ist, je deutlicher die Inflation über dem Niveau von vor der Pandemie bleibt, desto eher wird die US-Notenbank – und in ihrem Schlepptau vielleicht gar die Europäische Zentralbank – die geldpolitischen Zügel anziehen.

Doch was bedeutet das für die Titelselektion, in welche Valoren lohnt es sich dennoch zu investieren, weil sie das Potenzial haben, den Gesamtmarkt zu schlagen?

Höhere Zinsen – leichte Öffnung

Steigen die Zinsen, dürften es Qualitätstitel und bisherige Börsen-Darlings wie VAT, Straumann und Belimo schwerer haben als in den vergangenen Jahren. Die Bewertung dieser Papiere ist zuletzt immer höher gestiegen und könnte zu einem Problem werden, wenn es zu einer Bewertungskontraktion kommt.

The Market empfiehlt zwar, die Aktien zu halten, so sind die oben erwähnten Teil des Best Ideas Portfolio. Doch für 2022 sehen wir – die Gesamtperformance betrachtend – auch andere Titel in einer guten Ausgangslage. Solche etwa, die bisher unterschätzt wurden und deshalb noch günstig zu haben sind. Aber auch solche, deren Geschäftsmodell im jetzigen Umfeld besonders resistent ist.

Die Pandemie wird auch 2022 nicht verschwinden, kurzfristig dürfte Omikron oder gar abermals eine neue Variante die Wirtschaft und damit die Börse beschäftigen. The Market erwartet aber eine schrittweise Öffnung, Impulse aus China und tendenziell eine Normalisierung der Lieferketten. Das eröffnet Chancen in Aktien, die besonders unter Einschränkungen gelitten haben. Und zuletzt gibt es Valoren, bei denen 2022 das Vertrauen der Investoren zurückkehren dürfte.

Hier präsentieren wir unsere zehn Favoriten und einen Extratipp für das kommende Jahr.

Die Unterschätzten

Logitech gilt als Gewinner der Covid-Pandemie. Die «Work from Home»-Welle hat dem Hersteller von Computerzubehör eine hohe Nachfrage nach Tastaturen, Webcams oder Gaming-Zubehör beschert. Viele Analysten trauen es ihm aber nicht zu, dass er das Niveau halten kann. Seit Anfang Juni haben die Titel 40% an Wert eingebüsst. Doch bisher hat Logitech jedes Quartal die Erwartungen übertroffen. Zwar wird sich das Verkaufsvolumen auf leicht tieferem Niveau einpendeln, doch für die kommenden Jahre ist mit regen Ersatzkäufen zu rechnen. Das Management um CEO Bracken Darrell leistet in einem anspruchsvollen, von Logistikengpässen geprägten Umfeld hervorragende Arbeit. Die Bilanz ist mit einer Nettoliquidität von gut 1 Mrd. $ kerngesund, die Bewertung – KGV: 20 – nicht anspruchsvoll. Die Titel sind im The Market Best Ideas Portfolio enthalten.

Weil die Produktion von Zement grosse Mengen an CO2 freisetzt, fällt Holcim in den Nachhaltigkeitsratings vieler Investoren durch, was sich im Aktienkurs spiegelt. Dies, obwohl bis heute für grosse Bauprojekte ein «grünes» Substitut für Zement fehlt. Und Holcim unternimmt viel, um in der Branche als Best in Class zu agieren. Unter der Führung von CEO Jan Jenisch hat sich der Konzern einem Umbau verschrieben: Der Anteil der kapitalintensiven Zementproduktion wird 2022 wohl weiter gesenkt, gleichzeitig werden weniger kapitalintensive, höhermargige und «grünere» Geschäftsfelder wie Bauchemie verstärkt. Damit steigt nicht nur das Nachhaltigkeitsrating, sondern auch die Kapitalrendite. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (2022) von 11 und einer Dividendenrendite von 4,4% sind die Titel günstig. Sie sind im The Market Best Ideas Portfolio sowie im Dividend Opportunities Portfolio enthalten.

Der Marktexpansionsdienstleister DKSH kam an der Börse bisher mässig an: Ein schwaches Management liess die für die Branche typisch dünnen Margen schrumpfen. Doch der vormalige Straumann-Manager Marco Gadola hat dem Unternehmen als Präsident strategisch neues Leben eingehaucht. Am meisten Fantasie bietet die Einheit Performance Materials, wie Gadola vor einem Jahr im Interview mit The Market unterstrich. Der VRP ist bereit, einen Minderheitsanteil der Division abzutreten oder separat an die Börse zu bringen. Die zwei in diesem Feld tätigen Konkurrenten IMCD und Azelis werden zu einer deutlich höheren Bewertung gehandelt. Diese Perspektive sowie die Steigerung der Margen in den anderen Divisionen sprechen für DKSH. Die Bilanz ist kerngesund, die Bewertung – KGV 2022: 23, Dividendenrendite: 2,6% – attraktiv. Die Titel sind im The Market Best Ideas Portfolio sowie im Dividend Opportunities Portfolio enthalten.

Aber Achtung: Sollte die Omikronwelle Südostasien mit voller Wucht treffen und neue Lockdown-Massnahmen verursachen, dürfte der Kurs vorübergehend leiden.

Die Resistente und die Profiteurin

Steigende Preise sind eigentlich ein herausforderndes Umfeld für Hersteller von Grundnahrungsmitteln. Doch Emmi ist längst keine langweilige Milchverarbeiterin mehr. Der Fokus auf ausländische Märkte und Nischen wie Ziegenmilch und italienische Desserts lässt sie nicht nur schneller wachsen, er sorgt auch für eine höhere Resilienz gegenüber anziehenden Inputkosten, die in diesen Premiumsegmenten besser an die Kunden weitergereicht werden können. Und die Aussichten sind insbesondere für den Kassenschlager Emmi Caffè Latte weiterhin sehr erfreulich. Gut möglich also, dass Emmi die Markterwartungen mit der Publikation der Umsatzzahlen Ende Januar einmal mehr übertrifft. Darüber hinaus hat sie dank der einwandfreien Bilanz Kapazität für weitere Zukäufe in den angesprochenen Wachstumsfeldern, und sie ist hervorragend geführt. In einem schwierigeren Marktumfeld könnte das den wenig konjunktursensitiven Aktien einen zusätzlichen Vorteil geben.

Manchen Unternehmen kämen auch weiter steigende Zinsen gelegen. Dazu gehört das Geschäft mit klassischen Lebensversicherungen, das unter dem niedrigen Zinsertrag leidet. Hier am besten in Form präsentiert sich derzeit Swiss Life. Die Titel haben im laufenden Jahr bereits deutlich zugelegt. Neben dem stark gestiegenen Gebührenertrag sprechen die solide Kapitalisierung und die aktionärsfreundliche Ausschüttungspolitik auch weiterhin für die Aktien des Versicherungskonzerns – die geschätzte Dividendenrendite 2021 liegt bei 4,1%. Und Swiss Life ist im Wandel. In den kommenden Jahren dürfte die Vermögensverwaltung an Bedeutung gewinnen, womit auch die Zahl der vermögenden Kunden steigen wird. Das macht eine noch höhere Bewertung der Papiere wahrscheinlich. Sie sind Teil des The Market Dividend Opportunities Portfolio.

Die Zurückgebundenen

Der Schrecken steckt manchem Cembra-Investor noch in den Knochen: Am 23. August hatte das Konsumkreditinstitut überraschend bekannt gegeben, dass die Kreditkartenpartnerschaft mit Migros per Mitte 2022 beendet wird. Das gefährdet potenziell rund ein Drittel des bisherigen Ertrags. Der Kurs brach in der Folge ein – von fast 100 Fr. auf zwischenzeitlich unter 60 Fr. Das Management rechnet jedoch damit, nach einer Delle bereits ab 2023 an das Rekordniveau von vor Covid anknüpfen zu können. Eine Perspektive, die deutlichen Erholungsspielraum verspricht – insbesondere wenn im Kartengeschäft mit der Reisetätigkeit auch Fremdwährungstransaktionen wieder zunehmen. Bis das allerdings in den Zahlen greifbar wird, dürfte es mindestens bis in die zweite Jahreshälfte 2022 dauern, sodass vorderhand noch nicht mit raschen Kursavancen gerechnet werden darf. Diese Wartefrist versüsst aber die hoch attraktive Dividendenrendite von gegen 6%. Die Aktien sind Teil des The Market Dividend Opportunities Portfolio.

Erst hat die chinesische Immobilienkrise die Aktie von Schindler unter Druck gebracht. Nun leidet der Aufzug- und Rolltreppenhersteller unter der globalen Kosteninflation. Das Management ist jedoch zuversichtlich, die Bremswirkung aus diesen beiden Faktoren dank Effizienzsteigerungen mehr als kompensieren zu können. 2022 will es die Marge gar leicht steigern. Zudem scheint die chinesische Regierung zum Schluss gekommen zu sein, dass es an der Zeit ist, die heimische Wirtschaft wieder zu stützen. Ein Stimulusprogramm wäre eine gute Neuigkeit für Schindler, die in China rund 16% des Umsatzes erzielt. The Market ist schon länger überzeugt von den Innerschweizern. Der derzeitige Kurs des Partizipationsscheins um 240 Fr. könnte sich damit als guter Einstiegspunkt erweisen. Die Valoren sind im The Market Best Ideas Portfolio enthalten.

Pandemiebedingt mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat auch Komax, genauer gesagt mit den Problemen der Chiplieferketten. Die Produkte der Autozulieferer werden von den grossen Herstellern derzeit nur unregelmässig abgerufen, die Lieferbereitschaft bindet viel Cash. Doch Marktbeobachter erwarten, dass die Knappheit ab der zweiten Jahreshälfte 2022 nachlassen und sich das Gleichgewicht in den folgenden Monaten wieder einstellen wird. Das verspricht eine signifikante Ausdehnung der Volumen, wovon Zulieferer überproportional profitieren würden. Gerade auch Komax, die angesichts des Automatisierungs- und des Elektroautobooms sehr gut positioniert ist. Die Bewertung mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 26 für 2022 liegt unter dem Schnitt der letzten beiden Jahre. Die Titel sind Teil des The Market Best Ideas Portfolio.

Die Abgestraften

Grundsätzlich gefällt die Entwicklung bei Clariant: Das neue Management um CEO Conrad Keijzer bringt nach der Schrumpfkur nun die verbleibenden Bereiche auf Vordermann. Die Kosten sollen sinken und die Marge sich verbessern. Das ist im Sinne von Sabic, denn damit steigt die Wahrscheinlichkeit für den Grossaktionär, ohne Gesichtsverlust aussteigen zu können. Eine Folge davon könnte auch sein, dass Clariant künftig gar attraktivere Übernahmeszenarien winken als zuvor, was die Aktien befeuern würde. Angesichts der langen Historie von Enttäuschungen unter der Ägide von Hariolf Kottmann dürfte es aber noch etwas Zeit brauchen, bis die Börse Clariant neues Vertrauen schenkt und der Kurs merklich anzieht. Die Papiere sind Teil des The Market Best Ideas Portfolio.

Unter einem Vertrauensverlust leiden auch die Valoren von SoftwareOne. Das zeigt sich im Aktienkurs. Er notierte zuletzt nur wenig über dem Jahrestief von 18 Fr., nachdem er im Frühjahr noch auf fast 30 Fr. gestiegen war. Und das hat einen Grund: Der Softwarewiederverkäufer und Serviceanbieter enttäuschte immer wieder, zuletzt mit den Halbjahreszahlen. Hohe Investitionen liessen die Marge implodieren. Dabei ist SoftwareOne bestens positioniert, um von der Digitalisierung und von Cloud-Lösungen, die eine globale Skalierung des Geschäfts ermöglichen, zu profitieren. Das Wachstum stimmte zuletzt, dieses Jahr kann das Management beweisen, dass es sich auch auf Gewinnebene positiv auswirkt und bei den Aktionären ankommt.

Der Joker

Temenos steht vor einem Jahr der Entscheidung. Der Genfer Hersteller von Bankensoftware ist zwar in guter Verfassung; er besitzt eine führende Stellung in einem strukturell wachsenden Markt. Doch er rechnet einen Grossteil seiner Softwareverkäufe immer noch mit einem Lizenzmodell ab, während der Trend im Business in Richtung Abonnement- und Software-as-a-Service-Modelle geht. Für Temenos wäre der Wechsel einträglicher, da dies über eine mehrjährige Laufzeit profitabler ist als ein einmaliger Lizenzverkauf. Die Umstellung aber wird Umsatz, Cashflow und Gewinn über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren sinken lassen, was an der Börse wohl abgestraft würde – so geschehen bei den deutschen Softwarekonzernen SAP und Software AG.

Um dieses Szenario zu umgehen, könnte der Verwaltungsrat von Temenos entscheiden, sich von einer Private-Equity-Gesellschaft übernehmen zu lassen und den Umbau fernab vom Lärm der Börsen durchzuführen. Grossaktionär Martin Ebner (10%-Anteil) wäre wohl einverstanden damit, sofern eine Übernahmeprämie von gut 30% geboten würde. Allerdings ist eine deutliche Warnung angebracht: Sollte der Temenos-Verwaltunsgrat beschliessen, die Umstellung des Geschäftsmodells als Publikumsgesellschaft anzugehen, könnte der Aktienkurs in der kurzen Frist unter 100 Fr. fallen. Die Titel sind im The Market Best Ideas Portfolio enthalten.