Analyse

Flinke Dauerläufer fürs Aktienportfolio

An der deutschen Börse finden sich diverse mittelständische Unternehmen mit blendenden Perspektiven. The Market präsentiert vier Ausdauerspezialisten, die bereits eine lange Strecke zurückgelegt haben und weiter auf dem Weg nach oben sind.

Tim Schäfer
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Im täglichen Lärm an den Finanzmärkten gehen Nachrichten zu Small und Mid Caps oft unter. Kleine und mittelgrosse Firmen sind jedoch nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber und Wachstumsmotor für die Wirtschaft, sondern überraschen zuweilen auch mit einer überragenden Performance an der Börse.

Bild: Steven Lelham/Unsplash

Gerade in der zweiten und dritten Reihe des deutschen Prime Standard, dem Segment mit den höchsten Transparenzvorschriften, finden sich diverse spannende Titel, über die in den Finanzmedien nur selten berichtet wird. Im Folgenden stellen wir deshalb vier mittelständische Unternehmen vor, die günstig bis moderat bewertet sind, eine aktionärsfreundliche Ausschüttungspolitik pflegen und ausreichend Kondition haben, ihren Geschäftsgang stetig weiter zu verbessern.

Amadeus Fire: Personalvermittler auf Wachstumskurs

Ein gutes Beispiel für einen derartigen Dauerläufer ist Amadeus Fire. Der Zeitarbeitsvermittler aus Frankfurt am Main bringt eine Marktkapitalisierung von gut 1 Mrd. € auf die Waage. Der Kurs hat seit dem Tief im Jahr 2003 von 3.25 € mehr als 5’600% zugelegt. Aktuell notiert der Nebenwert mit 192.20 € auf einem Allzeithoch.

Amadeus Fire

Performance über letzte fünf Jahre, in %
Amadeus Fire
SDax Index

Nach einem anspruchsvollen Umfeld im letzten Jahr läuft es dem Unternehmen aus dem SDax gegenwärtig ausgezeichnet. Im ersten Semester wuchs der Umsatz 30% auf knapp 178 Mio. €. Das operative Ergebnis auf Stufe Ebitda nahm 70% auf 29,5 Mio. € zu. Dank des robusten Cashflows konnte der Verschuldungsgrad zudem deutlich reduziert werden.

Die Konzernleitung um CEO Robert von Wülfing hat bei der Ergebnispräsentation Ende Juli kommuniziert, dass sie für 2021 insgesamt ein «deutlich dynamischeres Wachstum» erwartet und das Vorjahresergebnis um mindestens 50% übertreffen will. Der Analystenkonsens erwartet einen Rekordgewinn von annähernd 32 Mio. € oder gut 6.70 € pro Aktie.

Die Vermittlung von Temporärstellen ist derzeit ein boomendes Geschäft. Hatten Unternehmen letztes Jahr massenweise Jobs gestrichen, bekunden jetzt viele Schwierigkeiten, genügend Arbeitskräfte zu finden, denn die rasche Erholung in verschiedenen Segmenten des Arbeitsmarktes hat sie überrascht. Daher stellen sie bereitwillig Zeitarbeitskräfte ein, selbst wenn diese mehr kosten. Zudem können sie dadurch die Grösse der Belegschaft flexibler anpassen, falls der Aufschwung ins Stocken geraten sollte.

Davon profitieren Personalagenturen wie Amadeus Fire, die bei der Suche nach qualifizierten Fachkräften helfen. Die Hessen sind auf den deutschen Arbeitsmarkt spezialisiert und vermitteln primär Büroangestellte aus dem kaufmännischen Bereich sowie aus der IT-Branche, beides lukrative Segmente. Die Firma deckt vom Personalleasing über die Vermittlung bis hin zum Interim Management praktisch den ganzen Jobmarkt ab. Zudem bietet sie Fort- und Weiterbildungskurse an.

Dass sich die Aussichten aufhellen, reflektiert sich auch in der Ausschüttungspolitik. Das Unternehmen zahlt seit zwanzig Jahren praktisch konstant eine Dividende. Nur für 2019 setzte es die Barausschüttung temporär aus, um in der Coronakrise ausreichend Liquidität sicherzustellen. Für das Geschäftsjahr 2020 wurden wieder 1.55 € pro Titel ausgezahlt, und Analysten rechnen für das laufende Geschäftsjahr mit einer Erhöhung auf 2 € je Aktie.

Amadeus Fire: operative Entwicklung

2018 2019 2020 2021 2022
Umsatz in Mio. €206233280365392
- Veränderung11.5%13.3%20.2%30.3%7.3%
Ebit in Mio. €37.538.731.256.563.9
- Marge18.2%16.6%11.1%15.5%16.3%
Gewinn pro Aktie in €4.664.623.296.727.45
- Veränderung17.8%-0.9%-28.8%104.3%10.9%

Der Sektor der Personalvermittlung ist fragmentiert und wird von Schwergewichten wie Adecco 📈, Manpower und Randstad dominiert. Amadeus zeichnet sich in der Branche als profitabler Nischenplayer aus, weshalb in den Aktien auch etwas Übernahmefantasie steckt. Adecco zum Beispiel hat erst vor wenigen Monaten mit der Akquisition von Akka Technologies die grösste Übernahme der Unternehmensgeschichte angekündigt.

Es würde nicht überraschen, wenn weitere Zusammenschlüsse folgen. Sollte sich tatsächlich einmal ein Interessent für Amadeus Fire melden, steht einem Deal zum richtigen Preis kaum etwas im Weg. Die Titel sind über ein breites Aktionariat von institutionellen Investoren austariert. Zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 25 für 2022 und 23 für 2023 sind sie kein Schnäppchen, aber auch nicht überrissen teuer. Die Dividendenrendite beträgt 1,1%.

Surteco: Perfektionist für dekorative Oberflächen

Die Pandemie hat die Konsummuster von Haushalten verändert. Das macht sich unter anderem daran bemerkbar, dass die Nachfrage nach Möbeln deutlich zugenommen hat. Entsprechend rund läuft es Surteco.

Der Zulieferer aus dem bayerischen Buttenwiesen mit einem Börsenwert von annähernd 550 Mio. € ist auf die Oberflächentechnologie spezialisiert und stellt bedruckte Dekorpapiere, Imprägnate, Trennpapiere, dekorative Flächenfolien, Kantenbänder und Sockelleisten her, die perfekt aufeinander abgestimmt werden müssen. Rollladensysteme runden das Sortiment ab.

Das zweite Quartal war mit 189 Mio. € Umsatz das stärkste der Firmengeschichte. Insgesamt stiegen die Einnahmen im ersten Semester gegenüber der Vorjahresperiode 27% auf einen Rekord von fast 380 Mio. €. Obschon der deutliche Anstieg der Materialkosten nur partiell und zeitverzögert weitergegeben werden konnte, verbesserte sich der Betriebsgewinn auf Stufe Ebit von 14,4 auf nahezu 39 Mio. €.

Surteco ist im Kern eine Beteiligungsgesellschaft, die unter einem Dach mittelständische Betriebe rund um den Globus mit insgesamt über 3000 Mitarbeitenden und 22 Standorten vereint. 27% der Einnahmen entfallen auf Deutschland, 47% auf andere europäische Länder und der Rest auf Amerika sowie den asiatisch-pazifischen Raum. Die Kunden stammen aus der Holzwerkstoff-, Boden- und Möbelindustrie sowie aus dem Innenausbau.

Weil das Management um CEO Wolfgang Moyses frühzeitig Massnahmen gegen höhere Rohstoffkosten eingeleitet hat, konnte es zu Ende des ersten Semesters die Prognose für das Gesamtjahr erhöhen. Gemäss dem Datendienst S&P Global Market Intelligence prognostizieren Analysten eine Umsatzsteigerung von gut 15% auf über 720 Mio. €. Der Gewinn soll sich um 18% auf nahezu 40 Mio. € oder knapp 2.60 € je Titel ausweiten.

Surteco Group: operative Entwicklung

2018 2019 2020 2021 2022
Umsatz in Mio. €704681631722750
- Veränderung1.3%-3.4%-7.3%15.2%3.8%
Ebit in Mio. €33.321.046.460.361.9
- Marge4.7%3.1%7.3%8.3%8.3%
Gewinn pro Aktie in €1.200.612.172.572.72
- Veränderung-28.9%-49.4%257.3%18.5%5.8%

Obwohl der Kurs in den vergangenen zwölf Monaten über 60% auf 37.70 € gestiegen ist, sind die Aktien wenig anspruchsvoll bewertet. Das KGV für nächstes Jahr beläuft sich auf weniger als 13, für 2023 liegt es leicht unter 12. Der Durchschnittswert über die letzten fünf bis zehn Jahre schwankt zwischen 13 bis 14.

Am Markt wird für 2021 zudem mit einer weiteren Erhöhung der Dividende von 0.80 auf 1.10 € gerechnet, womit sich eine überdurchschnittliche Rendite von 3,1% ergibt. Das ist auch im Sinn der Familienaktionäre, die mehr als die Hälfte der Stimmen kontrollieren.

Surteco

Performance über letzte fünf Jahre, in %
Surteco
Sdax

Villeroy & Boch: französischer Charme und deutsche Präzision

Vom gleichen Grundtrend profitiert Villeroy & Boch. Weil vermehrt zu Hause getrunken und gegessen wird, verzeichnet der Keramikhersteller ein robuste Nachfrage nach Tafelgeschirr. Eine kräftige Erholung verzeichnet auch sein Angebot im Bereich Badezimmer und Toiletten, wo Geberit und der US-Hersteller Masco zu den Konkurrenten zählen.

Die Ursprünge des zu gut 600 Mio. € bewerteten Unternehmens mit deutsch-französischen Wurzeln gehen ins Jahr 1748 zurück, womit es zu den ältesten Industriebetrieben Europas zählt. Benannt nach den Gründern Jean-François Boch und Nicolas Villeroy ist die Gesellschaft bis heute grösstenteils im Besitz der Familien von Boch-Galhau und Villeroy de Galhau. Ihr Geschäftssitz befindet sich in den einstigen Klostergebäuden der Abtei Mettlach im Saarland.

Villeroy & Boch hat letztes Jahr umsichtig agiert und Kosten frühzeitig gesenkt. Die Wirtschaftskrise hatte das Geschäft zunächst schwer belastet. Die Sparte Tischkultur konnte den Vertrieb übers Internet im Zug der Lockdown-Massnahmen aber immerhin deutlich ausbauen. Ausser dem Direktverkauf über das eigene Online-Angebot trugen dazu Handelspartner wie Amazon und das US-Kaufhaus Macy’s bei.

Im Bereich Bad und Wellness, der für rund zwei Drittel der Einnahmen und rund 80% des Betriebsgewinns aufkommt, schlossen zudem die Märkte in Deutschland, Schweden, Polen und Schweiz überraschend gut ab. Enttäuschend hatte sich hingegen schon seit längerer Zeit das Geschäft in Amerika entwickelt, weshalb die Firma ihr Werk in Mexiko an einen kolumbianischen Sanitärhersteller veräusserte.

Inzwischen sehen die Perspektiven wesentlich freundlicher aus. Angesichts der soliden Geschäftsentwicklung hat Villeroy & Boch die Prognose für das Gesamtjahr bereits zweimal angehoben. Nach einem anhaltend positiven Verlauf im dritten Quartal stellte das Management Ende September mehr als 920 Mio. $ Umsatz sowie ein operatives Ergebnis von über 85 Mio. € in Aussicht. Das vollständige Resultat zur abgelaufenen Berichtsperiode wird heute Mittwoch veröffentlicht.

Villeroy & Boch: operative Entwicklung

2018 2019 2020 2021 2022
Umsatz in Mio. €853833801923953
- Veränderung2.0%-2.3%-3.9%15.2%3.3%
Ebit in Mio €53.651.049.786.089.0
- Veränderung5.9%-4.9%-2.5%73.0%3.5%
Gewinn pro Vorzugsaktie in €1.303.060.882.052.20
- Veränderung12.0%163.8%-71.0%133.0%7.3%

Strategisch hat die Konzernführung einen Richtungswechsel vollzogen. Nachdem Villeroy & Boch durch den Verkauf eines vormaligen Fabrikstandorts in Luxemburg rund 88 Mio. € zugeflossen waren, wollte sie Anfang 2020 den finanziell angeschlagenen Armaturenhersteller Ideal Standard aus Belgien übernehmen. Auf Druck des Hedge Funds Lakestreet Capital Partners aus Zug und anderer Investoren sind die Akquisitionspläne diesen März abgebrochen worden.

Die Vorzugsaktien von Villeroy & Boch sind in den letzten zwölf Monaten über 80% avanciert und notieren zum aktuellen Kurs von 23.50 € rund 11% über dem Allzeithoch von 2017. Das KGV für nächstes und übernächstes Jahr bewegt sich um 10, was moderat erscheint. Am Markt wird für 2021 mit einer Dividende von 1.10 € gerechnet, womit die Titel feudale 4,8% Rendite abwerfen. Dank einer Netto-Cashposition von über 130 Mio. € kann sich die Firma die generöse Ausschüttungspolitik gut leisten.

Villeroy & Boch

Performance über letzte fünf Jahre, in %
Villeroy & Boch
SDax Index

Bechtle: IT-Distributor mit steigender Ertragskraft

Wer in Bechtle investiert hat, bereut es nicht. Die Valoren von Deutschlands grösstem IT-Systemhaus, die im MDax enthalten sind, haben sich in den vergangenen zehn Jahren um annähernd 1’300% auf 59.50 € verteuert. Vieles spricht dafür, dass es mit dem Kurs nach der Konsolidierung der vergangenen Monate weiter aufwärts geht.

Bechtle

Performance über letzte fünf Jahre, in %
Bechtle
MDax

Die Erfolgsgeschichte der Gruppe mit einer Marktkapitalisierung von 7,4 Mrd. € nahm in den frühen Achtzigerjahren ihren Anfang. Weil Gerhard Schick, Betreiber einer Kinokette, seine Zusatzeinnahmen mit Süssgetränken, Schokoriegeln, Gummibärchen und anderen Snacks nicht mehr auf Papier sondern digital erfassen wollte, wandte er sich an die nahe gelegene Fachhochschule Heilbronn in Baden-Württemberg.

Dort beauftragte Professor Klaus von Jan einen 24-jährigen Maschinenbaustudenten namens Ralf Klenk, ein Software-Programm zur elektronischen Buchführung zu schreiben. Die Kooperation funktionierte so gut, dass sich die drei entschlossen, zusammen eine Software-Firma zu gründen. Da der Name des Unternehmens schwäbisch klingen sollte und es an konkreten Ideen fehlte, ging Kinobetreiber Schick einfach die Liste seiner Mitarbeiter durch. Bei Hans-Joachim Bechtle blieb sein Finger stehen. Um den Nachnamen des Angestellten zu nutzen, zahlten ihm die Firmengründer 1000 D-Mark.

Der Rest ist schnell erzählt. Das Trio schrieb zunächst Programme für Sägewerke, wobei der Hardware-Verkauf von Computern, Monitoren, Druckern und anderem IT-Zubehör noch besser lief. Heute offeriert Bechtle einen Online-Vertriebskatalog mit rund 40’000 Hardware- und Softwareprodukten, rüstet Unternehmen direkt mit IT-Geräten aus und bietet dazu individuelle Kundenberatung, die Wartung der Infrastruktur sowie Schulungen an

Als IT-Dienstleister profitiert Bechtle vom Trend zu «Work-from-Home»-Arbeitsmodellen und vom wachsenden Bedarf an PCs und Tablet-Computern für den Heimgebrauch. Mehr als 2 Mrd. € setzen die Schwaben jährlich ausserdem mit Auftraggebern aus dem öffentlichen Sektor um.

Insgesamt legte der Umsatz im vergangenen Jahr gut 8% auf 5,8 Mrd. € zu. Die Ebit-Marge verbesserte sich auf einen Rekord von 4,8% und dehnte sich im ersten Semester weiter auf 4,9% aus. Analysten rechnen für 2021 mit Einnahmen von fast 6,4 Mrd. € und einer operativen Gewinnspanne von 5%. 2022 soll der Umsatz erneut über 9% expandieren und die Betriebsmarge konstant gehalten werden.

Bechtle: operative Entwicklung

2018 2019 2020 2021 2022
Umsatz in Mio. €43235374581963676961
- Veränderung21.1%24.3%8.3%9.4%9.3%
Ebit in Mio. €195241277319347
- Marge4.5%4.5%4.8%5.0%5.0%
Gewinn pro Aktie in €1.091.351.532.122.36
- Veränderung19.7%24.3%12.9%39.2%11.1%

Auf Basis der Konsensschätzung für das nächste Jahr handeln die Titel zu einem KGV von 25, für 2023 beträgt das Multiple knapp 23. Das ist zwar nicht anspruchslos, aber aufgrund des soliden Geschäftsmodells durchaus vertretbar. Auch zahlt Bechtle seit dem Börsengang im März 2000 unterbruchlos eine Dividende, die sich seit 2013 jedes Jahr erhöht hat. Für 2021 erwarten Analysten eine weitere Aufbesserung von 0.45 auf 0.63 € je Titel, woraus sich knapp 1,1% Rendite errechnen.

Das dürfte auch Karin Schick entgegenkommen. Die Tochter des Bechtle-Mitbegründers ist heute die grösste Aktionärin mit einem Anteil von 35%. Das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» schätzt ihr Privatvermögen auf 3,1 Mrd. $, womit sie eine der reichsten Frauen Deutschlands ist.