Analyse

Gold und Silber könnten bald von einem Engpass am Futures-Markt profitieren

Die beiden Edelmetalle werden zunehmend knapp. Das zeigen ungewöhnliche Bewegungen an den Futures-Börsen. Damit könnte das Gegenteil dessen eintreten, was den Ölpreis im April ins Minus gedrückt hat.

Gregor Mast
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Gold kennt kein Halten. Vor zwei Wochen markierte der Unzenpreis 📈 in Dollar ein neues Höchst, letzte Woche ist er erstmals über 2000 $ gestiegen. Seit Anfang Jahr hat das Edelmetall in Dollar 35% gewonnen. Noch kräftiger war die Avance beim Silber 📈, das seit Ende 2019 mehr als 60% zugelegt hat.

Die Gründe für den Höhenflug sind bekannt: eine präzedenzlose Geld- und Fiskalpolitik, die explodierende Geldmengen, Niedrigst- bis Negativzinsen und eine munter steigende Unternehmens- und Staatsverschuldung zur Folge hat. Dazu kommen Anzeichen, dass Corona der Umsetzung von Konzepten wie der Modern Monetary Theory (MMT) Vorschub leistet, die Staatsausgaben über die Druckerpresse finanzieren will – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Inflation.

Zusätzliche Unterstützung könnte den Edelmetallen aus dem Papiergold- und -silbermarkt erwachsen. Damit sind an den Futures-Börsen gehandelte derivative Instrumente gemeint. Die den Kontrakten zugrundeliegenden Volumen übersteigen die an den Börsen vorhandenen physischen Bestände um ein Vielfaches.

Warum ein «Reverse Oil Moment» anstehen könnte

Deshalb könnte sich an den Edelmetallmärkten bald das Gegenteil dessen abspielen, was im April den Ölpreis ins Minus gedrückt hat. Nur eben mit umgekehrten Vorzeichen. Damals herrschte eine Ölschwemme, nun droht eine Gold- und Silberknappheit, die zu einer Aufwärtsbeschleunigung der Kurse führen könnte.

Futures haben ein Ablaufdatum. Anleger müssen den verfallenden Kontrakt entweder verkaufen oder in neue Kontrakte mit längerer Laufzeit rollen, um den Rohstoff nicht geliefert zu erhalten oder gar abholen zu müssen. Wer nach dem Stichtag für den Bezug – im Jargon First Notice Day genannt – noch Positionen hält, muss den Rohstoff unter Umständen physisch beziehen oder liefern, wenn die Gegenpartei das verlangt.

Diese Tatsache nutzten findige Trader im April aus, indem sie den im Mai verfallenden Future auf die US-Rohölsorte WTI leer verkauft und Privatanleger so in die Ecke gedrängt haben. Weil diese das Öl nicht beziehen wollten und wegen der globalen Ölschwemme keine Lagerkapazitäten vorhanden waren, mussten sie ihre Futures-Positionen um jeden Preis abstossen, was den Kurs für ein Fass Rohöl auf –40 $ drückte. Dass man für den Kauf von Öl bezahlt wird, dürfte für die meisten Anleger bis vor kurzem unvorstellbar gewesen sein.

Ungewöhnliche Bewegungen an der Futures-Börse

Am Edelmetallmarkt gibt es schon seit längerem Anzeichen, dass das Gegenteil passiert. Urs Gmür vom auf Rohstoffanlagen und technische Analyse spezialisierten Finanzhaus Dolefin in Nyon beobachtet bereits seit April ungewöhnliche Bewegungen an der Futures-Börse Comex in Chicago. So wurden vermehrt Kontrakte nach dem First Notice Day gekauft «Das macht nur Sinn, wenn Anleger den Rohstoff physisch beziehen wollen», erklärt Gmür.

Im Normalfall tendieren die offenen Futures-Positionen – im Jargon Open Interest genannt – vor dem First Notice Day gegen null, weil Anleger eben nicht am Rohstoff, sondern nur am Buchgewinn interessiert sind.

Gmür geht davon aus, dass die weltweiten Shutdowns, die auch drei der global führenden Goldraffinerien im Tessin lahmgelegt haben, den physischen Goldmarkt ausgetrocknet haben. Deshalb spielten sich diese an sich schon ungewöhnlichen Transaktionen auch in den eigentlich unbedeutenden Verfallmonaten Mai und Juli ab, in denen in normalen Zeiten wenig los ist.

In den USA werden Barren über den Futures-Markt bezogen

«In den USA ist der Futures-Markt der klassische Weg, um an Standardbarren heranzukommen», sagt Gmür. Münzen seien auch in den USA erhältlich, Standardbarren für 400 Unzen Gold oder 1000 Unzen Silber aber kaum.

Und genau auf diese Barren haben es viele Investoren derzeit abgesehen, wie der sprunghafte Anstieg der Liefergesuche für die im April, Juni und August verfallenden Gold-Futures zeigen (vgl. Grafik). Am 30. Juli verlangten die Futures-Käufer die Auslieferung von fast 3,3 Mio. Unzen (knapp 33'000 Kontrakte à 100 Unzen) Gold für August. Das ist der höchste je verzeichnete Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1994.

Weil das Volumen des Papiergoldes den physischen Bestand an der Comex bei weitem übersteigt, droht ein Engpass, wenn viele Anleger Gold beziehen wollen. Louis-Vincent Gave vom Hongkonger Analysehaus Gavekal folgerte deshalb bereits im April: «Man könnte leicht einen Bullenangriff auf dem Goldmarkt organisieren und eine physische Lieferung erzwingen.» Die Folge wäre ein massiver Aufschlag für physisches Gold gegenüber den am Futures-Markt verzeichneten Kursen.

«Der nächste grosse Verfall im Gold findet im Oktober mit einem Open Interest von fast 70‘000 Kontrakten statt», sagt Gmür. «Und dann kommt der Hammerverfall im Dezember mit über 400‘000 Kontrakten.» Wenn dann viele Investoren das Edelmetall physisch beziehen wollen, wird es eng.

Doch wie lange hielte eine Entkopplung des Kassa- vom Futures-Markt an? Gave spricht von ein oder zwei Tagen, für die der Goldpreis in die Höhe schiessen könnte. Auch Gmür fürchtet keinen länger anhaltenden Engpass am Goldmarkt. «Die Notenbanken sitzen nach wie vor auf grossen Goldvorräten», gibt er zu bedenken. «Geht es hart auf hart, werden sie einspringen und den Futures-Börsen das Gold ausleihen.» So verhinderten sie, dass die Börsen in Schieflage geraten und im schlimmsten Fall Insolvenz anmelden müssen.

Grösseres Ungemach droht am Silbermarkt

Grösseres Ungemach fürchtet Gmür hingegen im Silbermarkt. «Dort könnte bereits der Septemberkontrakt zum Problem werden», warnt er. Der Open Interest von fast 125'000 Kontrakten entspricht 625 Mio. Unzen – und das bei einer jährlichen Fördermenge von 800 Mio. Unzen.

«Im Gegensatz zu Gold, bei dem 90% der bisher insgesamt geförderten Menge noch vorhanden ist, werden 80% der jährlichen Silberproduktion in der Industrie verarbeitet.» Für Anleger blieben nicht einmal 200 Mio. Unzen. Zu einem Unzenpreis von 30 $ entspricht das einem Gegenwert von 6 Mrd. $. «Das ist nichts», sagt Gmür. Silber sei extrem knapp. Entsprechend hoch sei das Kurspotenzial, wenn es von Anlegern entdeckt wird. «Die bisherigen Avancen sind erst der Anfang», ist er überzeugt.

«Die Notenbanken halten kein Silber mehr und können es auch nicht drucken», fährt er fort. Deshalb können sie auch nicht eingreifen, wenn Anleger einen Bullenangriff auf Silber ausüben und den Vorrat an den Futures-Börsen leerfegen. «In diesem Fall würden die offenen Positionen wohl zwangsliquidiert und zum letztbezahlten Kurs abgerechnet.» Natürlich läge dieser Kurs deutlich unter den Notierungen am Kassamarkt.

Die Futures-Käufer hätten also das Nachsehen. «Es empfiehlt sich deshalb, Silber physisch zu kaufen oder bei Anlageprodukten auf die physische Hinterlegung zu achten», rät Gmür. Noch mehr Potenzial sieht er bei Silberförderern, die im Metals Exploration Fund von Dolefin das höchste Gewicht aufweisen.