Analyse

HeidelbergCement bietet Investoren eine attraktive Mischung

Die deutsche Zementgruppe profitiert von der globalen Konjunkturbelebung und Infrastrukturinvestitionen. Eine Bereinigung des Portfolios könnte Potenzial freisetzen. Die Aktien des Dax-Konzerns sind günstig bewertet und offerieren eine stattliche Dividendenrendite.

Tim Schäfer
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Von Asien über Europa bis nach Amerika: Rund um den Globus erholt sich die Wirtschaft von der Pandemie. Mit massiven Stimulusmassnahmen heizen viele Staaten die Konjunktur zusätzlich an. Ausbau und Modernisierung der Infrastruktur spielen dabei eine zentrale Rolle. Das verdeutlicht das 2,3 Bio. $ umfassende Investitionsprogramm, an dem die US-Regierung gegenwärtig arbeitet. In Europa werden mit dem Green Deal und dem Wiederaufbaufonds Next Generation EU ebenfalls Wirtschaftspakete geschnürt, die in eine ähnliche Richtung gehen.

HeidelbergCement eröffnen sich dadurch erbauliche Perspektiven. Brücken, Autobahnen, Häfen, Tunnels müssen weltweit auf Vordermann gebracht werden. Überall werden dafür Zement und andere Baustoffe benötigt.

Der Konzern aus Deutschland gehört mit einer Jahresproduktion von über 120 Mio. Tonnen und knapp 15 Mrd. € Börsenwert zu den führenden Anbietern. Seine individuellen Stärken liegen in der starken Marktposition, wenn es um Zuschlagstoffe und Aggregate geht. Zu den Hauptkonkurrenten gehören Holcim aus der Schweiz, Cemex aus Mexiko sowie die chinesischen Kolosse Anhui Conch Cement und CNBM:

Grösste Produzenten

Zementproduktion 2020 Produktionskapazität
Holcim Schweiz 287
387
Anhui Conch Cement China 217
288
CNBM China 176
406
HeidelbergCement Deutschland 121
129
Cemex Mexiko 87
93
Italcementi Italien 77
77
China Resources Cement China 71
78
Taiwan Cement Taiwan 64
69
Eurocement Russland 45
50
Votorantim Group Brasilien 45
54

Die Belebung der Wirtschaft macht sich bereits positiv bemerkbar. «HeidelbergCement ist hervorragend ins Jahr 2021 gestartet», sagte CEO Dominik von Achten Anfang Mai während der Präsentation der definitiven Zahlen zum ersten Quartal. «Wir haben in allen Konzerngebieten unser Ergebnis und unsere Margen gegenüber einem bereits starken Vorjahresquartal nochmals deutlich steigern können», fügte er hinzu. Mit ermutigenden Nachrichten konnte vor wenigen Wochen ebenso Holcim aufwarten.

HeidelbergCement weist für die ersten drei Monate - saisonal bedingt jeweils die schwächsten im Jahr - knapp 4 Mrd. € Umsatz aus. Auf vergleichbarer Basis resultiert damit ein Zuwachs von 4%. Der Betriebsgewinn vor Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda) nahm 38% auf knapp 540 Mio. € zu. Die Ebitda-Marge dehnte sich von 10,3 auf 13,6% aus. Die Erwartungen der Analysten wurden damit um Längen übertroffen.

«Wir sehen eine anhaltend starke Nachfrage im privaten Wohnungsbau und im Bereich Infrastruktur in allen Regionen», kommuniziert der Konzern in seinem Ausblick. «Insbesondere die von vielen Regierungen aufgelegten Konjunkturprogramme zur Unterstützung der wirtschaftlichen Erholung dürften sich kurz- und mittelfristig positiv auf die Bautätigkeit und damit auf unseren Absatz auswirken», heisst es weiter.

Für das Gesamtjahr 2021 rechnen Analysten mit einer Verbesserung des Ebitda um 21% auf 3,9 Mrd. €. Nach einem Verlust von 2,1 Mrd. € im letzten Jahr sollen 1,5 Mrd. € Gewinn oder gut 7.40 € pro Aktie resultieren. Für den Umsatz wird gemäss dem Marktkonsens ein Wachstum von 4% auf rund 18,3 Mrd. € erwartet:

HeidelbergCement: operative Entwicklung

in Mrd. €
Umsatz
Ebitda
Prognose (ab 2021)

Rentabilität kommt vor Wachstum

CEO von Achten, der seit 2007 dem Top-Management von HeidelbergCement angehört, hatte als neuer Konzernleiter alles andere als einen einfachen Start. Gleich als er die operative Führung Anfang Februar 2020 übernahm, begann sich die Pandemie von China auf den Rest der Welt auszubreiten. Die Wirtschaft kam zum Stillstand, Bauaktivität und die Nachfrage nach Baustoffen brachen ein.

CEO Dominik von Achten

CEO Dominik von Achten

Nur wenige Wochen nach seinem Antritt musste der neue Konzernchef daher rigorose Massnahmen treffen, um Kosten zu senken und die Liquidität des Unternehmens zu sichern. Die Einsparungen zahlten sich dann umso mehr aus, als sich die Wirtschaft ab dem Sommer zu erholen begann. Auch höhere Absatzpreise trugen wesentlich zur Ergebnisverbesserung bei.

Basierend auf diesem Fundament steckt sich der 1873 gegründete Konzern ehrgeizige Ziele. Die Steigerung der Rentabilität hat dabei gegenüber Wachstum Priorität. Das letzten Herbst präsentierte Strategie-Programm «Beyond 2020» sieht vor, bis spätestens 2025 eine Rendite auf das investierte Kapital (Return on Invested Capital, ROIC) von deutlich über 8% zu erreichen. Die Ebitda-Marge im soll sich bis dahin verglichen mit dem Niveau von 2019 um 3 Prozentpunkte verbessern. In den fortgeführten Geschäftsaktivitäten wird somit eine operative Gewinnspanne von 22% angestrebt.

Ein weiteres Kernelement der Strategie ist die nachhaltige Stärkung der Bilanz. Als Zielkorridor peilt der Konzern ein Verhältnis von Nettoschulden zu Ebitda von 1,5 bis 2 an. Dank einer strengen Kostendisziplin hat sich der Verschuldungsgrad bereits per Ende Dezember auf weniger als 1,9 reduziert.

Die Kreditprüfer S&P Global und Moody’s haben das vor wenigen Wochen mit einer Aufbesserung des Ratings honoriert. Die Bonität von HeidelbergCement bewegt sich nun solid auf der untersten Stufe der Kategorie Investment Grade.

HeidelbergCement: Nettoschulden

in Mrd. €
Prognose (ab 2021)

Auch in der Zementbranche immer wichtiger werden ESG-Investmentkriterien, die im Einklang mit Umweltschutz, Ethik und vorbildlicher Unternehmensführung stehen. HeidelbergCement will die Netto-CO2-Emissionen deshalb bis Ende 2025 auf unter 525 kg pro Tonne bei zementartigem Material verringern, eine Reduktion um 30% gegenüber dem Jahr 1990. Bis 2030 sollen es weniger als 500 kg pro Tonne sein. Um den CO2-Zielen Nachdruck zu verleihen, wurden sie im Vergütungssystem des Managements verankert.

Portfoliobereinigung bietet Potenzial

Potenzial zur Steigerung der Profitabilität besteht in der Neuausrichtung der geografischen Aufstellung sowie in der Vereinfachung der komplexen Organisationsstruktur. Das Management richtet den strategischen Fokus auf die Bereinigung des Länderportfolios und auf die Priorisierung der stärksten Marktpositionen. Vor allem in Nordamerika wollen die Heidelberger besser werden.

Kerngeschäft der Gruppe bleiben Zement, Zuschlagstoffe (Sand, Kies und Schotter), Transportbeton und Asphalt. Darüber hinaus gehören Dienstleistungen wie der Handel mit Zement und Klinker auf dem Seeweg dazu. Aufgrund des hohen Gewichts dieser Materialien erfolgt die Produktion in der Regel in der Nähe der Absatzmärkte. Der Transportradius von Zement auf der Strasse beträgt normalerweise weniger als 200 km. Bei Zuschlagstoffen, Transportbeton und Asphalt sind es unter 100 km.

HeidelbergCement: Umsatz nach Sparten

in Mrd. €
2019
2020

Wegen dieser Voraussetzungen ist die Gruppe in den gut fünfzig Ländern, in denen sie Baustoffe anbietet, mit Produktionsstätten vor Ort präsent. Weltweit betreibt sie 134 Zementwerke sowie weitere 19 Standorte im Rahmen von Gemeinschaftsunternehmen. Über 600 Steinbrüche und Kiesgruben sowie rund 1’430 Produktionsstätten für Transportbeton gehören ebenfalls zum Portfolio.

Grösster Absatzmarkt ist West- und Südeuropa, wo der Konzern rund 28% der Einnahmen erwirtschaftet. Auf Nordamerika entfallen ungefähr 27%. Es folgen Nord- und Osteuropa (17%), Asien (17%) sowie Afrika/Naher Osten (gut 10%):

HeidelbergCement: Geschäftstätigkeit nach Regionen

in Mio. €
Umsatz
Ebitda

Erste Massnahmen zur Optimierung des Portfolios hat der Konzern bereits vollzogen. «Dort, wo wir unsere Renditeerwartungen mittelfristig nicht erreichen können, werden wir desinvestieren», sagt das Management dazu.

Im Januar hat HeidelbergCement die Mehrheitsbeteiligung am kuwaitischen Zement- und Transportbetonunternehmen Hilal Cement verkauft. In einem weiteren Schritt wurde Anfang Mai in Griechenland die Veräusserung des Geschäfts mit Zuschlagstoffen sowie zweier Transportbetonwerke an Holcim vereinbart. HeidelbergCement konzentriert sich in Griechenland damit auf das Kerngeschäft und setzt die Zementproduktion über die Tochterfirma Halyps Cement fort.

Während der Präsentation der Quartalszahlen hat die Konzernleitung bekräftigt, dass sie auch an umfangreicheren Devestitionen arbeitet. Mit konkreten Aussagen hielt sich CEO von Achten allerdings zurück. «Wir warten noch immer auf Nachrichten zu einem grösseren Asset-Verkauf, mit dem wir mit grosser Wahrscheinlichkeit rechnen», meint dazu Harry Goad, Analyst bei der Bank Berenberg. Eine solche Transaktion sei «ausgesprochen wichtig für unsere Investmentthese zur Restrukturierung der Gruppe», ergänzt er.

Um die Position in Kernmärkten zu stärken, sollen überschüssiges Kapital und Erlöse aus Desinvestitionen im Gegenzug für mittelgrosse Akquisitionen genutzt werden. Das immer unter der Voraussetzung, dass die Renditeerwartungen bei externem Wachstum erfüllt werden.

«Wir werden die vertikale Integration in den Ländern fortsetzen, in denen wir hohe Synergieeffekte erzielen und unsere Marktpositionen stärken und ausbauen können», beschreibt die Konzernführung das strategische Vorgehen. Ebenso sollen Aktionäre über Ausschüttungen direkt zum Zug kommen.

Aktien sind attraktiv bewertet

Mit den Aussichten auf eine konjunkturelle Aufhellung haben die Aktien von HeidelbergCement seit dem Tief vom letzten Frühjahr eine eindrückliche Erholung verzeichnet. Gemessen Stand von Anfang 2020 notiert der Kurs gut 18% fester, der Branchenindex S&P Global 1200 Materials Index bewegt sich etwas mehr als 40% im Plus.

Die allgemeine Verunsicherung an den Börsen hat dabei zuletzt auch Zementaktien etwas belastet:

HeidelbergCement

Performance über letzte drei Jahre, in %
HeidelbergCement
Holcim
S&P Global 1200 Materials Index

In HeidelbergCement steckt damit noch reichlich Kurspotenzial. Über die letzten drei Jahre sind die Aktien kaum vom Fleck gekommen. Auf Basis der Analystenschätzungen für die nächsten zwölf Monate handeln die Titel zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von weniger als 10. Für einen deutschen Weltkonzern von Rang und Namen ist das eine überaus attraktive Bewertung.

Gemäss einer quantitativen Analyse von The Market gehören die Aktien von HeidelbergCement denn auch zu den deutschen Aktien mit dem besten Risiko-Rendite-Profil. Für Engagements spricht weiter die Ausschüttungspolitik, zumal der Konzern schneller als erwartet zu seiner progressiven Dividendenauszahlung zurückzukehren konnte.

Für das abgelaufene Geschäftsjahr erhielten Aktionäre eine Dividende von 2.20 € je Aktie. Das entspricht einer Ausschüttungsquote von 32%, bezogen auf den bereinigten Jahresüberschuss. Das dürfte ganz im Sinne der Spohn Cement Beteiligungen sein, die sich im Besitz des Milliardärs Ludwig Merckle befindet. Die Familie aus Ulm hält 27,7% der Aktien.

Für das laufende Berichtsjahr wird an der Börse eine Erhöhung der Dividende auf rund 2.40 € erwartet, woraus sich eine Rendite von knapp 3,3% errechnet. 2022 sollen es 2.60 € pro Titel sein. Abhängig von Geschäftsverlauf und Investitionen stellt der Konzern zudem die Möglichkeit in Aussicht, zusätzlich eigene Aktien zurückzukaufen und so das Ergebnis je Aktie zu verbessern.

Kennzahlen bedeutender Zementhersteller

Land Umsatz 2021 Börsenwert Ebitda-Marge ROIC KGV Rendite
CNBM China 41,4 11,8 17,5 6,7 4,9 5
CRH Irland 29,2 39,2 14,2 4,4 18,2 2,3
Anhui Conch Cement China 28,5 38,4 25,7 15,8 6 5,4
Holcim Schweiz 28,3 36,3 20,9 4,1 13,6 3,7
HeidelbergCement Deutschland 22,1 17,7 17,6 4,6 9,5 3
Siam Cement Thailand 14,8 17,7 17,7 4,9 12,5 3
Cemex Mexiko 14,1 12,5 21,7 6,2 37,8 1,2
Grasim Industries Indien 11,7 12,6 22 - 15,6 0,3
Martin Marietta Materials USA 5,1 23,5 31,1 6,9 30,3 0,6
Vulcan Materials USA 5,1 25,4 27,2 6,4 35,5 0,8
James Hardie Industries Irland 3,2 14,6 25,7 14 27,7 -