Analyse

Heimliche Champions aus dem deutschen Mittelstand

Die Finanznachrichten werden von Kolossen wie Apple, VW und Nestlé dominiert. Wer nach Weltklasseunternehmen sucht, kann aber auch im Segment der kleinen und mittelgrossen Firmen verborgene Perlen entdecken. The Market präsentiert vier Spezialitäten an der deutschen Börse.

Tim Schäfer
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Die Börsen boomen. Im Rampenlicht stehen dabei meist grosskapitalisierte Branchenriesen, deren Aktien vom Trend zu passiven Anlageninstrumenten wie ETFs zusätzlich profitieren. Gemäss dem jährlichen Asset Management Report von McKinsey zu den europäischen Finanzmärkten sind allein 2020 rund 160 Mrd. € in passive Investments geflossen, was einem weiteren Zuwachs von 16% entspricht.

Mit passiven Ansätzen wird meist mechanisch in einen Index oder Sektor investiert. Faktoren wie die Ertragskraft eines Unternehmens, die Qualität seines Managements oder die Bewertung seiner Aktie werden hingegen kaum berücksichtigt. Vom Momentum der Märkte getrieben, konzentriert sich in der Folge immer mehr Kapital in den grössten Schwergewichten.

Auch in der zweiten und dritten Reihe gibt es jedoch beeindruckende Erfolgsstorys, die von der Herde weitgehend übersehen werden. Diese Firmen kommen kaum in den Finanzmedien vor, wachsen aber robust sowie profitabel und schaffen stetig Wert für Investoren. Sie verfügen häufig über einen langfristig denkenden Ankeraktionär sowie eine kerngesunde Bilanz und verstecken sich nicht selten in kleinen Gemeinden.

Bild: John Arano/Unsplash

In Deutschland zum Beispiel gibt es über 1000 Firmen, die seit Generationen massgeblich im Besitz der gleichen Familie sind. Manche mischen in ihrem Geschäftsfeld ganz vorne an der Weltspitze mit. The Market stellt deshalb vier heimliche Champions an der deutschen Börse vor, die sich als spannende Beimischung für ein Aktienportfolio eignen können.

Dürr: Maschinenbauer auf Expansionskurs

Dürr, der weltweit grösste Hersteller von Lackieranlagen aus dem schwäbischen Bietigheim-Bissingen, ist einer dieser Hidden Champions. Der mit einer Marktkapitalisierung von knapp 3 Mrd. € bewertete Maschinenbauer zählt zu den führenden Zulieferern der Auto- und Möbelindustrie. In den Nischen, die er bedient, erreicht er globale Marktanteile zwischen 25 und 50%.

Nicht überraschend läuft es Dürr derzeit rund. CEO Ralf Dieter hat Ende Juli die Prognose für 2021 zum Auftragseingang, Umsatz, Ergebnis und freien Cashflow angehoben. Nach seiner Einschätzung soll der Auftragseingang voraussichtlich ein Rekordniveau von 4 bis 4,2 Mrd. € erreichen, nachdem er bisher mit 3,6 bis 3,9 Mrd. € gerechnet hatte. Auf Stufe Ebit dürfte neu eine Marge von 5 bis 6% resultieren. Der freie Cashflow soll 50 bis 100 Mio. € betragen. Zuvor hatte das Management eine Spanne in Aussicht gestellt, die von -50 Mio. € bis zu einer neutralen Entwicklung reichte.

Ausschlaggebend für die wachsende Zuversicht ist vor allem die positive Entwicklung der Tochter Homag, die separat kotiert ist und an der Dürr einen Anteil von 65% hält. Die Firma aus dem 2600-Seelen-Dorf Schopfloch im Schwarzwald stellt Holzverarbeitungsmaschinen her. In diesem Segment ist sie weltweit die Nummer eins und zählt IKEA zu den grössten Kunden.

Homag liefert komplette Produktionsstrassen, an denen sich eine Maschine an die andere reiht. Am einen Ende legen die Kunden eine Spanplatte ein, am anderen kommt ein komplett verpacktes Möbelstück heraus. Das Holz wird beschichtet, laminiert und gebohrt. Kanten werden automatisch aufgeklebt. Im ersten Halbjahr hat die Firma von hohen Investitionen von Möbelherstellern sowie von der stark gestiegenen Nachfrage nach Holzhäusern profitiert.

Den Mutterkonzern gründete Paul Dürr als Bauklempnerei 1896 in Bad Cannstatt nahe Stuttgart. Er stellte unter anderem Dachrinnen und Ornamente für königliche Schlösser her. Im Aktionariat gibt heute sein Enkel Heinz Dürr den Ton an, der den Anlagenbauer zu einem Unternehmen von Weltrang geformt hat. Insgesamt befinden sich 29% der Aktien im Familienbesitz.

Die Chancen stehen gut, dass sich das schuldenfreie Unternehmen auf mittlere bis lange Sicht erfreulich entwickeln wird. Für 2022 erwartet die Firmenleitung, dass Einnahmen und Ebit-Marge das Vorkrisenniveau des Jahres 2019 übertreffen. Damals wies Dürr 3,9 Mrd. € Umsatz und eine operative Gewinnspanne von 6,7% aus. Ab 2023, oder spätestens 2024, wird eine Ebit-Marge von mindestens 8% anvisiert. Mit einem deutlichen Zuwachs ist ebenso bei der Dividende zu rechnen.

Auf Basis der Konsensschätzungen (die Aktien von Dürr 📈 werden lediglich von einer Handvoll Analysten abgedeckt) beläuft sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2022 auf weniger als 17. Für 2023 beträgt das KGV knapp 14, was ebenfalls nicht anspruchsvoll ist. Zum aktuellen Kurs von 42.78 € sind die 0,7% rentierenden Titel noch weit vom Allzeithoch entfernt, das sie im November 2017 mit 59.33 € erreicht hatten.

Dürr: Kursperformance über fünf Jahre

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Dürr
MDax

Secunet: Beschützer gegen Hacker

Secunet Security Networks ist Deutschlands führender Spezialist für Cyber Security. Die zu rund 3,2 Mrd. € bewerte Firma mit Sitz in Essen bietet Dienstleistungen und Produkte zur Verteidigung der IT-Infrastruktur gegen Hacker an. Sie schützt Daten, Anwendungen und digitale Identitäten.

Secunet ist spezialisiert auf sensitive Bereiche wie Cloud-Lösungen, das industrielle Internet der Dinge (IIoT), eGovernment und eHealth. Zu den Kunden zählen Bundesministerien, die Bundeswehr, mehr als zwanzig Dax-Konzerne sowie diverse internationale Organisationen. Secunet wurde 1997 gegründet. Letztes Jahr nahm der Umsatz 26% auf 286 Mio. € zu. Der Gewinn wuchs von 22 auf 35 Mio. € oder 5.43 € pro Aktie.

An der Börse ist die Aktie von Secunet 📈 eine phänomenale Erfolgsgeschichte. Der Kurs ist in den vergangenen fünf Jahren um rund 1500% vorgeprescht, womit die Titel ihren Preis haben. Doch das Wachstumspotenzial ist gross, denn angesichts der steigenden Zahl von Cyber-Angriffen bleibt Unternehmen kaum eine andere Wahl, als vermehrt in die IT-Sicherheit zu investieren. Zudem arbeitet Secunet profitabel und zahlt eine Dividendenrendite von 0,5%, während viele US-Konkurrenten wie Cloudflare oder CrowdStrike defizitär sind.

Hauptaktionär der Firma mit einer Beteiligung von gut 75% ist Giesecke+Devrient, ein Hersteller von Banknoten und Ausweisen. Den Abschluss zum ersten Semester legt Secunet diesen Mittwoch vor. Im ersten Quartal haben sich die Einnahmen fast 120% auf über 70 Mio. € verbessert und lagen deutlich über den Erwartungen.

Nachdem CEO Axel Deininger die Prognose für das Gesamtjahr im April angehoben hat, rechnen die sechs Investmenthäuser, die das Unternehmen verfolgen, für 2021 im Schnitt mit einer Umsatzverbesserung von 18% auf annähernd 340 Mio. €. Unter dem Strich soll ein Gewinn von gut 40 Mio. € oder 6.24 € pro Aktie resultieren.

Secunet: Kursperformance über fünf Jahre

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Secunet
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Rational: smarter Küchenhelfer

Wenn es dampft und kocht, ist Rational ganz vorne dabei. Das Unternehmen aus dem bayerischen Landsberg am Lech ist der weltweit führende Hersteller von Dampfgarern. Rund um den Globus werden täglich 140 Millionen Speisen mit seinen Küchengeräten zubereitet. Seit die Firma 1973 mit nur achtzehn Mitarbeitenden gegründet wurde, hat sie eine Million iCombi-Dampfgarer an Restaurants und Grossküchen verkauft.

Im elsässischen Wittenheim, dem künftigen Fertigungsstandort für iVario-Kochgeräte von Rational, werden derzeit für 30 Mio. € ein Kundencenter, Verwaltungsgebäude und Werk gebaut. Die Fertigungsanlage soll über eine Produktionskapazität von 25’000 intelligenten Apparaturen pro Jahr verfügen, die alles in Einem können: grillen, braten, backen und dämpfen.

Das Gros der Produktionsanlagen betreibt das Unternehmen mit einem Börsenwert von rund 11 Mrd. € am Stammsitz in Bayern. Zusätzlich hat es nun ein Grundstück in der Umgebung von Chicago erworben. Ab 2023 soll dieses zunächst primär für Verwaltung und Logistik genutzt werden. Dank der weiträumigen Fläche steht in einem späteren Schritt die Option zum Bau einer Produktionsstätte offen.

Der mit einem Marktanteil von 50% weltgrösste Anbieter für professionelle Geräte zur thermischen Speisezubereitung drückt mit seinen Expansionsplänen viel Zuversicht aus, was das Wachstum in den kommenden Jahren und Dekaden angeht. Speziell nach dem Abklingen der Pandemie besteht in der Gastronomie und der Gemeinschaftsverpflegung grosser Nachholbedarf, ist sich das Management sicher.

Finanziell kerngesund und schuldenfrei hat das Unternehmen letztes Jahr unter den Lockdown-Massnahmen und der Krise im Gastgewerbe gelitten. Jetzt zeichnet sich eine Erholung ab. Im ersten Semester sind die Einnahmen 27% auf annähernd 300 Mio. € gestiegen. Der Gewinn hat sich von 18 auf 64 Mio. € erhöht. Besonders optimistisch stimmt, dass Umsatz und Ergebnis im zweiten Quartal bereits über dem Vergleichszeitraum von 2019 lagen.

Neu erwartet die Firma, an der die Gründerfamilie Meister zu gut 47% beteiligt ist, dass sie bei anhaltenden Erholungstendenzen im Gastgewerbe im nächsten Jahr auf das Umsatzniveau des Jahres 2019 zurückkehren kann. An der Börse wird das entsprechend honoriert: Die 0,5% rentierenden Aktien von Rational 📈 bewegen sich auf einem Rekordhoch. Über die letzten fünf Jahre haben die Titel fast 140% gewonnen und schlagen den MDax um Längen.

Rational: Kursperformance über fünf Jahre

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WashTec: Saubermann der Autoindustrie

Im Gegensatz dazu wird das Comeback-Potenzial von WashTec von der Börse bislang nur halbwegs wahrgenommen. Dem Hersteller von Autowaschanlagen aus Augsburg hat die Pandemie ebenfalls erheblich zu schaffen gemacht.

Dank «Work from Home»-Arbeitsmodellen müssen viele Leute nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit pendeln. Das heisst, ihr fahrbarer Untersatz muss auch weniger oft gereinigt werden. Garagen, Tankstellen und Einkaufszentren schieben folglich Investitionen in neue Waschanlagen auf. Auch haben Busbetriebe weniger Bedarf an neuen Waschstrassen.

Die Aktien von WashTec 📈, die zum Small-Cap-Index SDax zählen, haben in diesem Umfeld deutlich an Wert verloren. Seit dem Rekordhoch vom August 2018 hat der Kurs 30% auf 58.50 € korrigiert. Die Marktkapitalisierung ist auf weniger als 770 Mio. € geschmolzen.

Für langfristig denkende Investoren eröffnet das Chancen. WashTec ist ein global führender Anbieter innovativer Lösungen rund um die Fahrzeugwäsche. Die Bayern sind mit Tochtergesellschaften in Europa, in Nordamerika sowie im asiatisch-pazifischen Raum präsent. Weltweit betreiben sie 40’000 Anlagen, in denen zu normalen Zeiten täglich mehr als zwei Millionen Fahrzeuge gereinigt werden. Zudem arbeiten sie mit selbständigen Vertriebspartnern in rund achtzig Ländern zusammen.

Das mittelständische Unternehmen mit knapp 1800 Mitarbeitenden verkauft nicht nur Waschstrassen, sondern repariert und wartet die Anlagen auch. Mit der Marke «Auwa» offeriert es ausserdem ein komplettes Angebot an Reinigungschemie.

Eine Aufhellung im Geschäftsgang ist bereits ersichtlich. Im ersten Semester nahm der Umsatz 11% auf 195 Mio. € zu. Der Gewinn stieg im Vorjahresvergleich von 2 auf 12 Mio. €. Der freie Cashflow wuchs auf über 14 Mio. €, nachdem es im ersten Halbjahr 2020 leicht weniger als 10 Mio. € waren. Aufgrund der robusten Entwicklung im zweiten Quartal sowie der soliden Auftragslage hat CEO Ralf Koeppe Mitte Juli die Prognose erhöht. Neu stellt er für das laufende Jahr mehr als 9% Umsatzwachstum sowie eine Ebit-Marge im Bereich von 10% in Aussicht.

Trotz der Krise in der Branche hat WashTec auch letztes Jahr profitabel gewirtschaftet und eine Dividende im Umfang von knapp 31 Mio. € ausgeschüttet. Dennoch verlangen manche Investoren mehr. Im Aktionariat befinden sich zahlreiche internationale institutionelle Anleger. Im April hatte die auf unterbewertete Small Caps spezialisierte Fondsgesellschaft Paradigm Capital aus New York eine Sonderausschüttung gefordert, was der Vorstand von WashTec jedoch ablehnte.

WashTec: Kursperformance über fünf Jahre

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WashTec
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