Analyse

Keine Energieunabhängigkeit ohne Energiewende

Der Krieg in der Ukraine verschiebt das Gewicht beim nachhaltigen Investieren von der Ökologie zu sozialen Aspekten. Doch Energieunabhängigkeit ist ohne Energiewende nicht zu erreichen.

Ruedi Keller
Drucken

Die Invasion Russlands in die Ukraine ist der grösste militärische Konflikt in Europa seit dem zweiten Weltkrieg. Das Ausmass der Gewalt – und damit einhergehend die offensichtliche Machtlosigkeit des Westens gegenüber der Aggression Russlands – führt dazu, dass viele Paradigmen überdacht werden. Der Begriff der Zeitenwende steht im Raum.

Auswirkungen hat das auch auf die Eckpfeiler nachhaltigen Investierens, kurz ESG, Akronym für Environmental, Social and Governance – Umwelt, Gesellschaft und gute Unternehmensführung.

Während bis anhin das «E», also die Umweltaspekte und insbesondere die Klimaerwärmung, im Zentrum der Debatten um nachhaltiges Investieren stand, rücken nach dem Ausbruch des Krieges in Europa das «S» und das «G» stärker in den Vordergrund.

Es geht dabei mitunter um Eigentümerstrukturen sowie die Exponiertheit von Unternehmen gegenüber Russland sowie der Verantwortung gegenüber den vom Krieg betroffenen Mitarbeitern. Allgemeiner formuliert bekommen soziale Themen wie Zusammenhalt, Migration und Menschenrechte mehr Gewicht.

Der Krieg rückt aber auch das Thema Waffen in ein neues Licht: Bislang waren Investitionen in Hersteller und Lieferanten von Kriegsmaterial von den allermeisten ESG-Fonds gemieden wurden. Nun erwägt die EU-Taxonomie, die als Klassifizierungsinstrument von ESG-Themen dient, aber unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit und der in Europa geplanten Intensivierung der Rüstung eine Öffnung im Hinblick auf den Einschluss gewisser Rüstungsgüter.

Von der Energiewende zur Energieunabhängigkeit

Eine zweite Verschiebung zeichnet sich beim Thema Energie ab: Im Rahmen der Klimadebatte stand zuvor klar die Energiewende im Fokus. Angesichts der Abhängigkeit Europas von fossilen Energieträgern aus Russland – vor allem von russischem Erdgas – hat sich das Gewicht nun in Richtung Energieunabhängigkeit verlagert.

Insgesamt importiert die EU 90% ihres Gasverbrauchs, wobei rund die Hälfte aus Russland stammt, ein Volumen, das sich 2021 auf 155 Mrd. Kubikmeter summierte. Mit dem Projekt REPowerEU soll diese Abhängigkeit bis spätestens 2030 eliminiert werden, wozu zusätzlich zum bisherigen Plan «Fit für 55» neue Akzente gesetzt werden. In Ergänzung zu diesem Plan, bis 2030 die Emissionen von Treibhausgasen um mindestens 55% zu senken, rücken neu mitunter fossile Energieträger in den Blick:

Die Gasversorgung soll diversifiziert werden, insbesondere im Bereich verflüssigter Gasimporte, dem sogenannten Liquified Natural Gas (LNG). Angestrebt wird damit eine Substitution von russischen Lieferungen von umgerechnet 50 Mrd. Kubikmeter. Dazu sollen durch eine Diversifikation der Pipelineimporte weitere 10 Mrd. Kubikmeter abgelöst werden – beides zusätzlich zum auf erneuerbare Energien ausgerichteten Plan «Fit für 55».

Profiteure der Gewichtsverlagerung sind klassische Energieunternehmen wie beispielsweise die norwegische Equinor, deren Produktion zu rund 80% aus OECD-Staaten und zu 0% aus Russland stammt. Zudem diversifiziert das Unternehmen in Offshore-Windanlagen, bei dem ein weiterer Schwerpunkt der EU-Politik liegt.

Mit einem Marktanteil von rund einem Viertel am globalen LNG-Markt ist auch Shell gut positioniert, um von einem möglichen Preisanstieg in der LNG-Nische zu profitieren.

Das gilt ebenso für die Schweizer Burckhardt Compression, die Kompressoren für die Verflüssigung und Wiederverdampfung von Gas herstellt, die es für den LNG-Transport braucht. Die Technologie findet zudem ein weiteres Anwendungsfeld im Bereich Wasserstoff, dessen Ausbau die EU mit dem Ziel der Energieunabhängigkeit nun zusätzlich beschleunigen will. Auch ABB bietet diverse Angebote im Bereich Gastransport und -infrastruktur und dürfte von dieser neuen Stossrichtung profitieren.

Energiewende bleibt Grundvoraussetzung

Dass das Thema Energieunabhängigkeit derzeit im Vordergrund steht, heisst jedoch nicht, dass das Thema Energiewende an Gewicht verloren hätte – im Gegenteil:

Der LNG-Markt läuft gemäss Analysen der Bank of America bereits heute nahe seiner Kapazitätsgrenze. Die geplante zusätzliche Nachfrage Europas um 50 Mrd. Kubikmeter Erdgas würde obendrauf eine rund 10% steigende Nachfrage bedeuten. Ausserdem ist das europäische Pipelinesystem nicht darauf ausgelegt, Erdgas von den bestehenden Verdampfungsstationen, die primär auf der Iberischen Halbinsel liegen, nach Zentral- und Osteuropa zu transportieren, die am stärksten von russischen Importen abhängig sind.

Zusätzlich zur Diversifikation von Gasimporten über LNG will die EU deshalb den Ausbau der erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarstrom sowie die Herstellung von grünem Wasserstoff und Bioethanol beschleunigen – und über frühere Zielwerte hinaus ausbauen. Drittens sollen zudem die Massnahmen zur Elektrifizierung und Energieeinsparung forciert werden.

Mehr grüner Wasserstoff

Mit neuen Massnahmen will die EU im Rahmen von REPowerEU die Produktion und den Import von erneuerbarem Wasserstoff bis 2030 von einem Ziel von zuvor 5,6 Mio. Tonnen auf nun 20 Mio. Tonnen ausbauen und damit zusätzlich 25 bis 50 Kubikmeter Erdgas substituieren.

Wasserstoff hinkt in seiner praktischen Anwendung als klimafreundlicher Energielieferant erneuerbaren Energien wie Wind- oder Solarstrom zwar noch hinterher. Insbesondere mit Blick auf energieintensive Branchen wie der Stahlproduktion, der Zementindustrie und der Chemie könnte er jedoch zu einem wichtigen Baustein der Energieunabhängigkeit werden.

Dazu kommt, dass die Preise für fossile Energieträger die Herstellung von Wasserstoff verteuert haben – der grösste heute produzierte Teil stammt aus fossilen Quellen und ist derzeit damit alles andere als treibhausgasneutral. Klimafreundlich ist beispielsweise sogenannt blauer Wasserstoff, der aus Erdgas gewonnen wird, wobei das dabei emittierte CO2 aufgefangen und zurückbehalten wird. Als grün wird Wasserstoff bezeichnet, der via Elektrolyse unter Verwendung von Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Solar gewonnen wird.

Gemäss Einschätzung der Bank of America ist mit dem aktuellen Preisanstieg von Gas die Produktion von grünem Wasserstoff nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch wettbewerbsfähig geworden – sofern dafür zu langfristigen Konditionen Strom aus erneuerbaren Energien eingekauft wird.

Zu den Unternehmen, die vom beschleunigten Ausbau im Bereich Wasserstoff profitieren, gehört beispielsweise die norwegische Nel Asa, die gleich mehrere Teile der Wertschöpfungskette abdeckt: von der Elektrolysetechnologie über Speicherlösungen bis zur Verteilung von Wasserstoff. Auch Siemens Energy hat eine führende Position in der Elektrolysetechnologie.

Ebenfalls Chancen bieten sich in Industriegasunternehmen. An deren Spitze steht Air Liquide mit einem Marktanteil von fast 50% an der heutigen europäischen Wasserstoffproduktion. Dahinter folgen Linde und Air Products mit Anteilen von gut 20%.

Ein Grossteil ihrer Wasserstoffproduktion stammt heute zwar noch aus fossilen Ausgangsstoffen. Die Industriegasunternehmen haben alle jedoch Partnerschaften oder Projekte am Laufen, um mit ihrem bereits bestehenden Verteilnetz von der künftig steigenden Nachfrage nach grünem Wasserstoff zu profitieren.

Ohne Strom aus erneuerbaren Quellen geht es nicht

Um genügend sauberen Strom zur Verfügung stellen zu können, um die von der EU angehobenen Produktionsziele für grünen Wasserstoff überhaupt erfüllen zu können, sollen die Wind- und Solarstromproduktion stärker als bereits im Rahmen von «Fit für 55» geplant ausgebaut werden. Dies durch eine Beschleunigung der bereits vorgesehenen Massnahmen sowie zusätzlich neu zu schaffende Kapazitäten im Umfang von 80 GW.

Insgesamt soll sich die Stromproduktion aus erneuerbaren Energiequellen bis 2030 gegenüber heute auf fast 1000 GW nahezu verdreifachen, wobei sowohl der Wind- als auch die Photovoltaik je rund die Hälfte dazu beisteuern sollen.

Da die EU diesen Ausbau primär mit Blick auf die Energieunabhängigkeit beschlossen hat, steht damit aktuell nicht ein Minderungsziel von Treibhausgasemissionen im Vordergrund, sondern die Substitution von russischem Erdgas. Entsprechend ist der Ausbau der Wind- und Solarenergie in der obigen Grafik auch nicht separat ausgeführt, sondern die Substitution um 25 bis 50 Mrd. Kubikmeter Erdgas ist im Ausbauziel von grünem Wasserstoff subsumiert.

Klare Nutzniesser gibt es in der Wirtschaft aber dennoch: Dazu zählen die europäischen Windkraftunternehmen Vestas, Siemens Gamesa und Nordex oder Schweizer Zulieferer im Windbereich wie Gurit und Schweiter. Dazu kommen Versorger, beispielsweise die dänische Ørsted oder die deutsche RWE.

Etwas weniger offensichtlich sind die Profiteure im Bereich Photovoltaik. Denn dieser Markt wird von China dominiert, das für rund drei Viertel der global produzierten Solarpanele steht. In der Schweiz versucht sich zwar Meyer Burger mit hochwertigen, in Europa gefertigten Solarpanelen am Markt. Ob dem Unternehmen damit der Durchbruch gelingen wird, ist jedoch offen.

Effizienzsteigerungen und Gebäudesanierungen im Blick

Der grosse Einsparungsschritt, der drittens die Nachfrage nach Gas um fast 50 Kubikmeter senken soll, will die EU mit Effizienzsteigerungen erreichen.

Im Zentrum stehen hier das Heizen und der Warmwasserverbrauch von Gebäuden, die für rund 40% der Energienachfrage stehen. Allein ein Herunterdrehen der Thermostate, um die Raumtemperatur um 1 Grad zu reduzieren, würde 10 Mrd. Kubikmeter Erdgas sparen, rechnet die EU vor.

Für die Industrie relevanter ist jedoch, dass Brüssel die Renovationsrate von bisher 1% der rund 260 Mio. Gebäude Europas nun auf jährlich rund 2% verdoppeln will, um deren Energieeffizienz zu verbessern. Ausserdem soll der Ausbau von Solardächern beschleunigt sowie der Einsatz von Wärmepumpen auf ein Einbautempo von über die nächsten fünf Jahre jährlich 10 Mio. Stück verdoppelt werden. Bezüglich Substitution von Erdgasimporten sind das zwar keine Zusatzmassnahmen. Deren ursprüngliche Zielsetzungen sollen nun aber beschleunigt erreicht werden.

Unternehmen, die davon profitieren dürften, sind beispielsweise der französische Baukonzern Saint Gobain, der über ein grosses Dämmangebot verfügt sowie Isolationsanbieter wie die irische Kingspan und die dänische Rockwool. Auch der Schweizer Bauchemiespezialist Sika dürfte zu den Nutzniessern zählen, da das Unternehmen Zusatzstoffe liefert, die CO2-effizientere Bauaktivitäten ermöglichen.

Mit ihren Angeboten für Gebäudetechnik dürfte weiter Siemens punkten. Gross im Bereich Wärmepumpen ist beispielsweise die erst seit gut einem Jahr kotierte italienische Ariston.

Denn das Thema Energieunabhängigkeit ersetzt die Energiewende nicht, sondern bestärkt im Gegenteil deren Trend: Ohne den Ausbau erneuerbarer Energien wird Europa die Abhängigkeit von Russland nicht lösen können.