Analyse

Keine Entwarnung im Tech-Sektor

Die Abschlüsse zum ersten Quartal signalisieren, dass sich das Wachstum von Branchenriesen wie Apple und Amazon weiter verlangsamt. In den nächsten Monaten bleibt die Situation unübersichtlich, das Risiko erneuter Turbulenzen ist hoch. Wo könnten sich dadurch Chancen für Investments eröffnen?

Christoph Gisiger ✉️
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Aktien aus dem im Technologiesektor erleben eine emotionale Woche. Die grössten Schwergewichte der Branche haben in den vergangenen Tagen alle die Zahlen zum ersten Quartal rapportiert, was an den Börsen für ausgeprägte Kursschwankungen sorgt – nach oben wie nach unten.

Die Abschlüsse treffen in einem ohnehin hypernervösen Marktumfeld ein. Investoren sorgen sich, dass die hohe Inflation und scharfe Zinserhöhungen der US-Notenbank die amerikanische Wirtschaft abwürgen könnten. Gleichzeitig belastet der Krieg in der Ukraine die Konjunktur in Europa, und in China schwächt sich das Wachstum durch die harten Lockdown-Massnahmen ab.

Entsprechend gross ist die Verunsicherung, wie es mit dem Geschäftsgang der Tech-Titanen weitergeht. Die Quartalsberichte zeichnen ein durchwachsenes Bild. Amazon, Meta Platforms (vormals Facebook) und der Google-Mutterkonzern Alphabet haben mit dem Ergebnis die Erwartungen verfehlt. Positiv überrascht hat Microsoft. Bei Apple enttäuscht der Ausblick.

Insgesamt fallen die Abschlüsse zwar nicht katastrophal schlecht aus. Mit Blick nach vorne bleibt das Risiko unerfreulicher Überraschungen in den nächsten Quartalen aber erheblich. Die unübersichtliche Lage steht damit im Kontrast zur Situation von vor zwei Jahren, als der Ausbruch der Pandemie für einen massiven Digitalisierungsschub sorgte und die Tech-Riesen die Börse mit kräftigem Wachstum begeisterten.

Heute sehen die Perspektiven weniger erbaulich aus. Die Branche ist nicht nur mit schwierigen konjunkturellen Rahmenbedingungen konfrontiert, sondern wird auch durch die anspruchsvolle Vergleichsbasis aus den beiden Vorjahren gefordert. Ein anschauliches Beispiel dafür ist der Internetgigant Amazon, dessen Aktien nicht mehr vom Fleck kommen.

Amazon

Kursentwicklung in den letzten drei Jahren, in %
Amazon
Nasdaq 100
S&P 500

Amazon verliert an Dynamik

Wer den Quartalsabschluss vom Donnerstagabend im Detail betrachtet, weiss warum. Amazon hat mit gut 116 Mrd. $ Umsatz die Analystenerwartungen zwar marginal übertroffen. Seit Ende letztem Jahr hat die Wachstumsmaschine aus Seattle jedoch drastisch an Dynamik verloren.

In den ersten drei Monaten haben die Einnahmen konzernweit bloss 7% zugenommen, nachdem sie im ersten Quartal 2021 um satte 44% expandiert waren. Im Online-Handel, wo Amazon am meisten Umsatz erwirtschaftet, haben sie sich sogar um 3% auf rund 51,1 Mrd. $ ermässigt.

Der Konzern meldet damit das schwächste Wachstum seit 2001 nach dem Platzen der Internetblase. Bereits im Schlussquartal zum letzten Jahr legte der Umsatz erstmals seit mehr als zwanzig Jahren nur im einstelligen Prozentbereich zu.

«Die Pandemie und der anschliessende Krieg in der Ukraine haben ungewöhnliches Wachstum wie auch ungewöhnliche Herausforderungen mit sich gebracht», lässt sich CEO Andy Jassy im Quartalsbericht zitieren. In etwa ähnlich klang es im früheren Verlauf der Woche bei der Ergebnispräsentation von Alphabet und Meta Platforms.

Das Management um Jassy, dem Konzerngründer Jeff Bezos im letzten Juli die operative Leitung übertragen hat, warnt, dass sich das Wachstum in den nächsten Monaten weiter verlangsamen dürfte. Die Umsatzprognose für das laufende Quartal beziffert sich auf 116 bis 121 Mrd. $, was klar hinter der Konsensschätzung von 125,5 Mrd. $ zurückbleibt und eine Zunahme von bloss 3 bis 7% impliziert.

Amazon: Umsatzwachstum

Veränderung der Einnahmen zur Vorjahresperiode, in %
Prognose (Q2 2022)

Der ernüchternde Ausblick relativiert sich allerdings etwas durch eine Terminverschiebung. Der «Prime Day» mit unzähligen Online-Rabattaktionen findet dieses Jahr nicht im Juni wie 2021, sondern im Juli statt. Das wird das Wachstum im zweiten Quartal im Vorjahresvergleich dämpfen, dürfte den Geschäftsgang dann aber in der folgenden Berichtsperiode begünstigen.

Cloud-Geschäft hält Kadenz hoch

An der Börse wird vor allem auf die Entwicklung der Cloud-Division Amazon Web Services (AWS) geachtet, die Rechen- und Speicherinfrastrukturdienste übers Internet anbietet. Sie hat den Umsatz 37% auf 18,4 Mrd. $ gesteigert, womit sich das Wachstum im Vergleich zu den zwei vorangegangenen Quartalen (39 und 40%) ebenfalls leicht verlangsamt hat.

Demgegenüber konnte Microsoft das Expansionstempo der Cloud-Sparte Azure im ersten Quartal konstant auf 50% halten. Alphabet erhöhte die Einnahmen mit der Division Google Cloud 44%. Im Vergleich zu den beiden Konkurrenzdiensten ist AWS jedoch wesentlich grösser, weshalb es für Amazon schwieriger ist, im gleichen Tempo zu expandieren.

Unterschiede gibt es ebenso punkto Ertragskraft. AWS hat mit einem operativen Gewinn von 6,5 Mrd. $ (+57%) auch im vergangenen Quartal massgeblich zum Konzernergebnis beigetragen. Google Cloud wies hingegen 930 Mio. $ Verlust aus und konnte die Ertragskraft in den letzten zwölf Monaten kaum nennenswert verbessern. Microsoft weist zu Azure weder den Umsatz noch das Betriebsergebnis aus.

Einnahmen mit Cloud-Infrastrukturdiensten

in Mrd. $
Amazon Web Services
Microsoft Azure
Google Cloud
Prognose (ab 2022)

Überaus profitabel ist für Amazon ebenso das Geschäft mit Online-Werbung. Im Vorjahresvergleich sind die Einnahmen in diesem Bereich 23% auf 18,4 Mrd. $ gewachsen. Wie im Fall anderer Internetkonzerne hat sich das Tempo aber auch in diesem Bereich verringert.

Alphabet meldete am Dienstag eine Zunahme im Werbegeschäft von 22%, wobei das Online-Portal YouTube deutlich weniger schnell expandiert ist als von Analysten erwartet. Bei Meta hat sich das Wachstum auf leicht über 6% reduziert. Das ist der geringste Wert, seit der Konzern vor zehn Jahren an die Börse gekommen ist.

Wie die meisten Unternehmen kämpft Amazon mit Inflation und Verwerfungen in den Lieferketten. Auf Konzernstufe hat sich das Betriebsergebnis im vergangenen Quartal von 8,9 auf 3,7 Mrd. $ verringert. Massgeblich verantwortlich dafür waren höhere Personalausgaben sowie Fracht- und Transportkosten.

Unter dem Strich resultiert ein Verlust von 3,8 Mrd. $ nach einem Gewinn von 8,1 Mrd. $ im Vergleichszeitraum. Der Fehlbetrag auf dem Papier geht allerdings primär auf eine Wertreduktion der knapp 18%-Beteiligung am Elektrofahrzeughersteller Rivian zurück, dessen Aktienkurs seit Anfang Jahr nahezu 70% eingebrochen ist.

Apple enttäuscht mit dem Ausblick

Apple manövriert sich gegenwärtig wie Amazon durch kein einfaches Umfeld. Der gemessen an der Marktkapitalisierung von 2,7 Bio. $ grösste Konzern der Welt hat sich in den ersten drei Monaten des Jahres zwar überraschend gut geschlagen. Die Aussichten für die laufende Berichtsperiode sind hingegen durchwachsen.

«Lieferengpässe, die durch Covid-bedingte Störungen und die branchenweite Knappheit an Halbleitern verursacht werden, beeinträchtigen unsere Möglichkeiten, die Nachfrage nach unseren Produkten zu bedienen», sagte Apple-Finanzchef Luca Maestri während der Ergebnispräsentation am Donnerstagabend.

Der Konzern aus dem Silicon Valley schätzt den negativen Effekt der Engpässe im Quartal per Ende Juni auf 4 bis 8 Mrd. $ ein. Das entspricht 5 bis 10% der Einnahmen, die er in der Vorjahresperiode erwirtschaftet hatte. Zugleich dämpft die Omikronwelle die Nachfrage in China, wo Apple rund ein Fünftel der Einnahmen erwirtschaftet.

Hinzu kommen unvorteilhafte Wechselkurseffekte wegen des starken Dollars, die das Wachstum um rund 3 Prozentpunkte bremsen dürften. Eine weitere Belastung um 1,5 Prozentpunkte geht mit dem Rückzug aus Russland einher.

Der vorsichtige Ausblick trübt einen soliden Leistungsausweis. Der Umsatz von Apple hat sich im vergangenen Quartal fast 9% auf 97,3 Mrd. $ verbessert und übertrifft die Analystenerwartungen von 93,9 Mrd. $ deutlich. Robust entwickelt haben sich vor allem die iPhone-Verkäufe, die um 5,5% auf 50,6 Mrd. $ gestiegen sind.

Apple: Umsatzwachstum

Veränderung der Einnahmen zur Vorjahresperiode, in %

Am schnellsten wuchs erneut die Sparte Services. Sie umfasst Dienste wie den App Store, Apple Music sowie Apple TV+ und verzeichnete eine Verbesserung der Einnahmen um 17% auf 19,8 Mrd. $. Das Apple-Management warnte indes, dass sich die Dynamik auch in diesem Bereich abflachen wird.

Konzernweit konnte der Gewinn 6% auf gut 25 Mrd. $ verbessert werden. Der Nettobestand an Barmitteln betrug per Ende März 73 Mrd. $. Zusammen mit dem robusten freien Cashflow kann sich Apple damit locker ein neues Aktienrückkaufprogramm im Umfang von 90 Mrd. $ leisten.

Zusätzlich wird die Dividende um 5% auf 23 Cent je Titel erhöht, woraus sich zum Schlusskurs vom Donnerstag eine Rendite von 0,6% errechnet.

Apple

Kursentwicklung in den letzten zwölf Monaten, in %
Apple
Nasdaq 100
S&P 500

Keine Entwarnung

Die Abschlüsse von Apple und Amazon runden eine mit mulmigen Gefühlen erwartete Berichtssaison ab. Nach den kräftigen Kursavancen im regulären Handel lösten die Zahlen der beiden Branchenriesen am Donnerstagabend eine negative Reaktion aus. Amazon verlor im nachbörslichen Handel 9%, Apple büsste gut 2% ein.

Wie sich die Börsen heute Freitag verhalten werden, lässt sich schwierig sagen. Bleibt es aber ungefähr bei diesen Verlusten, ist die Abschlusssaison im Tech-Sektor insgesamt einigermassen glimpflich verlaufen.

Nach den heftigen Turbulenzen der letzten Wochen hätte der Markt auch erheblich empfindlicher auf die vielerorts enttäuschenden Nachrichten reagieren können. Die Ausnahme ist der Streaming-Dienst Netflix, dessen Kurs am Tag nach der Resultatpublikation 35% eingebrochen ist.

Am freundlichsten haben Investoren auf den Abschluss von Meta reagiert, der einen Kurssprung von annähernd 18% ausgelöst hat.

Reaktion auf das letzte Quartalsergebnis

Kursveränderung am nächsten Handelstag, in %

Grundsätzlich haben die meisten Unternehmensberichte an der fundamentalen Ausgangslage wenig geändert. Der Tech-Sektor befindet sich weiterhin in einer hartnäckigen Korrektur. Die Börse nahm die durchwachsenen Zahlen zu einem wesentlichen Teil bereits vorweg.

Bewertungen werden vernünftiger

Mit Blick auf die hartnäckig hohe Inflation und die steigenden Zinsen sind Tech-Aktien weiterhin anfällig für Rückschläge. Mit dem festen Dollar kommt eine weitere Belastung hinzu, zumal die Branche rund 50 bis 60% der Einnahmen ausserhalb der USA erwirtschaftet.

Ein positiver Aspekt ist gegenüber, dass sich die Bewertungen teils bereits erheblich ermässigt haben. Die Aktien von Alphabet beispielsweise handeln zu einem vorausschauenden Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 auf dem gleichen Niveau wie auf dem Tief während des Börsencrashs vom März 2020. Zuvor bewegte sich das KGV letztmals im Frühling 2017 auf diesem Stand. Ähnlich sieht es bei Meta aus:

Bewertungen

Kurs-Gewinn-Verhältnis
Aktuell
19.11.2021
Ø letzte drei Jahre
Ø letzte fünf Jahre

Auch bei Microsoft hat sich die Bewertung mit einem KGV von rund 28 wesentlich verringert. Die Titel der weltgrössten Softwareschmiede handeln im Branchenvergleich zwar zu einer Prämie, die aber aufgrund des robusten Geschäftsmodells nicht übertrieben erscheint.

Unter den «Big Five» des Tech-Sektors hinterlässt der Abschluss von «Mr. Softee» denn auch mit Abstand den besten Eindruck. Wie CEO Satya Nadella diese Woche gesagt hat, sieht der Konzern keine Anzeichen für eine gravierendere Abkühlung des Geschäftsgangs.

Verletzlicher erscheinen die Aktien von Apple. Das Unternehmen ist im Premium-Segment des Smartphone-Markts ausgezeichnet positioniert. Die Probleme in China und eine mögliche Abschwächung des Konsums in den USA sowie in Europa könnten aber auch dem Branchenleader in den kommenden Monaten zusetzen.

Nachdem die Titel bislang erst 10% korrigiert haben, bleibt die Bewertung relativ sportlich - speziell, wenn die Gewinnschätzungen der Analysten jetzt nach unten revidiert werden.

Ermutigende Signale für Aktionäre

Ein erfreulicher Trend ist weiter, dass manche Tech-Konzerne mit Blick auf die schwache Performance an der Börse freundlicher gegenüber ihren Aktionären werden. Facebook-Chef Mark Zuckerberg zum Beispiel hat beim Quartalsabschluss betont, dass er die Investitionen aufgrund des langsameren Wachstums reduzieren und die Profitabilität des Social-Media-Konzerns hoch halten wird.

Die Kursavance der Titel nach der Resultatpublikation dürfte wesentlich mit diesem Statement zusammenhängen. Wir denken nach wie vor, dass die Börse das Kurspotenzial von Meta unterschätzt, wenn der Konzern das Wachstum wieder forcieren und die Ertragskraft hochhalten kann.

Weil das Kerngeschäft mit digitaler Werbung relativ zyklisch ist, erfordern Engagements vorerst aber Geduld und gute Nerven. Angesichts der niedrigen Bewertung zum KGV von 17 ist das Upside dafür beträchtlich.

Auch bei Amazon lassen sich positive Tendenzen in Sachen Aktionärsfreundlichkeit beobachten. Der Konzern hat vor wenigen Wochen ein erstes Aktienrückkaufprogramm gestartet und am Donnerstag bekräftigt, dass er sich fortan «ganz auf die Kosten fokussieren» wird.

Wie Finanzchef Brian Olsavsky sagte, hat Amazon den massiven Ausbau der Distributionsinfrastruktur im Retail-Segment weitgehend hinter sich, der Aufbau von Personal in den Lagerhäusern ist abgeschlossen. Das bedeutet, dass sich das Management jetzt primär auf die Steigerung von Produktivität und Kosteneffizienz konzentrieren wird.

Zusammen mit einer weniger anspruchsvollen Vergleichsbasis ab dem zweiten Halbjahr sollte das die Aktien aus ihrer Lethargie reissen. Kursrücksetzer wie voraussichtlich heute Freitag eröffnen eine Möglichkeit zum Einstieg.

Kennzahlen

Börsenwert Umsatz Wachstum Ebit-Marge ROIC KGV Umsatz-Multiple Rendite
Apple267138618,630,938,1276,50,6
Microsoft216619320,442,622,4289,70,9
Alphabet156727037,530,519204,7-
Amazon1471478144,15,4552,7-
Meta Platforms55812026,836,719,4174-