Analyse

Meyer Burger: eine Aktie für Mutige

Das Unternehmen will zum führenden Anbieter von Solarmodulen werden. The Market hat den Investment Case durchleuchtet und mit CEO Gunter Erfurt gesprochen. Fazit: Das Vorhaben könnte klappen. Es ist aber ambitioniert.

Michael Griesdorf
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Meyer Burger war in den letzten Jahren eine einzige Leidensgeschichte. 2011 hatte sie noch einen Umsatz von 1 Mrd. Fr. erzielt. 2020 waren es nur noch 90 Mio. Fr. Als Hersteller von Maschinen zur Produktion von Solarzellen und Panels wurde das Unternehmen zunehmend von der Konkurrenz aus China ausgebremst.

An der Börse blieb das nicht ohne Folgen. Die Aktien notieren heute zu einem Bruchteil dessen, was sie einst wert waren.

Nach einer mehrmonatigen Überprüfung der Strategie, bei der es auch zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen dem damaligen Management und dem russischen Grossaktionär Petr Kondrashev (Anteil: 14,7%) kam, hat die Gesellschaft im April letzten Jahres jedoch den Wandel zum eigenständigen Hersteller von Solarzellen und Solarmodulen mit dem Prädikat «Made in Europe» eingeleitet.

Soeben hat Meyer Burger ihre Modulfabrik mit einer Kapazität von 0,4 Gigawatt (GW) in Deutschland eröffnet. Im Juli soll das erste Solarpanel ausgeliefert werden. Bis 2025 soll die Fertigung eine Kapazität von 3,6 und bis 2027 von 6,4 GW haben.

Bereits 2023 will Meyer Burger einen Umsatz von 400 bis 450 Mio. Fr. und eine Marge auf Stufe Betriebsgewinn vor Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda) von 25 bis 30% erzielen. Nach etwas über fünf Jahren soll der Erlös schon bei etwa 2 Mrd. Fr. und die Ebitda-Marge über 30% liegen.

Könnte es also sein, dass Meyer Burger dank dem Turnaround endlich wieder in neuem Licht erstrahlt? The Market wollte es wissen und hat den Investment Case durchleuchtet sowie zu diesem Zweck auch mit CEO Gunter Erfurt gesprochen.

Technologischer Vorsprung von drei Jahren

Zuerst einmal gilt es Folgendes zu wissen: Meyer Burger konzentriert sich auf das noch kleine, aber stark an Zugkraft gewinnende Premiumgeschäft, wo die Kunden für Qualität und für das Prädikat «Made in Europe» einen Aufpreis zu zahlen bereit sind. Der wenig lukrative Massenmarkt, der von günstigen Solarpanels aus China beherrscht wird, wird nicht bearbeitet.

Im Zentrum der neuen Strategie stehen Solarmodule, die mit der Heterojunction-Technologie (HJT) hergestellt werden. Panels auf HJT-Basis haben den Vorteil, dass sie mehr Sonnenlicht in Energie wandeln können als die Massenware. Die eigens von Meyer Burger patentierte SmartWire-Zellverbindungstechnologie erhöht den Wirkungsgrad der Module zusätzlich und sorgt dafür, dass sie eine überdurchschnittlich lange Lebensdauer aufweisen.

Gemäss Meyer Burger verfügen ihre Panels über einen technologischen Vorsprung von rund drei Jahren auf die allermeisten Konkurrenzprodukte. Eine vom Unternehmen in Auftrag gegebene Studie des Fraunhofer-Instituts stützt die Aussage, wobei gute Chancen bestehen, dass die Technologieführerschaft auch über 2023 hinaus Bestand haben wird. «Den Vorsprung, den wir gegenwärtig haben, wollen wir über die nächsten Jahre aufrechterhalten, denn es gibt diverse technische Möglichkeiten, wie wir die Effizienz sowohl von SmartWire als auch von HJT weiterentwickeln können», sagt CEO Gunter Erfurt im Gespräch mit The Market.

Die einzigen Anbieter, die mit Meyer Burger derzeit mithalten können, sind Sunpower aus den USA und LG aus Korea. Beide konzentrieren sich auf eine alternative hocheffiziente Technologie (IBC).

Meyer Burger hat jedoch den Vorteil, dass ihre Herstellkosten bei einer gut ausgelasteten Fertigung nicht nur gegenüber Premium-, sondern auch gegenüber Standardsolarmodulen aus China sehr wettbewerbsfähig sein werden. Sie kann gegenüber Sunpower, LG und anderen Premiumanbietern damit die Preiskarte spielen. «Der Preis unserer Module ist niedriger als derjenige der Premiumkonkurrenz», sagt Erfurt.

Ambitionierte Marktanteilsziele

Meyer Burger rechnet damit, dass sie in dem von ihr vorerst anvisierten Markt für Dachanlagen für Eigenheimbesitzer und Gewerbler in Europa, den USA, Australien und Japan bis 2023 bereits auf einen Marktanteil von 5% kommt. 2027 sollen es gar 18% sein. Verkauft werden die Panels an Grosshändler, die sie dann wiederum an Installateure weiterreichen.

Die initiale Beachtung für die Panels «Made in Europe» ist offenbar gross. «Die Grosshändler bekunden ein starkes Interesse an unseren Modulen», sagt Erfurt.

Aktuell hat Meyer Burger fünfzehn Grosshändler unter Vertrag. Darunter befinden sich viele grosse internationale Anbieter wie Krannich Solar, BayWa oder IBC Solar. Ziel ist es, mit der Zeit auf fünfzig Anbieter zu kommen.

Für die längerfristig angestrebten 2 Mrd. Fr. Umsatz ist der Markt für Dachanlagen jedoch zu klein. «Das Wachstumssegment ist ganz klar das der Solarkraftwerke», sagt Erfurt.

Ab 2025 plant Meyer Burger deshalb den Eintritt bei den Stromversorgern und will dort bereits zwei Jahre später auf einen Marktanteil von 6% kommen. «Wir sind aktuell der einzige Premiumanbieter, der die Absicht und die Möglichkeiten hat, in diesen Markt einzutreten», sagt Erfurt zum ehrgeizigen Ziel.

Auch die Versorger selbst scheinen grossen Bedarf an Panels von Meyer Burger zu haben. «Wir haben bereits schriftliche Kaufabsichtserklärungen für Zellen und Module für total 2 GW erhalten. Ein grosser Teil davon stammt von den Versorgern», sagt der CEO. Dies habe auch damit zu tun, dass die Module von Meyer Burger zwar teurer in der Anschaffung seien, letzten Endes wegen der höheren Effizienz, und dank einem kleinen Rabatt, jedoch insgesamt tiefere Stromgestehungskosten verursachen würden als herkömmliche Solaranlagen.

Reizvoller Investment Case

So weit, so gut. Doch ist das ambitionierte Vorhaben von Meyer Burger tatsächlich realistisch? Immerhin gehören die Titel derzeit zu den am meisten leerverkauften Aktien der Schweiz, was auf eine grössere Skepsis der Investoren schliessen lässt.

Die Analysten zumindest halten die Ziele des Unternehmens für wirklichkeitsnah. Rund 70% der Broker raten trotz dem bereits steilen Kursanstieg der letzten Monate weiterhin zum Erwerb der Valoren. Das jüngste Beispiel ist UBS, die sie seit letzter Woche mit einem Kursziel von 60 Rappen und damit einem weiteren Aufwärtspotenzial von rund 37% zum Kauf empfiehlt.

Auch The Market ist der Meinung, dass die Stossrichtung der Gesellschaft grundsätzlich erfolgversprechend ist und die Papiere damit ihren Reiz haben.

Überzeugend ist vor allem die Qualität des Produkts bei vergleichsweise tiefen Herstellkosten. Gelingt der Turnaround, dürfte das den Aktienkurs zudem nicht nur aus fundamentaler Sicht beflügeln. Auch Anleger mit Fokus auf Nachhaltigkeit dürften dann auf den Zug aufspringen, was die Nachfrage nach den Valoren zusätzlich beflügeln würde.

Doch es braucht Risikofähigkeit

Dennoch sollten Anleger für eine Investition in Meyer Burger eine grosse Portion Risikofähigkeit mitbringen. Letztlich wird sich erst in ein paar Jahren herausstellen, ob der Strategiewechsel tatsächlich erfolgreich war. Ein Grossteil des Werts der Aktien liegt damit in der ferneren Zukunft.

Eine aus Sicht von The Market nicht zu unterschätzende Herausforderung wird beispielsweise die Überzeugungsarbeit bei den Eigenheimbesitzern und den Gewerblern sein, da sie nicht nur auf die Qualität, sondern auch stark auf die Marke und die Reputation achten. Sunpower, LG oder auch Panasonic – Letztere gilt als die Erfinderin der HJT-Technologie – sind heute diesbezüglich noch im Vorteil.

Es wird also hart, der Konkurrenz die beträchtlichen Marktanteile abzunehmen (zur Erinnerung: 18% bis 2027), die es für die längerfristige Zielerreichung braucht. Erfurt räumt ein, dass hier noch Arbeit vor Meyer Burger liege, verweist jedoch auf das bereits erwähnte grosse Interesse der Grosshändler und darauf, dass der Name der Gesellschaft unter Solarexperten wegen der langjährigen Historie in der Branche als Hersteller von Maschinen zur Produktion von Solaranlagen durchaus ein Begriff sei.

Meyer Burger fehlen für ihre Wachstumsambitionen vorerst auch die finanziellen Mittel. Will sie ihre Produktionsanlagen wie geplant bis 2023 auf eine Kapazität von 0,8 GW für Module und 1,4 GW für Solarzellen erweitern – beides ist eine Bedingung, um bis dann auf die angestrebten 400 bis 450 Mio. Fr. Umsatz zu kommen –, braucht sie zusätzliche 180 Mio. Fr., die sie über den Fremdkapitalmarkt besorgen muss. Darüber hinaus werden für die Kapazitätserweiterungen bis 2025 weitere 260 bis 340 Mio. Fr. notwendig, die bis spätestens 2023 organisiert werden müssen.

Rückenwind erhält die Gesellschaft dafür vom Markt. Bei den Dachanlagen wächst er in den von Meyer Burger bearbeiteten Ländern in den nächsten Jahren zwar nur etwa 8% p. a. Derjenige für HJT-Panels und andere Hocheffizienzmodule dürfte sich jedoch weit rascher entwickeln, weil dort das Innovationspotenzial anders als bei den herkömmlichen Anlagen noch nicht ausgeschöpft ist. Gemäss einer Studie des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer liegt der Anteil der Hocheffizienzpanels am Gesamtmarkt derzeit bei nur 8%. In sieben Jahren werden es jedoch bereits ungefähr 22% sein und etwas später gar 29%.

Für die Ausstattung von Solarkraftwerken mit Hocheffzienzpanels ist Meyer Burger zudem allein auf weiter Flur, was den Markteintritt in diesen Geschäftsbereich erleichtert. Die Absichtserklärungen der Stromversorger zum Kauf von etwas weniger als 2 GW bestätigen dieses Bild.

Ein weiterer Vorteil ist derzeit auch, dass viele Grosshändler wegen der pandemiebedingten Lieferkettenprobleme händeringend nach einem Produzenten «Made in Europe» suchen. Letztlich könnte das trotz fehlender Reputation als Solarmodulhersteller dennoch zu einer raschen Akzeptanz der Marke Meyer Burger führen.