Analyse

Mit Industrieaktien auf den Infrastrukturboom wetten

Um die Wirtschaft in Schwung zu bringen, spielt die Modernisierung von Strassen, Eisenbahnen und Wassersystemen eine zentrale Rolle. Das zeigt das grossangelegte Konjunkturprogramm in den USA. Diese Industriekonzerne sind im Bereich Infrastruktur attraktiv positioniert.

Christoph Gisiger
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Das Thema Infrastruktur gewinnt für Investoren an Relevanz. Nachdem die Wirtschaftspolitik in Amerika und Europa lange durch Sparmassnahmen geprägt war, wächst die Bereitschaft von Regierungen, die Konjunktur mit ehrgeizigen Förderprogrammen in Bereichen wie Transport, Energie und Kommunikation zu stimulieren.

Paradebeispiel sind die Investitionen, mit denen Präsident Joe Biden die veraltete Infrastruktur in den Vereinigten Staaten modernisieren will. In Europa werden mit dem Green Deal und dem Wiederaufbaufonds Next Generation EU fiskalpolitische Massnahmen lanciert, die in eine ähnliche Richtung gehen. Mit der «Belt and Road»-Initiative hat China bereits 2013 ein gewaltiges Infrastrukturprogramm in Asien gestartet.

An den Finanzmärkten wächst deshalb das Interesse an Anlagen, die von diesem Trend profitieren. In den USA entwickeln Stahlaktien wie Nucor und US Steel seit Herbst neue Dynamik, an den europäischen Börsen sind klassische Industrietitel wie ABB und Siemens vermehrt gefragt. Die Preise von Buntmetallen wie Kupfer und Nickel befinden sich in einem strukturellen Aufwärtstrend:

Kupferpreis

Performance über letzte fünf Jahre, in %
Kupfer
Nickel
SPDR S&P Metals & Mining ETF (XME)

Damit stellt sich die Frage, welche Engagements im Bereich Infrastruktur am meisten Potenzial versprechen - und wie viel von der Aussicht auf staatliche Förderprogramme bereits in den Kursen eingepreist ist. Ein guter Grund also, sich mit dem Thema im Detail zu befassen.

Grosser Investitionsbedarf in den USA

Impulse in Sachen Infrastruktur werden in den kommenden Monaten vor allem von den USA ausgehen. Dass sich Amerikas Strassen, Brücken, Bahnlinien, Flughäfen, Stromnetze und Wassersysteme vielfach in desolatem Zustand befinden, stellt dem Land kein gutes Zeugnis aus. Welche katastrophalen Folgen sich durch einen Mangel an Investitionen ergeben können, hat der Kälteeinbruch in Texas Ende Februar vor Augen geführt.

Aussagekräftige Daten zur Infrastruktur in den USA sind allerdings rar und naturgemäss unpräzis. Ein Bericht des Congressional Budget Office in Washington kommt zum Schluss, dass öffentliche Ausgaben für das Verkehrsnetz und die Wasserversorgung in den letzten zwei Jahrzehnten stetig gesunken sind. Das meiste Geld floss zudem in die Wartung bestehender Anlagen. In neue Einrichtungen wurde kaum noch investiert:

Öffentliche Ausgaben für Transport- und Wasserinfrastruktur

in Mrd. $
Schnellstrassen
Öffentlicher Verkehr
Flugverkehr
Wasserversorgung

Als Folge davon schneidet Amerika im internationalen Vergleich peinlich schlecht ab. Eine Untersuchung des britischen Prognose-Instituts Oxford Economics unter den zehn grössten Volkswirtschaften rechnet vor, dass Infrastrukturinvestitionen in den USA bis 2040 am deutlichsten hinter dem Bedarf zurückbleiben werden, falls der aktuelle Trend anhält:

Bedenklich fällt ebenso eine Studie des amerikanischen Ingenieurverbands ASCE aus. Demnach bricht in den USA alle zwei Minuten eine grössere Trinkwasserleitung, und 43% der öffentlichen Strassen befinden sich schlechter oder mittelmässiger Verfassung. In fragilem Zustand sind auch viele Dämme zum Schutz vor Überschwemmungen.

Der Branchenverband schätzt, dass in den nächsten zehn Jahren annähernd 2,6 Bio. $ mehr an Investitionen in Infrastruktur erforderlich werden, als auf Basis aktueller Ausgabeposten budgetiert sind. Die grössten Lücken bestehen im öffentlichen Strassen- und Schienenverkehr, bei der Wasserversorgung sowie bei Bildungseinrichtungen:

Finanzierungsbedarf für Infrastruktur

Zeitraum von 2020 bis 2029, in Bio. $
Bedarf an Investitionen
Budgetierte Ausgaben

Der American Jobs Plan

Entsprechend ambitioniert ist das Infrastrukturprogramm, das sich die neue US-Regierung mit dem American Jobs Plan vornimmt.

«Das ist kein Plan, der bloss einige provisorische Retuschen vorsieht», sagte Präsident Biden, als er die Initiative Ende März in der Stahlmetropole Pittsburgh präsentierte. Er zog dabei Vergleiche zum Bau des US-Autobahnsystems in den Fünfzigerjahren und zum Wettlauf ins All gegen die Sowjets. «Es handelt sich hier um eine Investition in Amerika, wie es nur einmal pro Generation in Angriff genommen wird», kündigte Biden an.

Das mag gut klingen. Tatsache ist aber, dass seine beiden Vorgänger im Weissen Haus mit ähnlichen Ambitionen gescheitert sind. Barack Obama, weil er sich vorab auf die Gesundheitsreform konzentrierte und danach vom republikanisch dominierten Kongress blockiert wurde. Im Fall von Donald Trump schoss Mitch McConnell als republikanischer Mehrheitsführer im US-Senat ein Infrastrukturprogramm bereits vor Beginn der Präsidentschaft ab.

Der Vorstoss von Biden sieht vor, insgesamt 2,25 Bio. $ über einen Zeitraum von acht Jahren in Infrastruktur zu investieren. Im Wesentlichen basiert sein Plan dabei auf drei Elementen: klassische Ausgaben zur Stärkung des Rückgrats der amerikanischen Wirtschaft, Investitionen zum Übergang in eine CO2-neutrale Zukunft sowie die Förderung von «Human Capital», wobei besonders der letzte Punkt für Kontroversen sorgt.

Konkret sind im American Jobs Plan rund 620 Mrd. $ für das Transportsystem budgetiert, darunter knapp 175 Mrd. $ für Elektrofahrzeuge. Weitere 300 Mrd. $ sollen in industrielle Segmente wie Halbleiter, Medizinaltechnik und erneuerbare Energien fliessen. Gut 110 Mrd. $ sind für die Wasserversorgung vorgesehen sowie je 100 Mrd. $ für die digitale Infrastruktur und für Bildungseinrichtungen. Hinzu kommen diverse weitere Posten:

Geplante Ausgaben für den American Jobs Plan

Investitionen über acht Jahre, in Mrd. $
Gesamtsumme Pro Jahr
Transport 621
78
Pflegeheime 400
50
Industrie 300
38
Wohnungen 213
27
Forschung und Entwicklung 180
23
Wasserversorgung 111
14
Digitale Infrastruktur 100
13
Schulen 100
13
Berufsnahe Ausbildung 100
13
Spitäler für Veteranen und öffentliche Gebäude 18
2

Kraftprobe im US-Kongress

Wie realistisch dieses Vorhaben ist, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die zwei fiskalpolitischen Stützprogramme von Donald Trump im vergangenen Jahr sowie das letzte Stimuluspaket vom März haben die US-Regierung insgesamt bereits 4,1 Bio. $ gekostet, was knapp 20% der Wirtschaftsleistung entspricht.

Zum Vergleich: Gemäss einer Analyse der Deutschen Bank belief sich der New Deal in den Dreissigerjahren unter Präsident Franklin D. Roosevelt zu heutigen Kosten auf knapp 790 Mrd. $. Weil die amerikanische Wirtschaft damals jedoch weniger gross war, machte der New Deal etwa 40% des Bruttoinlandprodukts aus. Allerdings verteilten sich diese Investitionen damals über 6 Jahre:

US-Konjunkturprogramme im Vergleich

New Deal 2008 Recovery Act Covid-Stützmassnahmen
Gesamtkosten in Mrd. $ 788 1013 4100
Kosten pro Kopf in $ 6311 3303 12390
Kosten gemessen am BIP 40% (1929) 5.7% (2008) 19% (2020)
Erhöhung der Staatsschulden 30.3% (1931-1939) 32% (2008-2011) 24% (2019-2022)

Ein Infrastrukturprogramm durch den Kongress zu bringen, wird nicht einfach – zumal das Weisse Haus in den kommenden Tagen mit dem American Family Plan ein zweites grosses Reformpaket präsentieren will, das auf das Gesundheitswesen abzielt. Mehr Anhaltspunkte dazu dürfte es Ende April geben, wenn Biden nach bald hundert Tagen im Amt erstmals vor dem Kongress spricht.

Gegen aussen bemüht sich die US-Regierung, Kompromisse mit den Republikanern zu suchen. Angesichts der verhärteten Fronten in Washington ist die Wahrscheinlichkeit jedoch gross, dass Biden seine Initiativen ausschliesslich mit Stimmen der Demokraten umsetzen muss. Ein zentraler Grund dafür ist, dass die zusätzlichen Ausgaben mit Steuererhöhungen finanziert werden sollen, was bei den meisten Republikanern prinzipiell nicht infrage kommt.

Da die Demokraten beide Kammern im Kongress kontrollieren, dürfte die Biden-Administration eine Übereinkunft im eigenen Lager priorisieren. Auch das wird angesichts parteiinterner Differenzen kompliziert. Aus historischer Sicht ist das Risiko für die Partei zudem gross, dass sie die Mehrheit im Repräsentantenhaus bei den nächsten Zwischenwahlen im Herbst 2022 verlieren wird, womit Reformen de facto nicht mehr möglich sein werden.

Guter Zeitpunkt für Engagements

Für Investments an der Börse könnte das Timing damit eine wichtige Rolle spielen. «Basierend auf unseren Quellen in Washington erhalten wir das Gefühl, dass der Jobs Plan und der Family Plan zu einem riesigen Gesamtpaket zusammengelegt werden, um beide Vorlagen über die Ziellinie zu bringen», berichtet Tobias Levkovich, langjähriger Aktienstratege von Citigroup.

Eine naheliegende Strategie dazu ist der Prozess der «Reconciliation», bei dem die Verabschiedung von Gesetzen an das Haushaltsbudget geknüpft wird und für den bereits eine einfache Mehrheit der Stimmen im Senat ausreicht. Auf diesem Weg hat die Biden-Regierung bereits das letzte Stimulusprogramm im März durch den Kongress geboxt.

Mit der Umsetzung des American Jobs Plan wäre demnach frühestens gegen Ende des dritten Quartals oder im Verlauf des vierten Quartals zu rechnen, wenn das nächste Budget verabschiedet werden muss.

Gut denkbar ist, dass es zu einer ähnlichen Entwicklung kommt, wie bei der Steuerreform der Republikaner im Verlauf von 2017: Trumps «Tax Cuts and Jobs Act» wurde damals Ende Dezember ebenfalls in einem «Reconciliation»-Prozess umgesetzt. Auf dem Weg dazu wurden die Nerven von Investoren mehrfach getestet, wie eine kurze Rückblende zeigt.

Als Trump die Wahlen damals Anfang November 2016 überraschend gewonnen hatte, begannen die Märkte umgehend auf eine kräftige Konjunkturbelebung mit steigender Inflation zu wetten. Im Bondhandel verspürte die Rendite zehnjähriger Treasury Notes einen ersten grossen Schub und tendierte bis Anfang März 2017 weiter aufwärts.

Darauf setzte eine Phase mit politischer Unsicherheit um die Steuerreform ein, in der die langfristigen Zinsen sukzessive sanken. Erst als sich Anfang September 2017 abzeichnete, dass das Gesetz durch den Kongress kommen würde, ging es wieder weiter nach oben:

Rendite auf zehnjährige Treasuries

in %

Vorsicht mit Infrastruktur-ETF

Die aktuelle Entwicklung ist mit der Situation vor vier Jahren natürlich nur bedingt vergleichbar. Auffällig ist aber, dass der Auftrieb bei den Zinsen seit Mitte März ebenfalls nachgelassen hat. Parallel dazu hat die Hausse in konjunktursensitiven Sektoren zuletzt etwas an Schwung verloren.

Ob und in welcher Form ein Konjunkturprogramm in den USA zustande kommt, dürfte auch dieses Mal eine gewisse Zeit lang für Unsicherheit an den Börsen sorgen. Grundsätzlich ist jedoch davon auszugehen, dass Joe Biden aus seiner Erfahrung als Vizepräsident unter Obama gelernt hat und seine Pläne zur Modernisierung der Infrastruktur mit allen Mitteln forcieren wird.

Temporäre Kursschwächen in zyklischen Aktien eröffnen damit eine Gelegenheit, sich ein Exposure im Bereich Infrastruktur zu verschaffen. Traditionell sind Engagements zu diesem Thema primär an den Kreditmärkten beliebt. Für Aktienanleger offerieren inzwischen jedoch auch Exchange Traded Funds (ETF) Möglichkeiten für Investments.

Ein genauerer Blick auf die Zusammensetzung der meisten Infrastruktur-ETF zeigt allerdings, dass sie schwergewichtig in Sektoren wie Versorger, Telecom und Eisenbahnen investieren. Im FlexShares STOXX Global Broad Infrastructure ETF zum Beispiel rangieren zudem die Titel des japanischen Tech-Konglomerats SoftBank unter den grössten Positionen.

The Market empfiehlt daher, nicht auf Infrastrukturbetreiber zu setzen, sondern auf Unternehmen, die von Investitionen in Infrastrukturprojekte profitieren - wie früher die Verkäufer von Schaufeln und Pickeln während des Goldrausches.

Wer sich in einem ETF engagieren will, hält sich deshalb am besten an ein Anlageinstrument wie den Global X U.S. Infrastructure Development ETF (Ticker: PAVE), der mit einer Vielzahl an Industrie- und Grundstoffwerten breiter diversifiziert ist:

Global X U.S. Infrastructure Development ETF

Performance seit Anfang 2020, in %
Global X U.S. Infrastructure Development ETF (PAVE)
S&P 500

Ideen für Einzelaktien

Was Einzelaktien betrifft, lohnt sich zuerst ein Blick auf die Schweizer Börse. Mit Sika und LafargeHolcim sind hier zwei solide Konzerne kotiert, die bei global steigenden Investitionen in Infrastruktur attraktiv aufgestellt sind und einen bedeutenden Teil der Einnahmen in den USA erwirtschaften.

Wie die vierteljährliche Umfrage unter Schweizer Fondsmanagern von The Market ergibt, hält zum Beispiel Marc Hänni, Leiter Schweizer Aktien bei Vontobel Asset Management, die beiden Titel mitunter deshalb im Depot.

Auf die Kaufliste gehört ebenfalls ABB. «Sollte es im Rahmen eines Infrastrukturprogramms in den USA zu einer Beschleunigung der Investitionen in grüne Energie kommen, wird das für uns natürlich von Vorteil sein», sagte ABB-Finanzchef Timo Ihamuotila unlängst im Interview mit The Market.

Sika und LafargeHolcim sind denn auch im Best Ideas Portfolio von The Market vertreten, ABB ist zudem im The Market Dividend Portfolio enthalten. Auch Siemens ist für einen Infrastrukturboom gut positioniert und bietet Investoren mit der Tochter Siemens Energy ausserdem Zugang im Bereich erneuerbare Energien.

ABB

Performance seit Anfang 2020, in %
ABB
Sika
Siemens
LafargeHolcim
S&P Global 1200

Konkret zum Programm der Biden-Regierung gehört, 20’000 Meilen an Autostrassen zu modernisieren sowie die zehn ökonomisch wichtigsten Brücken und 10’000 kleinere Brücken zu reparieren. An den US-Börsen spricht das für den Baumaschinenhersteller Caterpillar und Bauzulieferer wie Vulcan Materials und Martin Marietta Materials.

Eine Überlegung wert sind ebenfalls die Aktien von Nucor, dem qualitativ besten Stahlhersteller in den USA. Zur Aufrüstung von Stromnetzen und für den Trend zu Elektromotoren sowie erneuerbaren Energien braucht es zudem grosse Mengen an Kupfer, weshalb Förderer wie Freeport-McMoRan, Antofagasta und Teck Resources in jedes Infrastrukturportfolio gehören.

Das Gleiche gilt für United Rentals, den weltgrössten Vermieter von Baugerät. Mit wachsenden Aufträgen können auch Ingenieurfirmen wie MasTec, Jacobs Engineering und WSP Global rechnen. Als weltweiter Branchenleader in diesem Bereich eröffnen sich speziell für WSP mit Sitz in Montreal spannende Perspektiven.

Ein wichtiger Teil des US-Infrastrukturpakets besteht schliesslich darin, jedem amerikanischen Haushalt Zugang zu Breitband-Internet zu ermöglichen. 35% der Bevölkerung in ländlichen Regionen fehlt derzeit eine schnelle Verbindung zum World Wide Web. Netzwerkausrüster wie Nokia, Ericsson und Cisco Systems sollten deshalb ebenfalls in Erwägung gezogen werden.

Kennzahlen

Land Börsenwert Ebit-Marge Gewinnwachstum 2021 KGV 2022 Rendite
Cisco Systems USA 223 28,2 5,3 14,9 2,9
Siemens Deutschland 140 8,9 19,1 19,1 2,5
ABB Schweiz 68 7,2 19,4 23,3 2,6
Freeport-McMoRan USA 56 16,4 36,4 12,7 0,8
Ericsson Schweden 47 12,8 36,3 16,2 1,7
Sika Schweiz 42 14,3 12,8 35,8 0,9
LafargeHolcim Schweiz 39 12,5 8,5 14,2 3,5
United Rentals USA 24 22,2 11,6 15,2 0
Vulcan Materials USA 23 18,6 11,5 29,4 0,8
WSP Global Kanada 12 6,3 13,2 27,2 1,2