Analyse

Mit Siemens auf das Comeback der Industrie wetten

Der Dax-Konzern aus München ist nach einem radikalen Umbau schlank und wendig. Er ist damit optimal positioniert, um vom globalen Konjunkturaufschwung zu profitieren. Die Aktien zeichnen sich durch hohes Momentum, geringe Volatilität und eine grosszügige Ausschüttungspolitik aus.

Tim Schäfer
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Mit der Aussicht auf eine kräftige Belebung der Weltkonjunktur gewinnen Aktien aus dem Industriesektor an Dynamik. Der S&P Global 1200 Industrials Index, der rund zweihundert Konzerne umfasst, ist seit dem Tief vom letzten März gut 90% avanciert. Viele Unternehmen haben die Krise genutzt, um Kosten zu senken, so dass sich steigende Umsätze im Aufschwung überproportional auf den Gewinn durchschlagen werden.

In diesem Umfeld eröffnen sich für Siemens spannende Perspektiven. Der deutsche Branchenleader mit 110 Mrd. € Börsenwert kämpfte in der Vergangenheit mit hohen Kosten und litt unter einem schwachen Auftragseingang. Heute ist der Weltkonzern modernisiert und ideal für die digitale Transformation von Industrie, Infrastruktur und Mobilität ausgerichtet.

An der Börse wird das entsprechend honoriert. Die Aktien sind seit Anfang Jahr über 17% vorgerückt, während der S&P Global 1200 Industrials Index rund 7% gut gemacht hat. Wie eine quantitative Analyse von The Market zu allen 160 im Dax, MDax und SDax vertretenen Titeln ergibt, zeichnen sich die Valoren von Siemens durch hohes Momentum und niedrige Volatilität aus.

Die Chancen stehen gut, dass der Industrieriese aus München seinen Aufwärtstrend an der Börse fortsetzen kann. Die Basis dafür hat ein radikaler Umbau in den vergangenen Jahren gelegt. Im Frühjahr 2018 hat der Konzern die Medtech-Sparte Siemens Healthineers als separate Tochtergesellschaft in Frankfurt kotiert. Letzten Herbst ging die Division Siemens Energy ebenfalls an die Börse.

Aus dem einstigen Bauchladen Siemens ist dadurch ein industrieller Hightech-Konzern geworden, der sich im Kern auf die Automatisierung der Industrieproduktion, auf intelligente Infrastruktur sowie auf Bahntechnik konzentriert. Mit der Beteiligung an Healthineers und Energy ist er in den Sektoren Gesundheit und Energie aktiv:

Quelle: Siemens

Organisatorisch ist der Mutterkonzern nach der Neuausrichtung in die Divisionen Digital Industries, Smart Infrastructure, Mobility und Siemens Healthineers aufgeteilt. Am profitabelsten wirtschaften Digital Industries und Siemens Healthineers, wo sich das Zielband zur Ebitda-Marge zwischen 17 bis 23% bzw. 17 bis 21% bewegt:

Siemens: Umsatz nach Sparten

in % der Konzerneinnahmen
Digital Industries
Siemens Healthineers
Smart Infrastructure
Mobility
Portfolio-Gesellschaften
Finanzdienste

Nach Regionen ist Siemens primär in Europa, in den GUS-Staaten, in Afrika und im Nahen Osten präsent. Auf diese geografischen Märkte entfällt annähernd die Hälfte des Gesamtumsatzes. Der Rest verteilt sich zu ungefähr gleichen Teilen auf Amerika und Asien/Pazifik, wobei China immer wichtiger wird. Inzwischen beschäftigt Siemens mehr als 32’000 Mitarbeitende in der Volksrepublik. Mit einem Umsatzbeitrag von 13% ist China zum drittgrössten Einzelmarkt nach den USA und Deutschland avanciert.

Ausblick hellt sich auf

Operativ schlägt sich Siemens trotz der Pandemie wacker. Der Konzern konnte den Umsatz im Geschäftsjahr 2019/20 (per Ende September) praktisch konstant auf rund 57 Mrd. € halten. Der Gewinn ging zwar von 5,6 auf 4,2 Mrd. € zurück. Anders als viele Konkurrenten wirtschaftete Siemens aber jedes Quartal durchgehend profitabel und konnte Marktanteile gewinnen.

Was Investoren erwarten können, wenn die Weltwirtschaft an Fahrt aufnimmt, lassen die überraschend guten Zahlen zum ersten Geschäftsquartal erahnen. In der Berichtsperiode von Oktober bis Dezember kletterte der Umsatz auf vergleichbarer Basis 7% auf 14,1 Mrd. €, der Auftragseingang legte 15% auf 15,9 Mrd. € zu. Der Gewinn nach Steuern verbesserte sich trotz negativer Wechselkurseffekte von 1,1 auf 1,5 Mrd. €. Ansprechend ist ebenso die Entwicklung des freien Cashflows, der auf fast 1 Mrd. €. zugenommen hat.

Die Aussichten stehen gut, dass Siemens die Kadenz weiter steigern kann. Bei der Resultatpräsentation von Anfang Februar hat der Konzern die Prognose für das laufende Geschäftsjahr denn auch angehoben. Neu rechnet Finanzchef Ralf Thomas mit 5 bis 5,5 Mrd. € Gewinn nach Steuern, was eine Steigerung von rund 20 bis 30% impliziert. Zuvor hatte das Management lediglich einen «moderaten Anstieg» vorhergesagt.

Für die Erhöhung der Prognose ist primär der ermutigende Geschäftsgang der Sparte Digital Industries verantwortlich. «Digital Industries erwartet nun für das Geschäftsjahr 2021, dass die Umsatzerlöse auf vergleichbarer Basis deutlich, statt wie bisher erwartet leicht, steigen werden», heisst es dazu im Quartalsbericht.

Die Analysten von Bank of America schätzen in diesem Kontext, dass die Sparte Digital Industries den Umsatz dieses Jahr von 15 auf über 15,6 Mrd. € steigern wird und bis 2023 weiter auf 17,4 Mrd. € ausbauen kann. Kräftiges Wachstum trauen die Analysten ebenfalls Siemens Healthineers zu, wo sie für die nächsten drei Jahre eine Steigerung der Einnahmen von 14,5 auf 20,2 Mrd. € prognostizieren:

Siemens: Umsatzentwicklung nach Sparten

in Mrd. €
Digital Industries
Smart Infrastructure
Mobility
Siemens Healthineers
Prognose (ab 2021)

So rund lief es Siemens nicht immer. Das reflektiert sich im Aktienkurs, der ab Frühling 2017 mehr und mehr unter Druck geriet. Zu diesem Zeitpunkt hatte der damalige Konzernchef Joe Kaeser jedoch längst begonnen, das 1847 gegründete Konglomerat neu aufzustellen. Diese strukturelle Neuausrichtung gelang mit dem Strategieprogramm «Vision 2020+».

Schon zuvor hatte der Konzern verschiedene Bereinigungen des Portfolios vorgenommen: Anfang 2015 erwarb der schwedische Private-Equity-Investor EQT das Geschäft mit Hörgeräten. Zwei Jahre zuvor hatte Siemens den Lichtkonzern Osram an die Börse gebracht, der Ende 2019 vom österreichischen Sensorhersteller AMS für 4,6 Mrd. € übernommen wurde. Das Geschäft mit Küchen- und Waschmaschinen wurde an Bosch veräussert.

Bereit für die Energiewende

Aktionäre von Siemens sind durch die neue Konzernstruktur direkt und indirekt an drei Unternehmen beteiligt. Beim Börsengang von Siemens Energy erhielten sie automatisch für jeweils zwei Siemens-Titel eine Aktie der abgespaltenen Tochterfirma ins Depot gebucht. Ähnlich war es schon bei der Publikumsöffnung von Osram im Sommer 2013.

Beides sind quasi «Geschenke» an die Investoren, welche die Gesamtrendite der Siemens-Aktie aufgewertet haben. Rein an der Kursperformance gemessen, sind diese zusätzlichen Vergütungen an die Aktionäre hingegen nur teilweise ersichtlich.

Die Publikumsöffnung von Siemens Energy erweist sich als Erfolg. Seit der Kotierung Ende September sind die Valoren von 21.21 auf rund 30 € avanciert. Zum Portfolio der Siemens-Tochter, an der das Mutterhaus 46% der Aktien hält, gehören Energieerzeugung, Energieübertragung und Industrielösungen. Das operative Geschäft leitet CEO Christian Bruch, der aus dem Management des Industriegase-Herstellers Linde kommt. Er verlegt den Konzernsitz nun von München nach Berlin; vermutlich, um näher an Regierung und Bundesbehörden zu sein.

Zu einer Marktkapitalisierung von knapp 22 Mrd. $ bewertet, steigt Siemens Energy diese Woche in den deutschen Leitindex Dax auf. Dank der Kompetenz im Bau von Gasturbinen, Dampfturbinen, Generatoren, Transformatoren und Kompressoren profitiert das Unternehmen vom steigenden Bedarf an Elektrizität. An Ausschreibungen zu Projekten für Kohlekraftwerke nimmt es aus Umweltgründen nicht mehr teil.

Dafür engagiert sich Siemens Energy verstärkt in der Erzeugung von CO2-freiem Strom. 2017 fusionierte die Siemens-Gruppe den Bau von Windturbinen mit dem spanischen Branchennachbarn Gamesa. Das seither unter dem Namen Siemens Gamesa firmierende Unternehmen ist an der Börse Madrid zu knapp 19 Mrd. € bewertet und zählt zu den weltweiten Marktführern im Bereich erneuerbare Energien. Siemens Energy hält 67% der Anteile.

Der Aktienkurs von Siemens Gamesa hat seit Anfang Jahr zwar an Auftrieb verloren. Das Unternehmen wird beim Umbau des Energiesektors jedoch zu den Gewinnern gehören. Zusätzliches Potenzial könnte sich im Bereich Wasserstoff eröffnen. In einer Partnerschaft entwickeln Siemens Energy und Siemens Gamesa derzeit zum Beispiel eine Offshore-Windturbine, mit der Wasserstoff bereits im Meer hergestellt und dann über eine Pipeline abtransportiert werden soll. 120 Millionen € fliessen in das Gemeinschaftsprojekt. Abnehmer sollen Industriebetriebe wie Chemie- und Stahlwerke nahe der Meeresküste sein.

Hightech im Krankenhaus

Über Siemens Healthineers haben Aktionäre des Mutterkonzerns auch ein Exposure im Gesundheitssektor. Die konsolidierte Tochterfirma, an der Siemens eine Mehrheitsbeteiligung von knapp 80% hält, ist unter anderem auf Röntgengeräte sowie Apparaturen zur Computertomographie und zur Magnetresonanztomographie spezialisiert. Sie trägt annähernd 30% zum Umsatz der Gruppe bei.

Siemens Healthineers kam Mitte März 2018 an die Börse. Der Emissionspreis belief sich damals auf 28 €, heute tendiert der Kurs gegen 48 €. Im letzten Sommer übernahm das Unternehmen für 16,4 Mrd. $ den kalifornischen Wettbewerber Varian, eine führende Gesellschaft in der Behandlung von Krebspatienten.

Durch den Zusammenschluss kann Siemens Healthineers eine integrierte Plattform an Diensten anbieten, die von der Diagnose über die Behandlung bis hin zur Nachbetreuung sämtliche Therapiephasen bei einer Krebserkrankung abdeckt. Gut aufgestellt ist das Unternehmen ebenso, wenn es um Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Demenz und Herzkrankheiten geht, die durch den demografischen Wandel immer häufiger werden.

Wenn die Pandemie abklingt und sich der Betrieb in den Spitälern normalisiert, wird das dem Geschäft von Siemens Healthineers zusätzlich helfen. Im Gesundheitswesen schreitet die digitale Transformation zudem rasch voran.

Dank hochauflösender Aufnahmen lassen sich Krankheiten rascher erkennen, Simulationssoftware kann ihren Verlauf vorhersagen. Weitere wichtige Elemente sind die digitale Patientenakte, der Zugriff von Patientendaten über die Cloud und ein effizientes Krankenhausmanagement. Überall ist Siemens Healthineers vorne dabei.

Fokus auf Forschung & Entwicklung

Roland Busch

Roland Busch

Konzernchef Roland Busch, der Anfang Februar plangemäss die operative Führung von Siemens übernommen hat, verfügt damit über eine gute Ausgangslage. Zuvor als Vize von CEO Kaeser tätig, arbeitet der promovierte Physiker schon seit 1995 für das Unternehmen und gilt als «akribischer Arbeiter». Verdienste hat er sich mitunter dadurch erworben, dass er den einstigen Problemfall Bahntechnik zu einem robust wachsenden Konzernbereich mit soliden Margen fit getrimmt hat.

Nachdem die Grundstrukturen des Konzernumbaus weitgehend errichtet sind, dürfte sich Busch in den kommenden Jahren vor allem auf die Feinarbeit konzentrieren. Ebenso gilt es, in Sachen Forschung & Entwicklung an der Spitze zu bleiben. Siemens gab allein im letzten Geschäftsjahr 4,6 Mrd. € für F&E aus.

Insgesamt arbeiten weltweit fast 41’000 Angestellte in der Forschung und Entwicklung. Im vergangenen Geschäftsjahr kamen rund 5’000 Innovationen und 2’700 Patentanmeldungen hinzu. In den letzten drei Jahren gab der Konzern für F&E insgesamt rund 15 Mrd. € aus, was über 7% des Umsatzes entspricht. Keine andere Industriegruppe von diesem Kaliber investiert mehr:

Siemens: Investitionen in Forschung & Entwicklung

Durchschnittliche Ausgaben über die letzten drei Jahre, in % des Umsatzes

Einen besonderen Akzent legt der Konzern auf das Thema Nachhaltigkeit. Schon vor der Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens Ende 2015 war Siemens das erste grosse Industrieunternehmen, das sich dazu verpflichtet hatte, bis 2030 die CO2-Neutralität zu erreichen. Seit 2014 hat der Konzern seine Emissionen um mehr als 50% reduziert.

Aktien haben Aufholpotenzial

Ausser den vielversprechenden Aussichten auf Wachstum sprechen eine gesunde Bilanz und eine grosszügige Ausschüttungspolitik für die Aktien von Siemens. Wegen des Konjunktureinbruchs ist das Verhältnis von Nettoschulden zum Ebitda letztes Jahr zwar auf 3,7 gestiegen. Gemäss dem Datendienst S&P Global Market Intelligence geht der Analystenkonsens jedoch davon aus, dass der Verschuldungsgrad bis 2022 sukzessive auf 2,5 sinkt und im Folgejahr unter 2 fällt.

Investoren können sich daher weiterhin auf eine stattliche Dividende verlassen. Für das Geschäftsjahr 2020 zahlte Siemens eine Barausschüttung von 3.50 € je Aktie. Das entspricht einer Pay-out Ratio von rund 70% und liegt somit über dem Zielkorridor von 40 bis 60%. In den letzten drei Jahren hat der Konzern zudem jeweils für rund 1,4 bis 1,5 Mrd. € eigene Aktien zurückgekauft.

In den Aktien – ihre Dividendenrendite beträgt aktuell 2,5% – steckt damit auch nach den jüngsten Avancen noch reichlich Potenzial. Seit Anfang 2017 notiert der Kurs gerade einmal 17% im Plus. Die Titel der Konkurrenten ABB und Emerson Electric sind im gleichen Zeitraum 34 und 56% vorgerückt. Honeywell und Schneider Electric haben mehr als 80 respektive 90% gewonnen:

Siemens: Kursentwicklung seit Anfang 2017

in %
Siemens
Emerson Electric
General Electric
ABB
Honeywell International
Schneider Electric
Toshiba
S&P Global 1200 Industrials Index

Vor diesem Hintergrund ist Siemens nicht allzu teuer bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für das laufende Geschäftsjahr beträgt knapp 22 und bewegt sich ungefähr im Mittelfeld der Branche. Auf Basis der Analystenschätzungen für 2022 und 2023 beläuft sich das KGV auf rund 18 bzw. 17.

Ein Pluspunkt für die Aktien sind zudem die treuen Mitarbeiteraktionäre. Global arbeiten 197'000 Menschen für Siemens sowie rund 92’000 für Siemens Energy. Annähernd 200'000 aktuelle und frühere Beschäftigte sind Siemens-Aktionäre. Kaum ein anderes Unternehmen zählt so viele «Insider» unter seinen Investoren.

Globale Industriekonzerne im Vergleich

Land Börsenwert Umsatz Ebit-Marge Umsatz-Multiple KGV Rendite
DanaherUSA1572621,16,729,10,4
HoneywellUSA1483420,44,6271,7
SiemensDeutschland131708,92,421,62,5
General ElectricUSA11679–0,22,153,80,3
3MUSA10934223,619,73,1
Schneider ElectricFrankreich833214,52,923,92,1
Atlas CopcoSchweden671219,95,534,11,5
ABBSchweiz64287,22,327,62,7
Emerson ElectricUSA531817,53,323,22,3
AlstomFrankreich18155,41,121,5-
ToshibaJapan16301,60,623,10

Korrigendum: In der ursprünglichen Version hiess es, China sei mit einem Umsatzbeitrag von 13% der zweitgrösste Einzelmarkt für Siemens. Korrekt ist demgegenüber, dass der Konzern in China mit 13% der Einnahmen nach den USA und nach Deutschland den drittgrössten Umsatzbeitrag ausweist.