Analyse

Schwellenländer: Der Pessimismus eröffnet Chancen

Die Euphorie ist verpufft, den Emerging Markets weht ein eisiger Wind entgegen. Doch mittlerweile scheint die Stimmung allzu negativ, Contrarians bietet sich eine gute Einstiegsgelegenheit.

Sandro Rosa
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Die Börsen der Emerging Markets kommen nicht vom Fleck. Während der MSCI World, der wichtigste Index der Industrieländer, seit Jahresbeginn fast 17% vorgeprescht ist, notiert das Barometer für die Schwellenländer nahezu unverändert. Zwischenzeitlich verbuchte es sogar einen Verlust von 5%, und es verharrt noch immer mehr als 10% unter dem Jahreshöchst.

Insbesondere die Entwicklung in China verunsichert die Anleger. Im vierten Quartal ist das Bruttoinlandprodukt der zweitgrössten Volkswirtschaft im Jahresvergleich bloss 4,9% expandiert – weniger als von den meisten Ökonomen erwartet. Im Vorquartal belief sich die Wachstumsrate noch auf merklich höhere 7,9%.

Chinas Wachstum dürfte weiter schwächeln

Die Korrektur im Immobiliensektor ist der grösste Bremsklotz für Chinas Wirtschaft. Sie hat erst begonnen und dürfte einige Zeit für Gegenwind sorgen, ist es doch ein erklärtes Ziel von Präsident Xi Jinping, Ungleichgewichte in der Wirtschaft und Risiken für die Finanzstabilität zu verringern. Bereits fallen die Preise sowie die Verkäufe von Häusern und Wohnungen, was die Bautätigkeit hemmt. Da der Immobiliensektor rund ein Viertel zur Wirtschaftsleistung beiträgt, dürfte das Wachstum künftig deutlich schwächer ausfallen. Hinzu kommen Engpässe bei der Energieversorgung und immer wieder aufflammende Coronakrisenherde, die die Konjunktur belasten.

Zwar hat Peking einige Schritte unternommen, um die Wirtschaft zu stimulieren – so hat etwa die Notenbank über Repo-Transaktionen das Finanzsystem mit zusätzlicher Liquidität versorgt –, doch die Massnahmen sind bislang eher zurückhaltend und beschränken sich auf gezielte Eingriffe. «Die Konjunkturabschwächung in China wird bis weit ins erste Quartal 2022 dauern», schätzt deshalb Schwellenländerstratege Arthur Budaghyan vom Analysehaus BCA Research.

Auch die näherrückende geldpolitische Straffung in den USA beunruhigt die Marktteilnehmer, weshalb sie riskantere Segmente wie Schwellenländeraktien meiden. Weitere Belastungsfaktoren sind der festere Dollar sowie der Umstand, dass viele aufstrebende Volkswirtschaften wegen geringerer Impfraten stärker unter der Pandemie leiden. All dies hat zu einem ausgeprägten Schwellenländerpessimismus geführt.

Pessimistische Profis

Bezeichnend für die negative Stimmung ist die jüngste Umfrage von Bank of America, in der das Team des US-Chefstrategen Michael Hartnett jeweils gut 300 professionelle Investoren rund um den Globus zu ihrer aktuellen Positionierung und Einschätzung zu den Märkten befragt.

Generell lässt sich eine zunehmende Vorsicht unter den Anlageprofis erkennen, wobei sie punkto Emerging Markets besonders zurückhaltend geworden sind. Im Monatsvergleich haben sie ihre Positionierung nochmals abgebaut und sind nun per saldo 5% untergewichtet. Das ist das deutlichste Untergewicht seit drei Jahren und illustriert den markanten Stimmungsumschwung im Vergleich zum Jahresbeginn, als die Fondsmanager vor Zuversicht strotzten. Damals standen Schwellenländer hoch in der Anlegergunst und wurden von netto rund 60% der Befragten übergewichtet.

Quelle: BofA Fund Manager Survey

Aus Contrarian-Sicht ist dieser Pessimismus positiv zu werten. Wenn sich das Gros der Investoren aus einer Anlageklasse verabschiedet hat, sind die Erwartungen typischerweise niedrig, und es braucht dann oft nur geringfügig bessere (oder weniger schlechte) Nachrichten, um eine Gegenbewegung auszulösen.

Enttäuschende relative Performance

Dass einiges an negativen Nachrichten eingepreist ist, zeigt der Vergleich der relativen Kursentwicklung. Die Underperformance der Schwellenländertitel im Vergleich zu den Aktien der Industrieländer ist historisch gesehen beträchtlich. Seit Anfang 2010, seit die Emerging Markets strukturell zurückfielen, schwankte die relative Jahresperformance meist zwischen –13,7 und +6,3% (markiert durch die grüne und die rote Linie). Nun bewegt sie sich am unteren Ende der Spanne. Schwellenländer sind demnach eindeutig überverkauft.

Eine weitere deutliche Underperformance scheint nicht sehr wahrscheinlich – einzig 2014 und 2015 büssten Emerging Markets auf vergleichbarem Niveau zusätzlich an Terrain ein. Die Chancen sind also intakt, dass eine Gegenbewegung einsetzt.

Bewertung spricht für Schwellenländer

Schliesslich können Schwellenländer mit einer vergleichsweise attraktiven Bewertung punkten. Während das Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis für die Industrieländer auf Rekordhoch notiert (blaue Linie in der untenstehenden Grafik), bewegt sich der Vergleichswert für die Emerging Markets auf einem deutlich vernünftigeren Niveau. Bis zu einem neuen Rekord ist ein Anstieg von nahezu 40% nötig.

Ganz anders war die Ausgangslage auf dem Höhepunkt der Schwellenländereuphorie zwischen 2007 und 2011. Damals wurden Schwellen- gegenüber Industrieländern mit einer Bewertungsprämie gehandelt. Tempi passati: Aus der Prämie ist in den vergangenen Jahren ein beträchtlicher Abschlag geworden. Auch andere Bewertungskennzahlen bestätigen den Befund: Schwellenländeraktien sind klar günstiger als ihre westlichen Pendants.

Konvergenz bei Zinsen und Wachstum

Die geldpolitischen Rahmenbedingungen in den Emerging Markets standen 2021 in Kontrast zu den lockeren Finanzierungsbedingungen in den Industrieländern. Während der Zinserhöhungszyklus in den Emerging Markets schon längst begonnen hat, bereitet sich der Westen erst langsam darauf vor.

Das dürfte mit ein Grund für die enttäuschende relative Performance gewesen sein, denn nicht selten bekunden Aktien bei Zinserhöhungen Mühe. Allein in diesem Jahr haben gemäss Thomas Callum vom Researchanbieter Topdown Charts 33 Schwellenländer-Notenbanken insgesamt 72 Zinsschritte durchgeführt – darunter war bloss eine Senkung, und diese wurde durch die türkische Zentralbank vorgenommen. Nun aber folgen die ersten Währungshüter in den Industrieländern mit Zinserhöhungen. So haben jüngst die Reserve Bank of New Zealand und die Norges Bank in Norwegen die Leitzinsen angehoben. Weiter dürften folgen.

Die Unterschiede bei der Geldpolitik könnten also in den nächsten Monaten zugunsten der Schwellenländer schwinden. Einerseits werde die Inflation in den kommenden Quartalen wegen des Basiseffekts sukzessive sinken, zudem dürften die Angebotsverzerrungen nachlassen, meint etwa Aktienstratege Mislav Matejka von der US-Bank JPMorgan. Damit sollte auch die Gefahr einer weiter deutlich restriktiveren Geldpolitik abnehmen. «Wir gehen davon aus, dass sich die Rahmenbedingungen für die Schwellenländer nun allmählich aufhellen», schätzt Matejka.

Zudem haben sich auch die relativen Wachstumsprognosen in den vergangenen Monaten zugunsten der Schwellenländer verschoben. «Unsere Prognosen deuten darauf hin, dass sich die Wachstumsdifferenz zwischen den Schwellen- und den Industrieländern im Laufe des Jahres 2022 signifikant verbessern wird», schreibt Caesar Maasry, Analyst in Diensten von Goldman Sachs, in einer Analyse. Dabei werde sich vor allem das Wachstum in den Industrieländern abschwächen. In solchen Phasen haben sich Aktien aus Schwellenländern in der Vergangenheit gemäss Maasry in der Regel positiv entwickelt.

Machen demnächst auch die Impfungen in den Schwellenländern entscheidende Fortschritte, könnte die Aufholjagd schon bald beginnen. Auf jeden Fall ist klar: Aus Contrarian-Perspektive bietet sich langfristig orientierten Investoren gegenwärtig eine günstige Einstiegsgelegenheit.

Mit welchen ETF in Schwellenländer investieren

Wer in Schwellenländer investieren möchte, kann dies z.B. mit dem an der SIX kotierten Amundi MSCI Emerging Markets ETF (ISIN: LU1681045453, Valorennummer 38 785 088) oder mit dem UBS ETF (LU) MSCI Emerging Markets UCITS ETF (USD) A-acc (ISIN: LU0950674175, Valorennummer: 21 966 836) machen. Beide ETF reinvestieren die Dividenden. Der ETF von BlackRock, der iShares MSCI EM UCITS ETF USD (Dist) (ISIN: IE00B0M63177, Valorennummer: 2308849), schüttet die Dividenden jeweils aus.