Analyse

Silber vor der Aufholjagd

Während der Goldpreis neue Rekorde ansteuert, kommt Silber nicht vom Fleck. Das könnte sich schon bald ändern.

Sandro Rosa
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Während Gold in vielen Währungen neue Rekordhöchst erklimmt, bleibt Silber, das weniger glamouröse Geschwister, augenfällig zurück. Allein in diesem Jahr hat Gold nahezu 12% an Wert zugelegt. Silber hingegen notiert 16% unter seinem Stand vom Jahresbeginn. Zwischenzeitlich ist der Preis für das Metall sogar ein Drittel eingebrochen.

Von über 18 $ pro Unze noch im Februar ist der Preis bis auf leicht unter 12 $ gefallen, bevor er sich auf rund 15 $ erholt hat. Seit Jahren pendelt der Silberpreis unter grossen Schwankungen mehrheitlich zwischen 14 und 20 $ pro Unze.

Angesichts der Covid-19-Pandemie und der Flucht in sichere Vermögenswerte hätte man eigentlich erwarten können, dass Silber besser abschneiden würde. Denn traditionell bewegen sich der Silber- und der Goldpreis Hand in Hand, sprich, die Korrelation zwischen den beiden Edelmetallen ist typischerweise sehr hoch.

Auch Michael Widmer, Rohstoffanalyst bei Bank of America Merrill Lynch, ist erstaunt über die Schwäche: «Die Angebots- und Nachfragesituation lässt Silberpreise unter 15 $ pro Unze nur schwer rechtfertigen.»

Schwache Industrienachfrage

Diesmal jedoch haben sich die Preise spürbar entkoppelt. Grund dafür ist die substanzielle industrielle Nachfrage nach Silber. Gemäss Zahlen des Silver Institute, der Interessenvereinigung der Silberbranche, kommt die Industrie für mehr als die Hälfte der gesamten Silbernachfrage auf. Das Metall wird unter anderem für die Herstellung von Smartphones, Solarzellen und medizinischen Apparaten verwendet.

Im Jahr 2019 war die Industrie für 511 der insgesamt 992 Mio. nachgefragten Unzen Silber verantwortlich. Das ist knapp mehr als die Hälfte. Für 2020 schätzt das Silver Institute zwar einen Rückgang auf rund 49%. Das ändert jedoch wenig am Gesamtbild.

Aus diesem Grund verhält sich Silber oft wie ein Industriemetall, obschon es, wie Gold, geldähnliche Eigenschaften aufweist. Bislang dominierte aber der industrielle Aspekt: Da wegen der in vielen Ländern beschlossenen Lockdown-Massnahmen die Weltwirtschaft gemäss Schätzungen den wohl schlimmsten Einbruch seit der Grossen Depression erleiden wird, ist auch der Silberpreis mächtig unter Druck gekommen.

So hat Natasha Kaneva von JPMorgan ihre Prognose für die industrielle Silbernachfrage für das Jahr 2020 um 7% gesenkt. Gleichzeitig leidet auch der Bedarf für Schmuck und Silberwaren unter einem schwächeren wirtschaftlichen Umfeld.

Allerdings ist nicht bloss die Nachfrage zurückgegangen, sondern auch die Förderung. Laut Silver Institute lässt die Stilllegung der Produktion das Überangebot in diesem Jahr um mehr als die Hälfte schrumpfen. Die Organisation schätzt, dass die Minenproduktion 2020 auf ein Achtjahrestief fällt. Damit ist der Angebotsüberhang weniger gravierend als befürchtet.

Dennoch rechnen die Experten von Scotiabank mit einer längeren Durststrecke: «Silber wird wohl oder übel hinter jedem Goldanstieg zurückbleiben. Erst wenn die Weltwirtschaft voll von den Konjunkturmassnahmen profitieren kann und das Wachstum wieder anzieht, wird es besser abschneiden.»

Im Vergleich zu Gold sehr günstig

Allerdings hat sich die Schere zwischen Gold und Silber extrem weit geöffnet. In den vergangenen zwanzig Jahren schwankte das Gold-Silber-Verhältnis zwischen 40 und 80. Der Durchschnitt seit 1970 beläuft sich auf etwas weniger als 60 (gelbe Linie in der Grafik). Eine Goldunze kostete also im Mittel rund sechzigmal so viel wie eine Unze Silber.

Vor einem Monat jedoch ist das Wertverhältnis der beiden Edelmetalle auf den höchsten Stand überhaupt geklettert: Am 18. März kostete eine Goldunze das 124-Fache einer Silberunze. Eine Aufholbewegung des Silberpreises, um die Relation wieder zu normalisieren, würde nicht erstaunen.

2003 und 2008, als sich Gold relativ zu Silber ebenfalls stark aufgewertet hatte, folgte in den Monaten danach jeweils ein eindrücklicher Preisanstieg beim Silber. Insofern ist die sich öffnende Schere also ein positives Signal.

Robuste Anlegernachfrage

Auf jeden Fall scheint die niedrige Silbernotierung die Retail-Investoren auf den Plan zu rufen. So ist der Zufluss in börsengehandelte Fonds seit Mitte März sprunghaft gestiegen. Gemäss Daten von Bloomberg haben ETF ihren Bestand weltweit um gegen 60 Mio. Unzen – das entspricht einem Zuwachs von 10% – aufgestockt. ETF-Anleger haben demnach den jüngsten Preiseinbruch als Kaufgelegenheit genutzt.

Inflationsdruck baut sich auf

Dieser Trend könnte sich fortsetzen. Denn seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie haben die Notenbanken weltweit mit beispiellosen Stimulusmassnahmen reagiert. Inzwischen summiert sich die aggregierte Notenbankbilanz von Europäischer Zentralbank, Federal Reserve und der Bank of Japan auf umgerechnet über 18 Bio. $. «Die lockere Geldpolitik ist positiv für Silber», meint etwa Joni Teves von UBS.

Gleichzeitig haben Regierungen rund um den Globus Fiskalpakete verabschiedet, die ebenfalls Billionen von Dollar umfassen. All diese Massnahmen sollen einen Zusammenbruch der Wirtschaft verhindern helfen. «Wie geht das, ohne Inflation zu schaffen?», fragte der Hedge-Fund-Manager Robert Arnott von Research Affiliates kürzlich in einem Interview.

Louis Gave, CEO von Gavekal Research, äusserte gegenüber The Market ähnliche Bedenken: «Die aktuelle Politik lässt mich annehmen, dass wir auf einen inflationären Abschwung zusteuern.» Sollte sich die Befürchtung einer steigenden Inflation bewahrheiten, wird Silber – im Windschatten von Gold – wohl ebenfalls einen Schub erfahren.

Wie weiter

Rohstoffanalyst Ole Hansen von Saxo Bank jedenfalls ist zuversichtlich: «Sobald sich der Markt stabilisiert, sehen wir das Potenzial für eine kräftige Erholung, wobei sich die Händler auf die relative Attraktivität des Silbers gegenüber Gold konzentrieren dürften.»

Ähnlich klingt Michael Widmer von BofAML: «Die erwartete Entwicklung des Euro-Dollar-Wechselkurses, der Realzinsen sowie des globalen Wachstums deutet darauf hin, dass der Preis für Silber in den nächsten zwölf Monaten auf 20 $ pro Unze steigen könnte.»

Insgesamt scheint der Gegenwind, der Silber in den vergangenen Jahren zurückgehalten hat, also abzuflauen. Die Aussichten, dass sein Preis in den kommenden Monaten nach oben tendiert, haben sich merklich verbessert.