Analyse

Swisscom – die Reize der langweiligsten Aktien im SMI

Den Titeln des führenden Schweizer Telecomkonzerns fehlt es an Wachstum und Kursfantasie. Doch als stabilisierendes Element in einem diversifizierten Portfolio haben sie ihren Wert bisher immer unter Beweis gestellt.

Giorgio Müller
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Unter den Schweizer Blue Chips gibt es einen Vertreter, der in vielerlei Hinsicht aus der Reihe tanzt. Im illustren Kreis der zwanzig SMI-Unternehmen kann er weder mit steigendem Umsatz und Gewinn noch mit spektakulären Kursavancen aufwarten. Obwohl er nun schon fast ein Vierteljahrhundert an der Börse ist, hat sich der Aktienkurs seither nicht einmal verdoppelt. Und doch haben die Swisscom-Aktien📈Eigenschaften, die für Stabilität suchende Anleger reizvoll sind.

Ein träges, aber verlässliches Geschäft

Wer Stabilität sucht, ist bei Swisscom an der richtigen Adresse. In einem Geschäft, das ständig dem raschen technologischen Wandel unterworfen ist, mag das erstaunen. Doch Telecomdienstleistungen sind den konjunkturellen Schwankungen weniger ausgesetzt. Geschäftskunden sind verpflichtet, die technologische Entwicklung mitzumachen. Für Privatpersonen gehören sie mittlerweile zum Existenzminimum. Die künftige Grundnachfrage ist also vorhanden.

Ein umkämpfter Wettbewerb sorgt dafür, dass es den Telecomgesellschaften nicht zu wohl wird. Weil die Telecombranche aus einer Monopolsituation entstanden ist, verlieren die «Amtsinhaber» seit der Marktöffnung zwangsläufig Marktanteile an die Herausforderer.

Ex-Monopolist hält Stellung

Das ist auch bei Swisscom der Fall. Doch dem Unternehmen gelingt es seit Jahren, diesen Prozess so weit zu verlangsamen, dass seine Pfründe nicht zu rasch schwinden. Als dominierender Anbieter muss Swisscom nie einen Preiskampf auslösen, sondern kann abwarten, bis ein Konkurrent es wagt, mit tieferen Preisen Marktanteile zu ergattern. Dabei zieht sie jedoch nicht einfach preislich gleich, sondern pariert mit einer besseren Offerte (mehr Datenvolumen, höhere Übertragungsgeschwindigkeiten und breiteres Sortiment).

Diese Woche wurde mit Swisscom blue die jüngste Offensive lanciert. Das Angebot werde die digitalen Bedürfnissen der jüngeren Kunden (Digital Natives) besser erfüllen, sagte Swisscom-Konzernchef Urs Schaeppi anlässlich der Publikation der Ergebnisse des ersten Quartals vergangene Woche. Paradoxerweise gibt es ab dem 23. Mai jedoch keine vergünstigten Abos mehr für unter dreissigjährige Swisscom-Kunden.

Schon lange verfolgt Swisscom die Strategie Angebotserweiterung statt Preisnachlässe. Bisher hat es funktioniert: 2006 lancierte sie ein eigenes Fernsehangebot. Mittlerweile hat Swisscom TV fast 1,6 Mio. Anschlüsse in der Schweiz, was einen Marktanteil von 39% bedeutet. 2012 reagierte der Konzern im Mobiltelefongeschäft mit einem Pauschalangebot, fünf Jahre später mit einem Kombi-Abo (InOne). Auch hier ging die Rechnung auf: Mit gut 5 Mio. Mobiltelefonanschlüssen (55% Marktanteil) und gut 2 Mio. zahlenden Breitbandkunden (50% Marktanteil) konnte der Ex-Monopolist seine Marktführerschaft komfortabel behaupten.

Um sich die Billigkonkurrenz vom Leibe zu halten, tritt das Unternehmen zudem mit Zweit- und Drittmarken (Wingo, M-Budget Mobile) auf. Gegenüber dem Vorjahr hat sich ihr Umsatzanteil von 19 auf 24% erhöht. Der Erfolg spiegelt sich in einer geringeren Abwanderungsquote. Bei den Breitbandkunden lag sie im Startquartal 2022 bei 9,8% (i. V. 11,6) und bei den Mobiltelefonabos bei 8,5% (10,8). Der Swisscom-Chef interpretiert diese Entwicklung dahingehend, dass in der Schweiz das preissensitive Segment des Marktes offenbar gesättigt sei. Für Swisscom wäre das eine freudige Nachricht, für die Konsumenten eher weniger.

Damit Swisscom ihre Marktstellung jedoch auch in Zukunft halten kann, muss sie kontinuierlich in die Infrastruktur investieren. Dieses Jahr sind dafür erneut etwa 2,3 Mrd. Fr. vorgesehen, 1,7 Mrd. Fr. davon in der Schweiz. Bei der jüngsten Mobilfunkgeneration (5G) hat der Konzern bereits eine Abdeckung von 64% erreicht. Zusammen mit der Vorgängertechnologie (4G) deckt er fast die ganze Schweiz ab (99%).

Im Clinch mit der Weko

Beim Ausbau des Glasfasernetzes stockt es jedoch. Weil Swisscom seit Anfang 2020 nur noch eine statt wie bisher vier Fasern verlegt – gegen diese Praxis hat die Konkurrenz vor Bundesverwaltungsgericht erfolgreich rekurriert –, hat die Wettbewerbskommission (Weko) Ende 2020 einen temporären Ausbaustopp verfügt. Das hat Swisscom zwar nicht davon abgehalten, weiter zu bauen. Doch von den mittlerweile erschlossenen schnellen Breitbandverbindungen (1 bis 10 Gbps) darf sie derzeit nur 33% vermarkten.

Der Swisscom-Chef geht davon aus, dass die Weko noch dieses Jahr entscheiden wird. Er rechnet mit einer Kompromisslösung. Unterliege Swisscom hingegen in allen Belangen, seien bis 2025 bloss 25 bis 50% des Landes mit Glasfasern erschlossen, warnt Schaeppi. Die nötigen Anpassungen auf ein Vierfasermodell würden indes nur sehr beschränkte Kosten verursachen, beschwichtigte er. Entscheidet die Weko zu Swisscoms Gunsten, könnten bis 2025 etwa 60% der Schweiz mit schnellen Glasfaserverbindungen abgedeckt sein.

Stabiler Geschäftsgang

Das Erstquartalsergebnis von Swisscom wusste zu gefallen; die Jahresprognosen (Umsatz 11,1 bis 11,2 Mrd. Fr., Ebitda 4,4 Mrd. Fr.) wurden bestätigt. Der Umsatz lag im Berichtszeitraum zwar leicht unter Vorjahr (–1,2%), aber die Gewinnmarge auf Stufe Ebitda verbesserte sich auf 41,1% (40,1). Wie üblich erfreute sich die italienische Tochtergesellschaft Fastweb eines etwas höheren Wachstums (+2,4%), aber auch einer vergleichsweise geringeren Marge (31,1%). Das war schon in den vergangenen Jahren der Fall, aber nicht so ausgeprägt. Es dürfte wohl dem zunehmend härteren Wettbewerb in Italien gezollt sein, seit die Tochtergesellschaft der französischen Iliad dort aktiver auftritt. Iliad gehört dem französischen Unternehmer Xavier Neil, wie auch die Nummer drei in der Schweiz, Salt Mobile.

In Sachen Wachstum und Rentabilität verläuft das Geschäft von Swisscom meist ausserordentlich stabil.

Swisscom wächst kaum

Umsatz in Mio. Fr.
Prognose (ab 2022)

Während die Ebitda-Marge dank dem lukrativen Inlandgeschäft in den vergangenen Jahren weitgehend verteidigt werden konnte, hat die Rentabilität auf dem eingesetzten Kapital tendenziell abgenommen und liegt nun wieder knapp unter 10%.

Schwindende Rentabilität

Margen in %
Ebitda-Marge
Kapitalrendite (ROIC)

Zuerst «Service public», dann «Service actionnaire»

Im Vergleich mit anderen europäischen Telecomunternehmen, bei denen ebenfalls der Staat die Mehrheit oder eine Kontrollminderheit besitzt, ist das jedoch ein guter Wert. Bei Swisscom ist die Eidgenossenschaft laut Gesetz verpflichtet, stets die Stimmen- und die Kapitalmehrheit zu halten. Die beim Börsengang bei 65,5% liegende Beteiligung beträgt nun noch knapp 51%.

Wegen der klaren Besitzverhältnisse ist der unternehmerische Spielraum bei solchen quasi staatlichen Gesellschaften prinzipiell limitiert. Weil politische Überlegungen mehr Gewicht haben als unternehmensstrategische, bleibt dem Publikumsaktionär nur die Rolle des passiven Zuschauers.

Krisentest bestanden

Die Swisscom-Aktien haben auch während der Pandemie ihre Robustheit bewiesen. Lediglich die Titel von Deutsche Telekom (Staatsbeteiligung 51%) haben sich seit Anfang 2020 so gut wie Swisscom gehalten. Die Valoren des schwedischen Pendants Telia (46,7%), aber vor allem die des norwegischen Telecomkonzerns Telenor (66,6%) sowie von Proximus aus Belgien (71,8%) haben Wert vernichtet. Unter diesen fünf verfügen Telenor derzeit über die attraktivste Bewertung.

Die staatsnahen Telecomunternehmen im Überblick

Unternehmen Marktkapitalisierung in Mrd. Fr. Ebitda-Marge in % ROIC in % Verschuldungsquote KGV 22/23 Dividendenrendite in %
Deutsche Telekom9141,55,72,914/123,6
Swisscom29,741,79,61,720/193,8
Telenor19,653,58,7216/156,7
Telia16,6345,12,925/214,9
Proximus5,732,77,51,612/127,3

Die vergleichsweise höhere Resilienz der Swisscom-Aktien kommt jeweils in Krisen zum Tragen. Als Europa im Frühjahr 2020 in den Lockdown ging, büsste ihr Kurs «nur» 19% ein. Im selben Zeitraum tauchte der SMI um fast 27%. Und auch die Einbussen anderer Telecomtitel fielen um einiges grösser aus. Diese Krisenfestigkeit spiegelt sich in der derzeit recht stolzen Bewertung.

Zuverlässiger Dividendenzahler

Doch was ausser der Wetterfestigkeit können die Swisscom-Papiere dem Anleger bieten? Sowohl für den Hauptaktionär als auch für Publikumsaktionäre ist und bleibt die Aussicht auf eine verlässliche Dividendenzahlung das Hauptargument.

Diese Erwartung hat Swisscom bisher erfüllen können. Seit dem Börsengang 1998 sind den Aktionären Dividenden in Höhe von 23 Mrd. Fr. zugeflossen. Weitere 12 Mrd. Fr. wurden 2004, 2005 und 2006 – als der gesamte freie Cashflow an die Aktionäre ging – in Form von Nennwertrückzahlungen und Aktienrückkäufen ausgeschüttet. Kumuliert ergab das für die Aktionäre eine durchschnittliche Jahresrendite von 5,1%.

Seit 2007 verpflichtet sich das Unternehmen, zumindest die Hälfte des operativen freien Cashflows auszuschütten. Zudem soll die Dividende nicht geringer als im Vorjahr sein. Deshalb ist die Entwicklung des freien Cashflows für die Investoren die wichtigste Kenngrösse, auf die sie achten sollten.

Leicht abnehmend

Freier Cashflow in Mio. Fr.
Prognose (ab 2022)

Gemessen am erwirtschaften Gewinn hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren zwei Drittel bis drei Viertel ausgezahlt (2021: 62,2%). Dieses und nächstes Jahr dürften es auf Basis der Gewinnschätzungen der Analysten eher drei Viertel sein. Denn schon jetzt hat das Unternehmen erklärt, dass es beabsichtigt, für das laufende Geschäftsjahr 22 Fr. pro Aktie zu bezahlen. Es wäre das zwölfte Mal in Folge, dass die gleiche Dividende geleistet wird. Auch für die Geschäftsjahre 2023 bis 2025 sind sich die Analysten einig, dass die Ausschüttung bei 22 Fr. bleibt.

Schwindende Attraktivität

Bei tendenziell fallenden Zinsen stützt eine hohe Dividendenrendite den Aktienkurs. Ein Grossteil der Kursavancen der vergangenen Jahre dürfte auf diesen Effekt zurückzuführen sein. Dieser Rückenwind wird fehlen, wenn die Zinsen wieder steigen, wie es derzeit den Anschein macht. Swisscom dürfte dann zwar immer noch in der Lage sein, mindestens 22 Fr. je Titel auszuschütten. Doch die Attraktivität der Dividendenrendite nimmt tendenziell ab.

Trotz allem dürfte das Rückschlagsrisiko aber begrenzt bleiben. Selbst die verschiedenen Krisen der vergangenen 25 Jahre hat Swisscom unbeschadet überstanden. Auch mit dem nächsten Zinszyklus wird sie zurechtkommen. Dabei hilft die grundsolide Bilanz. In Sachen Kreditrating (A/A2) steht Swisscom in der Branche an der Spitze.

Ideal in dieses Bild der Stabilität passt auch die bevorstehende Wachablösung an der Spitze des Unternehmens. Ende Monat wird Urs Schaeppi nach 23 Jahren im Betrieb, davon die letzten neun als Konzernchef, sein Amt abgeben. Mit der Ernennung des 45-jährigen Technikchefs Christoph Aeschlimann ist personell für Kontinuität gesorgt.

Am 1. Juni wird Christoph Aeschlimann die Swisscom-Konzernleitung von Urs Schaeppi übernehmen.

Am 1. Juni wird Christoph Aeschlimann die Swisscom-Konzernleitung von Urs Schaeppi übernehmen.

Bild: zvg

Die personelle Änderung wird an der Unternehmensstrategie von Swisscom nichts ändern. Das würde man vom Chef des langweiligsten SMI-Werts, dessen Stärke seit je Stabilität und Verlässlichkeit sind, auch gar nicht verlangen.