Analyse

Swissquote hebt in neue Sphären ab

Die Aktie des Online-Brokers hat sich binnen Jahresfrist verdoppelt. Trotzdem verspricht sie weiteres Kurspotenzial, denn die Pandemie markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Unternehmens.

Ruedi Keller
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Nach vielen durchzogenen Jahren hat die Aktie von Swissquote neue Höhen erklommen: 2020 hat sich der Kurs nahezu verdoppelt, im laufenden Jahr ist er in der Spitze weitere 70% auf 150 Fr. gestiegen. Aktuell notiert er bei 137. Fr.

Die Online-Bank ist mit dieser Entwicklung eine Ausnahme in der sonst weitgehend trüben Landschaft von Schweizer Bankaktien. Das zeigt der Vergleich mit dem Sektorindex SPI Banks, der 22 hiesige Institute umfasst:

Der Online-Broker hat von Covid-19 gleich doppelt profitiert: Erstens kommt sein Geschäftsmodell ohne persönlichen Kundenkontakt aus, was ihm allein im Monat März bei Ankunft der Pandemie in der Schweiz fast 20'000 neue Anfragen zur Eröffnung eines Kontos eingebracht hat. Bis zum Jahresende waren es mehr als 100'000, wobei rund die Hälfte davon tatsächlich in der Eröffnung eines neuen Accounts resultierte.

Zweitens haben die Börsenverwerfungen die Handelsaktivität sprunghaft steigen lassen: Der Schnitt der jährlichen Trades pro Konto, den Swissquote als Indikator für die Kundenaktivität ausweist, ist von zwölf auf rund achtzehn gesprungen. Beide Effekte zusammen schoben den Ertrag fast 40% an, während die Kosten nur halb so schnell zunahmen. Dank dem kräftigen operativen Hebel der weitgehend digitalisierten Bank hat sich ihr Jahresgewinn 2020 dadurch auf gut 90 Mio. Fr. verdoppelt.

Zwar profitierten auch andere Bankaktien von der mit Covid-19 neu erwachten Begeisterung für den Börsenhandel: an erster Stelle Julius Bär, deren Privatbankgeschäft ebenfalls stark vom Transaktionsgeschäft geprägt ist, zudem die Konkurrentin EFG sowie die Grossbank UBS. Doch die Titel dieser drei Banken notieren nur unwesentlich über dem Niveau von vor der Pandemie:

Die digitale Bank ist bei Kunden angekommen

Der Grund liegt darin, dass Swissquote nicht bloss vom günstigen Umfeld profitiert hat, das Covid für transaktionsorientierte Banken geschaffen hat – und das voraussichtlich nicht für immer anhalten wird.

Für Swissquote könnte die Pandemie nämlich einen veritablen Wendepunkt markieren, ausgelöst durch «die Akzeptanz voll digitaler Angebote», wie CS-Analyst Andreas Brun schreibt. Oder in den Worten von KBW-Analyst René Locher: «Die Transformation von einer Trading-Plattform zu einer digitalen Bank.»

Das Management von Swissquote ist von dieser Entwicklung überzeugt: Mit der Präsentation des Rekordergebnisses 2020 hat es Mitte März sogleich verkündet, mit einem neuen Rekordtempo bis 2024 ein Ertragsziel von 500 Mio. Fr. anzustreben. Der Vorsteuergewinn soll sich bis dahin nochmals auf 200 Mio. Fr. verdoppeln.

Was fast zu gut klingt, um auf Anhieb glaubhaft zu wirken, hat bei den Analysten grosses Echo ausgelöst: Im Schnitt haben sie die Ansage des Managements weitgehend in ihre Modelle eingefügt und prognostizieren Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich über mehrere Jahre.

Wertschriftenhandel ist der zentrale Wachstumsmotor

Der Haupttreiber des Wachstums soll der Wertschriftenhandel sein, der bereits heute neben dem Devisenhandel den grössten Geschäftsbereich von Swissquote darstellt.

In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres hat Swissquote bereits rund 45'000 neue Kundenanfragen zur Eröffnung eines Kontos erhalten, was einer Vervierfachung gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Analysten erwarten nicht, dass dieser Trend abbrechen wird, sondern schätzen, dass sich die Anzahl Konten allein im Bereich Trading von knapp 340'000 per Jahresende bis 2025 nahezu verdoppeln könnte:

Ein Grund für die Zuversicht liegt darin, dass die Kunden von Swissquote auf ihren Trading-Konten im Schnitt ein Vermögen von rund 100'000 Fr. halten. Diese Grössenordnung spricht dagegen, dass das in der Pandemie erzielte Wachstum von Swissquote allein durch Kleinanleger getrieben wurde, die auf eine Kurserholung an der Börse gewettet haben und ebenso rasch aus dem Markt ausscheiden könnten, wenn ein erneuter Kurseinbruch kommt.

Die Zahlen deuten im Gegenteil einen anderen Trend an. Die 14% zusätzliche Kunden, die Swissquote im Verlauf von 2020 gewonnen hatte, wirkten sich überdurchschnittlich auf den Ertrag aus und standen für 18% der Gesamteinnahmen des Jahres.

Die auf den Swissquote-Konten liegenden Beträge steigen zudem bereits seit Jahren. Seit 2016 haben sie sich im Schnitt um 60% erhöht. Ein Drittel der Zunahme dürfte auf der positiven Performance der Märkte basieren. Mehrheitlich ist das Wachstum jedoch durch zusätzliche Gelder getrieben, die Kunden zur Online-Bank transferiert haben. Das Vermögenswachstum übersteigt damit das reine Wachstum der Anzahl Konten.

Diese Dynamik soll sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Das Management will die Kundenvermögen von derzeit knapp 40 Mrd. Fr. bis 2024 auf 60 Mrd. Fr. steigern.

Mit diesen Perspektiven ist selbst dann mit einem imposanten Ertragszuwachs zu rechnen, wenn sich die Anzahl Trades pro Kunden mit dem Abklingen der Pandemie abflacht. Die Analysten von Credit Suisse und KBW rechnen in ihren Modellen einen solchen Rückgang ein und erwarten dennoch einen jährlich zweistellig wachsenden Ertragsbeitrag aus dem Wertschriftenhandel.

Devisen- und Kryptohandel sind schwer prognostizierbar

Nicht ganz so hoch sind die Wachstumsraten im Devisenhandel. In diesem Bereich ist die Volumenentwicklung schwerer einschätzbar. In den letzten Jahren brachte er jeweils ein durchschnittliches Ertragswachstum von rund 8% ein.

Ein noch kleines, potenziell stark wachsendes, aber auch ebenso schwankungsanfälliges Segment sind Kryptowährungen. Als einer der Pioniere unter den Banken hat Swissquote den Handel in diesem Bereich bereits 2017 für Privatanleger zugänglich gemacht. 2020 hat er rund 5% zum Ertrag beigesteuert. Doch selbst unter Annahme einer Verdoppelung der Einnahmen dürfte sein Anteil an dem für dieses Jahr prognostizierten Gesamtertrag von 360 Mio. Fr. weniger als 10% ausmachen.

Da die Kosten deutlich weniger stark zunehmen dürften als der Ertrag, könnte Swissquote zudem die Marge in den kommenden Jahren deutlich ausweiten: Erklärtes Ziel des Managements ist es, bis 2024 die Vorsteuergewinnmarge auf 40% zu heben. Auch diesen Punkt erachten die Analysten für erreichbar:

Der grosse operative Hebel, den das digitale Bankmodell von Swissquote damit ermöglicht, lässt eine rasante Gewinnentwicklung erwarten:

Gewinn hält mit Kursavancen Schritt

Trotz der Kursverdoppelung in einem Jahr bewegt sich die Bewertung der Aktie von Swissquote angesichts der ebenso rasch steigenden Gewinnerwartungen nicht auf einem übermässig hohen Niveau:

Mit Blick auf das im laufenden Jahr erwartete Ergebnis liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei rund 18. Das ist nur wenig über dem Schnitt der letzten fünf Jahre von 16. Angesichts der erwarteten dynamischen Gewinnentwicklung sinkt das KGV zudem für jedes Folgejahr um 2 Zähler. Basierend auf dem für 2024 in Aussicht gestellten Gewinn beträgt es noch 12.

Gemäss der CS-Studie handelt die Aktie von Swissquote derzeit zudem zu einem Abschlag von rund 20% gegenüber der durchschnittlichen Bewertung anderer Online-Broker wie IG Group, Avanca, Nordnet oder Charles Schwab. Im Schnitt weist die Vergleichsgruppe jedoch ein jährliches Gewinnwachstum von lediglich 5% aus, während bei Swissquote bis 2024 ein Gewinnwachstum von im Schnitt jährlich 17% in Aussicht steht.