Analyse

Was ESG zur Performance beiträgt

Drei Nachhaltigkeitsindizes von MSCI unter der Lupe: Wir schauen, was drin ist und wie sich das auf die finanziellen Parameter auswirkt. Zudem fragen wir, vor welcher Bewährungsprobe ESG als Finanzmethode derzeit steht.

Ruedi Keller
Merken
Drucken
Teilen

Es ist das dominierende Schlagwort der ­Finanzbranche – obwohl es dem Namen nach gar nichts mit Geld zu tun hat: ESG, Akronym für Environmental, Social und Governance. Die drei Buchstaben sind jedoch zu einem Investitionskriterium geworden, das den Anlageprozess immer stärker prägt.

In Europa zeigt eine Erhebung der European Fund and Asset Management Association, dass bereits rund 45% der auf dem Kontinent professionell verwalteten Gelder in Strategien investiert sind, in die Nachhaltigkeitskriterien einfliessen. In den USA beläuft sich die Quote gemäss dem US-Forum for Sustainable and Responsible Investment auf rund ein Drittel.

Für die Schweiz zeigt der jährliche Bericht von Swiss Sustainable Finance fast explosionsartige Wachstumsraten nachhaltig angelegter Gelder von im Schnitt über die letzten drei Jahre rund 70% auf ein zuletzt ausgewiesenes Volumen von 1,16 Mrd. Fr.

Nachhaltiges Investieren ist allerdings keine standardisierte Methode, sondern ein breites, oft subjektiv geprägtes Feld. Verschiedene Kriterien fliessen in unterschiedliche­ Investitionsprozesse ein. Gemeinsam ist ihnen: Die Produkte werden als ESG-Anlagen ­gekennzeichnet – oder synonym als SRI, was für Socially ­Responsible Investing steht.

Die wichtigsten Strategien: Ein- und Ausschluss

Die wichtigste – oder zumindest die volumenmässig grösste – Strategie ist die ESG-Integration, bei der Kriterien wie Umwelt, soziale Aspekte oder gute Unternehmensführung in den Anlageprozess ein­bezogen werden. An zweiter Stelle stehen Ausschlussverfahren, mit denen normative Mindestanforderungen gestellt werden, was überhaupt als Investition infrage kommt.

Oft werden aus nachhaltigen Anlagegefässen Unternehmen von vornherein verbannt, die beispielsweise auf CO2-intensive Braunkohle setzen, Massenvernichtungswaffen herstellen oder ihre Einkünfte mit Alkoholika oder Tabakprodukten erzielen.

Best in Class ist die Basis

Die Grundlage praktisch aller Nachhaltigkeitsratings bildet der Ansatz Best in Class. Analysten von Ratingagenturen wie Sustainalytics oder MSCI ermitteln damit die ESG-Champions oder -Nachzügler ­relativ zu anderen Vertretern ihrer Branche. Es wird also nicht der CO2-Ausstoss beispielsweise eines Softwareunternehmens mit dem einer Schifffahrtsflotte verglichen.

Der Vorteil von Best in Class besteht ­darin, dass das gesamte Anlageuniversum ­erfasst wird und die einzelnen Gesellschaften auf einer zwar relativen, aber vergleichbaren ­Basis bezüglich ihrer ESG-Güte eingeschätzt werden. Die Kehrseite ist, dass auch Öl- und Gas­unternehmen gute ESG-Ratings erhalten – und entsprechend in Anlagevehikel aufgenommen werden, die mit einem grünen Label versehen sind.

Zwar gibt es Fonds, die konsequent selektionieren oder gar explizit eine messbar positive soziale oder ökologische Wirkung ­anstreben. Dazu zählt beispielsweise Impact Investing. Doch im Grundsatz ist ESG eine Finanzmethode, die primär darauf abzielt, das Chancen-Risiko-Profil für den Investor zu verbessern. Erreicht werden soll dies, ­indem gezielt Umwelt- oder soziale Risiken gemieden werden. Erst an zweiter Stelle kommt die Absicht, damit eine positive Wirkung auf die reale Welt zu erzielen.

Ausdruck findet dies in nachhaltigen Indizes, die an dieser Stelle als Finanzmethode am Beispiel von MSCI ­beleuchtet werden.

Die Nachhaltigkeitsindizes von MSCI

MSCI gehört mit dem All Country World Index (kurz: ACWI), der knapp 3000 Aktien aus 23 entwickelten und 27 aufstrebenden Ländern enthält, zu den grössten und umfassendsten Indexanbietern.

Der ACWI bildet das Universum für die verschiedenen nachhaltig ausgerichteten Indizes, die das Unternehmen ebenfalls anbietet. Das ermöglicht direkte Vergleiche bezüglich der enthaltenen Unternehmen. Da MSCI zudem selbst ESG-Ratings vergibt, ist auch in diesem Punkt Einheitlichkeit gegeben.

Wir analysieren drei Nachhaltigkeitsindizes aus der Standardpalette von MSCI, schauen, was drin ist und wie sich das auf die finanziellen Parameter auswirkt. Zudem fragen wir, vor welcher Bewährungsprobe ESG als Finanzmethode derzeit steht.

Die Auswahl

Betrachtet werden die drei Nachhaltigkeitsindizes MSCI ESG Focus, MSCI ESG Leaders sowie der MSCI SRI.

Was ist drin?

Die Indizes ESG Leaders und SRI schliessen Unternehmen aus, die ihr Geld mit Waffen, Tabak, Alkohol und beim SRI ­zudem mit Pornografie verdienen, wobei die ­Grenzwerte zwischen 5 und 15% des ­Umsatzes liegen. Wer mehr damit einnimmt, wird nicht in den ESG-Indizes berück­sichtigt.

Ausgeschlossen werden zudem Kohleunternehmen und die unkonventionelle Ölförderung, beispielsweise aus Ölsand. Explizit nicht ausgeschlossen wird die konventionelle Öl- und Gasförderung – auch dann nicht, wenn sie aus arktischen Feldern oder Tiefwasser­bohrungen stammt.

Aus dem verbleibenden Universum schaffen es die Aktien in den Index, die gemäss dem Best-in-Class-Ansatz überdurchschnittliche ESG-Ratings aufweisen. In den ESG Leaders fliessen für jede Region und jeden ­Sektor die 50% bestbewerteten Titel gemessen am Marktgewicht ein. Der SRI beschränkt die Auswahl auf die 25% mit der höchsten ESG-Note.

Einen leicht anderen Ansatz verfolgt der ESG Focus Index: Erstens sind die Ausschlusskriterien weicher und die Grenzwerte höher angesetzt, sodass grundsätzlich mehr Unternehmen zur Investition verbleiben. Zweitens verfolgt zwar auch dieser Index das Ziel, Aktien mit hohem ESG-Rating in sich zu vereinen. Ebenso wird jedoch darauf ­geachtet, das Chancen-Rendite-Profil des Ursprungsindex ACWI möglichst zu erhalten. Deshalb weicht der ESG Focus nur ­wenig von der Gewichtung im ACWI ab.

Je höher das ESG-Rating…

Die unterschiedlich strikte Auswahl führt bei den drei Indizes zu unterschiedlichen ESG-Ratings: Der Ursprungsindex ACWI weist per Ende Januar ein ESG-Rating von 5,6 auf. Dies auf einer Skala von 0 (schlechtester Wert) bis 10 (bestmöglicher Wert). Der ESG Focus kommt auf einen ESG Score von 6,8, der ESG Leaders von 7,1, und beim SRI sind es 7,9 Punkte.

Dies spiegelt sich in umgekehrter Reihenfolge beim ausgewiesenen CO2-Ausstoss: Im Schnitt stösst jedes Unternehmen im ACWI je Mio. $ Umsatz 155 Tonnen CO2 aus. Beim SRI sind es noch 84 Tonnen.

… desto enger wird der Kreis

Je strikter die Selektion in den Indizes ist, desto kleiner wird der Kreis: Der ESG ­Focus deckt mit 600 Einzeltiteln 55% der Kapitalisierung des ACWI ab. Beim ESG ­Leaders werden trotz der fast doppelt so grossen Anzahl Einzelpositionen noch 50% der Marktkapita­lisierung erfasst. Der SRI deckt mit seinen aktuell 537 Titeln 25% der Marktkapitalisierung des Ursprungsindex ab.

Noch deutlicher manifestiert sich der Unterschied in den grössten Einzelpositionen: Beim ACWI stellt Apple fast 3,8% des Index. Fast gleich gross ist das Gewicht des iPhone-Konzerns im ESG Focus. Beim ESG Leaders nimmt Microsoft mit einem Indexanteil von 5,7% die Spitzenposition ein. Beim SRI beträgt das Gewicht der Topposition Microsoft gar mehr als 11%.

Das Chancen-Risiko-Profil

Untersuchungen von MSCI zeigen für die ­Periode von 2013 bis 2018, dass der Ausschluss von Unternehmen das Risikoprofil grundsätzlich verschlechtert. Die folgende Integration von ESG-Kriterien wirkt sich aber sowohl auf das Risiko wie auch auf die Rendite so positiv aus, dass die ­negativen Auswirkungen des Ausschlusses mehr als kompensiert werden.

Am deutlichsten manifestiert sich dieser Mechanismus beim SRI, der das härteste Ausschlussverfahren aller drei Indizes anwendet und danach am konsequentesten auf ESG-Faktoren setzt.

Die Analyse von MSCI kommt zum Schluss, dass ESG-Indizes ein klar niedrigeres ­Risiko aufweisen. Dabei gilt: je höher der Score, desto geringer das Risiko. Die Erkenntnis ist grundsätzlich kongruent mit dem deklarierten Ziel von ESG, das Chancen-Risiko-Profil des Portfolios zu verbessern.

Die Performance

Alle drei ESG-Indizes zeigten über die letzten fünf Jahre gegenüber dem ACWI eine Überrendite. Im Schnitt betrug die Performance des ACWI jährlich 13,6%. Der ESG Leaders erreichte 13,7%, der ESG Focus 14,7%, beim SRI sind es 15,6%. Der SRI hat sowohl punkto ESG Score als auch bezüglich Performance die Nase vorn.

Ob die im Zeitverlauf immer deutlicher gewordene Überrendite allein auf die besonders starke Berücksichtigung von ESG-Faktoren zurückzuführen ist, ist indes fraglich.

Den Ausschlag gibt die Sektorgewichtung

Der Treiber für die jüngste Überperformance könnte schlicht in der Gewichtung der einzelnen Sektoren liegen: Der SRI hat gegenüber dem Vergleichsindex ACWI ein Übergewicht im Bereich Informations­technologie. Es ist der Sektor, der in den letzten Jahren die stärkste Performance zeigte.

Dazu gesellt sich ein deutliches Untergewicht im Bereich Energie, der insbesondere in den letzten beiden Jahren der schlechteste Sektor war. Das Übergewicht im Sektor Kommunikation und das Untergewicht bei Rohstoffwerten kompensieren sich.

Die Bewährungsprobe steht noch bevor

Die gute Performance aller drei Nachhaltigkeitsindizes lässt zwar darauf schliessen, dass die Integration von ESG-Kriterien das Chancen-Risiko-Profil von Anlagen tatsächlich verbessert. Das legt insbesondere die Überrendite des ESG Focus nahe, dessen Sektorgewichtung sehr nahe am Vergleichsindex ACWI liegt.

MSCI führt den Renditevorteil beim ESG Focus allerdings nicht nur auf die Berücksichtigung von ESG-Kriterien zurück. Positiv wirkten auch die im Vergleich zu den anderen ESG-Indizes weniger zahlreichen Ausschlüsse. Zudem ­verbessere die ausgewogenere Diversifikation beim ESG Focus das Risikoprofil zusätzlich, worin MSCI seinen Vorteil ausmacht.

Der Boom von ESG-Anlagen und ihre in den letzten Jahren oft deutliche Überperformance gegenüber konventionellen Investitionen wurden aber auch dadurch befeuert, dass nachhaltige Anlagen ein Übergewicht in Informationstechnologie und ein Untergewicht im Energiebereich aufweisen, und zwar je strenger die ESG-Kriterien, desto ausgeprägter.

Die Bewährung der Finanzmethode steht damit noch bevor, und zwar dann, wenn die Performance der Sektoren drehen sollte und nicht mehr hauptsächlich zugunsten der Bereiche läuft, die im Fokus von ESG stehen. Oder wie es bei Anlageprodukten jeweils im Kleingedruckten heisst: Die vergangene Performance ist kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.

In den letzten Jahren hatte China beim Thema Energiewende die Nase vorn und zwischen 2010 und 2020 gemäss der Analyse von Bank of America 1,2 Bio. $ in entsprechende Technologien investiert, fast doppelt so viel wie die USA und das eineinhalbfache, das Europa dafür zur Verfügung gestellt hat.

Doch jetzt beginnen Europa und die USA aufzurüsten: Die EU stellt im Rahmen ihres «Green Deal» rund 1 Bio. € für nachhaltige Investitionen in Aussicht. US-Präsident Biden will die Wirtschaft mit einem Paket von 1,9 Bio. $ stimulieren und sie zugleich nachhaltiger ausrichten.

Die Erwartung der Analysten der Bank of America ist, dass die Regierungen die Gelder tendenziell dazu verwenden werden, ihre lokalen Champions noch stärker zu machen, damit sie in einem sich verschärfenden internationalen Wettbewerb standhalten können. Thematisch spricht das in Europa für erneuerbare Energien, besonders im Bereich Wind und Wasserstoff. In den USA steht die Windenergie und die Elektromobilität im Vordergrund. Die Stärken Chinas liegen in den Bereichen Batterien, Solar und Elektroautos.