Analyse

Eine Wette für Contrarians: Aktien aus dem Vereinigten Königreich

Es gibt unbeliebte Märkte, unterbewertete und solche, die in den Portfolios der Anleger untervertreten sind. Und dann ist da noch die Börse des Vereinigten Königreichs, die alle Attribute vereint. Zeit für einen genaueren Blick.

Sandro Rosa
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Das Leiden nimmt kein Ende. Der Leitindex FTSE 100, der die Kursentwicklung der wichtigsten hundert an der Londoner Börse kotierten Konzerne abbildet, gehört seit Jahren zu den Schlusslichtern unter den wichtigen Aktienmärkten der Welt.

Auch 2020 wird er wieder von allen relevanten Indizes abgehängt:

Obwohl er illustre Namen wie Unilever, AstraZeneca, Rio Tinto und Royal Dutch Shell enthält, hinkt der FTSE 100 dem MSCI World (zur Vergleichbarkeit in Pfund umgerechnet) klar hinterher.

Relativ gesehen notiert der britische Leitindex mittlerweile auf dem niedrigsten Stand seit seiner Lancierung Anfang 1984: Die gesamte Underperformance zum MSCI World beläuft sich auf schmerzhafte 60% (blaue Kurve in der Grafik). Noch unvorteilhafter ist der Vergleich mit dem amerikanischen Leitindex, dem S&P 500 (in Dollar).

Was sind die Gründe dafür – und wann kommt die Trendwende?

Die politische Unsicherheit belastet

Massgeblichen Anteil an der Misere hat die anhaltende politische Unsicherheit rund um den Brexit, die seit mehr als vier Jahren den politischen Diskurs im Königreich dominiert. Gelingt bis Ende Jahr keine Vereinbarung zwischen Grossbritannien und der EU über die künftigen Beziehungen, dürfte es am 1. Januar 2021 zum wirtschaftlichen Bruch – zum harten Brexit – kommen. Zölle und Handelshemmnisse wären die Konsequenz. Zwar ist das Land schon Ende Januar aus der EU ausgetreten, dank einer Übergangsfrist gelten die EU-Verträge allerdings noch bis Ende 2020.

Zuletzt hat Premierminister Boris Johnson wieder Öl ins Feuer gegossen: Am Sonntagabend erklärte er in London, man müsse sich bis zum 15. Oktober einigen, damit ein Deal ratifiziert werden könne. Sonst werde es kein Handelsabkommen zwischen Grossbritannien und der EU geben. Ohne Einigung werde Grossbritannien auf ein Rahmenabkommen zielen, wie die EU es mit Australien ausgehandelt habe.

Diese Lösung entspricht jedoch weitgehend den Regeln der Welthandelsorganisation und somit in etwa einem Brexit «ohne Deal». Ein solches Szenario dürfte von den Teilnehmern am Aktienmarkt kaum mit Freudeschreien aufgenommen werden.

Zudem stünden, wie die «Financial Times» berichtet, plötzlich wieder gewisse Elemente des Austrittsvertrags mit der EU betreffend Ausfuhrdeklarationen und Staatshilfen für Nordirland zur Disposition. Ob es sich dabei bloss um ein verhandlungstaktisches Manöver handelt, ist schwer zu beurteilen. Zeitungsberichten zufolge soll das Dokument heute Mittwoch veröffentlicht werden. Der Stimmung ist das Hin und Her sicherlich nicht zuträglich.

Auch in der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie gab Grossbritannien keine gute Figur ab. Der Einbruch des Bruttoinlandprodukts im zweiten Quartal von einem Fünftel war heftiger als in Deutschland, Frankreich und Spanien.

Hinzu kommen Spannungen mit China wegen Hongkong und dem Ausschluss des chinesischen Netzwerkherstellers Huawei für den Ausbau des 5G-Mobiltelefoniestandards im Vereinigten Königreich. Zu guter Letzt herrscht Ungewissheit über ein Handelsabkommen mit den USA. Kein Wunder also, nehmen die Anleger Reissaus aus dem britischen Aktienmarkt.

Unvorteilhafte Sektorzusammensetzung

Ein zweiter wichtiger Treiber der vergangenen Jahren war die unvorteilhafte Sektorzusammensetzung im «Footsie». Denn die globale Börsenhausse war hauptsächlich von grosskapitalisierten Technologiewerten wie Alphabet (Google), Amazon, Microsoft, Apple und Facebook geprägt.

Diese Hausse aber ging nahezu spurlos am FTSE 100 vorbei. Die IT-Branche trägt nämlich bloss etwas mehr als 1% zum Indexgewicht bei. Im S&P 500 kommt Information Technology derweil auf ein Gewicht von über einem Viertel. Im Gegenzug sind die bei Marktteilnehmern gegenwärtig enorm unbeliebten Sektoren wie Energie, Grundstoffe und Finanz prominent im FTSE 100 vertreten.

Unbeliebt wie selten

Wie unbeliebt die Londoner Valoren mittlerweile geworden sind, verdeutlichen die Resultate der monatlichen Fondsmanagerumfrage von Bank of America Securities. Im August gaben die befragten Investoren an, ihr Anteil an UK-Aktien liege fast zwei Standardabweichungen unter dem langjährigen Durchschnitt.

Damit werden die dortigen Valoren noch stärker verschmäht als diejenigen aus dem Energie- oder dem Bankensektor:

Wer Umfragen nicht traut, erhält die Bestätigung über «harte» Daten. Gemäss den Analysten der Bank HSBC haben professionelle Fondsmanager in den vergangenen Monaten eifrig von Aktien aus dem Vereinigten Königreich in Titel aus der Eurozone umgeschichtet. «In den letzten sechs Monaten haben die globalen Fonds ihre Quoten für Grossbritannien um 1,73 Prozentpunkte reduziert und ihren Anteil am übrigen Europa um 2,25 Punkte erhöht», schreiben sie in einem Marktbericht.

Die Bewertung ist attraktiv …

Die Konsequenz des Liebesentzugs der Anleger: Britische Aktien bestechen durch eine ungewöhnlich attraktive Bewertung, wie der Marktstratege Graham Secker von Morgan Stanley zeigt. Er vergleicht die drei Bewertungskennzahlen Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Buchwert-Verhältnis sowie Dividendenrendite von UK-Aktien mit den entsprechenden Zahlen des MSCI World und ermittelt die durchschnittliche Prämie bzw. den mittleren Abschlag.

Gemäss Seckers Berechnungen handeln die Valoren aus dem Vereinigten Königreich aktuell zu einem Diskont von 42% relativ zum MSCI World. Er ist so gross wie nie seit mindestens vierzig Jahren und übersteigt den typischen Abschlag (gemessen am Median) von rund 18% seit 1975 deutlich.

Quelle: Morgan Stanley

Das spiegelt sich in den künftig zu erwartenden Renditen. So trauen die Marktstrategen von StarCapital dem britischen Markt für die nächsten zehn Jahre inklusive Dividenden einen mittleren jährlichen Wertzuwachs von nahezu 9% zu. Zum Vergleich: Die Renditeprognose für den MSCI World beträgt bloss 4,9%.

Der Aktienmarkt Grossbritanniens vereint also eindeutig die «drei U» der Anlagewelt: Er ist unbeliebt, in den Portfolios untervertreten und unterbewertet.

.... aber reicht das?

Nun ist das Problem, dass ein beträchtlicher Teil der relativen Unterbewertung auf das hohe Gewicht der traditionellen – und gegenwärtig überaus unbeliebten – Value-Sektoren wie Energie, Grundstoffe und Finanz zurückzuführen ist. Ihr Anteil im FTSE 100 ist deutlich höher als in Europaindizes oder im S&P 500.

Die Lust der Investoren auf Value ist aber nach wie vor gering. Kehrt der Anlegerappetit auf günstig bewertete Valoren zurück und/oder kommt es bis Ende Jahr doch noch zu einem guten Verhandlungsergebnis zwischen Brüssel und London, dürfte das lange Leiden der FTSE 100 ein Ende finden.

Die zuletzt beobachtete Schwäche in US-Technologiewerten könnte ein erster Hinweis auf die Rückkehr von Value sein. Meldet sich die Inflation zurück, stehen die Chancen ebenfalls gut, dass Substanzwertaktien, wie der Aktienmarkt des Vereinigten Königreichs sie bietet, wieder Freude bereiten werden.

Für Contrarians eröffnet sich eine Chance. Die einzige Voraussetzung: Sie müssen Geduld haben.