Analyse

Welche Schweizer Unternehmen das 2-Grad-Klimaziel erfüllen

Der gesellschaftliche Druck, umweltbewusst zu wirtschaften, nimmt zu. Die regulatorischen Vorgaben steigen. The Market zeigt die Unternehmen, die schon heute darauf vorbereitet sind.

Ruedi Keller
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Die Menschheit befindet sich derzeit auf einem Klimapfad, der in Richtung einer Erderwärmung um 4,5 Grad zeigt.

Bereits heute liegt die mittlere Temperatur rund 1,3 Grad über dem Niveau vor der Industrialisierung, und auf dem aktuellen Weg wird gemäss Schätzung des sechsten Assessment ­Report (AR6) des Intergovernmental Panel on ­Climate Change (IPCC) ohne sofortige und einschneidende Massnahmen um 2030 eine Erwärmung von 1,5 Grad erreicht werden.

Das der Menschheit verbleibende CO2-Budget, um eine Beschränkung der Erwärmung auf 1,5 Grad erreichen zu können, ver­anschlagt der jüngste IPCC-Report auf 500 Gigatonnen (GT = 1 Mrd. Tonnen). Mit 1350 GT gut doppelt so gross ist es für den Pfad in Richtung einer Erwärmung um 2 Grad.

Um die Erwärmung langfristig auf 1,5 Grad eingrenzen zu können, müsste gemäss der neuesten Datenlage die Menge an Treibhausgasen von den im Jahr 2020 emittierten rund 40 GT bis 2030 halbiert und bis 2050 auf netto null reduziert werden.

Ohne entsprechende Massnahmen wird eine deutliche Zunahme von Umweltereignissen erwartet: vermehrte Hitzewellen, steigende Meeresspiegel, schmelzende Gletscher, Flutkatastrophen und Dürren. Die Auswirkungen sind je nach Weltgegend unterschiedlich, insgesamt aber sowohl für Menschen wie die Wirtschaft einschneidend.

Neue Risiken für Unternehmen

Die Klimaerwärmung bringt auch erhöhte Risiken für Unternehmen: Sie werden zunehmend sogenannten physischen Risiken ausgesetzt, beispielsweise Unwettern, die Produktionsprozesse lahmlegen, Ressourcen werden knapp, beispielsweise Wasser, und Versicherungskosten steigen.

Dazu gesellen sich Übergangsrisiken wie Kosten für technologische Neuerungen, um verschärften regulatorischen Umweltanforderungen entsprechen zu können. Deutlich zeigt sich dies aktuell in der Automobil­industrie, wo Milliarden aus den Einnahmen von Verbrennern in den Ausbau der Elek­tromobilität umgeleitet werden, um künftig überhaupt im Geschäft bleiben zu können.

Die Klima- und Anpassungsrisiken, die die Unternehmen herausfordern, treffen auch die Investoren, die ihre Aktien halten. Zwar können Transformationen auch Chancen eröffnen. Doch sie gehen immer mit erhöhten Investitionen und Unsicherheiten einher.

In einem früheren Blick auf die Unternehmen, die in der Klimadebatte exponiert sind, haben wir auf die Schweizer Unternehmen fokussiert, die das grösste Erwärmungspotenzial aufweisen.

In dieser Analyse stehen nun die Schweizer Unternehmen im Vordergrund, die das geringste Erwärmungspotenzial haben. Sie wirtschaften so, dass sie das Ziel, die Klimaerwärmung auf 2 Grad einzuschränken, bereits heute erfüllen.

CO2-Intensität als Massstab

Zur Methode: Im Vordergrund der Klimadebatte steht der Ausstoss der verschiedenen Treibhausgase. Er wird üblicherweise in Tonnen CO2-Äquivalente mit einem ­vergleichbaren Erwärmungspotenzial umgerechnet. Gemäss den gängigen Methoden wird der Ausstoss der Unternehmen zudem ins Verhältnis zu ihrem Umsatz gesetzt, um die CO2-Intensität der Geschäftstätigkeit abzuleiten und so unterschiedliche Unternehmen vergleichbar zu machen.

Einbezogen werden dabei gemäss dem GHG Protocol nicht nur die Treibhausgase, die ein Unternehmen direkt emittiert (Scope 1), sondern ebenso die Emissionen, die es indirekt über den Einkauf von Energie erzeugt (Scope 2). Diese beiden Grössen lassen sich relativ gut messen. Viele Unternehmen stellen dazu auch eigene Daten zur Verfügung.

Dazu werden von ESG-Datenanbietern die indirekten Emissionen der Geschäftstätigkeit der Unternehmen erfasst (Scope 3). Sie basieren auf Erfahrungswerten und Schätzungen, machen jedoch oft den Grossteil des den Unternehmen insgesamt zugeschriebenen Ausstosses von Treibhausgasen aus.

Dazu zählen Emissionen aus der Herstellung und dem Transport eingekaufter Güter und Rohstoffe sowie die Emissionen, die die hergestellten Produkte über ihren Lebenszyklus verursachen werden.

Bei den Schweizer Unternehmen, die das 2-Grad-Ziel erfüllen und die die Globalance Bank in einer Auswertung für The Market identifiziert hat, präsentiert sich die Verteilung von Scope 1 und 2 sowie dem Scope 3 basierend auf den Daten von MSCI ESG folgendermassen:

Den Spitzenplatz im Hinblick auf klimaschonendes Wirtschaften nimmt V-Zug ein. Das Unternehmen produziert gemäss eigenen Angaben seit 2020 CO2-neutral. Zudem achtet es darauf, dass die von ihm hergestellten Haushaltsgeräte im Einsatz so ressourceneffizient wie möglich funktionieren. Sowohl bei den direkten Emissionen wie auch bei den indirekten erreicht das Unternehmen damit in der Einschätzung von MSCI ESG den besten Platz bezüglich CO2-Intensität.

Auf den Folgeplätzen stehen mit Zurich Insurance, Helvetia, Swiss Life und Swiss Re vier Versicherer. Sie verbrauchen für ihre Dienstleistungen sehr wenig Energie. Ins Gewicht fallen hingegen die indirekten Emissionen, die sie zum Grossteil über ihr Anlagebuch mitverursachen.

Das gilt ähnlich auch für Banken. Sie werden in der Aufstellung jedoch bewusst ausgeschlossen. Der Grund liegt darin, dass das Anlagebuch der Versicherer einschätzbar ist, während das Kreditbuch der Banken nicht öffentlich ist, sodass sich diese indirekt verursachten Emissionen nicht sinnvoll abschätzen lassen.

Versicherer gehören aufgrund ihres langfristigen Anlagehorizonts zudem zu den Vorreitern punkto nachhaltigen Investierens und erfüllen eine wichtige Aufgabe in der Transformation zu klima­bewussterem Wirtschaften: Sie berücksichtigen in ihren Versicherungsprämien auch die Klimarisiken, denen Unternehmen ausgesetzt sind, und geben ihrem diesbezüglichen Verhalten so ein Preisschild.

Auf die Liste der Schweizer Unternehmen mit dem geringsten Erwärmungspotenzial schaffen es aber nicht nur Dienstleister, sondern auch Industrieunternehmen wie Landis+Gyr, ABB und Sika. Sie hinterlassen zwar einen deutlich grösseren CO2-Fussabdruck. Doch sie stehen auch vor anderen Herausforderungen und weisen angesichts dessen trotzdem ein vorteilhaftes Profil auf.

Vom CO2-Ausstoss zum Erwärmungspotenzial

Das Erwärmungspotenzial, das MSCI ESG errechnet, setzt den CO2-Ausstoss in den Zusammenhang zum individuellen Beitrag, den ein Unternehmen auf die Erderwärmung ausübt.

Die theoretische Grundlage dafür bieten Klimaberichte, wie der eingangs ­erwähnte IPCC-Report. Auf wissenschaft­licher Basis wird so der unterschiedlichen Zusammensetzung der Wirtschaft sowie spezifischen politischen Forderungen Rechnung getragen. Das Modell berücksichtigt, dass unterschiedliche Industrien verschiedene Charakteristiken aufweisen.

Der Zementindustrie wird beispielsweise eine viel höhere CO2-Intensität zugestanden als einem Handelsunternehmen. Gleichzeitig wird von einem Zementwerk aber auch eine deutlich stärkere Reduktion der Emission von Treibhausgasen verlangt, damit eine Minderung seines individuellen Erwärmungspotenzials resultiert.

Jedem Industriezweig wird eine Kurve zugeordnet, die den Einfluss seiner CO2-Intensität auf die Erderwärmung abbildet. Bei der Berechnung des Erwärmungspotenzials berücksichtigt das Modell von MSCI ESG zudem Reduktionsziele der Unternehmen und schätzt das «Cooling Potential» ab. Es gibt Bonuspunkte für Produkte und Dienstleistungen, die treibhausgasintensivere Prozesse substituieren. Zudem werden die CO2-Messbereiche – Scope 1, 2 und 3 – je nach Sektor unterschiedlich gewichtet.

Was ins Gewicht fällt

Bei Industrie- oder Transportunternehmen fallen primär die direkten Emissionen aus dem Scope 1 ins Gewicht. Bei Automobilherstellern dominiert der Scope 3, also die Emissionen, die die produzierten Fahrzeuge über ihren Lebenszyklus erzeugen.

Ähnliches gilt für Softwareunternehmen: Die Emission aus der Herstellung von Software, die im Scope 1 und Scope 2 erfasst wird, fällt gegenüber ihrem Gebrauch kaum ins Gewicht. Denn die Anwender verbrauchen dabei nicht nur Strom für eigene Rechner, sondern nutzen oft auch Cloud-Dienste, was den Energieverbrauch der Herstellung von Software weit übersteigt. Am stärksten fällt das Gewicht des Scope 3 bei Finanzinstituten ins Gewicht.

Basierend auf den Daten von MSCI ESG und einer geringfügig angepassten Methode, die mitunter Banken ausschliesst, hat Globalance eine Rangliste erstellt. Sie zeigt die Schweizer Unternehmen, die das 2-Grad-Ziel bereits heute erfüllen:

Auf dem ersten Platz steht ABB. Möglich macht das einerseits eine relativ CO2-arme Produktion. Die beträchtlichen Scope-3-Emissionen werden gemindert, da das Modell dem Unternehmen ein signifikantes «Cooling Potential» zugesteht.

Die Produkte von ABB helfen, die Energieeffizienz zu verbessern, womit sich Emissionen einsparen lassen. Dazu kommt das Thema Elektrifi­zierung, beispielsweise in Form elektrischer Antriebe und Netzlösungen, die dezentrale, fossile Energieproduktionen ersetzen, und so die Energie- und Mobilitätswende ermöglichen.

Ebenfalls vorne dabei ist Sika. Der Bauchemiekonzern ist mitunter auf Produkte spezialisiert, die anderen Unternehmen helfen, die Emission von Klimagasen zu reduzieren.

Landis+Gyr stellt Smart Meters her, mit denen sich Strom- und Gasnetze intelligent betreiben lassen. Damit lässt sich einerseits die Effizienz steigern, und andererseits hilft es, die Netze zu stabilisieren, deren Steuerung aufgrund dezentraler und schwankender Einspeisungen aus erneuerbaren Energiequellen immer anspruchsvoller wird.

Zusammen mit Tecan, V-Zug, AMS-Osram und SoftwareOne haben diese Unternehmen das bestmögliche Erwärmungspotenzial von 1,3 Grad. Es entspricht dem Stand der bereits bis heute erfolgten Erderwärmung.

Der Schnitt des Schweizer SPI liegt bei 3,3 Grad. Beim amerikanischen S&P 500 sind es 2,9 Grad und beim deutschen Dax 4 Grad.

Soll verstärkt in Unternehmen mit dem geringsten Erwärmungspotenzial investiert werden?

Die Methode von MSCI zur Bestimmung des Erwärmungspotenzials von Unternehmen geht von diversen Annahmen aus und gewichtet verschiedene Aspekte unterschiedlich. Dazu kommt, dass die Arbeitsweise stets weiterentwickelt wird. Derzeit ist eine Neufassung in Gang, die stärker auf abso­lute Emissionszahlen für Einzelunternehmen fokussieren wird, statt umsatzabhängige Durchschnittswerte zu benutzen.

Die hier präsentierten Resultate sind keine exakte Wissenschaft, sondern Annäherungswerte. Sie können sich je nach Weiterentwicklung der Methoden und tendenziell exakter werdender Ausgangsdaten künftig verschieben.

Für eine Investition in die klimaschonendsten Unternehmen spricht, dass sie mit Blick auf weitere regulatorische oder gesellschaftliche Forderungen nach umweltbewusstem Wirtschaften schon heute gut unterwegs sind. Auf sie dürften tendenziell geringere Anpassungskosten zukommen als bei Klimasündern, was sich auf die künftige Gewinnentwicklung positiv auswirken sollte.

Punkto Performance gibt es bislang allerdings keine Studien, die zeigen, dass Aktien von Unternehmen, die bereits umweltschonend wirtschaften, im Schnitt besser abschneiden würden als solche, die sich auf einen Weg hin zur Transformation begeben haben. Es gibt jedoch eine ganze Reihe von Untersuchungen, die zeigen, dass ein Portfolio, das insgesamt auf Aktien von Unternehmen mit überdurchschnittlich guten Umweltmerkmalen abstellt, nicht schlechter abschneidet als der Gesamtmarkt.

Auf Diversifikation achten

Unumgänglich ist aber immer eine angemessene Diversifikation – und dieses Kriterium erfüllt die oben gezeigte Auswahl nicht. Der Fokus auf das Erwärmungspotenzial selek­tioniert überdurchschnittlich stark Unternehmen aus dem Versicherungs-, dem Software- und dem Technologiebereich.

Im Schnitt übersteigen aber ausser Versicherungen alle Sektoren die Marke von 2 Grad, wie die Aufgliederung des Erwärmungspotenzials anhand des Weltaktienindexes MSCI ACWI zeigt:

Die aus Risikoüberlegungen notwendige Ausweitung des Portfolios über die hier porträtierten Unternehmen hinaus auf weitere Sektoren wird unweigerlich auch die Temperatur des eigenen Portfolios über die Marke von 2 Grad erhöhen. Aus Diversifikationsgründen ist das heute fast unumgänglich.