Analyse

Welche Unternehmen für steigende Preise gewappnet sind

Angesichts der weiterhin sehr hohen Inflation bleibt die Preissetzungsmacht entscheidend für den Erfolg. Faktoren wie die Marktposition und die Lieferzyklen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Gabriella Hunter
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Die Teuerung bleibt rekordverdächtig hoch: In der Eurozone sind die Preise im April im Vergleich zum Vorjahresmonat erneut um 7,4% gestiegen, in den USA betrug das Plus 8,3%. Insbesondere die Energie- und die Rohstoff- und in der Folge auch die Lebensmittelpreise ziehen weiter an. Das hat Folgen für Konsumenten und Unternehmen.

Zwar dürfte mittlerweile schon einiges eingepreist sein. Doch laut Hilmar Langensand unterschätzen die Marktteilnehmer die Inflation weiterhin, wie er im Rahmen eines Podiumsgesprächs mit The Market kürzlich sagte. Der Manager des zCapital Small & Mid Cap Fund glaubt nicht, dass die Teuerung bald auf 2 bis 3% zurückkehrt. Immerhin wächst dank den höheren Preisen der Umsatz der Schweizer Unternehmen.

Allerdings ist es in diesem Umfeld entscheidend, wie gut die Gesellschaften die Marge durch Weitergabe der Inputkosten und Einsparungen schützen können. Dabei spielt die Preismacht eine herausragende Rolle: Wie profitabel wirtschaftet ein Unternehmen? Kann es die steigenden Inputkosten überwälzen, und wenn ja, wie schnell? Verschiedene Faktoren können dafür entscheidend sein.

Technologisch führende Produkte

«Die Bruttomarge reflektiert die Preissetzungsmacht im Allgemeinen gut», sagt Simon Götschmann, CEO und Fondsmanager bei Arkudos. Vereinfacht gesagt: Je stärker die Verhandlungsposition der Unternehmen, desto höher und über die Zeit stabiler fällt die Bruttomarge aus. Insbesondere der Pharma-, der Luxusgüter- und der Medtech-Bereich fallen dabei mit hohen Gewinnspannen auf. Aber nicht nur.

«Ems-Chemie ist ein eindrückliches Beispiel», sagt Remo Rosenau, der bei der Helvetischen Bank das Research leitet. Der Spezialchemiehersteller kann die gestiegenen Rohstoffkosten auch im gegenwärtigen Umfeld wie gewohnt weitergeben, wie die Zahlen für das erste Quartal untermauern. Ein Grossteil des Umsatzwachstums von knapp 13% gegenüber der Vorjahresperiode dürfte auf einen Preiseffekt zurückzuführen sein.

Die schnelle Weitergabe der Preise sei umso bemerkenswerter, wenn man bedenke, dass Ems-Chemie 📈 rund 60% des Umsatzes mit der von Lieferkettenengpässen und dem Anstieg der Energiepreise besonders hart getroffenen Automobilindustrie erwirtschafte. Ems-Chemie arbeitet unter anderem mit Preisklauseln: Die Teuerung wird je nach Vertrag direkt auf den Kunden überwälzt. Das ist aufgrund technologisch überlegener Produkte möglich.

Die Faktoren für eine ausgeprägte Preissetzungsmacht sind laut Rosenau oft die gleichen: eine starke Marktstellung, technologisch führende Produkte, Lieferfähigkeit und Verlässlichkeit. Das treffe zum Beispiel auch auf Sika 📈 zu. Der Bauchemiekonzern trotzt bisher der Inflation: 20% mehr Umsatz als in der Vorjahresperiode hat er zwischen Januar und März 2022 erwirtschaftet. Wobei das Wachstum nicht nur, aber auch Preissteigerungen geschuldet war.

Dominierende Marktposition

Als klare Marktführerin in einem fragmentierten Geschäft ist Sika in einer herausragenden Position. Gleichzeitig ermöglicht die dezentrale Struktur eine schnelle Reaktion auf Marktveränderungen. Der Konzern nutzt die Verkaufskanäle zugekaufter Gesellschaften für die eigenen Produkte.

In vielen Märkten dominiert auch Nestlé 📈. Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern ist im Kaffeemarkt und im Geschäft mit Säuglingsnahrung weltweit die Nummer eins. Die Eintrittshürden sind bei den Basisgütern aber weniger hoch, die Konkurrenz um Marktanteile grösser. Zuletzt hat sich in den Quartalszahlen der US-Detailhandelsriesen gezeigt: Steigen die Preise schnell und stark, lassen sie sich gerade im Lebensmittelbereich nicht voll weitergeben.

Das ist mit ein Grund, warum die Westschweizer vermehrt auf Premiumprodukte setzen. Für starke Marken wie Starbucks und San Pellegrino sind die Kunden bereit, mehr zu zahlen. Hier machen die Inputkosten einen kleineren Teil des Verkaufspreises aus. Ob das auch in einem Umfeld schwindender Konsumlust zutrifft, wird sich zeigen müssen. Anlässlich der Publikation der Erstquartalszahlen im April war das Management jedenfalls überzeugt, die Marge halten zu können.

In einer herausragenden Position ist VAT Group 📈. Im Bereich der Vakuumventile für die Halbleiterindustrie ist sie mit grossem Abstand Marktführerin. Hinzu kommen die immer wieder gepriesenen Qualitäten: Lieferfähigkeit und hohe Produktivität. Das hat dem Ostschweizer Unternehmen zusammen mit dem Investitionszyklus im Chipmarkt in den vergangenen Jahren zu einer fulminanten Performance verholfen.

Umsatz, Profitabilität und freier Cashflow stiegen stetig – auch noch im ersten Quartal 2022. Zu schaffen machten VAT zuletzt eher die Schwierigkeiten der anderen: Kunden fehlte es wegen Störungen in den globalen Lieferketten an Komponenten für den Bau ihrer Anlagen. Dadurch benötigten sie auch weniger Ventile.

Kleines Teil, grosse Bedeutung

Von einer sehr guten Marktposition und hohen Eintrittshürden in einem oligopolistischen Markt profitiert auch Givaudan 📈. Das beschert ihr stabiles Wachstum und eine hohe Profitabilität. Gleichzeitig machen die Aromen- und Riechstoffe in Esswaren und Getränken sowie im Hygienebereich nur einen Bruchteil der Gesamtkosten, aber einen essenziellen Teil des Endprodukts aus, weshalb das Unternehmen Preiserhöhungen in der Regel voll weitergeben kann.

Ein wichtiges Thema bleibt jedoch wie bei vielen Gesellschaften die Verzögerung: Angesichts der gegenwärtig rasanten Kostensteigerungen hinkt auch Givaudan bei den Preisanpassungen hinterher. Das zeigt sich sowohl im Umsatz, wo der Preiseffekt noch länger zu einem höheren Wachstum führt, als auch in der Profitabilität.

Kleines Teil, grosse Bedeutung: Das gilt bedingt auch für Komponentenhersteller wie Bossard 📈. Der Spezialist für Verbindungselemente verkauft nicht nur Teile, sondern Lösungen und Dienstleistungen. Entsprechend fallen die reinen Inputkosten weniger ins Gewicht. Viel wichtiger als der Preis sei die Lieferfähigkeit, unterstrich CEO Daniel Bossard im Interview mit The Market bereits im vergangenen November. Das hat das Zuger Unternehmen mit den Jahreszahlen eindrücklich unter Beweis gestellt.

Lange Projektzyklen als Nachteil

Schaut man auf die Bruttomargen, finden sich am anderen Ende laut Fondsmanager Götschmann Unternehmen, «die in wettbewerbsintensiven Märkten operieren, von dominanten Kunden oder Lieferanten abhängen oder Produkte herstellen, die einfach substituiert werden können». Darunter fänden sich Industrieunternehmen wie Dätwyler, Gurit oder Stadler Rail, aber auch Nahrungsmittelhersteller wie Bell Food Group und Aryzta.

Schwierig ist die Situation auch bei Investitionsgütern. Vom Bestellungseingang bis zur Auslieferung der Maschine vergehen je nach Branche mitunter Jahre. Einige Unternehmen versuchen Preisveränderungen bereits im Vertrag festzulegen. Sie binden Verkaufspreise an die Kosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl oder Kupfer. Diese liessen sich dank dem Marktpreis einfach nachverfolgen, sagt Götschmann. «Bei Elektronikkomponenten zum Beispiel wird das schon schwieriger.»

Landis+Gyr 📈 hat laut CEO Werner Lieberherr gewisse Verträge mit Indexklauseln versehen, bei denen die Teuerung weitergereicht werden kann, wie er im Gespräch mit The Market sagte. Doch das reicht nicht, um die enormen Preissteigerungen für Fracht, elektrische Komponenten und die steigenden Löhne an die Kunden weiterzureichen. Problematisch ist das vor allem angesichts des hohen Anteils von Mehrjahresverträgen. Nur rund 30% des Gruppenumsatzes entfallen auf kurzfristige Bestellungen. Das hat Folgen: Für das seit Anfang April laufende Geschäftsjahr 2022/23 erwartet L+G einen markanten Margenrückgang.

«Unternehmen mit langen Liefer- und Projektzyklen spüren die steigenden Kosten stärker», sagt auch Rosenau. Als Beispiel nennt er Implenia. Der Baukonzern gehe als Generalunternehmen Werkverträge zu Fixpreisen ein. Bis das Bauprojekt fertiggestellt sei, könnten mehrere Jahre vergehen – in denen nun die Kosten für Energie, Rohstoffe und Mitarbeiter steigen.

Auch im Lift- und Rolltreppengeschäft von Schindler vergehen zwischen Auftragseingang und Auslieferung von Neuanlagen bis zu achtzehn Monate, was laut Rosenau bei starken Kostensteigerungen einen negativen Effekt hat. Götschmann verweist darauf, dass beim Innerschweizer Unternehmen der Serviceanteil am Gesamtumsatz beträchtlich sei. Auch das ist ein Vorteil, wenn es darum geht, den Effekt der Teuerung auf die Kunden zu überwälzen.