Analyse

Wie Anleger ihr Portfolio nach Asien ausrichten können

Die Covid-Pandemie hat die jahrelang verschmähten Börsen in Emerging Markets geweckt. Mehrere Gründe sprechen dafür, dass Schwellenländer, besonders in Asien, eine neue Hausse erleben. The Market zeigt, worauf Anleger achten müssen.

Mark Dittli
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Die Covid-Pandemie hat die Schwellenländer in Asien zurück in den Fokus der Investoren gerückt. Aktienmärkte wie Taiwan, China und Korea zählten 2020 zu den Spitzenreitern im globalen Vergleich, und sie sind auch mit Schwung ins neue Jahr gestartet.

Kein Wunder: Die meisten Volkswirtschaften in Asien sind deutlich besser durch die Krise gekommen als Europa und die USA. Zudem sind sie bestens positioniert, um von der bevorstehenden Erholung der Weltwirtschaft zu profitieren.

Eine Reihe von Gründen spricht dafür, dass es sich dabei nicht bloss um ein Strohfeuer, sondern um starke, strukturelle Trends handelt. Der MSCI Emerging Markets Index ist erst Ende 2020 aus einer mehr als zehnjährigen, zähen Seitwärtsbewegung ausgebrochen:

Genau so, wie in den vergangenen zehn Jahren die technologielastigen US-Börsen zuoberst in der Gunst der Investoren gestanden sind, könnten die kommenden Jahre von Emerging Markets, besonders von Asien, dominiert werden.

Sie haben – nebst Japan – daher in jedem diversifizierten Portfolio einen festen Platz verdient. «Ich mag Aktien aus asiatischen Schwellenländern», sagt Christopher Wood, Chef-Aktienstratege der US-Investmentbank Jefferies, «Investoren sollten ihr Portfolio nach Asien ausrichten.»

The Market zeigt, worauf Anleger dabei achten müssen.

Robustes Wachstum

Zunächst zu den Gründen für ein mögliches «asiatisches Jahrzehnt» an den Börsen. Erstens, die Widerstandsfähigkeit: Egal, ob liberale Demokratie wie Korea, autoritärer Einparteienstaat wie die Volksrepublik China oder Technokratie wie Singapur – die meisten Länder in Asien haben die Covid-Pandemie vergleichsweise gut und ohne flächendeckende Lockdown-Massnahmen überstanden. Entsprechend rasch hat sich ihre Wirtschaft erholt.

Das führt, zweitens, zum Argument des fortgesetzten Wachstums. Mindestens drei Staaten – China, Taiwan und Vietnam – haben sogar im Krisenjahr ein Wirtschaftswachstum von 2,3% (China) bis 3% (Taiwan) erzielt. Für 2021 stehen die Signale praktisch überall auf grün: Die Ökonomen von Pictet rechnen für Asien (ohne Japan) mit einem realen Wirtschaftswachstum von 8,5%. Langfristige Trends wie die Urbanisierung und der Aufstieg der Mittelklasse wurden durch die Pandemie nicht gebrochen.

Dabei profitieren die offenen Volkswirtschaften der Region einerseits von der erwarteten Erholung der Nachfrage in den USA und Europa, andererseits aber auch von der Tatsache, dass sie untereinander immer enger vernetzt sind. Als Beispiel dazu dient Korea: 62% der Exporte der viertgrössten Volkswirtschaft Asiens gehen mittlerweile in andere Schwellenländer, mehr als die Hälfte davon allein nach China und Vietnam. Die USA sind nur noch für 13,5% der koreanischen Exporte das Ziel.

Die engere Verflechtung des Wirtschaftsraums wurde im November 2020 noch untermauert mit der Unterzeichnung der Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP), des grössten Freihandelsabkommens der Welt, dem sich die zehn ASEAN-Staaten Südostasiens, China, Japan, Korea, Australien und Neuseeland angeschlossen haben.

Dollarschwäche als Treiber

Das Wachstum in Asien steht, drittens, zudem auf einem gesünderen Fundament als in den USA und Europa. Die Staatsverschuldung ist signifikant geringer, und die Geldpolitik – nicht zuletzt in China – ist auch während der Krisenbekämpfung auf dem orthodoxen Pfad geblieben. «Die People's Bank of China ist die einzige unter den grossen Zentralbanken der Welt, die öffentlich verspricht, dass sie nicht zur Euthanasie der Sparer übergehen wird. Die Konsequenzen daraus sind von enormer Bedeutung», sagt Louis Gave von der Hongkonger Research-Boutique Gavekal.

Damit verbunden ist, viertens, die These, dass der Dollar in eine neue, strukturelle Schwächephase getreten ist. Die US-Valuta hat in den Jahrzehnten seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems von 1971 mehrere Zyklen durchlaufen, deren Phasen jeweils fünf bis zehn Jahre währten. Die letzte Stärkephase dauerte von der Finanzkrise von 2008 bis ungefähr 2017, als Donald Trump ins Weisse Haus einzog. Seither bewegt sich der handelsgewichtete Dollar-Index, beschleunigt seit Mai 2020, wieder abwärts:

Ein schwächerer Dollar – kombiniert mit einem stärkeren Renminbi – ist grundsätzlich positiv für Schwellenländer, da viele dortige Unternehmen ihre Schulden in Dollar aufnehmen und eine Abschwächung der US-Valuta ihre Zinslast mindert. Zudem erhöht sich damit die Kaufkraft Chinas; die Volksrepublik wird immer mehr zum Taktgeber des asiatischen – und zunehmend auch des europäischen – Konjunkturzyklus.

Zwischen dem Dollar-Index und den Aktienmärkten in den Schwellenländern Asiens besteht eine ausgeprägt negative Korrelation, wie die folgende Grafik von Jefferies zeigt. Sinkt der Dollar, steigen die Aktienkurse – und umgekehrt. Der starke Dollar im Jahrzehnt nach der Finanzkrise war ein wichtiger Grund für die enttäuschende Kursentwicklung in Emerging Markets:

Der fünfte Grund für Investitionen in Asien schliesslich liegt in der Bewertung. Trotz der kräftigen Avance in China, Korea und Taiwan im vergangenen Jahr sind die Schwellenmärkte auf Basis der Gewinnschätzungen für das laufende Jahr mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von gut 15 immer noch markant günstiger bewertet als der von den USA dominierte MSCI World Index, der auf ein KGV von 21 kommt.

Zudem relativiert sich die starke Kursleistung der asiatischen Indizes im Covid-Jahr, wenn ein längerer Zeitraum untersucht wird. Selbst der stärkste unter den regionalen MSCI-Länderindizes, Taiwan, ist erst 2019 aus seinem Seitwärtstrend ausgebrochen und liegt über zehn Jahre betrachtet noch weit hinter dem amerikanischen S&P 500 zurück. Singapur und Indonesien stehen sogar noch heute schlechter da als Anfang 2011:

Selbstredend sind Investitionen in die Aktienmärkte aus Schwellenländern nicht ohne Risiken. Über Taiwan und Korea hängt ein latentes geopolitisches Risiko, in China können die regulatorischen Launen der Zentralregierung – jüngst etwa im Zusammenhang mit den Bezahldiensten von Alibaba und Tencent zur Schau gestellt – für Ungewissheit sorgen. Auch ist die beschriebene These der neuen Dollarschwäche alles andere als sicher. Sollte sich die US-Valuta wider Erwarten strukturell aufwerten, wären das dezidiert schlechte Nachrichten für die Börsen in Asien.

Doch angenommen, die These bestätigt sich und eine neue strukturelle Hausse in den asiatischen Emerging Markets hat begonnen: Wie können Anleger darauf setzen?

Auf Klumpenrisiken achten

Einzelanlagen in chinesische Technologieriesen wie Tencent und Alibaba, E-Commerce-Giganten wie Meituan und JD.com, den Hongkonger Börsenbetreiber Hong Kong Exchanges & Clearing, die koreanischen Speicherchiphersteller Samsung Electronics und SK Hynix, den Halbleiter-Branchenprimus TSMC aus Taiwan, Banken wie ICICI in Indien oder DBS in Singapur sowie Versicherungsgruppen wie AIA und Ping An Insurance sind zwar eine Möglichkeit, bieten sich aber nur in grossen, gut diversifizierten Portfolios an.

Für die meisten Privatanleger sinnvoller sind entweder aktiv geführte Fonds oder passive Indexanlagen via Exchange Traded Funds (ETF). Die Schweizer Börse bietet ein breites und wachsendes Universum an ETF auf asiatische Schwellenländer, die in den meisten Fällen auf den Länderindizes von MSCI beruhen. Allerdings gibt es dabei einige Besonderheiten in der Zusammensetzung und Gewichtung der Indizes zu beachten, um verborgene Klumpenrisiken zu vermeiden.

An China führt kein Weg vorbei

Die simpelste Form, auf «Emerging Asia» zu setzen, bietet ein ETF auf den MSCI EM Asia Index, angeboten an der Schweizer Börse von Amundi, iShares und State Street. Der Index besteht zu knapp 50% aus China, gefolgt von je 16,5% Taiwan und Korea, sowie 11% Indien. Die kleineren Aktienmärkte Südostasiens – Thailand, Malaysia, Philippinen oder Indonesien – machen zusammen nur gut 6% des Index aus:

Die grössten Positionen im MSCI EM Asia sind TSMC, Tencent und Alibaba:

Die mit Abstand wichtigste Volkswirtschaft und damit auch der wichtigste Aktienmarkt der Region ist China. An ihm führt kein Weg vorbei. Die Auswahl an ETF auf chinesische Aktien mag auf den ersten Blick etwas verwirren, aber die meisten der an der SIX Swiss Exchange verfügbaren Anlageprodukte basieren auf dem MSCI China Index, der an den Festlandbörsen von Schanghai und Shenzhen gehandelte A-Aktien, in Hongkong gehandelte chinesische Unternehmen (H-Aktien) sowie in den USA kotierte chinesische Aktien enthält.

Der MSCI China verfügt über ein hohes Gewicht in den Sektoren zyklischer Konsum und Kommunikationsdienste, da die E-Commerce-Riesen Alibaba, Tencent und Meituan diesen Sektoren zugewiesen werden.

Tencent und Alibaba zusammen machen auch etwas mehr als 30% des MSCI China Index aus:

Wer das Klumpenrisiko dieser Tech-Giganten etwas verringern will, kann auf ETF setzen, die den Hang Seng China Enterprises Index (HSCEI; H-Aktien) als Referenzwert benutzen. Einen derartigen ETF bietet an der SIX beispielsweise Lyxor an. Im HSCEI kommen Tencent und Alibaba nur auf ein Gewicht von gut 16%, während Finanztitel wie China Construction Bank oder Ping An höher gewichtet sind als im MSCI China.

Taiwan und Korea: Zentren der IT-Industrie

Der vom Gewicht her zweitgrösste Aktienmarkt in der Region ist Taiwan. Die Insel hat sich als Zentrum der globalen Halbleitertechnologie etabliert. «Halbleiter sind der Rohstoff der Zukunft, wir sollten über Taiwan so denken, wie wir im 20. Jahrhundert über Saudi-Arabien gedacht haben», sagt Louis Gave von Gavekal.

Taipeh, Hauptstadt Taiwans.

Taipeh, Hauptstadt Taiwans.

(Bild: Thomas Tucker, Unsplash)

Taiwan profitiert nicht nur von der gestiegenen Nachfrage nach Halbleitern, die in allen möglichen Anwendungen, von 5G-Mobiltelefonen bis zu Automobilen, benötigt werden. Die Insel erlebt derzeit auch einen «Reshoring»-Boom, da zahlreiche Hardware-Hersteller einen Teil ihrer Produktion von Festlandchina zurück nach Taiwan bringen. Das wiederum führt zu wachsenden Kapitalinvestitionen auf der Insel. Auch TSMC hat Grosses vor: Für 2021 plant der Chipriese Kapitalinvestitionen von 25 bis 28 Mrd. $, nach knapp 18 Mrd. $ im Vorjahr.

Der MSCI Taiwan Index verfügt in der Region über das mit Abstand aggressivste Profil; mehr als drei Viertel des Indexgewichts entfallen auf den IT-Sektor. TSMC allein macht fast die Hälfte des Index aus.

Auf Rang drei, unmittelbar hinter Taiwan, folgt Korea. Mit Samsung Electronics und SK Hynix stellt die Börse in Seoul zwei der drei weltweit führenden Hersteller von Speicherchips (der Dritte im Bunde, Micron Technology, ist in den USA domiziliert).

Ähnlich wie Taiwan mit TSMC wird der MSCI Korea von Samsung Electronics dominiert; zusammen mit den Vorzugsaktien kommt der Konzern auf knapp 38% des Indexgewichts.

Die drei grossen Märkte in der Region «Emerging Asia», China, Taiwan und Korea, weisen also alle ein erhebliches Gewicht in «Big Tech»-Sektoren aus. Samsung Electronics, TSMC oder Tencent sind qualitativ hervorragende Unternehmen mit starken Marktpositionen, aber für eine bessere Sektordiversifikation bietet es sich an, weitere Märkte in Asien ins Auge zu fassen.

Indien, Hongkong und Singapur zur Diversifikation

«China, Korea und Taiwan haben vom Technologie-Superzyklus profitiert. Auf diese drei Länder würde ich auch weiterhin setzen, aber abgesehen von diesen drei Märkten sollten Investoren jeden Rückschlag in Indien kaufen», sagt Christopher Wood von Jefferies. In den vergangenen zwei Wochen hat Indiens Börse kräftig zugelegt, nachdem die Regierung mit dem Budget für das kommende Fiskaljahr (ab April) den Plan präsentiert hatte, die staatlichen Investitionen in die Infrastruktur kräftig auszubauen.

Der Aktienmarkt Indiens weist, wiederum am Länderindex von MSCI gemessen, ein Gewicht von gut 26% im Finanzsektor aus, mit Schwergewichten wie Housing Development Finance und ICICI Bank. Der IT-Sektor mit Exponenten wie Infosys und Tata Consultancy kommt an zweiter Stelle:

Zwei günstig bewertete Märkte, die definitorisch zwar nicht zu den Schwellenländern zählen – MSCI führt sie unter der Liste der Developed Markets –, sind Hongkong und Singapur. Sie können im Portfolio mit ihrem grossen Gewicht im Finanz- und Immobiliensektor als Diversifikation zu den technologielastigen Börsen Chinas, Taiwans und Koreas dienen. Der Index in Singapur besteht knapp zur Hälfte aus den drei überregional operierenden Banken DBS, United Overseas Bank und OCBC. Entsprechend zählt er gemessen am Kurs-Gewinn- sowie am Kurs-Buchwert-Verhältnis zu den günstigsten Märkten der Region.

Hongkongs Börse wird von Finanzdienstleistern und Immobilienentwicklern dominiert. Besonders Letztere litten in den vergangenen zwei Jahren unter den anhaltenden Ausschreitungen sowie, im Sommer 2020, unter der Verabschiedung des neuen Sicherheitsgesetzes in Peking. Mit diesem Schritt hat die Führung der Kommunistischen Partei Chinas das «Ein Land, Zwei Systeme»-Regime, das zwischen Hongkong und der Volksrepublik herrschte, de facto 27 Jahre früher als versprochen beendet.

Das bedeutet jedoch nicht zwingend eingetrübte Aussichten für den Aktienmarkt in Hongkong. Im Gegenteil: Hongkong «gehört» jetzt Peking, und die Zentralregierung sollte jedes Interesse daran haben, die Finanzmärkte am Perlflussdelta weiterhin prosperieren zu lassen, da sie nach wie vor als Verbindungsglied für die Finanzflüsse zwischen der Volksrepublik und dem Rest der Welt dienen. Davon werden auch die Immobilienentwickler in Hongkong wieder profitieren, die aktuell an der Börse zum Teil deutlich unter Buchwert handeln.

Die letzte Gruppe in «Emerging Asia» bilden schliesslich die weiter entwickelten ASEAN-Staaten Thailand, Malaysia, Indonesien und die Philippinen. Vietnam, der aufstrebende Star in der Region, wird von MSCI noch als Frontier Market eingestuft. Alle diese Märkte haben ihre Eigenheiten, mit teilweise unsteten politischen Verhältnissen – aktuell vor allem Thailand –, doch ihnen ist gemein, dass sie eine aufstrebende Mittelklasse besitzen, von der Verlagerung von Produktions- und Lieferketten aus China profitieren und hohe Investitionssummen für Infrastruktur anziehen.

Attraktive Aussichten für Indonesien

Im direkten Vergleich am attraktivsten erachtet The Market gegenwärtig Indonesien, weil die 270 Mio. Einwohner zählende Inselnation eine einigermassen reformorientierte Regierung hat und als einer der grössten Nutzniesser des RCEP-Freihandelsabkommens gilt. Als Rohstoff-Exporteur – Öl, Gas, Kupfer, Kohle – profitiert Indonesien zudem vom Wachstum im Rest Asiens. Entsprechend konnte Indonesien in der zweiten Jahreshälfte 2020 zum ersten Mal seit 2011 einen positiven Saldo in der Leistungsbilanz verbuchen.

Der MSCI Indonesia wird vom Finanzsektor dominiert:

«Core-Satellite»-Ansatz via ETF

Für Investoren, die sich via ETF in Emerging Markets exponieren möchten, bietet sich ein «Core-Satellite»-Ansatz an: Das Kern-Investment besteht aus einem ETF auf den MSCI Emerging Markets Index, der bereits zu rund 75% aus Asien (40% China, je 13% Taiwan und Korea, 9% Indien) sowie zu 25% aus Lateinamerika, Osteuropa und Südafrika besteht. Je nach persönlichen Präferenzen kann dieser Kern sodann mit ETF auf einzelne Länderindizes kombiniert werden.

Die nachfolgende Tabelle bietet eine Auswahl an Asien-ETF, die an der SIX Swiss Exchange kotiert sind: