Analyse

Wie gefährlich ist die abnehmende Marktbreite?

Trotz Höchstständen an Wallstreet zeigen einzelne Aktiensegmente Ermüdungserscheinungen. Ist die Abnahme der Marktbreite ein Grund zur Sorge?

Sandro Rosa
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Die Rekordjagd an den Börsen geht munter weiter. Der US-Leitindex S&P 500, der Swiss Market Index und auch der Stoxx Europe 600 notieren auf Höchstständen. Die lockere Geldpolitik, die robuste konjunkturelle Erholung und die erfreulichen Unternehmensresultate in der laufenden Berichtssaison sorgen für gute Stimmung.

Auch der Weltaktienindex von MSCI, der fast 3000 Titel aus Industrie- und Schwellenländern umfasst, strotzt vor Stärke. Seit Jahresbeginn hat er rund 12% zugelegt, seit dem Pandemietiefst beträgt der Zuwachs sogar 88%. 194 Tage ist es her, seit der Index letztmals einen Rückschlag von mehr als 5% erlebt hat.

Schwache Schwellenländer

Ist somit alles in Butter? Nicht ganz, denn es lassen sich vereinzelte Warnsignale ausmachen. Besonders die Kursentwicklung des Schwellenländerindex von MSCI liess zuletzt eine beunruhigende Schwäche erkennen. Von seinem Rekordhoch am 17. Februar hat er rund 13% eingebüsst und notiert mittlerweile tiefer als zum Jahresanfang – und soeben ist er unter den gleitenden Durchschnitt über zweihundert Tage gerutscht.

Auslöser für den Absacker war die chinesische Regierung, die jüngst mit regulatorischen Verschärfungen vor allem Technologieunternehmen, zuletzt aber auch Firmen aus dem Bildungsbereich, das Leben schwer gemacht und die Anleger vergrault hat. Da China ein grosses Gewicht im Schwellenländerbarometer hat, wurde der Gesamtindex nach unten gezogen.

Doch es ist beileibe nicht nur China, wo sich Risse im Gebälk zeigen. Auch andere Segmente haben an Dynamik eingebüsst, etwa Small Caps oder konjunktursensitive Zykliker. In den USA werden die breiten Aktienindizes massgeblich von den Technologieriesen nach oben gezogen. «Für einen Markt, der neue Allzeithochs erreicht, ist die Marktbreite extrem schwach», schrieb Larry McDonald kürzlich in seinem Newsletter «The Bear Traps Report».

Wie gesund ist die Hausse?

Wie ist es also um die Hausse bestellt? Ein Blick auf die sogenannte Marktbreite kann Anhaltspunkte über den Gesundheitszustand liefern. Dabei geht es darum zu ermitteln, wie breit abgestützt ein Trend an der Börse ist, sprich, wie viele Aktien an der Auf- oder Abwärtsbewegung teilnehmen.

Weshalb ist das wichtig? Der Übergang von einem Bullen- in einen Bärenmarkt zeigt oft ein typisches Muster. Neigt sich die Hausse dem Ende zu, werden die Anleger zunehmend wählerisch und setzen auf eine immer engere Auswahl an Aktien, was dazu führt, dass die Indizes von laufend weniger Titeln getragen werden. Nicht selten hat in dieser Phase das Gros der Aktien bereits zum Sinkflug angesetzt, obschon die Börsenbarometer weiter steigen und einen intakten Bullenmarkt suggerieren. Entwickeln sich also Index und Marktbreite im Gleichschritt, deutet das auf ein stabiles Marktumfeld hin, ein Auseinanderdriften signalisiert eine bevorstehende Trendwende.

Wie man die Marktbreite misst

Die Marktbreite lässt sich auf verschiedene Arten messen. Ein beliebtes Mass ist die Anzahl Aktien oder Indizes, die über ihrem gleitenden 200-Tage-Durchschnitt notieren. Je mehr Valoren diese Anforderung erfüllen, desto solider ist im Allgemeinen eine Aufwärtsbewegung. Bei Werten von über 50% gilt ein Trend als robust.

Dieses Kriterium ist an den meisten Handelsplätzen erfüllt: Im Weltaktienindex notieren zwei Drittel der Aktien über ihrem 200-Tage-Durchschnitt. Allerdings lässt sich eine abnehmende Dynamik erkennen: Noch Mitte Juni erreichte der Wert eindrückliche 85%.

Besser steht der Schweizer Markt da: Im Swiss Performance Index liegen rund 80% der Anteilscheine über ihrem gleitenden 200-Tage-Durchschnitt. Beim S&P 500 sind es knapp 90%, ebenso beim CAC 40 (Frankreich) und beim FTSE Mib (Italien). Das Schlusslicht bildet der chinesische CSI 300, in dem lediglich jede dritte Aktie über ihrem 200-Tage-Schnitt handelt. Auch die brasilianische und die russische Börse schneiden im Quervergleich eher enttäuschend ab.

Advance-Decline-Linie dreht

Des Weiteren lässt sich der Gesundheitszustand eines Aufwärtstrends anhand der kumulierten Advance-Decline-Linie (A/D-Linie) abschätzen. Diese erhält man, indem man täglich die Zahl der steigenden Papiere in einem Index addiert und davon die fallenden abzieht. Steigen sowohl die A/D-Linie als auch die Börsenkurse, ist die Hausse intakt.

Dabei lässt sich beobachten, dass im US-Markt die Kurve soeben gedreht hat: In der Summe haben zuletzt die fallenden Aktien aller an der New Yorker Börse gehandelten Titel überwogen. Der entsprechende Index, der NYSE Composite, befindet sich derweil seit fast drei Monaten in der Seitwärtsbewegung.

Ähnliches lässt sich beim Weltaktienindex beobachten: Auch dort verliert die A/D-Linie an Schwung. Sie ist soeben unter ihren 50-Tage-Schnitt gefallen, während der MSCI AC World nach wie vor nach oben strebt. Diese Divergenz ist ein Warnsignal. «Der Rückgang der A/D-Linie des Weltaktienindex unter seinen gleitenden Durchschnitt über fünfzig Tage fiel historisch mit Perioden unterdurchschnittlicher Performance zusammen», bemerkt Analyst Matt Bauer vom Analysehaus Ned Davis Research.

Neue Höchst, neue Tiefst

Die Marktbreite lässt sich auch anhand der Anzahl Aktien bestimmen, die auf neue 52-Wochen-Höchst klettern. Markierte im Höhepunkt der Pandemie im März 2020 im Weltaktienindex nur noch gerade ein Titel – von fast 3000 – ein neues Jahreshöchst, setzte daraufhin eine kontinuierliche Erholung ein.

Zwischenzeitlich setzten mehr als 450 Valoren neue Bestmarken. Seit einigen Wochen ist nun aber ein Schwungverlust zu erkennen: Zuletzt erreichten noch 136 Titel neue 52-Wochen-Höchst – das sind allerdings immer noch mehr als im Durchschnitt seit Januar 2016.

Abnehmende Dynamik

Die Marktbreite lässt sich auch anhand von Sektoren und Ländern ermitteln. Die wichtigsten Länderindizes handeln nahezu alle über ihrem 200-Tage-Schnitt – mit Ausnahme Chinas, Japans (ganz knapp) und des MSCI Emerging Markets Index. Insofern besteht kein Anlass zur Sorge.

Weniger optimistisch stimmt das abnehmende kurzfristige Momentum. Immerhin ein Viertel der ausgewählten Indizes notiert aktuell nämlich unter ihrem gleitenden Durchschnitt über fünfzig Tage. Darunter der Bovespa (Brasilien), der Kospi (Korea) und der Ibex 35 (Spanien).

Fast alle Industriegruppen über 200-Tage-Linie

Wirft man einen Blick auf die Industriegruppen im MSCI AC World Index, so erkennt man, dass das Gros über der 200-Tage-Linie handelt (Spalte ganz rechts, blau). Einzig die Industriegruppe Telecomdienstleistungen – Swisscom, Deutsche Telekom oder AT&T gehören etwa dazu – handelt unter dem gleitenden Schnitt (rot). Wie bei den Länderindizes lässt sich eine etwas langsamere Dynamik beim 50-Tage-Schnitt erkennen. Fast die Hälfte der Indizes notiert nämlich darunter.

Kein Grund zur Beunruhigung

Insgesamt hat sich die Marktstruktur zuletzt etwas verschlechtert, die Börsendynamik hat an Breite eingebüsst. Noch sind die Signale allerdings nicht sonderlich deutlich, die Schwäche konzentriert sich primär auf die Schwellenländer und dort vor allem auf China.

Ein Überschwappen auf andere Regionen ist natürlich nicht ausgeschlossen, zeichnet sich momentan jedoch noch nicht ab. Der Bullenmarkt scheint also weiterhin intakt zu sein. Die generell abnehmende Marktbreite gilt es jedoch im Auge zu behalten, denn mit einer weiteren Verengung steigt das Risiko einer Trendwende.