Analyse

Wie man den richtigen ETF auswählt

Nebst dem Bancomaten sind sie die zweite nützliche Erfindung der Finanzbranche der vergangenen vierzig Jahre: die Exchange Traded Funds. The Market zeigt, was beim Kauf beachtet werden muss

Sandro Rosa
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Investieren ist so einfach wie nie: Man eröffnet ein Wertschriftenkonto bei einer Bank oder einem Online-Broker und mit wenigen Klicks lässt sich mit Exchange Traded Funds (ETF) ein diversifiziertes Portfolio zusammenstellen. ETF sind passiv verwaltete Indexfonds, die an der Börse gehandelt werden. Sie bilden ein Börsenbarometer wie zum Beispiel den Swiss Market Index oder den Dax ab und haben keine Laufzeitbeschränkung.

ETF weisen viele Vorteile auf: Sie sind günstig, einfach zu verstehen und (meistens) transparent. Mit einer Transaktion lässt sich ein diversifiziertes Portfolio zusammenstellen. Wer etwa den iShares MSCI ACWI UCITS ETF USD (Acc) kauft, der den MSCI All Country World Index nachbildet, hat auf einen Schlag 1600 Aktien rund um den Globus im Depot (dass dennoch Klumpenrisiken bestehen, zeigen wir weiter unten). Mit Einzelaktien ist eine solche Diversifikation für Privatanleger praktisch unmöglich.

Und das Schöne: Die Performance dürfte mit diesen passiven Instrumenten besser sein als bei einem Investment in einen aktiven Fonds. Studie um Studie belegt nämlich, dass aktive Fondsmanager ihre Benchmark auf Dauer typischerweise nicht zu schlagen vermögen – Hauptgrund sind ihre deutlich höheren Kosten.

Gottfried Heller, der deutsche Vermögensverwalter und ehemalige Geschäftspartner der Investorenlegende André Kostolany, nannte ETF gar «ein Geschenk des Himmels».

Die Auswahl ist enorm: Allein an der Schweizer Börse Six sind etwas mehr als 1500 ETF kotiert. Diese Fülle kann abschreckend wirken. The Market zeigt deshalb, worauf Anleger bei der ETF-Auswahl achten müssen.

Welcher Index?

Zuerst muss man wissen, welchen Index der ETF überhaupt nachbilden soll. Schweizer Anleger, die in den hiesigen Aktienmarkt investieren möchten, haben unter anderem die Wahl zwischen dem Swiss Performance Index (SPI), dem Swiss Market Index (SMI), dem Swiss Leader Index (SLI), dem SMI-Mid (SMIM), dem SPI Extra und dem MSCI Switzerland. Sie alle bilden je ein Segment des hiesigen Markts ab.

Aber Achtung: Wer glaubt, mit einem ETF auf den SPI habe er ein diversifiziertes Portfolio, der irrt. Obwohl der Index mehr als zweihundert Titel umfasst, wird er von drei Kolossen dominiert. Nestlé, Roche und Novartis stellen rund 45% der gesamten Marktkapitalisierung. Die übrigen 202 Unternehmen sind für 55% verantwortlich. Zwei Sektoren – Gesundheit und Basiskonsum – erreichen 55% der gesamten Kapitalisierung. Energiewerte sind im SPI keine vertreten, Technologie macht weniger als 3% aus.

Unter Umständen ist ein ETF auf den Swiss Leader Index besser: das Gewicht der drei Grosskonzerne ist dort mit 26% weniger einseitig.

Leider ist auch der ETF auf den oben erwähnten MSCI AC World Index nicht unbedingt optimal, machen doch US-Aktien fast 60% des Barometers aus. China kommt lediglich auf rund 5% und die Schweiz auf 2,5%. Wem das US-Klumpenrisiko nicht behagt und wer eine bessere geografische Balance erreichen möchte, muss zusätzlich in einzelne Regionen- und Länder-ETF investieren. Die Asset Allocation von the Market liefert einen Ausgangspunkt für ein Portfolio.

Ein Blick auf die Zusammensetzung der Indizes ist deshalb wichtig: Eine grosse Anzahl Titel im Index ist nicht gleichbedeutend mit einer guten Diversifikation. Deshalb sollte unbedingt das Factsheet des jeweiligen ETF studiert werden. Dort werden jeweils die grössten Einzelpositionen und die Sektorgewichte aufgeführt. Taugt der zugrundeliegende Index nichts, hilft der beste ETF nicht weiter.

Kosten und Liquidität

Ist der Index einmal bestimmt, steht die Auswahl des ETF an. Hierbei sind die Kosten zentral. Anders als bei klassischen Anlagefonds, wo die Fondsmanager versuchen, einen Index zu schlagen, bildet ein ETF einfach mechanisch einen Index nach. Das hat den Vorteil, dass kein teures Management notwendig ist, das laufend Unternehmen analysiert und häufig Aktien umschichtet, um eine möglichst hohe Rendite zu erzielen.

Die Gesamtkostenquote (Total Expense Ratio, TER) gibt eine Idee über die Höhe der jährlichen Kosten eines ETF. Darin sind die Verwaltungsgebühren und die Ausgaben für Werbung und Vertrieb enthalten. Doch anders als der Name suggeriert, sind nicht die gesamten Kosten abgedeckt. So sind Transaktionsgebühren innerhalb des Fonds, mögliche Steuern oder Trading-Kosten beim Broker nicht enthalten.

Ausschnitt aus einem ETF-Factsheet

Ausschnitt aus einem ETF-Factsheet

Quelle: UBS

Ein Beispiel ist die Stempelsteuer: Handeln Anleger einen ETF mit Domizil in der Schweiz über einen hiesigen Anbieter, beträgt diese pro Transaktion 0,075%. Bei ETF mit Domizil im Ausland sind es doppelt so viel: 0,15%. Das übersteigt bereits die jährliche TER vieler ETF. Da diese Abgabe bei jedem Kauf und Verkauf fällig wird, sind diese Kosten für Marktteilnehmer relevant, die ihr Portfolio häufig umschichten.

Für Anleger, die auf Schweizer Aktien setzen möchten, gibt es einen weiteren Grund, einen ETF mit Schweizer Domizil zu wählen: Dadurch wird ihnen nämlich die Verrechnungssteuer auf die Dividendenerträge von 35% zurückerstattet, was bei Anbietern mit Sitz im Ausland nicht der Fall ist. Kurzum: Für Schweizer Titel soll man einen ETF mit Schweizer Domizil wählen. US-Valoren handelt man idealerweise mit irischen ETF, die dank eines Doppelbesteuerungsabkommens die Hälfte der Verrechnungssteuer – sie beläuft sich auf 30% – zurückverlangen können.

Ein weiterer Punkt: Wenn immer möglich sollten ETF dann gehandelt werden, wenn der entsprechende Markt offen ist, weil dann die Liquidität besser und die Geld-Brief-Spanne bei den ETF enger ist. US-Titel sollten demnach am späteren Nachmittag gekauft und verkauft werden, asiatische ETF am Morgen. Auch hier müssen die Trader besonders aufpassen: Die Geld-Brief-Spanne kann ein Mehrfaches der TER erreichen, was schnell die Rendite wegfrisst. Für langfristige Buy-and-hold-Anleger sind diese Gebühren weniger entscheidend.

In der Regel gilt bei ETF, Big is beautiful. Je grösser das Fondsvolumen, desto geringer sind die Kosten für den Emittenten und desto geringer ist die Gefahr, dass der ETF wieder geschlossen wird. Letzteres bedeutet nämlich Aufwand für den Anleger: Wird der Fonds liquidiert, wird das Kapital ausbezahlt und muss wieder neu investiert werden. Das führt zu unerwünschten Transaktionskosten.

Angesichts der vielen Parameter lässt sich leider nicht zwangsläufig von einer tieferen TER auf eine höheren Rendite schliessen. «Was für den Anleger zählt, ist die Differenz zwischen der historischen ETF-Rendite und der Indexrendite. In dieser Differenz sind sämtliche Kosten enthalten», schreiben etwa die Experten des Vermögenszentrums.

Soll das Währungsrisiko abgesichert werden?

Oft sorgt die Währung eines ETF bei Privatanlegern für Verwirrung. Soll ein Schweizer Anleger einen ETF auf den Londoner FTSE 100 nun in der Originalwährung Pfund kaufen oder doch besser in Franken, denn das ist ja seine Heimwährung? Die Antwort: Es spielt keine Rolle. Am Investment ändert sich nichts, ob die Berichtswährung nun auf Pfund, Euro oder Franken lautet. Es ist womöglich bequemer für den Anleger, wenn er direkt sieht, dass der Wert seines FTSE-100-ETF gegen 15’000 Fr. beträgt, als wenn es 11’630 £ sind. Doch fundamental ändert sich nichts am Wert der zugrundeliegenden Aktien, und auch die Währungsrisiken sind exakt die gleichen.

Anders sieht es aus, wenn das Währungsrisiko abgesichert, also «gehedged» wird. Ob sich das langfristig lohnt, ist längst nicht klar. Das Absichern von Wechselkursrisiken ist nicht gratis, und die Kosten steigen mit zunehmender Dauer. Einen Anhaltspunkt für die Kosten zeigt ein Blick auf die TER für den iShares ETF auf den MSCI World: ohne Absicherung beträgt sie 0,2%, für die Variante mit der Währungsabsicherung für Frankenanleger steigen die Kosten auf deutlich höhere 0,55%. Auf lange Sicht macht sich das negativ in der Rendite bemerkbar. Für die gängigen Währungen Dollar, Euro, Yen und Pfund sind die Kosten vergleichsweise günstig, aber gerade bei denjenigen Valuten, die ein typischer Anleger am ehesten absichern würde, sind die Kosten besonders hoch.

Zudem sind Währungen und Börsen häufig negativ korreliert: Fällt die Währung, steigen die Aktienkurse, und umgekehrt. Mitunter ein Grund dafür ist die verbesserte internationale Wettbewerbsfähigkeit: Wird beispielsweise der Franken zum Euro günstiger, haben die hiesigen Exporteure in der Eurozone plötzlich einen Kostenvorteil, was sich in den Aktiennotierungen spiegelt. Die Schwäche einer Währung wird dadurch oft kompensiert.

Schliesslich stellt sich die Frage, ob es einen guten Grund für einen Schweizer Investor gibt, das Währungsrisiko beim Kauf einer Unilever-Aktie abzusichern und bei Nestlé nicht? Nestlé erzielte im Jahr 2019 bescheidene 1,25% ihres Umsatzes im Heimmarkt und damit in Franken – weniger als in Russland, Indien oder den Philippinen. Müsste man als Nestlé-Investor nicht logischerweise den Rubel, die Rupie und den Peso absichern? Dass man auch mit Nestlé-Aktien einem Währungsrisiko ausgesetzt ist, zeigte sich eindrücklich am 15. Januar 2015, als die Schweizerische Notenbank die Kursuntergrenze für den Euro freigegeben hatte: Während der Franken in die Höhe schoss, sackten die Titel von Nestlé nach unten.

So schreiben die renommierten Professoren Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton im Credit Suisse Global Investment Returns Yearbook: «Für längerfristige Anleger mindert die Währungsabsicherung das Abwärtsrisiko jedoch nur geringfügig. Darüber hinaus reduziert sie zwar das Währungsrisiko, führt aber andere Formen von Risiken ein, die zu einem Anstieg der Volatilität der realen Renditen führen und sich somit als kontraproduktiv erweisen können. Historisch gesehen wurde das Aktienmarktrisiko auf lange Sicht durch internationale Diversifizierung effektiver reduziert als durch Währungsabsicherung». Auch sollte nicht vergessen werden, dass Währungsrisiken nicht einseitig sind: Wer hedged, verzichtet auch auf Währungsgewinne. Der langen Rede kurzer Sinn: Bei Aktien lohnt es sich eher, das Portfolio sauber zu diversifizieren, als die Währungen abzusichern.

Ausschüttend oder thesaurierend?

Wie bei klassischen Anlagefonds gibt es Aktien-ETF, die regelmässig Dividenden an die Anleger weitergeben (immer noch die Mehrheit), und solche, die die Dividenden automatisch wieder investieren (so genannte thesaurierende ETF), ohne dass der Investor etwas unternehmen muss.

Was für einen Unterschied das ausmachen kann, zeigt ein Blick auf zwei an der Schweizer Börse kotierte ETF auf den Euro Stoxx 50. Er bildet die fünfzig grössten Unternehmen der Eurozone ab, darunter Namen wie den Luxusgüterkonzern LVMH, das Industriekonglomerat Siemens oder das Ölunternehmen Total. In den vergangenen rund elf Jahren ist der Euro Stoxx 50 (gelb in der Grafik) nicht vom Fleck gekommen: Heute notiert er etwa dort, wo er bereits 2010 war. Wer jedoch die Dividenden regelmässig reinvestiert hat, hat seine Investition über denselben Zeitraum nahezu verdoppelt (blaue Linie).

Wer also langfristig Vermögen bilden möchte, ist mit einem thesaurierenden ETF wahrscheinlich am besten bedient. Wer sich jedoch über die regelmässigen – typischerweise jährlichen – Ausschüttungen freut und diese nicht zu investieren gedenkt, wählt einen ausschüttenden Fonds.

Synthetisch oder voll repliziert?

Beim ETF-Kauf muss auch entschieden werden, wie der Index abgebildet werden soll. Grundsätzlich gibt es zwei Ansätze: die physische und die synthetische Replikation. Beim physischen Ansatz würden zum Beispiel im ETF auf den MSCI Emerging Markets alle 1380 Aktien entsprechend der Gewichtung im MSCI EM gekauft. Der Vorteil: Voll replizierte ETF unterstehen dem Bundesgesetz über kollektive Kapitalanlagen, womit das ETF-Vermögen bei Insolvenz des ETF-Emittenten geschützt ist. Anleger gehen somit kein Gegenparteirisiko ein.

Bei der synthetischen Replikation wird die Indexperformance mit Finanzderivaten (Swaps) abgebildet, was weniger transparent ist und zusätzliche (Bonitäts-)Risiken birgt, falls eine der Parteien des Swap-Geschäfts in Konkurs geht. Da hilft es auch nicht, wenn man seinen synthetischen ETF über sein Konto bei einer Schweizer Kantonalbank mit Staatsgarantie kauft: Garant ist der ETF-Anbieter und nicht die Hausbank. Dass auch grosse Finanzinstitute ins Wanken kommen können, hat spätestens die Finanzkrise 2008/2009 gezeigt. Wer also auf Nummer sicher gehen will, bevorzugt demnach physisch replizierte ETF.

Bei gewissen Märkten stösst die physische Replikation jedoch an Grenzen, weshalb die synthetische Nachbildung manchmal besser ist. So machen Handelsrestriktionen, Steuern, aber auch unterschiedliche Zeitzonen eine physische Replikation des Schwellenländer-Index schwierig und/oder teuer.

Zusätzlich existiert die Methode des Samplings, bei der nicht in alle einzelnen Indexkomponenten investiert wird, sondern lediglich in eine möglichst repräsentative Auswahl, die typischerweise die grösseren Unternehmen bevorzugt.

Wertpapierleihe: ja oder nein?

Schliesslich ist die Wertpapierleihe ein Thema. Um zusätzliche Gebühren einzunehmen, leihen ETF Aktien aus dem Portfolio an Drittparteien wie Hedge Funds oder Investmentbanken aus. Ein Teil der Einnahmen wird verwendet, um die Gebühren für die Kunden weiter zu reduzieren.

Zwar stellen diese Drittparteien Sicherheiten für die geliehenen Wertpapiere, dennoch besteht immer ein gewisses Ausfallrisiko, falls die ausleihende Partei in finanzielle Schwierigkeiten gerät und sich die Sicherheiten als ungenügend erweisen. Wer dieses Risiko nicht eingehen möchte, verzichtet konsequenterweise auf ETF, die Wertpapierleihe betreiben. Allerdings schränkt ein solches Vorgehen die Auswahl an Produkten ein.

Achtung vor komplexen ETF

Ein unschöner Nebeneffekt des Siegeszuges der ETF ist, dass immer mehr Anbieter mitmischen und zunehmend komplexere und intransparente Fonds auf den Markt bringen. Dazu gehören unter anderem aktive ETF, gehebelte ETF, Short-ETF, mit denen auf fallende Märkte gewettet werden kann, oder Themen-ETF, die etwa auf Megatrends oder auf gerade populäre Themen setzen. Nicht selten sind die Kosten dieser Produkte deutlich höher als bei Brot-und-Butter-Produkten, womit ein entscheidender Vorteil der ETF wieder zunichtegemacht wird.

Auch nutzen einige Anbieter bewusst Modeströmungen aus und versprechen viel. Ein Beispiel für einen solchen Fonds ist der US Vegan Climate ETF, der am 10. September 2019 ins Leben gerufen wurde – notabene von der Schweizer Firma Beyond Investing aus Genf. Das Unternehmen verspricht, sich an ethische Grundsätze zu halten, und investiert in umweltbewusste Unternehmen, die keine Tiere ausbeuten. Klingt wunderbar – bis man schaut, welche Firmen im Vegan Climate Index abgebildet werden.

Wer erwartet, der ETF investiere in Ökostromproduzenten und Hersteller von Wind- und Fahrrädern, wird enttäuscht. Mit Tesla dominiert zwar ein Unternehmen, das man grün nennen mag, aber insgesamt wird der Index von Technologie- und Kommunikationsunternehmen beherrscht. Das will nicht recht zur veganen und umweltfreundlichen Verpackung passen. Dafür, dass das Produkt wie ein verkappter IT-Sektor-ETF daher kommt, ist es mit einer TER von 0,6% eher teuer.

Was ist von gehebelten ETF und inversen ETF zu halten? Colby Pessina und Robert Whaley kommen in einem aktuellen Aufsatz im Financial Analysts Journal zu einem klaren Verdikt: «Gehebelte und inverse ETP sind weder geeignete Buy-and-Hold-Investments noch effektive Absicherungsinstrumente. Sie sind instabil und existieren nur als Mechanismen, um kurzfristige direktionale Wetten zu platzieren.» Auch das hat nicht mehr viel mit der ursprünglichen Idee der ETF gemein.

Für Anleger gilt deshalb die Devise, dass sie unbedingt überprüfen sollen, was im ETF steckt, und sich nicht von der Verpackung blenden zu lassen.