Im Fokus

6 Mrd. $ schwerer Fonds von Credit Suisse hält dubiose Papiere

Die Partnerschaft des CS Supply Chain Finance Fund mit der britischen Greensill Capital wirft viele Fragen auf. 

Andreas Kälin

Der Credit Suisse (Lux) Supply Chain Finance Fund hat eine spektakuläre Entwicklung hinter sich. Sein Fondsvermögen hat sich allein seit Ende April um 78% von 3,4 auf knapp 6,1 Mrd. $ ausgeweitet. Für die Schweizer Grossbank ist es ein wichtiges Produkt.

Das Produktversprechen

Das Ziel dieses CS-Fonds ist eine stabile und unkorrelierte Rendite durch Anlagen in Schuldverschreibungen (Notes) mit kurzer Laufzeit. Besichert sind die Papiere mit Forderungen aus Lieferungen und Leistungen beziehungsweise mit Zahlungsversprechen von Unternehmen. Wie die Bezeichnung Supply Chain Finance aussagt, geht es um Finanzierungsformen, mit denen Gesellschaften ihre Kapitalflüsse entlang der Lieferkette optimieren können.

In einer Produktpräsentation zum Credit Suisse Supply Chain Finance Fund heisst es: Der Fonds investiert in Forderungen aus Lieferungen und Leistungen, die von der britischen Greensill Capital beschafft werden.

Der Widerspruch

Wer den Halbjahresbericht des CS-Fonds per 30. April 2019 prüft, findet darin Notes, die nicht oder nicht allein durch Forderungen aus Lieferungen und Leistungen besichert sein können, sprich: Es kann sich nicht um Supply-Chain-Finanzierung handeln.

So hat der Fonds beispielsweise insgesamt 43,7 Mio. $ in Notes von Catfoss DBT, Catfoss Renewables sowie von Noviniti Colchester und Noviniti Poole investiert.

Die vier Gesellschaften gehören zur Catfoss Group des 56-jährigen Briten Andrew Foreman, seines Zeichens Besitzer, Vorsitzender und Investor von vielfältigen Geschäften.

In ruhende Firma investiert

Die meisten der genannten Gesellschaften sind sehr jung. So wurde Catfoss DBT am 14. Dezember 2018 gegründet. Gemäss britischem Handelsregister ist es eine ruhende Gesellschaft, ohne Geschäftstätigkeit. Der Credit Suisse Supply Chain Finance Fund hat Ende April von ihr Notes im Wert von 15,9 Mio. $ gehalten.

Catfoss Renewables, gegründet im August 2014, hat eine Kraftstoffaufbereitungsanlage und ein Müllheizkraftwerk aufgebaut. Gemäss Handelsregister erwirtschaftete die Gesellschaft im vergangenen Jahr einen Umsatz von weniger als 0,3 Mio. £ und wies operative Kosten von alles in allem 2,6 Mio. £ aus.

Der Credit Suisse Supply Chain Finance Fund hat in Notes von Catfoss Renewables im Gesamtwert von 17 Mio. $ oder umgerechnet 13 Mio. £ investiert.

Der Fall Primevere

Im Halbjahresbericht des CS-Fonds per Ende April sind auch Notes einer Primevere Limited im Gesamtwert von 78,8 Mio. $ aufgelistet. Im britischen Handelsregister findet sich eine Gesellschaft dieses Namens. Sie beschäftigt sich mit einem Immobilienprojekt, einem grossen und im Bau befindlichen Sortierzentrum in den East Midlands.

Gegründet wurde diese Primevere Limited am 22. November 2017. Ab diesem Datum bis 30. Juni 2018 hat sie gemäss ihrem Geschäftsbericht, der im letzten Januar publiziert wurde, noch keinen Umsatz erwirtschaftet und administrative Ausgaben von 9000 £ verbucht.

In der Bilanz zum Stichtag führt Primevere auf der Aktivseite Debitoren in Höhe von 12'000 £ auf, während auf der Passivseite die gesamten Verbindlichkeiten, inklusive latenter Steuerschulden und Bankkrediten, 13,8 Mio. £ ausmachen.

Es erscheint angesichts dieser Zahlen höchst unwahrscheinlich, dass die Gesellschaften der Catfoss Group und die Primevere Limited die Schuldverschreibungen in den Büchern des CS-Fonds aus ihren eigenen erarbeiteten Mitteln zurückzahlen können.

Bluestone: falsch bezeichnet

Im Halbjahresbericht des CS-Fonds erscheinen auch Notes von Bluestone Resources, einem kotierten kanadischen Unternehmen mit einem Goldminenprojekt im Südosten von Guatemala und einem in der Nähe gelegenen Projekt im Bereich erneuerbarer Energien.

Gemäss den Geschäftsberichten für das Jahr 2018 und das erste Quartal von 2019 hat Bluestone noch keinen Umsatz generiert. Über diese fünfzehn Monate beliefen sich die operativen Kosten, inklusive Löhnen und aktienbasierter Vergütungen, auf 30 Mio. $.

Der Credit Suisse Supply Chain Finance Fund hat per Ende April von Bluestone Resources Notes im Wert von 39 Mio. $ ausgewiesen.

Gemäss Auskunft der CS handelt es sich hier aber um eine Verwechslung. Der Halbjahresbericht des CS-Fonds beziehe sich fälschlicherweise auf die kotierte kanadische Bluestone Resources. Tatsächlich handle es sich um eine privat gehaltene, nicht kotierte Gesellschaft in den USA. Nähere Angaben dazu will CS auf Nachfrage nicht machen.

Fokus auf Partner Greensill

Der Fokus richtet sich damit auch auf den Partner des CS-Fonds, auf Greensill Capital, die für ihn die Notes beschafft. Die Londoner Finanzgesellschaft wurde 2011 gegründet, vom 42-jährigen Australier Lex Greensill, der im Juni 2017 wegen seiner Verdienste um die britische Wirtschaft zum Commander of the British Empire ernannt wurde.

Greensill ist die führende unabhängige Anbieterin von Supply-Chain-Finanzierung. Doch die Gesellschaft ist umstritten. Eine Hauptrolle spielt sie im Fall von GAM und ihrem entlassenen Fondsmanager Tim Haywood.

GAM- vs. CS-Fonds

Der in der Krise steckende Zürcher Vermögensverwalter führt auch den GAM Greensill Supply Chain Finance Fund – Greensill beschaffte für dieses Vehikel einerseits die Notes und hat andererseits darin investiert. Am 10. Juni fragte Paul Myners, Lord im britischen Oberhaus, bei seiner Regierung an, ob sie eine Untersuchung dieses Fonds führe oder plane. Für prüfenswert hält der frühere City-Minister speziell auch die Beziehungen zwischen den Fondsmanagern und den Geschäften, in die sie investierten.

Lord Myners hat inzwischen eine Antwort erhalten, wie er The Market mitteilt (siehe Box am Schluss). 

Bemerkenswerterweise ist das Vermögen dieses GAM-Fonds, auf den sich die Frage von Lord Myners bezieht, seit Ende April von 2,1 auf 0,2 Mrd. € eingebrochen – während dasjenige des CS Supply Chain Finance Fund sich zeitgleich um fast 2,7 Mrd. $ ausgeweitet hat.

Die beiden Fonds im Vergleich

Verwaltete Vermögen
GAM Greensill Supply Chain Finance Fund (in Mio. €)
CS (Lux) Supply Chain Finance Fund (in Mio. $)

Kein Geldmarktfonds

Aufseiten von Credit Suisse ist man bemüht, sich vom GAM-Fonds abzugrenzen. Betont wird, dass der CS-Fonds sich an qualifizierte Investoren und nicht an Retail-Anleger richte. Die Notes, in die er investiere, hätten eine sehr kurze Laufzeit von normalerweise im Schnitt nur zwei bis drei Monaten, bevor die Schuldner sie zurückzahlen müssten.

Von den Laufzeiten der Schuldpapiere her weist dieses Anlagevehikel eine Ähnlichkeit zu den als risikoarm geltenden Geldmarktfonds auf. Credit Suisse vermarktet den CS Supply Chain Finance Fund erklärtermassen aufgrund seiner Komplexität aber nicht als Alternative zu Geldmarktfonds.

Ein Fünftel mit Gupta-Nexus

Tatsächlich investiert der CS-Fonds auch in Notes von Unternehmen, die als besonders risikoreich eingestuft werden. Dazu zählen die Gesellschaften der verzweigten GFG Alliance, hinter der der umstrittene Sanjeev Gupta steckt. Auf der Webseite von Greensill wird der indischstämmige, britische Geschäftsmann mit den Worten zitiert: «Supply-Chain-Finanzierung half GFG Alliance, ein globales Industrieunternehmen mit 12 Mrd. $ Umsatz in weniger als vier Jahren aufzubauen.»

Im CS Supply Chain Finance Fund hatten per Ende Oktober 2018 Notes im Wert von 868 Mio. $ oder von 42% des Fondsvermögens einen Nexus zu Guptas Gesellschaften, die sich entweder in der Position als Käufer oder als Lieferant befanden. Per Ende April machte dieser Anteil noch 707 Mio. $ oder knapp 21% des Fondsvermögens aus.

Fondspositionen versichert

Die risikoreichen Positionen im Fonds umfassen kotierte wie nicht kotierte Gesellschaften. Zu Letzteren gehört Shop Direct, von der nach letztem Berichtsstand kurzlaufende Notes im Wert von 90 Mio. $ gehalten wurden. Die Kreditwürdigkeit des britischen Online-Händlers und Finanzdienstleisters mit 2 Mrd. $ Umsatz wird von Moody’s mit B2 eingestuft, also fünf Stufen unterhalb von Investment Grade. Mit anderen Worten: Ramschniveau. Der Ausblick der Ratingagentur ist «negativ».

Credit Suisse unterstreicht, dass alle Notes-Positionen in diesem Fonds zu 100% versichert seien, von Versicherungen, die mindestens ein Single-A-Rating aufwiesen. Marsh agiere dabei als Versicherungsbroker.

Trotz Kontrolle

Darüber hinaus unterliegt der Fonds gemäss Credit Suisse einer mehrfachen Kontrolle, durch die Regulierungsbehörde, CS und das Risikomanagement sowie die Fondsgesellschaft selbst – was freilich Verwechslungen bei den Bezeichnungen der Fondspositionen offenbar nicht ausschliesst.

Credit Suisse nimmt zu einzelnen Positionen im Fonds keine Stellung.

Lord Myners: Risiken von illiquiden Papieren im Blick 

Vor fünf Wochen hat Lord Paul Myners eine schriftliche Anfrage bei der britischen Regierung eingereicht, ob sie eine Untersuchung des GAM Greensill Supply Chain Finance Fund eingeleitet habe oder das plane. Die Regierung hat dem Mitglied des Oberhauses nun geantwortet, dass die britische Finanzmarktaufsichtsbehörde FCA prinzipiell nie offenlege, ob gegen eine bestimmte Gesellschaft eine Untersuchung geführt werde.

Wie Lord Myners in einer schriftlichen Notiz gegenüber The Market ausführt, entspreche diese Antwort seinen Erwartungen. «Mein Interesse auf diesem Gebiet fokussiert sich auf die Risiken, die entstehen, wenn offene Fonds in illiquide Papiere investieren, die schwierig zu bewerten sind», schreibt er und fügt an: «Es freut mich, dass Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, endlich Interesse an diesem Thema zeigt.»