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Aktienanlegen in Zeiten des Handelskriegs

Ob Handelskriege «einfach zu gewinnen» sind, wie US-Präsident Trump behauptet hat, wird sich weisen. Die jüngsten Nachrichten deuten eher auf einen langwierigen Abnützungskampf hin. Wie können sich Aktieninvestoren wappnen?

Sandro Rosa

Die Auseinandersetzung zwischen China und den USA wird rauer. Nach der überraschenden Salve am vergangenen Freitag, als Peking neue Zölle auf US-Produkten vermeldete – und der sofortigen Gegenreaktion von US-Präsident Donald Trump –, sind die Fronten verhärtet. 

Es macht zunehmend den Anschein, dass Donald Trump den Handelskrieg mit China als Plattform für den Wahlkampf 2020 nutzen will. Das Szenario einer gütlichen Einigung zwischen den beiden weltgrössten Volkswirtschaften und einer dadurch ausgelösten positiven Konjunkturdynamik ist somit vorerst ausser Reichweite. 

Wer jetzt noch auf eine rasche Beilegung des Handelskonflikts spekuliert, dürfte mit einer optimistischen Grundeinstellung gesegnet sein. The Market gehört nicht dazu. Wir gehen deshalb der Frage nach, wie sich die Investoren gegen eine weitere Verschärfung im Handelskrieg wappnen können.

USA in relativ guter Position

Der erste Impuls vieler Anleger dürfte sein, Aktien aus den USA und China zu meiden oder abzubauen. Während letztere Strategie aufgehen könnte, dürften die USA, obschon Hauptakteur im Disput, zu den relativen Gewinnern gehören. Dafür spricht die im weltweiten Vergleich geringe Abhängigkeit vom internationalen Handel.

So macht das Auslandgeschäft bei US-Firmen gemäss Daten von Morgan Stanley bloss rund 30% aus – das liegt deutlich unter den Werten von Japan (45%), Europa (53%) oder auch der Schweiz (83%). Damit sind sie weniger anfällig für Störungen der internationalen Handelsbeziehungen – und dürften auch bei einer weiteren Zuspitzung vergleichsweise gut dastehen. 

«Die Exporteure aus Europa und den Schwellenländern sind besonders anfällig für eine Eskalation des Handelskriegs», folgert Chef-Aktienstratege Robert Buckland von Citigroup in einem Marktbericht.

Auf welche Länder setzen?

Generell dürften sich Aktien von Unternehmen, die auf ihren Heimmarkt fokussieren, besser halten. Sie sind weniger abhängig von den globalen Wertschöpfungsketten. Gleiches gilt für Dienstleistungssektoren – denn gemäss Credit Suisse betreffen fast 90% des Handels Güter und bloss etwas mehr als 10% Dienstleistungen.

Credit Suisse schlägt einen Ansatz zur Länderauswahl vor. Sie verwendet drei Kriterien: Erstens soll der Anteil des verarbeitenden Gewerbes in einem Land möglichst gering sein, zweitens sollte es wenig abhängig sein von den Vereinigten Staaten, und schliesslich soll es keinen massgeblichen Handelsüberschuss mit den USA erzielen.

Denn je höher der Überschuss mit den USA, desto grösser die Gefahr, dass das Land den Unmut Donald Trumps erregt und ebenfalls mit Zöllen und anderen Handelsbeschränkungen bestraft wird. Auf Basis dieser drei Kriterien schwingen Frankreich, Indien und Russland obenaus. Kanada, Mexiko, Südkorea und Thailand hingegen schneiden schlecht ab und sind deshalb verwundbar.

Der Schweizer Aktienmarkt – der leider in der Auswertung nicht auftaucht – dürfte trotz hohem Exportanteil der Unternehmen zu den widerstandsfähigeren zählen, dominieren doch die defensiven Sektoren Gesundheit (Novartis und Roche) und Nahrungsmittel (Nestlé). 

Sektoren mit Heimfokus

Doch auch die USA sind nicht ganz gefeit. Konjunktursensitive zyklische US-Sektoren könnten sich einer globalen Wachstumsabschwächung kaum entziehen. «Investoren, die sich Sorgen um Handelskriege machen, sollten die traditionellen defensiven Sektoren übergewichten», meint Buckland von Citigroup.

Diese sind in der Regel auch stärker auf den Heimmarkt fokussiert. Dazu zählen in Europa etwa die Branchen Immobilien (Real Estate), Detailhandel (Retailing), Versorger (Utilities), Versicherer (Insurance) und Telecom, die zwischen 75 und 100% des Umsatzes innerhalb der Landesgrenzen erzielen. 

Quelle: Morgan Stanley

Quelle: Morgan Stanley

In den USA sieht das Bild ähnlich aus. Allerdings gehört dort auch Gesundheit (Health Care) zu den lokalen Sektoren.  

Quelle: Morgan Stanley

Quelle: Morgan Stanley

Aus ethischer Sicht fragwürdig sind Rüstungskonzerne. Dennoch befinden sie sich in einer guten Position, denn die Konkurrenz ist überschaubar. Das verleiht ihnen einen gewissen Schutz. Zudem dürften sie davon profitieren, dass Trump Druck auf die anderen Nato-Staaten macht, ihr Verteidigungsbudget aufzustocken. 

Ungemütlich könnte eine Verschärfung im Handelsdisput für den erfolgsverwöhnten IT-Sektor werden. Denn wie die Grafik zeigt, weist er das bedeutendste Auslandexposure auf.

Halbleiter- (Semis), Hardware- (Tech Hardware) und Softwareunternehmen gehören zu den internationalsten Firmen überhaupt. Sie setzen rund 60% ausserhalb der Landesgrenzen um – und sind entsprechend anfällig für Exportrestriktionen, Zölle und andere Handelshemmnisse. Das ist wohl mit ein Grund, weshalb der IT-Sektor in den vergangenen Wochen hinter dem Gesamtmarkt zurückgeblieben war. 

Dividendentitel im Vorteil

David Kostin, US-Aktienstratege bei der Grossbank Goldman Sachs, sieht zudem Chancen bei amerikanischen Dividendentiteln. Einerseits seien Investoren viel zu pessimistisch, was das Dividendenwachstum anbelange. Zudem seien Dividendenaktien im Vergleich zum übrigen Markt so günstig bewertet wie seit vierzig Jahren nicht mehr. Damit sollten sie über einen genügend grossen Puffer verfügen.   

Nicht ganz überraschend tauchen viele Namen aus den traditionellen defensiven Sektoren wie Immobilien, Telecom und Versorger auf (vgl. Tabelle). 

Interessante US-Dividendentitel

Ticker Name Branche Kurs Währung Dividendenrendite (%)
T US Equity AT&T INC Telecom 34,9 USD 5,86
VZ US Equity Verizon Telecom 56,7 USD 4,29
ADM US Equity Archer Daniels Midland Basiskonsum 37,8 USD 3,73
WBA US Equity Walgreens Boots Alliance Detailhandel 50 USD 3,58
ABBV US Equity AbbVie Pharma 66,5 USD 6,46
CAH US Equity Cardinal Health Pharma 43,8 USD 4,6
PFE US Equity Pfizer Pharma 34,8 USD 4,11
SPG US Equity Simon Property Group Immobilien 147 USD 5,66
AEP US Equity American Electric Power Versorger 90,8 USD 2,98
EVRG US Equity Evergy Versorger 65,2 USD 2,95

Die Goldman-Sachs-Kollegen auf der anderen Seite des Atlantiks haben attraktive europäische Dividendentitel ausfindig gemacht. Bei ihrer Selektion haben sie nicht bloss Valoren mit einer möglichst hohen Ausschüttung gesucht, sondern auch berücksichtigt, dass die Unternehmen regelmässig einen hohen freien Cashflow erzielen. Damit soll das Risiko von Dividendenkürzungen gemindert werden.

Wie in den USA sind auch in der Europaauswahl diverse defensive Werte vertreten. Allerdings schaffen es ebenso Energietitel wie die österreichische OMV oder die aus dem Zusammenschluss von Statoil und den Erdöl- und Erdgasaktivitäten von Norsk Hydro entstandene Equinor. Es finden sich aber auch Minenbetreiber (Anglo American) und der finnische Papier- und Verpackungshersteller Stora Enso.

Attraktive europäische Dividendentitel

Ticker Name Branche Kurs Währung Dividendenrendite (%)
AAL LN Equity Anglo American Minenbetreiber 1683,6 GBp 5,87
STERV FH Equity Stora Enso Forstprodukte 9,9 EUR 5,21
HEI GY Equity HeidelbergCement Baumaterialien 60,9 EUR 3,81
EQNR NO Equity Equinor Öl und Gas 150,6 NOK 6,23
OMV AV Equity OMV Öl und Gas 45,8 EUR 4,15
BWY LN Equity Bellway Hausbauer 2908 GBp 5,07
AD NA Equity Ahold Nahrungsmitteldetailhandel 20,7 EUR 3,63
TEF SM Equity Telefónica Telecom 6,1 EUR 6,62
ORA FP Equity Orange Telecom 13,5 EUR 5,28
ENEL IM Equity Enel Versorger 6,4 EUR 5,11