Im Fokus

Amerikas schönste Dividenden-Stories

Im Umfeld rekordtiefer Zinsen gewinnen Unternehmen mit einer feudalen Ausschüttungspolitik an Reiz. Diese Aktien stechen an den US-Börsen mit einer überdurchschnittlichen Rendite heraus.

Christoph Gisiger

An den US-Börsen treffen die Quartalsberichte derzeit en masse ein. Annähernd 40% der Konzerne aus dem S&P 500 haben diese Woche den Abschluss präsentiert. Diverse Unternehmen berichten dabei nicht nur über die neusten Zahlen zu Umsatz und Gewinn, sondern warten auch mit einer Verbesserung der Ausschüttungspolitik auf.

Ein aktuelles Beispiel ist BlackRock. Der Vermögensverwalter erhöht die quartalsweise ausgezahlte Dividende ab März von 3.30 auf 3.63 $ pro Aktie, womit die Titel solide 2,7% rentieren. Auch andere prominente Konzerne wie Ebay, Comcast, Intel, Chevron oder Valero Energy kündigen eine deutlich höhere Barausschüttung an.

Für Investoren, die im Umfeld ultratiefer Zinsen an der Börse nach feudalen Renditen suchen, sind das erfreuliche Nachrichten. Angesichts der Unsicherheit um das Coronavirus und schwächerer Konjunkturdaten sind die Zinsen auf zehnjährige US-Staatsanleihen diese Woche unter 1,6% gefallen - und nähern sich damit erneut dem Rekordtief vom Hochsommer 2016.

Valoren mit einer stattlichen Ausschüttung gewinnen dadurch im Vergleich zu Anleihen an Attraktivität. Das, auch weil sie einem Portfolio in unsicheren Zeiten tendenziell Stabilität geben.

Die Dividendenrendite für den S&P 500 beläuft sich gegenwärtig auf 1,85%. Amerikanische Aktien werfen damit mehr Zins als langlaufende Staatsanleihen ab und sind ebenso im Vergleich zu Unternehmensanleihen reizvoller:

S&P 500: Dividendenrendite

in %
Dividendenrendite S&P 500
Zinsen auf zehnjährige US-Staatsanleihen

In Sachen Ausschüttungspolitik zeigt sich Corporate America schon seit Längerem von der generösen Seite. Das Pay-out Ratio für den S&P 500 bewegt sich inzwischen seit fünf Jahren konstant über 40%. Im vergangenen Jahr haben die grössten fünfhundert US-Konzerne die Dividende durchschnittlich um weitere 8% erhöht:

S&P 500: Dividendenwachstum

Dividende pro Aktie (rollierend über 12 Monate), in $

Für das Researchteam von Bank of America sind die wachsenden Direktausschüttungen ein zentraler Grund für die beeindruckenden Kursavancen an den US-Börsen.

«Das Wachstum der Dividendenzahlungen erklärt 64% der Bewertungsexpansion des S&P 500 über die letzten zehn Jahre», hält Aktienstrategin Savita Subramanian fest. «Da sich das aktuelle Pay-out Ratio aber nurmehr knapp unter dem historischen Durchschnitt von 45% bewegt, dürften die Ausschüttungen künftig nicht mehr so kräftig zunehmen», räumt sie.

Vor diesem Hintergrund lohnt es sich für renditeorientierte Anleger, selektiv vorzugehen. Für Schweizer Investoren sind amerikanische Dividendentitel aus Steuergründen und mit Blick auf das Wechselkursrisiko zwar nicht ganz so attraktiv wie heimische Perlen. Immerhin lässt sich mit der Steuererklärung aber ein Teil der US-Quellensteuer zurückfordern.

Neue Mentalität im Energiesektor

Wer sich für Unternehmen mit einer feudalen Ausschüttung interessiert, wird erfahrungsgemäss in den Sektoren Versorger, Basiskonsum und Immobilien fündig. Neuerdings fallen aber auch Aktien aus dem Energiesektor mit überdurchschnittlichen Dividendenrenditen auf.

Das hat nicht nur mit den heftigen Kurseinbussen von Energiewerten zu tun. Nach Jahren, die von einem wilden Investitionsboom und massivem Kapitalverschleiss geprägt waren, findet in der Branche ein Umdenken statt, wodurch Kostendisziplin und Ausschüttungen an die Aktionäre in den Fokus rücken.

Chevron beispielsweise hat diesen Mittwoch eine weitere Dividendenerhöhung um 10 Cent auf 1.29 $ pro Aktie und Quartal angekündigt, woraus sich eine Rendite von 4,6% errechnet.

Im Fall von Branchenleader Exxon Mobil sind es 5,4% und bei Occidental Petroleum sogar 7,8%. Im Durchschnitt rentieren Aktien aus dem Energiesektor über 4%:

Dividendenrendite nach Sektoren

in %

Könige der Ausschüttungspolitik

Die Vereinigten Staaten haben sich mit der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 zwar als Demokratie etabliert und die englische Krone mit König George III zum Teufel gejagt. Am Aktienmarkt geniesst «blaues Blut» heute jedoch mehr Renommee denn je.

Zuoberst in der Hierarchie amerikanischer Renditetitel rangieren die sogenannten «Dividend Kings». Diesen royalen Titel erhalten Unternehmen, die ihre Direktausschüttung seit mehr als einem halben Jahrhundert ohne Unterbruch Jahr für Jahr erhöhen.

Der älteste Monarch unter ihnen ist American States Water. Der 1929 gegründete Versorger aus Kalifornien hat die Dividende in den vergangenen 65 Jahren kontinuierlich gesteigert. In den letzten zwölf Monaten ist sie weiter um 13 Cent auf 1.91 $ je Titel gewachsen.

Insgesamt gehören der Königsklasse 28 Unternehmen an, zu denen wohlbekannte Namen wie Johnson & Johnson, Coca-Cola, Procter & Gamble und 3M gehören.

Hier dazu eine Aufstellung der zehn Titel mit der längsten Sequenz stetiger Dividendenerhöhungen:

«Dividend Kings»

Börsenwert Rendite Pay-out Ratio KGV Verschuldung Historie
American States Water 3,3 1,3 51,1 41,6 2,9 65
Dover 17,3 1,7 41,6 18,8 2,1 64
Procter & Gamble 311 2,4 158,9 24,4 1,2 63
3M 93,5 3,6 72,6 17 2,3 61
Coca-Cola 251,9 2,8 76,7 26,1 2,8 57
Johnson & Johnson 395,7 2,5 66,6 16,6 0,4 57
Lowe's 91,8 1,8 53,7 18,5 2,7 57
Colgate-Palmolive 59,5 2,5 62,9 23,6 1,9 56
Target 58,1 2,3 41 17,1 1,8 52
Altria 89,7 6,7 105,3 10,8 2,4 50

Aristokraten und Emporkömmlinge

Nicht jedes Blaublut ist jedoch ein König. Zur weiter gefassten Oberschicht Corporate Americas zählen rund sechzig Unternehmen, die ihre Dividende seit fünfundzwanzig Jahren fortwährend steigern.

Um sich für einen Platz unter diesen sogenannten «Dividend Aristocrats» zu qualifizieren, muss ein Konzern zudem im S&P 500 vertreten sein, einen Börsenwert von mindestens 3 Mrd. $ haben und ein tägliches Aktienhandelsvolumen von nicht weniger als 5 Mio. $ ausweisen.

Engagements in diesen Titeln haben sich in den letzten zehn Jahren ausgezahlt. Direktausschüttungen eingerechnet, verzeichnet der S&P 500 Dividend Aristocrats Index eine durchschnittliche Avance von 14,8% pro Jahr, während es für den S&P 500 total 13,6% sind:

Quelle: S&P Dow Jones Indices

Quelle: S&P Dow Jones Indices

Ab kommender Woche gehören zehn neue Konzerne diesem exklusiven Club an, darunter das Ölservice-Unternehmen Helmerich & Payne, der Datendienst FactSet sowie die Industriegruppe Franklin Electric.

Wenig überraschend sind Schwergewichte wie AT&T, McDonald’s, Archer-Daniels-Midland, Walmart und PepsiCo schon seit längerem in der Dividendenaristokratie vertreten:

«Dividend Aristocrats»

Börsenwert Rendite Pay-out Ratio KGV Verschuldung Historie
AbbVie 120,9 5,7 191,2 9 1,8 47
AT&T 271,6 5,6 90,4 10,3 3,3 35
Exxon Mobil 274,1 5,4 98,6 21,7 1,3 37
Chevron 210,6 4,3 66,7 16,1 0,8 32
Archer-Daniels-Midland 25,5 3,3 57,2 13,2 3 44
Caterpillar 74,8 3 34,3 12,9 3 26
PepsiCo 200,6 2,7 42,6 24,7 2,2 47
McDonald's 162,8 2,3 59,5 25,3 3,6 44
United Technologies 131,5 1,9 44,1 18,5 2,7 25
Walmart 330,8 1,8 41,9 22,9 1,9 46
Medtronic 158,4 1,8 58,6 20,3 1,7 42

Anders als bei den Habsburgern, Bourbonen, Windsors und anderen mächtigen Dynastien hängt der Adelstitel hier nicht von Geburt oder Heirat ab. Erforderlich sind ein robuster Cashflow und Grosszügigkeit gegenüber den Aktionären.

Dutzende von Unternehmen sind gegenwärtig daran, sich zu Dividenden-Aristokraten hochzuarbeiten. Dazu zählen auch verschiedene Konzerne aus dem Technologiesektor wie Texas Instruments, IBM, Qualcomm oder Microsoft.

Texas Instruments etwa blickt inzwischen bereits auf 16 Jahre mit kontinuierlicher Dividendenerhöhung zurück. Obwohl der Halbleiterhersteller sich letztes Jahr durch den schwersten Markteinbruch seit der Rezession von 2008/09 kämpfte, hat er die Auszahlung im Herbst weiter von 77 auf 90 Cent pro Aktie und Quartal erhöht.

Hier dazu eine Auswahl von zehn «Dividend Achievers»:

«Dividend Achievers»

Börsenwert Rendite Pay-out Ratio KGV Verschuldung Historie
Occidental Petroleum 36,3 7,8 200,3 41,7 5,2 16
IBM 121,1 4,7 60,5 10,2 3,2 24
Verizon 245,5 4,1 52 12 2,5 15
Duke Energy 71,1 3,9 74,2 19,6 5,7 15
Texas Instruments 116 2,9 60 24 0,1 16
Qualcomm 100,3 2,8 67,7 20,8 0,4 16
Bristol-Myers Squibb 149,6 2,8 47,1 11,5 - 10
Home Depot 253,9 2,3 50,7 22,4 1,8 10
Lockheed Martin 122,1 2,2 41 18 1,3 17
Starbucks 100,8 1,9 48,3 27,9 3,2 10

Mahnende Beispiele

Nicht immer ist eine feudale Ausschüttungspolitik langfristig jedoch gut für die Aktionäre. Zahlreiche Unternehmen höhlen ihre Bilanz mehr und mehr aus, um Aktienrückkäufe und Dividenden zu finanzieren. Speziell Konsumgüterwerte sind deshalb oft weniger sicher, als es scheint.

Das trifft selbst auf Blue Chips wie Coca-Cola zu. Der Getränkehersteller hat in sechs der letzten zehn Jahre mehr Geld ausgeschüttet, als er freien Cashflow erwirtschaftet hat. Der Verschuldungsgrad (gemessen am Verhältnis der Nettoschulden zum Ebitda) hat sich dadurch von 1,2 auf 2,8 erhöht.

Wie verhängnisvoll eine allzu ambitiöse Ausschüttungspolitik sein kann, hat zuletzt General Electric demonstriert. Das Industriekonglomerat gehörte lange zu den grosszügigsten Unternehmen an der US-Börse. Um zu überleben, musste es die Dividende dann im Dezember 2018 auf einen symbolischen Cent pro Aktie und Quartal zusammenstreichen:

General Electric: Entwicklung der Dividende

Jährliche Direktausschüttung pro Aktie, in $

Andere tragische Fälle sind General Motors, J.C. Penney, Kodak sowie die Grossbanken Washington Mutual und Citigroup. Die Investmenthäuser Lehman Brothers und Merrill Lynch hatten die Ausschüttung am Vorabend der Finanzkrise sogar noch auf das Doppelte erhöht, worauf sie kurze Zeit später in Konkurs gingen oder notfallmässig übernommen werden mussten.

Aktien mit Dividendenpotenzial

Umso mehr empfiehlt es sich, bei Dividendenstrategien sorgfältig vorzugehen. The Market hat aus diesem Grund den S&P 500 nach zehn attraktiven Aktien durchsucht, bei denen in den nächsten zwei Jahren Potenzial zu einer deutlichen Steigerung der Barausschüttung besteht.

Mit Hilfe des Datendiensts S&P Global wurden Unternehmen dabei auf drei Schlüsselkriterien geprüft: Ein solider Geschäftsgang, eine einigermassen gesunde Bilanz, eine ansprechende Rendite sowie zuversichtliche Analystenschätzungen zum Dividendenwachstum.

Diese Anforderungen erfüllt mitunter CME Group. Der weltgrösste Börsenbetreiber ist kaum verschuldet, verfügt über eine oligopolähnliche Marktstellung und pflegt eine flexible Dividendenpolitik. Sie umfasst regulär 75 Cent pro Aktie und Quartal sowie jeweils eine Sonderauszahlung am Ende des Jahres, die vom Cash-Bestand abhängt.

Seit der Konzern diese Richtlinie 2012 etabliert hat, sind insgesamt 13 Mrd. $ an Dividenden an die Aktionäre geflossen. Analysten schätzen, dass die Ausschüttung in den nächsten zwei Jahren um 30% auf knapp 7.10 $ je Aktie steigen wird.

Interessant sind nach diesem Gesichtspunkt ebenso solid finanzierte Biotech- und Pharmakonzerne wie Amgen, Gilead Sciences und Merck. Amgen etwa hat die quartalsweise ausgezahlte Dividende Ende letztes Jahr von 1.45 auf 1.60 $ pro Aktie erhöht.

Auch dem Goldminenkonzern Newmont und der Industriegruppe Illinois Tool Works werden eine deutliche Steigerung der Ausschüttungspolitik zugetraut.

Mit Goldman Sachs und Bank of America fungieren zudem zwei Grossbanken auf der Liste. Die Aktien dieser Finanzkolosse bringen zwar gewisse Risiken hinsichtlich regulatorischer Auflagen mit sich. Speziell Bank of America ist nach Jahren geprägt von Bussen und operativen Problemen heute jedoch gut aufgestellt, womit reichlich Spielraum für höhere Ausschüttungen besteht:

Aktien mit Dividendenpotenzial

Börsenwert Rendite Pay-out Ratio Steigerungspotenzial KGV Verschuldung
Gilead Sciences 81 3,9 117,2 13,1 9,2 0,3
Amgen 134,4 2,8 44,8 20,5 14 1,8
Merck 220,2 2,8 59,8 16,6 16,2 1,1
ConocoPhillips 66,8 2,8 16,7 30,9 17,4 0,4
Illinois Tool Works 57,2 2,4 52,6 10,8 23,1 1,5
CME 78,4 2,2 82,5 32,5 31,1 1
Celanese 13,3 2,2 46,5 18,8 10 2,9
Newmont 36,3 2,2 16,9 20 24,5 1,4
Bank of America 295,8 2,2 24 39,4 11,1 -
Goldman Sachs 86,4 2,1 19,7 34,7 9,9 -