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Britische Aktien: from Zero to Hero?

Aktien aus dem Vereinigten Königreich bleiben wegen der Brexit-Unsicherheit seit Jahren zurück. Diese Verunsicherung legt sich nun langsam – wie können Anleger davon profitieren?

Sandro Rosa

Die Freude währte kurz: Mitte Oktober meldeten London und Brüssel überraschend den Durchbruch in den Brexit-Verhandlungen. Was Theresa May nicht gelungen war, hatte der seit Juli amtierende, neue Premierminister Boris Johnson binnen kurzer Zeit geschafft: einen neuen Deal mit der Europäischen Union zu vereinbaren.

Doch statt ihn am Samstag, dem 19. Oktober, abzusegnen, verlangt das britische Parlament einen Aufschub der Brexit-Deadline, die am 31. Oktober greift. Es brauche mehr Zeit, um den Vertrag genauer zu analysieren. Damit ist der Abschluss der Verhandlungen wieder vertagt worden.

Dennoch scheint die Brexit-Saga langsam ein Ende zu finden – und die politische Unsicherheit abzunehmen. Denn nun schälen sich zwei Alternativen heraus (das neue Austrittsabkommen von Boris Johnson und die weichere Variante der Labour-Partei), die eine reelle Chance haben, umgesetzt zu werden. Das Risiko eines unkontrollierten Bruchs scheint somit gebannt.

Alejandra Grindal, Ökonomin beim amerikanischen Analysehaus Ned Davis Research, schreibt: «Obwohl alle Szenarien auf eine anhaltende Unsicherheit hindeuten, ist das Risiko eines No-Deal-Brexit stark reduziert worden.»

Gestoppter Schwund beim Pfund

Das sollte ausreichen, damit die Risikoprämie, die auf britischen Vermögenswerten lastet, in den kommenden Monaten reduziert wird. Denn das Pfund und britische Aktien haben seit 2016 arg gelitten. 

Das zeigt ein Blick auf den realen effektiven Wechselkurs, der von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich berechnet wird. Er notiert so niedrig wie kaum je in den vergangenen rund zwanzig Jahren. Besonders seit der Brexit-Abstimmung im Juni 2o16 hat das Pfund massiv an Wert eingebüsst.

Und die grossen Börsenspekulanten erwarten eine anhaltende Schwäche. Das verdeutlichen die Daten der US-Börsenaufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission (CFTC), der die grossen Marktteilnehmer ihre Transaktionen melden müssen. Gemäss CFTC-Daten überwiegen die Verkaufs- die Kaufpositionen um 73'000 Kontrakte. Sollten diese Händler ihre Short-Positionen neutralisieren oder nur schon reduzieren, dürfte das dem unterbewerten Pfund Schub geben.

Doch nicht nur in Bezug auf das Pfund sind die Anleger skeptisch, auch die Aktien stehen nicht gerade hoch in ihrer Gunst.

Unbeliebt wie selten – und deshalb günstig

Wie gross die Abneigung gegen Aktien aus dem Vereinigten Königreich ist, verdeutlicht die monatliche Umfrage der amerikanischen Grossbank Bank of America Merrill Lynch unter Fondsmanagern. Auf die Frage, welche der wichtigsten Börsen in den nächsten zehn Jahren am besten abschneiden werde, liegen die Schwellenländer klar an der Spitze – und britische Aktien abgeschlagen am Schluss.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit – doch auch für die nächsten zwölf Monate setzt kaum ein Experte auf Grossbritannien. Per saldo gaben 39% in der jüngsten Umfrage an, sie seien in britischen Aktien untergewichtet. «Britische Aktien fristen unter globalen Fondsmanagern seit fünf Jahren ein Mauerblümchendasein», schreibt Manish Kabra von BofAML. Das Bild wird bestätigt durch den substanziellen Abfluss aus britischen Valoren, der von dem auf Flow-Daten spezialisierten Anbieter EPFR dokumentiert wird.

Als Folge dieser Unbeliebtheit sind die Bewertungen vieler Londoner Aktien ungemein attraktiv geworden. Gemäss einer Analyse von Graham Secker, Chefaktienstratege bei Morgan Stanley, handeln britische Titel im Durchschnitt zu einem Abschlag von rund einem Drittel zum MSCI-Industrieländerindex. So gross war die Diskrepanz bloss drei Mal in den vergangenen vierzig Jahren.

Gegenüber europäischen Aktien ist der Diskont so hoch wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Gleichzeitig erfreuen sich die Unternehmen auf der Insel aber seit Jahren eines deutlich robusteren Gewinnwachstums, wie Graham Secker bemerkt.

Wer gewinnt?

Wer also auf den Leitindex FTSE 100 setzt, der die hundert grössten britischen Aktien abbildet, dürfte langfristig eine überdurchschnittliche Rendite erzielen – auch wenn der noch nicht abgeschlossene Brexit weiterhin für erhöhte Schwankungen sorgen könnte.  

Noch besser dürften indes britische Small Caps abschneiden. Ein Blick auf die verschiedenen Indizes zeigt nämlich, dass kleinkapitalisierte Unternehmen einen deutlich grösseren Umsatzanteil im Heimmarkt erzielen (73%) als die internationalen FTSE-100-Grosskonzerne (21%). 

Während ein stärkeres Pfund die Gewinne der FTSE-100-Unternehmen schmälern wird, sind die Small Caps weitgehend immun dagegen. Zudem sind sie noch attraktiver bewertet: Der FTSE Small Caps Index handelt auf einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp über 10 und einer Dividendenrendite von 4,4% – im historischen Vergleich ist das äusserst günstig. Gemäss Morgan Stanley würden britische Small Caps auch nach einem Kursanstieg von 40 bis 50% punkto Bewertung lediglich auf dem langfristigen Mittelwert notieren.   

Auch Unternehmen mit grossem Umsatzanteil im Inland dürften überdurchschnittlich abschneiden, wenn sich das Pfund erholt. Zudem argumentieren die Ökonomen von Goldman Sachs, dass ein Brexit-Deal zu einer Erholung der Investitionen und des Wachstums führen werde – wovon binnenorientierte Firmen besonders profitieren.

Gemäss Morgan Stanley erzielen die folgenden Gesellschaften mindestens 80% ihres Umsatzes im Vereinigten Königreich und gehören zu den günstigsten Titeln in ihrer Branche:

Unternehmen mit grossem Umsatzanteil im Inland

Ticker Name Sektor Kurs (GBp) Dividendenrendite (in %) Geschätztes KGV (2020)
HFD LN Equity Halfords Group Autozubehör 173,5 10,44 8,3
CNA LN Equity Centrica Gasversorger 73,92 12,18 7,78
BT/A LN Equity BT Group Telecom 206,3 6,67 8,29
CARD LN Equity Card Factory Detailhandel 174 7,17 9,94
DRX LN Equity Drax Stromerzeuger 305,2 4,66 8,6
BME LN Equity B&M European Value Retail Detailhandel 362,5 1,98 14,5
BAKK LN Equity Bakkavor Group Nahrungsmittel 128,4 4,67 9,04
ITV LN Equity ITV Medien 134,65 4,95 10,2
SPI LN Equity Spire Healthcare Gesundheit 122,6 3,1 18,86
AUTO LN Equity Auto Trader Internetdienstleistungen 557 1,2 22,28

Häuserbauer sollten profitieren

Zu den Gewinnern einer Einigung dürften laut Dhaval Joshi von BCA Research zudem auch die Häuserbauer zählen. «Die beste Möglichkeit für Aktienanleger, von einem abnehmenden Brexit-Abschlag zu profitieren, sind Häuserbauer», schreibt der Stratege.

Besonders optimistisch ist er für Persimmon, der er ein Kurspotenzial von 25% zutraut. Peter Frech vom Schweizer Value-Manager Quantex äusserte sich kürzlich gegenüber The Market ebenfalls positiv zum Titel: «Persimmon ist schuldenfrei und hat 1 Mrd. £ Bargeld in der Bilanz.»

Weitere Häuserbauer haben es zudem in die aktuelle Qualitätsauswahl von The Market geschafft: Mit Berkeley Group, Bellway und Barratt Developments finden sich drei Vertreter in der Liste. Taylor Wimpey schliesslich ist ebenfalls attraktiv bewertet.

Attraktive Häuserbauer

Ticker Name Kurs (GBp) Dividendenrendite (in %) Geschätztes KGV (2020)
BKG LN Equity Berkeley Group 4430 0,6 12,9
BWY LN Equity Bellway 3233 4,2 7,5
BDEV LN Equity Barratt Developments 646,2 6,8 9
PSN LN Equity Persimmon 2344 9,5 8,7
TW/ LN Equity Taylor Wimpey 166,15 10 8

Peter Oppenheimer, bei Goldman Sachs Chefaktienstratege für Europa, empfiehlt zudem Finanzwerte zum Kauf. Denn der Sektor habe überdurchschnittlich stark unter der Unsicherheit gelitten und sei zudem ein Profiteur eines stärkeren Pfunds. Günstige Finanztitel sind unter anderem Lloyds Banking Group, Legal & General, Royal Bank of Scotland, Barclays und Aviva.

Britische Finanzwerte

Ticker Name Sektor Kurs (GBp) Dividendenrendite (in %) Geschätztes KGV (2020)
LLOY LN Equity Lloyds Banking Group Bank 59,85 5,14 8,31
LGEN LN Equity Legal & General Versicherung 272,7 5,8 8,39
RBS LN Equity Royal Bank of Scotland Bank 225,9 9,29 8,76
BARC LN Equity Barclays Bank 166,4 3,76 7,23
AV/ LN Equity Aviva Versicherung 424,3 6,73 7,05

Fazit

Die Brexit-Wirren haben für eine attraktive Bewertung britischer Vermögenswerte gesorgt. Wer davon profitieren möchte, setzt mit Vorteil auf kleine Unternehmen, auf Firmen mit hohem Umsatzanteil im Vereinigten Königreich, auf Finanztitel und auf Häuserbauer.