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Cassiopea und Molecular Partners sind eine Wette wert

Der Schweizer Biotech-Sektor muss bei den Anlegern unten durch. Doch wer etwas Geduld mitbringt, sollte einen Teil seines Gelds darin investieren.

Andreas Kälin

Vielen Anlegern ist der Geduldsfaden mit Schweizer Biotech-Aktien gerissen. Immer wieder hat es unerwartete Rückschläge bei einzelnen Gesellschaften gegeben.

So ist der Aktienkurs von Polyphor allein am 10. Mai um 49% eingebrochen. Am Abend zuvor hatte die auf Antibiotika spezialisierte Gesellschaft angekündigt, die Patientenrekrutierung für zwei Phase-III-Studien zum wichtigsten Produktkandidaten Murepavadin einzustellen, aufgrund von Nebenwirkungen des Wirkstoffs.

Es ist ein dramatisches Beispiel für die Kurseinbrüche in diesem Sektor. Doch es gibt Fälle mit sehr attraktivem Chancen-Risiko-Profil. Für The Market gehören Cassiopea und Molecular Partners zu den Gesellschaften, bei denen Geduld Rosen bringen kann.

Molecular Partners

Kurs seit Kotierung in Fr.

Molecular Partners: Geduld

Der Kurstrend von Molecular Partners stimmt erst einmal nicht zuversichtlich. Seit dem im November 2015 erreichten Höchst von 38.75 Fr. zeigt er grundsätzlich nach unten.

Im Juli 2018 schien die Gesellschaft hohen Meilensteinzahlungen dann aber einen wichtigen Schritt näher gekommen zu sein. Ihren fortgeschrittensten Wirkstoff Abicipar hatte sie an Allergan auslizenziert. Vom Partner durchgeführte Phase-III-Studien bestätigten damals die Wirksamkeit des Augenheilmittels im Einsatz gegen die altersbedingte feuchte Makuladegeneration.

Die Nebenwirkungen

Allerdings: Abicipar löste öfters Augenentzündungen aus als das etablierte Konkurrenzprodukt Lucentis von Novartis. Molecular Partners führte dies auf Verunreinigungen im Herstellungsprozess zurück, die man in den Griff bekommen könne.

Diesen April publizierte Allergan dann die Resultate einer Studie, gemäss der die Entzündungsrate bei Abicipar von 15 auf 8,9% verbessert wurde. Damit lag der Wert immer noch höher als bei der Referenztherapie Lucentis, doch auch dort konnte sie von anfänglich über 15% auf inzwischen fast null reduziert werden.

Übernahme verunsichert

Neue Unsicherheit unter den Anlegern kam auf, als im Juni publik wurde, dass der US-Konzern AbbVie die in Dublin domizilierte Allergan übernehmen will. Die Anleger befürchteten, dass Abicipar für Allergan nun nicht mehr so hohen Stellenwert habe. Molecular Partners selbst kann nach der Auslizenzierung des Augenheilmittels auf den Fortlauf der Dinge keinen direkten Einfluss mehr nehmen.

Die Befürchtungen schienen nicht grundlos zu sein: Allergan hatte zugesagt, die Zulassungsanträge für Abicipar in den USA und Europa bis Ende Juni einzureichen. Lange kam vom Unternehmen keine Nachricht dazu, bis es diese Woche meldete, die Europäische Arzneimittelbehörde EMA habe den Antrag für das Augenheilmittel validiert.

Plan bestätigt

So ist anzunehmen, dass Allergan bei Abicipar planmässig vorangeht und auch den Zulassungsantrag in den USA eingereicht hat: Die US-Gesundheitsbehörde hat 74 Tage Zeit, darüber zu befinden, und sollte ihre Akzeptanzentscheidung spätestens im September mitteilen.

Die Validierung des Zulassungsantrags durch die EMA hat den Kurs von Molecular Partners an diesem Dienstag kurzzeitig stark nach oben befördert, bevor die Aktien erneut unter Druck gekommen sind. Die Skepsis der Anleger lässt sich nicht so rasch vertreiben.

In einem Jahr

Entscheidend bleibt, ob die Gesundheitsbehörden das Augenheilmittel Abicipar dann auch zulassen – manche Biotech-Firma hat da, trotz guter Testresultate für ihre Produkte, mit der FDA und der EMA unerfreuliche Erfahrungen gemacht. Die Zulassungsbescheide für Abicipar gegen altersbedingte Makuladegeneration sind in etwa einem Jahr zu erwarten. Fallen sie positiv aus, folgen Preisverhandlungen in den einzelnen Märkten und die Marktlancierung des Produkts.

Erst dann fliessen für Molecular Partners direkt Meilensteinzahlungen. Läuft alles rund bei Abicipar, können sich die entsprechenden Einnahmen auf total 360 Mio. $ summieren. Von den Meilensteinzahlungen entfallen rund 210 Mio. $ auf regulatorische und 150 Mio. $ auf umsatzbedingte.

Hohe Meilensteinzahlungen

Das Total an regulatorischen Zahlungen bezieht sich auf die Markteinführung von Abicipar in den USA, Europa und Japan sowie auf beide Anwendungsgebiete des Mittels bei Makuladegeneration, also die alters- wie die diabetesbedingte Form.

Der Grossteil der regulatorischen Meilensteinzahlungen, geschätzt 150 Mio. $, winken bei der Markteinführung des Mittels gegen altersbedingte Makuladegeneration – davon hängt wiederum der grösste Teil vom US-Markt ab: Fällt die US-Behörde FDA wie erhofft Mitte 2020 einen positiven Entscheid dazu, würde das den Aktienkurs von Molecular Partners stark und dauerhaft nach oben treiben.

Technologie mit Potenzial

Die Gesellschaft, deren Börsenwert unter 270 Mio. Fr. gefallen ist, erhielte dann nicht nur Einmalzahlungen. Im günstigen Fall darf sie dazu auf Lizenzgebühren für Abicipar in Höhe eines jährlich dreistelligen Millionenbetrags hoffen.

Mit den Einnahmen hätte die Gesellschaft, die vorläufig bis 2021 finanziert ist, Mittel in der Hand, um ihr Forschungsprogramm weiter voranzutreiben. Denn Abicipar ist eigentlich nur eine erste und relativ einfache Anwendung der DARPin-Technologie. DARPins sind Proteine, deren natürliche Form optimiert (designed) wurde, um Antigene zu binden und somit neuartige Medikamente zu ermöglichen. Molecular Partners hat sich darauf umfangreiche Patente gesichert.

«Am spannendsten»

Klar ist: Anleger müssen sich noch etwas gedulden, bis ab Mitte 2020 die Gesundheitsbehörden ihre Zulassungsbescheide zu Abicipar treffen werden. Angesichts des gedrückten Aktienkurses lässt sich aber jetzt schon eine Wette in Molecular Partners ins Auge fassen.

Bereits ein Engagement eingegangen ist der 3V Invest Swiss Small + Mid Cap Fonds. Für seinen Manager Martin Lehmann sind Molecular Partners unter den Schweizer Biotech-Werten «die spannendsten». Ihm gefällt auch, dass die Gesellschaft aus Schlieren seit ihrem Börsengang im November 2014 keine verwässernde Kapitalerhöhung durchgeführt hat – für Lehmann ein Signal, dass sie mit ihren Mitteln umzugehen weiss.

Cassiopea

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Cassiopea: Die Abspaltung

Eine Wette wert sind auch die Aktien von Cassiopea. Das kleine Unternehmen ist ein Abkömmling von Cosmo Pharmaceuticals, die darin ihre risikobehafteteren Produkte resp. Produktkandidaten auslagerte.

Cosmo brachte Cassiopea Anfang Juli 2015 an die Börse, behielt aber einen Anteil von gut 45%. Ein grösserer Aktionär ist der Fonds AMG Substanzwerte Schweiz, der 3,6% hält.

Drei Produktkandidaten

Der Investment Case weist ein paar Ähnlichkeiten mit dem von Molecular Partners auf. Auch im Fall von Cassiopea brauchen die Investoren noch etwas Geduld. Das Unternehmen fokussiert sich auf die Entwicklung von dermatologischen Wirkstoffen und hat noch keine zugelassenen Produkte.

Es verfügt über drei Produktkandidaten. Einer davon trägt den Namen Breezula und soll gegen erblich bedingten Haarausfall wirken. Ein weiterer Wirkstoff zur Behandlung von Genitalwarzen hat noch keinen Namen.

Winlevi im Blick

Der Blick der Anleger richtet sich vor allem auf das am weitesten fortgeschrittene Mittel namens Winlevi gegen Akne. Es handelt sich dabei um eine Salbe. Das heisst, der Wirkstoff lässt sich lokal einstreichen und muss nicht oral eingenommen werden.

Am 10. Juli 2018 meldete Cassiopea, dass die Ziele von zwei Phase-III-Studien zu Winlevi erreicht worden seien und das Mittel zu statistisch signifikanten Verbesserungen geführt habe. Die Aktien machten an dem Tag einen Kurssprung um 75% auf 53 Fr. Inzwischen sind sie auf 41.50 Fr. zurückgekommen.

Lang ersehntes Aknemittel 

Vorgesehen ist, dass Cassiopea in diesen Tagen den Zulassungsantrag für Winlevi bei der FDA einreichen wird. Dann müssen sich die Aktionäre noch rund ein Jahr gedulden bis zum entscheidenden Moment: dem Tag, an dem die US-Gesundheitsbehörde ihre Entscheidung bekanntgibt, ob sie das Mittel zulässt.

Geht alles gut, rechnet AMG-Fondsmanager Patrick Hofer damit, dass mit dem Verkauf von Winlevi im US-Markt Ende 2020 oder Anfang 2021 gestartet werden kann. Das Produkt hat viel Potenzial. Gemäss Hofer ist seit über einem Vierteljahrhundert kein neues Mittel gegen Akne mehr auf den Markt gekommen. Er schätzt den möglichen Jahresumsatz von Winlevi auf rund 500 Mio. $. Zum Vergleich: Der Börsenwert von Cassiopea beträgt 415 Mio. Fr.

Mutter Cosmo als Warnung

Eine offene Frage bleibt, wie das kleine Unternehmen das Produkt vertreiben will. Hofer kann sich vorstellen, dass es sich mit einem grossen Partner zusammentut. Über ein Lizenzgeschäft liesse sich Winlevi rascher in den Markt bringen, dafür müsste Cassiopea einen Teil der Marge abgeben.

Die Erwartungen an Winlevi sind hoch, die Testresultate dafür gut – doch es kann immer etwas schieflaufen. Auch Cassiopeas Mutter Cosmo war überaus zuversichtlich für ihren grossen Hoffnungsträger, das Darmfärbemittel Methylene Blue. Doch dann wies die FDA den Zulassungsantrag in der vorliegenden Form im Mai 2018 wegen Mängeln zurück – so dass Cosmo nun eine weitere Studie durchführen muss, was den gesamten Prozess um Jahre verzögert.

Gutes Chancen-Risiko-Profil

Trotz aller Risiken ist festzuhalten: Cassiopea bietet den Investoren grosse Chancen. Dank Winlevi, aber auch dank des Mittels Breezula gegen Haarausfall, das noch mehr Potenzial birgt und im besten Fall im Jahr 2022 in den Verkauf gelangen könnte. The Market empfiehlt, eine Position in Cassiopea aufzubauen.