Im Fokus

Clariant verspielt das Vertrauen

Zuerst der Zusammenschluss mit Huntsman, jetzt das Joint Venture mit Sabic: Binnen kürzester Zeit platzen bei Clariant zwei Deals. Die Strategie liegt in Trümmern, das Vertrauen in das Management erreicht einen Tiefpunkt.

Ruedi Keller

«The new, stronger Clariant» hat Hariolf Kottmann letzten Herbst in seinem zehnten Jahr als CEO des Schweizer Spezialchemiekonzerns angekündigt.

Der Verkauf schwach rentierender Sparten und die Integration attraktiver Geschäftsbereiche des saudischen Grossaktionärs Sabic hätten den Umsatz von Clariant bis 2021 ein Drittel auf 9 Mrd. Fr. steigern sollen. Parallel dazu hat Kottmann in Aussicht gestellt, die Marge von unter 13% auf mehr als 20% zu hieven. Ziel: den operativen Cashflow fast zu verdreifachen.

Zwar hat Clariant die Ziele noch nicht offiziell kassiert. Doch was schon bei Ankündigung zu schön geklungen hat, um wahr zu sein, ist nun definitiv vom Tisch.

Ein strategischer Scherbenhaufen

Zusätzlich zum strategischen Scherbenhaufen, in dem sich Clariant jetzt wiederfindet, hat sich das Glaubwürdigkeitsproblem der Führung verschärft.

Zuerst kam am Mittwoch völlig überraschend die Nachricht, dass der erst seit Herbst amtierende neue CEO Ernesto Occhiello seinen Posten per sofort aufgibt. Zurück an den operativen Hebeln ist damit wieder Kottmann, der als geschäftsführender Präsident das Tagesgeschäft übernimmt.

Kottmanns schlechter Ruf

Das Problem: Occhiello hatte sich in seiner kurzen Amtszeit einen exzellenten Ruf bei den Investoren erarbeitet, während Kottmann ein zweifelhafter Leistungsausweis vorgehalten wird. Als CEO hat er in der Vergangenheit jeweils mehr versprochen, als er hat halten können, urteilen Fondsmanager im Gespräch. Gemäss Bloomberg trifft dies für den Gewinn je Aktie in den letzten fünf Jahren ausnahmslos zu. Im Schnitt kamen die Ergebnisse 15% tiefer als vom Konsens erwartet.

Regelrecht vor den Kopf gestossen fühlen sich die Fondsmanager jedoch seit der Mitteilung vom Donnerstag. Darin hat Clariant völlig unerwartet erklärt, dass die Gespräche mit Sabic über die Bildung des geplanten Joint Venture «vorübergehend ausgesetzt» seien. Noch am Tag zuvor hatte es geheissen, die Verhandlungen zur Schaffung des Geschäftsbereichs würden fortgesetzt. Details würden zusammen mit dem Halbjahresergebnis am Donnerstag veröffentlicht. Die «Details» entpuppten sich als Absage des Deals.

Strategische Perspektive verkehrt sich ins Gegenteil

Dies verkehrt die strategische Perspektive von Clariant auf einen Schlag in ihr Gegenteil: Statt neu und stark wird die neue Clariant markant kleiner werden als heute. Statt durch die Übernahme von Geschäften von Sabic zu wachsen, vergrössert sie jetzt die Veräusserungen.

Nicht nur das milliardenschwere Pigmentgeschäft soll wie bereits geplant verkauft werden, sondern auch das gesamte Portfolio an Masterbatches. Bis anhin war geplant, den hochwertigen Teil der Masterbatches mit Geschäftsteilen von Sabic zusammenzulegen und damit ab 2019 eine neue Division zu formen, die Clariants grösstes und wachstumsstärkstes Standbein hätte bilden sollen.

Ungereimtheiten bleiben

Dazu gesellt sich Ungereimtes: Einerseits spricht Clariant von einem «vorübergehenden Aussetzen» der Dealverhandlungen mit Sabic. Andererseits teilt sie mit, auch den Teil der Masterbatches veräussern zu wollen, der eigentlich der Hauptbestandteil von Clariants Beitrag zum Joint Venture hätte sein sollen.

Hariolf Kottmann erklärt dies im Interview mit The Market damit, dass sich gezeigt habe, die Masterbatches würden entgegen den ursprünglichen Erwartungen kein Synergiepotenzial mit dem geplanten Joint Venture aufweisen.

Umfeld als Grund

Der Grund für das Aussetzen der Verhandlungen mit Sabic sei das Umfeld, in dem «die eine Partei glaubt, dass die Assets viel mehr wert sind, als die andere Partei zu zahlen bereit ist».

Gleichzeitig sieht er allerdings keine Gefahr, dass Clariant in der Rolle als Verkäuferin der Pigment- und Masterbatches-Geschäfte bei ihren Preisvorstellungen auf eine spiegelbildliche Diskrepanz stossen könnte.

Zahlenwirrwarr

Verwirrung herrscht zudem bei den am Donnerstag vorgelegten Quartals- und Halbjahreszahlen: «Der Umsatz aus fortgeführten Aktivitäten stieg in Lokalwährungen 4% auf 2,229 Mrd. Fr. Das Betriebsergebnis auf Stufe Ebitda vor Einmaleffekten aus fortgeführten Aktivitäten hat 2% auf 355 Mio. Fr. nachgelassen», schreibt Clariant. Sieht gut aus – nicht? Insbesondere angesichts des schwierigen Umfelds.

«Ein Desaster in der Breite», lautet das Urteil eines Fondsmanagers. Doch selbst nach Stunden der Analyse hat er sich noch kein verlässliches Bild vom aktuellen Geschäftsgang machen können.

«Der Gewinntrend im zweiten Quartal sieht sehr schwach aus», sagt Daniel Buchta, Analyst bei Vontobel, der das Zahlengewirr entschlüsselt hat. Grund der Verwirrung: «Da Clariant die Berichtsstruktur überraschend geändert hat, ist das Bild verzerrt.». Die Zahlen liessen sich nicht mehr mit den Konsenserwartungen vergleichen.

Besonders schwach wirken laut Buchta der Bereich Care Chemicals sowie das Katalysatorengeschäft. «Besser sieht es bei Natural Resources aus.» Dieser Division werde jedoch neu auch das Additivgeschäft zugerechnet, was die Vergleichbarkeit erschwere.

«Einmaleffekte» führen zu Verlust

Dazu kommt eine weitere Hiobsbotschaft: Clariant stellt wegen einer wettbewerbsrechtlichen Untersuchung der EU-Kommission 231 Mio. Fr. zurück, was dem Konzern zur Jahresmitte einen Verlust von 101 Mio. Fr. beschert.

Das hatte so niemand auf der Rechnung, und bei den Ansprechpartnern untergräbt es das Vertrauen, dass sie vom Management nicht darauf vorbereitet worden waren. Dazu kommt, dass Bereinigungen bei Clariant schon länger ein Thema sind, für das der Konzern eigentlich Besserung gelobt hatte.

«Clariant hat sich zum Ziel gesetzt, dass die Bereinigungen um Einmaleffekte die Marke von 1% des Umsatzes nicht übersteigen sollen», sagt Buchta. Doch in den letzten Jahren überschritten die Einmaleffekte die Schwelle jedes Jahr. «Im aktuellen Halbjahresausweis sind die Bereinigungen wieder besonders gross.»

Maue Perspektive

Zum Vertrauensproblem gesellt sich damit Intransparenz und angesichts dessen die schwierige Frage, wie Clariant ohne Deal mit Sabic vorankommen wird:

«2017 und 2018 hat Clariant bei der Marge jeweils Fortschritte im Bereich von 10 Basispunkten erreicht», sagt Buchta. «Für 2019 zeichnet sich ab, dass die Marge fallen und die in den Vorjahren erreichten Verbesserungen ausradieren wird.»

Die Clariant-Aktie