Im Fokus

Clariants heikler Schrumpfungsprozess

Der Chemiekonzern will Teile abspalten. Doch die geplanten Veräusserungen dürften den Interessen des Hauptaktionärs entgegenstehen. Das birgt Enttäuschungspotenzial.

Ruedi Keller
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Clariant ist eine Geschichte der Hoffnungen – und der Enttäuschungen.

Hoffnungen wecken immer wieder neue strategische Ankündigungen: 2017 der geplante 20-Mrd.-$-Zusammenschluss mit Huntsman. Er platzte. Diesen Sommer das Joint Venture, das Clariant mit ihrem saudischen Grossaktionär Sabic geplant hatte. Es wurde auf Eis gelegt. Gleichzeitig kehrte Ernesto Occhiello, der neun Monate zuvor als neuer CEO zu Clariant gestossen war, in die Dienste seines vorherigen Arbeitgebers Sabic zurück.

Die Clariant-Aktie

«Die Idee war, zuerst zu wachsen und dann kleiner zu werden. Doch eine Fusion, eine Akquisition und mehrere andere, nicht öffentlich bekannte Anläufe misslangen», kommentierte Hariolf Kottmann die gescheiterten Wachstumsschritte in einem Gespräch mit der «NZZ am Sonntag» kürzlich. Seit dem Abgang von Occhiello ist Kottmann als exekutiver Verwaltungsratspräsident zurück im operativen Geschäft – mit einer neuen strategischen Stossrichtung: «Nun sind wir auf dem Weg, kleiner und profitabler zu werden.»

Verkaufserlös von 2,5 Mrd. Fr. in Aussicht

Clariants neue Hoffnung lautet, Geschäftsteile mit einem Verkaufsvolumen von mehr als 2 Mrd. Fr. zu veräussern: erstens das Geschäft mit Kunststoffadditiven und Granulaten, die sogenannten Masterbatches, zweitens das Pigmentgeschäft mit Farben für Kunststoffe und Veredelungen von Beschichtungen.

Gemäss Nachrichtenagenturen soll der Verkauf der Masterbatches rund 1,5 Mrd. Fr. einbringen und der Verkauf des Pigmentgeschäfts zwischen 800 Mio. und 1,3 Mrd. Fr. Es steht damit die Hoffnung im Raum auf einen Verkaufserlös von insgesamt rund 2,5 Mrd. Fr.

Die zweite Hoffnung: Wenn Clariant sich auf die neuen Kerngeschäfte um Care Chemicals, Catalysis und Natural Resources konzentriert, steigen die Chancen auf einen weiteren Konsolidierungsschritt. In Kottmanns Worten: «Mit einer agileren Organisation können wir 2020 deutlich profitabler arbeiten und haben alle strategischen Optionen offen: Fusion, Akquisition oder von der Börse zu gehen.»

Doch auch hier droht bereits die nächste Enttäuschung. Dies, wenn die Veräusserungen länger brauchen als erhofft oder der im Raum stehende Preis nicht gelöst werden kann.

Die Geschäftsbereiche von Clariant

9-Monats-Zahlen in Mio. Fr.
Verkäufe
Ebitda vor Einmaleffekten

Das Geschäft mit Masterbatches steht unter Druck

Gemäss Informationen von The Market hat Clariant bislang nur für das Pigmentgeschäft ein Verkaufsmandat vergeben, an die Deutsche Bank. Die Masterbatches versucht der Konzern selbständig zu verkaufen.

Gemäss Bloomberg ist mit PolyOne auch ein industrieller Käufer an der Übernahme der Masterbatches interessiert. Dies war der US-Konkurrent allerdings bereits 2017, als Clariant noch den Plan verfolgt hatte, mit Huntsman zu fusionieren.

Damals soll PolyOne angeblich bereit gewesen sein, für die Masterbatches von Clariant bis zum elffachen Ebitda zu bieten, was einem Preis deutlich über 1,5 Mrd. Fr. entsprochen hat. Heute erwartet ein Investmentbanker, dass die Veräusserung kaum zu mehr als einem Jahresumsatz möglich sein wird. Wie hoch dieser momentan ist, weist Clariant nicht aus. Fest steht lediglich, dass die Volumen des Geschäfts derzeit deutlich rückläufig sind.

In den ersten neun Monaten des Jahres erlitten Masterbatches und Pigmente zusammen einen Umsatzschwund um 5% auf 1,6 Mrd. Fr. Der um Einmaleffekte bereinigte Ebitda der beiden Bereiche ist ein Viertel auf 176 Mio. Fr. zurückgeglitten.

Komplexe Konstellation bei Pigmenten

Begonnen hatten die Verkaufsvorbereitungen für das Pigmentgeschäft bereits zu Jahresbeginn. Nun soll der Bereich jedoch – gleich wie die Masterbatches – zuerst vollständig aus Clariant herausgelöst werden, bevor eine Transaktion vollzogen wird.

Die damalige Ankündigung Clariants, das Pigmentgeschäft zu verkaufen, hat mittlerweile jedoch auch Wettbewerber animiert, ihre Pigmentbereiche ebenfalls zur Disposition zu stellen: Gemäss Bloomberg evaluiert die deutsche Merck KGaA den Verkauf ihres Pigmentgeschäfts und hofft auf einen Veräusserungserlös von 1,5 Mrd. €. Auch zu BASF gibt es entsprechende Gerüchte.

Offen ist, ob dies zusätzliche Opportunitäten schaffen wird, indem beispielsweise Private-Equity-Häuser die Pigmentgeschäfte der verschiedenen potenziellen Verkäufer verschmelzen können. Genauso gut möglich ist aber, dass die breite Verkaufsbereitschaft Preisdruck schafft.

Zu all diesen Unsicherheiten kommt hinzu, dass der von Kottmann nun eingeschlagene Weg nicht den strategischen Interessen von Grossaktionär Sabic entspricht.

Abschreiber beim Grossaktionär

Die Saudis haben sich Anfang 2018 gemäss Informationen von The Market zu rund 34 Fr. je Aktie bei Clariant eingekauft. Sie hatten damals dem widerständigen Aktionär White Tale eine saftige Prämie für sein Aktienpaket von 24,99% an Clariant bezahlt. Die Saudis liessen sich das Paket 2,9 Mrd. $ kosten, wovon 1,3 Mrd. $ als Goodwill in ihre Bücher Eingang fanden.

Gemäss Geschäftsbericht schrieb Sabic darauf bereits im ersten Jahr der Übernahme 105 Mio. $ ab. Im dritten Quartal 2019 musste sie eine Wertminderung um weitere 400 Mio. $ vornehmen – obwohl die Clariant-Aktien auch heute noch zu 28 Fr. und damit einem deutlichen Aufpreis gegenüber dem Börsenkurs in den Büchern von Sabic stehen.

Enttäuschte strategische Interessen bei Sabic

Sabic sei angesichts der Entwicklung ihres Engagements «sauer» auf Clariant, berichten Gesprächspartner. Einer, der mit dem Clariant-Investor in direktem Austausch ist, weist darauf hin, dass der finanzielle Verlust dabei nicht im Vordergrund steht. Die Enttäuschung beziehe sich in erster Linie auf die geplatzten Hoffnungen bezüglich der strategischen Kooperation, von der sich Sabic insbesondere auch einen Know-how-Transfer erhofft hatte. Dies, zusammen mit der Perspektive auf gemeinsame Entwicklungsmöglichkeiten, bildete die Basis für den Aufpreis, den Sabic für ihren Anteil an Clariant zu zahlen bereit war.

Ausdruck fand dies in einer Absichtserklärung, in der Sabic und Clariant festgehalten hatten, Teile ihrer Geschäfte in einem Joint Venture zusammenzulegen. Das Vorhaben ist diesen Sommer geplatzt. Man sei sich in Bewertungsfragen nicht einig geworden, lautete die Erklärung von Clariant.

Von Sabic ist jedoch zu vernehmen, dass bezüglich Preis letztlich kaum Differenzen bestanden hätten. Da jedoch die Ausgleichszahlung von Clariant an Sabic für Geschäftsteile, die die Saudis in das Joint Venture eingebracht hätten, nicht wie ursprünglich in bar, sondern in Aktien geleistet worden wäre, hätte Sabic den Einfluss auf Clariant weiter ausgebaut.

Dazu kam es nicht. Im Gegenteil: Die Masterbatches, die von Clariant in das Gemeinschaftsunternehmen mit Sabic hätten eingebracht werden sollen, will Kottmann im Rahmen des Schrumpfungsprozesses nun an Dritte veräussern.

Doch die Interessenlage von Sabic dürfte auf den geplanten Verkaufsprozess für die Masterbatches und die Pigmente zurückwirken.

Sabic muss die bezahlte Prämie schützen

Das strategische Ziel des Staatskonzerns mit Clariant besteht erstens in einer Diversifikation der saudischen Wirtschaft – weg vom Öl, hin zu wissensbasierten Technologien. Doch die Hoffnung auf eine industrielle Zusammenarbeit, die Sabic veranlasst hatte, einen Aufpreis für Clariant zu zahlen, hat sich bislang als Illusion erwiesen.

Auch eine Filettierung des Schweizer Chemiekonzerns dient diesem Zweck nicht. Im Gegenteil: Werden nun Teile von Clariant unter dem Wert abgestossen, den Sabic ihnen beigemessen hat, stirbt die Aussicht auf die Werthaltigkeit der bezahlten Prämie vollends, und Sabic muss weitere Abschreiber auf ihr Clariant-Paket fürchten.

Da nun dennoch ein Drittel der Geschäfte von Clariant zum Verkauf steht, muss Sabic zumindest auf einen möglichst hohen Erlös pochen.

Eine Konstellation ohne Spielraum

Auf der einen Seite schrumpfende Chemiegeschäfte, die zum Verkauf stehen. Auf der anderen ein Grossaktionär, der seine Hoffnungen enttäuscht werden sieht. Die Konstellation lässt Clariant kaum Spielraum.

Entweder Kottmann gelingen mit der Devestition der Masterbatches und des Pigmentgeschäfts zwei exzellente Deals – oder die jüngste Neuausrichtung von Clariant wird wiederum scheitern.

Im Fokus

Clariant verspielt das Vertrauen

Zuerst der Zusammenschluss mit Huntsman, jetzt das Joint Venture mit Sabic: Binnen kürzester Zeit platzen bei Clariant zwei Deals. Die Strategie liegt in Trümmern, das Vertrauen in das Management erreicht einen Tiefpunkt.
Ruedi Keller