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Contrarians setzen auf Tabakaktien

Tugendhaftes Investieren ist en vogue. Das eröffnet Chancen für Anleger, die gegen den Strom schwimmen – etwa in Tabakunternehmen.

Sandro Rosa

Jetzt ist auch BlackRock auf den Pfad der Tugend eingeschwenkt. So hat Larry Fink, der CEO des weltgrössten Vermögensverwalters, vergangene Woche publikumswirksam verlauten lassen, sein Unternehmen wolle grüner werden. BlackRock beabsichtigt, die nachhaltig investierten Anlagen im Portfolio innerhalb von zehn Jahren von heute 90 Mrd. auf 1 Bio. $ zu erhöhen und die Anzahl nachhaltiger ETF auf 150 zu verdoppeln.

Fink befindet sich damit in guter Gesellschaft, achten doch immer mehr Anleger darauf, dass Unternehmen gewisse ökologische und soziale Standards sowie Kriterien einer guten Geschäftsführung erfüllen (Environment, Social, Governance oder kurz ESG). Aktien von Umweltsündern oder Gesellschaften mit schädlichen Geschäftspraktiken werden zusehends gemieden.

Tabakmultis hinken dem Markt weit hinterher

Dass sündige Aktien in Zeiten des tugendhaften Investierens kein Renner sind, zeigt sich etwa bei Tabakunternehmen. Ihre Titel sind zuletzt deutlich hinter dem Gesamtmarkt zurückgeblieben. So hat der MSCI World Tobacco Index seit Sommer 2016 gegenüber dem MSCI Welt den Anlegern eine Underperformance von massiven 50% beschert.

Angesichts der Nachrichtenlage ist es ein Leichtes, den Trend fortzuschreiben und die Branche für tot zu erklären: Der Zigarettenmarkt schrumpft seit Jahren, und weltweit ergreifen die Regierungen immer neue Massnahmen, um die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern. Ein Mittel dazu sind etwa Werbe- und Konsumverbote. ESG ist bloss ein weiteres Argument, um die Finger von Tabakmultis zu lassen.

Wer will sich schon der Kritik aussetzen, schädliche Unternehmen zu fördern? Doch je weniger Anleger bereit sind, in solche Valoren zu investieren, desto tiefer fällt ihr Preis, und desto höher sind die künftig zu erwartenden Renditen.

Attraktive Bewertung und defensive Qualität

Das illustriert ein Blick auf die aktuelle Bewertung des Tabaksektors. Als Konsequenz der kraftlosen Kursentwicklung ist er mittlerweile äusserst günstig. Die Dividendenrendite der im MSCI Welt Tabak enthaltenen Unternehmen übersteigt 6%, während der Weltindex eine Rendite von lediglich knapp über 2% abwirft – Tabakunternehmen rentieren also dreimal so viel. In der vergangenen Dekade lag dieses Verhältnis nur im Nachgang der Finanzkrise höher.

Gemäss dem Aktienanalysten Simon Hales von Citigroup ist die Branche auch gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) attraktiv bewertet. In den vergangenen fünfzehn Jahren handelten Tabakkonzerne im Durchschnitt zu einem Bewertungsaufschlag von nicht ganz 10%. Anleger waren also gewillt, für die als stabil geltenden Unternehmen eine Prämie zu bezahlen. Mittlerweile notieren sie zu einem Abschlag von 30%. Das scheint übertrieben.

Tabaktitel verfügen über einen weiteren Vorzug: Typischerweise sind sie in einer wirtschaftlichen Abkühlung eine stabile Komponente im Portfolio. Wie die Analysten von UBS betonen, schneidet der Sektor im Vergleich zum Gesamtmarkt erfreulich ab, wenn die konjunkturellen Frühindikatoren nach unten drehen. Auch Andrew Garthwaite von Credit Suisse kommt zum Schluss, die Kurse von Tabakunternehmen korrelierten negativ mit den Konjunkturdaten. In Anbetracht des schwachen US-Einkaufsmanagerindex – er ist im Dezember auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise gefallen – könnten die defensiven Qualitäten schon bald gefragt sein.

Regulierung weniger schlimm als befürchtet

Die Regulierung ist ein Dauerthema. So hat die US-Aufsichtsbehörde FDA jüngst ein Teilverbot für E-Zigaretten ausgesprochen. E-Zigaretten mit Frucht- und Minzaroma dürfen nicht mehr verkauft werden, allerdings sind solche mit Tabak und Menthol weiterhin erlaubt. Zudem sind nur E-Zigaretten mit vorgefüllten Patronen betroffen. Schliesslich wurde das Mindestalter für Raucher auf 21 Jahre angehoben. Diese Massnahmen sind jedoch weniger harsch ausgefallen, als in der Branche befürchtet worden war, was für ein besseres Umfeld sorgen könnte.

«Die US-Regulierung sieht weniger bedrohlich aus», fassen die Citigroup-Analysten die aktuelle Situation zusammen. Die Chancen stehen deshalb nicht schlecht, dass wenigstens ein Teil des Bewertungsabschlags geschlossen wird.

Und die Regulierung hat durchaus auch gewisse Vorteile. Einer davon ist die Tatsache, dass damit das Oligopol der Tabakunternehmen – gemäss Credit Suisse beherrschen die vier grössten Konzerne 97% des europäischen Marktes – praktisch zementiert wird.

So sagte Fondsmanager Livio Arpagaus vom Vermögensverwalter Quantex im Herbst gegenüber The Market: «Tabak ist das beste Beispiel, wo der Regulator einer Firma einen ‹Moat› baut, also einen Burggraben, der vor Konkurrenz schützt.» Angesichts des Werbeverbots dürften kaum neue Anbieter in den Markt eindringen.

Gedrückte Erwartungen

Und während etwa bei gewissen Technologieunternehmen ewiges Wachstum und immerfort steigende Gewinne eingepreist werden, sehen Anleger bei Tabak bloss einen schrumpfenden Markt.

Doch die Tabakmultis verfügen über Preismacht und erzielen ziemlich verlässliche Einnahmen, während die Konkurrenzsituation überschaubar ist. Zudem hat sich das relative Gewinnmomentum im vergangenen Jahr erholt, was sich noch nicht in der Kursentwicklung spiegelt.

Natürlich agieren die Unternehmen in einem anspruchsvollen Markt. Wurden im Jahr 2009 noch 6,15 Bio. Zigaretten produziert, waren es 2018 noch 5,56 Bio. oder fast 10% weniger. Und dies trotz wachsender Bevölkerung und steigender Einkommen. Allerdings vermochten die Unternehmen den Volumenrückgang mit Preiserhöhungen mehr als wettzumachen. Im selben Zeitraum nahm der Zigarettenumsatz nämlich von 630 auf 715 Mrd. $ zu.

Wenn nun aber das Marktumfeld einigermassen stabil bleibt, die Aktienkurse jedoch sinken, erhöhen sich die künftigen Renditen für die Investoren. Wer es wagt, gegen den Strom zu schwimmen, könnte in den kommenden Monaten mit einer überdurchschnittlichen Performance belohnt werden.