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Das Anlagejahr 2019 in sieben Grafiken

Fed-Chef Jerome Powell beschert den Finanzmärkten das beste Jahr seit langem. The Market zeigt, was die Börsen sonst noch bewegt hat.

Gregor Mast
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2019 wird Anlegern lange in guter Erinnerung bleiben. Kaum eine Anlageklasse musste Verluste hinnehmen, zweistellige Renditen sind die Regel. Ein gemischtes Portfolio hat in Franken je nach Aktienanteil zwischen 10 und 20% zugelegt. Das zeigen die Indizes von Pictet, die von vielen Pensionskassen als Benchmark verwendet werden.

Hauptgrund für den Spitzenjahrgang ist die geldpolitische Kehrtwende der US-Notenbank. Noch im Herbst 2018 hatte Fed-Chef Jerome Powell für 2019 drei weitere Zinserhöhungen angedeutet. Unter dem Druck der Twitter-Attacken des US-Präsidenten, dem Einbruch der Finanzmärkte im vierten Quartal des letzten Jahres sowie der sich abschwächenden Konjunktur wurden es am Ende drei Zinssenkungen.

Doch damit nicht genug. Als im Herbst Spannungen am Geldmarkt auftraten, nahm Powell die Anleihenkäufe wieder auf. Obwohl der Fed-Vorsitzende stets betont, es handle sich dabei nur um eine temporäre Massnahme und nicht um eine weitere Runde von quantitativer Lockerung, ist der Effekt genau derselbe: Die Bilanz des Fed weitet sich rapide aus (vgl. Grafik) und befeuert die Finanzmärkte.

Die geldpolitische Normalisierung, die Anleger noch 2018 verunsichert hatte, war damit Geschichte. Im Fahrwasser des Fed senkten viele Notenbanken von Peru bis Neuseeland die Zinsen (rot markierte Länder in der Grafik).

In den Industrieländern gab es nur zwei Ausreisser: Sowohl die Norges Bank als auch die schwedische Riksbank hoben die Zinsen an (die Grafik wurde vor dem Zinsschritt der Schweden erstellt).

Wie stark die Notenbanken die Märkte beeinflusst haben, zeigt der Vergleich zwischen Kurs- und Gewinnentwicklung. Während der S&P 500 seit Anfang Jahr 30% avancierte, stagnierte der Gewinn pro Aktie der im US-Leitindex vertretenen Gesellschaften (vgl. Grafik). Und das, obwohl US-Gesellschaften auch 2019 kräftig eigene Aktien zurückgekauft haben.

Dass die Börsen den Aufschwung vorwegnehmen, ist ihnen nicht zu verübeln. Nach einer längeren Zitterpartie stabilisieren sich wichtige Vorlaufindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes oder die Zinskurve. Letztere war mehrere Monate invers – die langen Sätze lagen also unter den kürzeren. In der Vergangenheit war das ein zuverlässiges Rezessionssignal:

Weil inzwischen die Zinsen für länger laufende Staatsanleihen gestiegen sind und das Fed die Geldmarktsätze gesenkt hat, hat sich die Lage entschärft, was viele Experten zuversichtlich stimmt. Aber Achtung: Seit den Achtzigerjahren folgte in den USA die Rezession jeweils erst, nachdem die Zinskurve wieder ins Positive gedreht hatte.

Auf der Konjunktur lastete hauptsächlich die durch den Handelsstreit zwischen den USA und China ausgelöste Verunsicherung. Zusammen mit der geldpolitischen Kehrtwende führte sie zur wohl grössten Übertreibung, die der Bondmarkt je erlebt hat. Ende August handelten weltweit Anleihen im Umfang von 17 Bio. $ mit negativer Rendite.

Am sichtbarsten wurden die Verzerrungen am Kurs der hundertjährigen Anleihe der Republik Österreich, der seit Emission bis im August 2019 über 100% zugelegt und damit die Aktienmärkte in den Schatten gestellt hat (vgl. Grafik).

Seit dem Höchst im August hat die Anleihe bereits wieder rund ein Viertel an Wert eingebüsst. Verluste sind also auch mit vermeintlich sicheren Bonds möglich – vor allem, wenn sie sehr lange Restlaufzeiten aufweisen.

Die immer weiter sinkenden Zinsen trieben viele Anleger in defensive Wachstumswerte wie Nestlé, die wegen ihrer als sicher betrachteten Dividendenrendite als Anleihenersatz gelten.

In der Spitze legten die Valoren des früher als langweilig geltenden Nahrungsmittelmutlis über 40% zu:

Die steigenden Zinsen haben die Party vorerst beendet. Seit dem Höchst Anfang September haben die Nestlé-Aktien knapp 6% eingebüsst. Werte wie Danone oder Unilever liessen nach enttäuschenden Ergebnissen noch mehr Federn.

Eine weitere Belastungsprobe erlebte der Markt mit dem Auftrieb der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren. Noch vor wenigen Monaten galt es an den Wettbörsen als ausgemacht, dass sie die Nomination ihrer Partei gewinnen und gegen Donald Trump ins Rennen steigen wird. Zu ihren Ideen zählen die Zerschlagung grosser Techkonzerne, die Verstaatlichung der Krankenversicherung, das Verbot der Fracking-Ölförderung und eine strengere Bankenregulierung.

Entsprechend verunsichert reagierten die betroffenen Branchen und auch der Gesamtmarkt. Seit Anfang Oktober sinken die Chancen von Warren aber stetig (während gleichzeitig die Quote für eine Wiederwahl von Trump gestiegen ist) – und prompt erholte sich der S&P 500 (vgl. Grafik). Gesundheits- und Bankwerte oder Titel wie Alphabet und Facebook schneiden seither noch besser ab.

Der Präsidentschaftswahlkampf wird das neue Anlagejahr prägen – so wie der Handelsstreit und der Brexit. Für die Börsen entscheidend werden die monetären Rahmenbedingungen und der Konjunkturverlauf sein. Während von den Notenbanken kaum Gefahr droht, müssen sich die zaghaften konjunkturellen Erholungszeichen verfestigen und sich bald in steigenden Unternehmensgewinnen niederschlagen. Sonst droht ein unschönes Erwachen.