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Das sind die stärksten Aktien der Welt

Titel mit hoher relativer Stärke sind gesucht. The Market präsentiert die Namen, die derzeit en vogue sind, und erklärt, worauf bei einer Anlage zu achten ist.

Gregor Mast

«Nach den starken Avancen der letzten rund drei Monate sind die Aktienmärkte reif für eine Konsolidierung. Sie wird mit oder ohne enttäuschende Unternehmensmeldungen stattfinden.» Das hat Alfons Cortés, Autor von The Market, Anfang Januar in einem Beitrag geschrieben.

Während enttäuschende Resultate auf den Titeln zyklischer Unternehmen lasten würden, dürften Rückschläge für die meisten Aktien mit hoher relativer Stärke lediglich ein «reculer pour mieux sauter» – also eine Kaufgelegenheit – darstellen, schreibt Cortés weiter. «Das gilt fast ausnahmslos für Aktien von Unternehmen, die den vorherrschenden Innovationszyklus prägen.»

Doch wie bestimmt man die stärksten Aktien? «Als Messlatte für die relative Stärke gilt nicht das Leitbarometer der heimischen Börse, sondern der weltweit stärkste Index», sagt Cortés im Gespräch mit The Market. Und das ist derzeit der Nasdaq 100.

Momentum über sechs und zwölf Monate bildet die Basis

Welche Titel aus dem S&P 500, dem Stoxx Europe 600 und dem Swiss Performance Index stehen derzeit also besser da als der Nasdaq 100? Zur Bestimmung der relativen Stärke verwendet The Market das Kursmomentum über sechs und zwölf Monate. Dies, weil zahlreiche Studien belegen, dass Titel mit guter Performance über diese beiden Perioden auch in den kommenden Monaten die Nase vorn haben.

Von den rund 1300 untersuchten Valoren schneiden derzeit 275 besser ab als der Nasdaq 100 – darunter zahlreiche europäische Namen, was angesichts der eher lethargischen Börsenentwicklung auf dem Alten Kontinent erstaunen mag.

Die Tabelle zeigt die Top 25. Mit Lastminute.com, Idorsia, Kuros BioSciences und Gurit sind auch mehrere an der Schweizer Börse kotierte Kleinunternehmen vertreten:

Doch sind diese 275 Namen wirklich alle gleich attraktiv? Die Frage drängt sich umso mehr auf, als die Kurshistorie dieser Titel völlig unterschiedlich ist.

«Das Problem ist, dass mit dieser simplen Methode nicht zwischen gutem und schlechtem Momentum unterschieden wird», sagt Cortés. Schlechtes Momentum haben Aktien, die sich in einer Blase befinden, weil sich der Kursauftrieb nach langem Aufwärtstrend beschleunigt hat. Das kann der Anfang vom Ende der Hausse sein.

Für eine bessere Triage der Momentum-Gewinner lassen sich vier Kategorien unterscheiden:

  • Aktien, die eine Blase bilden
  • Aktien in einem stabilen Aufwärtstrend
  • Aktien, die nach längerer Konsolidierung nach oben ausbrechen
  • Aktien, die nach einem – teils jahrelangen – Abwärtstrend auferstehen (sogenannte Laggards)

Die vier Momentum-Kategorien

Auswahl aus dem Universum des S&P 500, des Stoxx Europe 600 und des SPI
Blase Stabiler Trend Ausbruchskandidaten Laggards, die aufholen
Apple Alphabet Energias de Portugal Campbell Soup
ASML Cembra Money Bank Geberit Great Portland Estates
PSP Idorsia Raytheon RWE
Swiss Prime Site Lonza Vertex Pharmaceuticals
Zug Estates LVMH Vifor
Microsoft VZ Holding
Münchener Rück
Puma
Sika
Straumann
Visa

In der Kategorie der Blasenkandidaten befinden sich die Schweizer Immobilientitel PSP, Swiss Prime Site und Zug Estates. Einen stabilen Trend zeigen Namen wie Lonza, Idorsia, Sika, Straumann und Cembra Money Bank. Drei Ausbruchskandidaten sind Geberit, Vifor Pharma und VZ Holding.

Die Blasenkandidaten

Identifizieren lassen sich Blasen gemäss Cortés mit monatlichen Bollinger-Bändern (siehe Erklärung am Ende des Artikels). Eine Blase bildet sich, wenn das obere und das untere Band auseinanderlaufen. Das ist so lange kein Problem, als der Kurs am oberen Band klebt. Dies ist derzeit bei vielen der Werte in den Top 25 der Fall – so auch bei Apple:

Quelle: Unifinanz

Quelle: Unifinanz

Kritisch wird es erst, wenn die Aktie an Momentum verliert. Das lässt sich in der Hausse am unteren Band erkennen, das sich zu schliessen beginnt – so wie beim US-Verpackungsspezialisten Ball im September (vgl. Grafik).

Eine Konsolidierung bis zum gleitenden Durchschnitt ist dann keine Seltenheit. «In einem solchen Fall ist ein Rebalancing des Titels auf sein ursprüngliches Gewicht erforderlich», erklärt Cortés.

Quelle: Unifinanz

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Keine Aktie steigt stetig. «Deshalb ist es wichtig, dass Anleger Korrekturen zulassen», mahnt Cortés. «Der Versuch, diesen Gegenbewegungen auszuweichen, zählt zu den grössten Fehlern, die Anleger begehen können», warnt er, «weil sie so einen grossen Teil des Trends verpassen.»

Wenn der Trend stimmt

Die Toleranz, die man einer starken Aktie zugestehen sollte, lässt sich ebenfalls mit den Bollinger-Bändern bestimmen. «Bewegt sich ein Titel zwischen oberem Band und dem steigenden gleitenden Durchschnitt, ist der Trend intakt.» Verlaufen die Bollinger-Bänder parallel, ist der Trend zudem äusserst stabil.

Beispiele für Valoren in einem stabilen Trend sind Alphabet, Microsoft, Puma, Visa sowie in der Schweiz Sika oder Lonza, die alle über die vergangenen Monate den Nasdaq 100 geschlagen haben. Stetig verläuft dabei nicht nur der Kurstrend, sondern auch die relative Stärke gegenüber dem Weltaktienmarkt (das untere Panel in der Grafik, hier am Beispiel Lonza), die teils seit Jahren zunimmt:

Quelle: Unifinanz

Quelle: Unifinanz

Blind kaufen sollte man diese Titel dennoch nicht. So sind die Lonza-Aktien am Tag der Ergebnispräsentation unter hohen Volumen in die Höhe geschossen. Solche Bewegungen sind von der Nachrichtenlage getrieben und sollten nicht zu prozyklischem Handeln verleiten.

Für Zukäufe eignen sich Schwächephasen, die nichts mit dem Unternehmen selbst zu tun haben – so wie jetzt, wo die Angst vor dem Coronavirus die Börsen belastet. Der Verkauf drängt sich gemäss Cortés erst auf, wenn der Kurs unter den flachen oder sinkenden gleitenden Durchschnitt fällt und gleichzeitig die relative Stärke abnimmt.

Spannende Ausbruchskandidaten

Spannend sind Kandidaten, die nach längerer Konsolidierung nach oben ausbrechen. Beispiele sind Huntington Ingalls Industries (vgl. Grafik), die Schiffe für die US-Marine und Küstenwache baut, der amerikanische Medtech-Konzern Medtronic oder aus Schweizer Sicht Geberit, Vifor Pharma und VZ Holding.

Quelle: Unifinanz

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Der Ausbruch wird bestätigt, wenn gleichzeitig die relative Stärke anzieht. Das ist bei Huntington und Medtronic der Fall, nicht aber beim US-Krankenversicherer Humana, der ebenfalls an einem Ausbruchsversuch arbeitet – dort schwächt sich die relative Stärke bereits ab. Die Gefahr einer sogenannten Bullenfalle bei Humana ist deshalb gross, zumal die Konsolidierung relativ kurz war:

Quelle: Unifinanz

Quelle: Unifinanz

Zuletzt gibt es noch Titel, die nach langem Abwärtstrend Momentum aufbauen. Dazu zählen der US-Nahrungsmittelkonzern Campbell Soup oder der deutsche Versorger RWE. Beide legen im Vergleich zu ihrer Branche und zum Weltaktienmarkt an Stärke zu und haben damit gute Karten, von Anlegern wiederentdeckt zu werden.

Bollinger-Bänder und japanische Kerzen

Das Konzept geht auf den US-Markttechniker John Bollinger zurück. Die Bänder werden um einen gleitenden Durchschnitt gelegt und erfassen die Volatilität eines Trends. Im Normalfall werden der gleitende Durchschnitt und die Standardabweichung, das statistische Mass für Kursschwankungen, über zwanzig Perioden – seien es Tage, Wochen oder Monate – errechnet.

Das obere Band liegt zwei Standardabweichungen über, das untere zwei Standardabweichungen unter dem gleitenden Durchschnitt. Damit umfassen die Bänder rund 95% aller während der beobachteten Periode bezahlten Kurse. Bollinger-Bänder sind in vielen Chart-Angeboten vorhanden – so zum Beispiel bei finance.yahoo.com und in wenigen Wochen auch auf themarket.nzz.ch.

Diese Angebote bieten ferner die Möglichkeit, den Kursverlauf als japanischen Kerzenchart darzustellen. Im Gegensatz zu einem Linienchart, der nur die Schlusskurse miteinander verbindet, zeigen japanische Kerzen Eröffnungs- und Schlusskurs – sie bilden den Körper der Kerze – sowie Höchst- und Tiefstkurs, den Schatten (siehe Grafik weiter unten). Weiss ist die Kerze, wenn der Schluss- über dem Eröffnungskurs liegt. Schwarz oder je nach Anbieter auch blau ist sie, wenn der Schluss- unter dem Eröffnungskurs liegt.

Kerzen enthalten wertvolle Informationen zum Momentum eines Titels. Grosse weisse Kerzen ohne Schatten stehen für einen stabilen Aufwärtstrend. Eine Kerze fast ohne Körper, aber mit langem Schatten kann nach einer Hausse auf eine Ermüdung hinweisen – wie auf monatlicher Basis derzeit bei Gurit zu beobachten.

Besonders spannend ist die Kombination aus Kerzencharts und Bollinger-Bändern, wenn Letztere nach längerer Konsolidierung eng beisammen sind und eine grosse weisse Kerze den Ausbruch nach oben signalisiert – wie das bei den Valoren der Schweizer VZ Holding möglicherweise bald der Fall ist: Sie versuchen derzeit, den seit Ende 2015 bestehenden Seitwärtstrend nach oben zu verlassen.

Um den Tageslärm auszublenden, setzt Alfons Cortés auf Monats- und Wochendaten. Damit bestimmt er den lang- und den mittelfristigen Trend. Tagesdaten benutzt er einzig zum Timing des Ein- und des Ausstiegs.

Die Anzahl Perioden ergibt sich aus der Historie eines Titels. Zur Beantwortung spezifischer Fragen verwendet Cortés den gleitenden Durchschnitt über zehn Monate zusammen mit Bollinger-Bändern, die 1,9 Standardabweichungen um den Schnitt gelegt werden, sowie 40-Monats-Bändern. 

Quelle:&nbsp;<a href="http://finanzportal.wiwi.uni-saarland.de/tech/Kapitel2_4.htm">http://finanzportal.wiwi.uni-saarland.de/tech/Kapitel2_4.htm</a>

Quelle: http://finanzportal.wiwi.uni-saarland.de/tech/Kapitel2_4.htm