Im Fokus

Der Favoritenwechsel kommt auf leisen Sohlen

Anleger schichten zunehmend von defensiven in zyklische Segmente um. Das zeigt der Blick auf die relative Stärke der Sektoren. Die Analysten misstrauen diesem Treiben, könnten aber demnächst eines Besseren belehrt werden.

Gregor Mast

Die Markttechnik geniesst in Expertenkreisen nicht den besten Ruf. Dennoch schielt das Gros der professionellen Anleger auf den Kurschart, bevor sie eine Investitionsentscheidung treffen. Meist werden Aktien in einem stabilen Aufwärtstrend solchen vorgezogen, die sich in einem Seitwärts- oder einem Abwärtstrend befinden.

Und natürlich bewegen sich die Kurse nicht im luftleeren Raum. Oft bestätigen die Unternehmensnachrichten und das Gewinnwachstum den vorherrschenden Kurstrend.

Vor diesem Hintergrund hat sich The Market die elf globalen Aktiensektoren des Indexanbieters MSCI angesehen – und zwar relativ zum Weltaktienmarkt, gemessen am MSCI World. Befinden sich die relative Stärke und das Gewinnmomentum im Gleichschritt, oder gibt es Diskrepanzen?

Eins vorweg: Derzeit divergieren relative Trends und Gewinnaussichten erstaunlich oft.

Den stabilsten Aufwärtstrend zeigt der Technologiesektor. Sowohl die 50- wie auch die 200-Tages-Linie tendieren nach oben, die relative Stärke bewegt sich nicht weit darüber (vgl. Grafik). Auf eine Trendwende, die üblicherweise nach einer Auf- oder einer Abwärtsbeschleunigung oder nach einer längeren Seitwärtsphase eintritt, deutet bisher nichts.

Relative Stärke des Technologiesektors

Relative Stärke
50-Tages-Linie
200-Tages-Linie

Bestätigt wird der relative Trend durch das Gewinnmomentum der Analysten. Die Gewinnschätzungen werden nach wie vor nach oben revidiert (vgl. Grafik), auch wenn die Gewinne des US-Tech-Sektors seit neun Monaten sinken und sich der Gewinnrückgang im dritten Quartal sogar intensiviert hat.

Gewinnmomentum der elf MSCI-Sektoren

Veränderung der Gewinnschätzungen für die kommenden zwölf Monate über drei, sechs und zwölf Monate (in %, sortiert nach dem 3-Monats-Momentum)
3-Monats-Momentum
6-Monats-Momentum
12-Monats-Momentum

Fazit: Für den Technologiesektor stehen beide Ampeln auf Grün, das Gewinnwachstum darf sich aber nicht weiter verlangsamen.

Das Gegenteil lässt sich bei Energieaktien beobachten: Hier befinden sich sowohl die relative Stärke als auch die Gewinnschätzungen im freien Fall. Das Abwärtsmomentum hat jüngst zwar etwas nachgelassen. So ist die relative Stärke über die 50-Tages-Linie gesprungen, was eine Gegenbewegung zum vorherrschenden Abwärtstrend signalisiert. Ohne einen steigenden Ölpreis ist eine nachhaltige Aufwärtstendenz aber kaum vorstellbar.

Relative Stärke des Energiesektors

Relative Stärke
50-Tages-Linie
200-Tages-Linie

Vor einem Trendwechsel dürfte der Industriesektor stehen. Seine relative Stärke hat seit Anfang Oktober stark zugenommen, und auch das Gewinnmomentum verbessert sich allmählich. Für mutige Hochstufungen fehlen den Analysten bisher aber wohl die Visibilität und der Glaube an eine Erholung der Weltwirtschaft.

Relative Stärke des Industriesektors

Relative Stärke
50-Tages-Linie
200-Tages-Linie

Spannend sind die Finanzwerte. Seit der Finanzkrise hinken sie dem Markt hinterher. Noch im August sank ihre relative Stärke auf ein neues Nachkrisentiefst. Seither hat sie sich aber erholt und sowohl die 50- wie die 200-Tages-Linie durchbrochen. Trotz des gefühlt nie abreissenden Flusses negativer Nachrichten sinken die Gewinnschätzungen kaum noch. Ihr Momentum liegt fast gleichauf mit dem MSCI World. Gut möglich, dass sich hier eine Wende zum Besseren abzeichnet.

Relative Stärke des Finanzsektors

Relative Stärke
50-Tages-Linie
200-Tages-Linie

Interessant auch, dass die Sektoren mit den ausgeprägtesten Hochstufungen der Gewinnschätzungen – Gesundheit und Basiskonsum – beide eine eher bescheidene relative Stärke aufweisen. Das gilt auch für Versorger und Immobilienaktien, die ebenfalls Hochstufungen erfahren.

Relative Stärke des Gesundheitssektors

Relative Stärke
50-Tages-Linie
200-Tages-Linie

Relative Stärke des Basiskonsumsektors

Relative Stärke
50-Tages-Linie
200-Tages-Linie

Gemeinsam ist diesen Sektoren, dass sie unter steigenden Zinsen leiden. Umgekehrt profitieren Finanzwerte von anziehenden Zinsmargen. Unter der Oberfläche signalisiert der Markt also eine Konjunkturerholung mit höheren Zinsen, während die Analysten von einer Fortsetzung des alten Regimes mit moderatem oder gar rückläufigem Wachstum und einem  anhaltenden Niedrigzinsumfeld ausgehen.

Wer recht behält, wird sich weisen. Da die Analysten dem Markt oft hinterherhinken, stehen die Chancen auf eine Trendwende der vernachlässigten Branchen nicht schlecht, während beliebte und meist teure Werte aus Sektoren wie Basiskonsum in den nächsten Monaten gegenüber ihren Vergleichsindizes das Nachsehen haben dürften.