Im Fokus

Der Handelskonflikt wird zu einer ernsthaften Gefahr für die Weltwirtschaft

China setzt mit der Ankündigung von Gegenmassnahmen den zweiten Nadelstich binnen kurzer Zeit. Trump reagiert mit höheren Zöllen. Diese dürften die US-Konsumenten treffen und den Abschwung verfestigen.

Gregor Mast

China stiehlt den Notenbankern die Show. Am Freitag hat Peking kurz vor der Eröffnungsrede von Fed-Chef Jerome Powell am jährlichen Symposium in Jackson Hole Strafzölle von 5 bis 10% auf Importe aus den USA im Gesamtvolumen von 75 Mrd. $ angekündigt.

Das ist der zweite Nadelstich binnen kurzer Zeit. Am Montag vor drei Wochen stemmte sich die chinesische Notenbank nicht mehr gegen eine Abwertung der eigenen Währung und liess einen Kurs über 7 Yuan pro Dollar zu – so viel kostete der Greenback letztmals 2008. Dieser Schritt kam, nachdem US-Präsident Donald Trump seinerseits am 1. August neue Strafzölle auf Importen aus China im Gesamtvolumen von 300 Mrd. $ verhängt hatte.

Damit wird klar: Die Regierung in Peking hat ihre bis anhin angewandte Zurückhaltung abgelegt.

Chinas aggressive Aussenpolitik als Risiko

Noch am Freitagmorgen schrieb Matt Gertken, der geopolitische Stratege des kanadischen Analysehauses BCA Research, das Risiko gehe weniger von US-Präsident Donald Trump aus als von der aggressiven Aussenpolitik des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping.

Gemäss Gertken wäre Trump bereit gewesen, seine Haltung zu lockern. Im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl im November 2020 sei er an einer guten Verfassung der US-Wirtschaft interessiert, die durch den Handelskonflikt bedroht sei.

Trumps Zustimmungsrate liege nur wenig höher als die von George Bush Senior, der trotz erfolgreicher Intervention im Irak wegen des Abschwungs der Wirtschaft im November 1992 nicht wiedergewählt wurde. Diese Gefahr drohe nun auch Trump. Das vierte Quartal sei wohl seine letzte Chance, die Konjunktur und seine Wiederwahl zu retten, meint Gertken.

Ausweg ist verbaut

Dieser Ausweg scheint derzeit allerdings verbaut zu sein. Trump hat am Freitagabend mit der Erhöhung seiner bisherigen Zölle reagiert. Das war vorhersehbar und von China wohl erwartet.

Weil von diesen Strafzöllen hauptsächlich Produkte betroffen sind, die in den USA nicht mehr hergestellt werden – zum Beispiel Spielzeug, Schuhe, Konsumelektronikgeräte wie iPhones –, kommen sie einer Steuer für US-Konsumenten und -Produzenten gleich, schreibt Andrew Garthwaite, Stratege von Credit Suisse.

Damit dürfte sich der Abschwung auch in den USA verfestigen. Das ist wohl Pekings Absicht – sei es, um sich eine bessere Ausgangslage im Verhandlungspoker zu verschaffen oder um die Wiederwahl Trumps zu gefährden.

Auch wenn die USA im Konflikt dank des höheren Importvolumens und der Stellung des Dollars als Reservewährung am längeren Hebel sitzen, ist Chinas Arsenal nicht zu unterschätzen. Zu den möglichen Massnahmen zählen eine weitere Abwertung der Währung, Retorsionen gegen in China tätige US-Konzerne, Konsumboykotte oder eine Exportbeschränkung für seltene Erden, die den Westen empfindlich treffen würde.

2019 ist nicht 2016

Mit der Verschärfung des Konflikts zwischen Washington und Peking sind auch die Hoffnungen verflogen, dass sich 2019 die Ereignisse von 2016 wiederholen.

Damals pausierte das Fed unter Janet Yellen den eben begonnenen Zinserhöhungszyklus, während China signifikante geld- und fiskalpolitische Stimuli beschloss, die die lahmende Weltwirtschaft und die Börsen befeuerten. 2016 und vor allem 2017 verzeichneten fast alle Anlageklassen an den Finanzmärkten teils stattliche Gewinne:

2016 und 2017 waren erfreuliche Anlagejahre

MSCI World
Schwellenländeranleihen (angeglichen)
Hochverzinsliche Anleihen (angeglichen)

In der Geldpolitik sind die Parallelen zu 2016 zwar augenfällig. Wie Yellen Ende 2015 wollte auch ihr Nachfolger Jerome Powell zunächst an der geldpolitischen Normalisierung festhalten.

Die ständige Kritik des US-Präsidenten und der Einbruch der Märkte im vierten Quartal 2018 bewogen ihn dann zu einer monetären Kehrtwende. Statt weiterer Zinserhöhungen und des auf «Autopilot» geschalteten Bilanzabbaus beschloss das Fed das vorzeitige Ende der quantitativen Straffung und am 31. Juli sodann eine Zinssenkung.

Koordinierte Aktion ist in weite Ferne gerückt

Doch damit enden die Parallelen. Anders als 2016, als es im Februar am G-20-Gipfel in Schanghai höchstwahrscheinlich zum inoffiziellen «Shanghai Accord» zwischen den USA und China kam, ist eine koordinierte Aktion der wichtigsten Wirtschaftsmächte heute in weiter Ferne. Dafür wurde zu viel Geschirr zerschlagen.

Das ist umso gravierender, als markante chinesische Stimuli sowohl 2008 wie auch 2016 den Abschwung der Weltwirtschaft beendet hätten, schreibt Louis-Vincent Gave vom Hongkonger Analysehaus Gavekal Research.

Die chinesische Führungsriege habe es nach einem Jahrzehnt der Stützung der globalen Wachstumskräfte satt, ständig als schlechte Weltbürger gebrandmarkt zu werden. Deshalb werde von China diesmal keine Hilfe kommen, meint Gave.

Bisher springt kein anderes Land in die Bresche

Offen bleibt, ob andere Länder in die Bresche springen und Fiskalmassnahmen beschliessen, um der Abkühlung der Weltwirtschaft entgegenzuwirken. Trump hat kürzlich weitere Steuersenkungen in Betracht gezogen, und Deutschlands Finanzminister Olaf Scholz hat laut über ein Konjunkturprogramm in Höhe von 50 Mrd. € nachgedacht. Viel Konkretes ist da aber nicht.

Finden die beiden Streithähne nicht bald eine Lösung, droht den Börsen und der Konjunktur weiteres Ungemach. Die Ungewissheit führt dazu, dass Unternehmen ihre Investitionsentscheide verschieben. Werden nun auch noch die US-Konsumenten geschwächt, ist eine Rezession kaum mehr aufzuhalten.